
Es gab eine Zeit, da wollte ich unbedingt so sein wie Carrie Bradshaw. Oder zumindest so leben wie sie: schreiben, rauchen, lieben, scheitern – und dabei aussehen, als wäre alles Teil eines größeren ästhetischen Plans. Carrie war mehr als eine Serienfigur, sie war ein Lebensgefühl. Sehe ich mir die Serie heute an, bleibt von der einstigen Verehrung nur noch Irritation übrig. Carrie Bradshaw funktioniert für mich nicht mehr. Sie verkörpert für mich etwas, das ich heute, mit 34 Jahren, sehr viel genauer benennen kann: emotionale Toxizität, verpackt in Tüll, Manolos und Wortwitz.
Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Carrie eine Frau, die sich permanent selbst sabotiert und das als romantisches Schicksal verkauft. Ihre größte Liebe? Ein Mann, der sie ghostet, zurückholt, kleinmacht, wieder verschwindet und am Ende doch als große Seelenverbindung verklärt wird. Mr. Big ist kein tragischer Held, er ist ein Lehrbuchbeispiel für vermeidbaren Stress. Und Carrie? Bleibt. Immer wieder. Weil „es sich richtig anfühlt“. Spoiler: Das tat es nie.
Glamour? Wohl eher ein Warnsignal
Was früher wie große Liebe aussah, wirkt heute wie emotionale Abhängigkeit. Carrie analysiert ihr Innenleben unentwegt, aber nie mit dem Ziel, etwas zu verändern – stattdessen wird das Drama ästhetisiert und immer weiter aufgebauscht. Hübsch verpackt in einer Kolumne. Was diesen Punkt angeht, frage ich mich übrigens bis heute: Wie konnte sie damit überhaupt ihren Lifestyle, die vielen Dior-Stücke und Manolos finanzieren? Die Manolos. Ach, diese Manolos… Einen besseren Schuh konnte man sich für Carrie kaum ausdenken, finde ich. Irgendwie stehen sie doch sinnbildlich für ihre Lebensführung: teuer, instabil, schmerzhaft.
Was Carrie besonders toxisch macht, ist jedoch etwas Subtileres: Sie romantisiert Dysfunktion. Sie verkauft Chaos als Tiefe, Unsicherheit als Leidenschaft, emotionale Unerreichbarkeit als Mysterium. Das ist gefährlich, weil es Generationen von Zuschauerinnen (inklusive mir) beigebracht hat, dass Liebe weh tun müsse, um echt zu sein. Dass Ruhe langweilig sei. Dass man sich selbst verlieren müsse, um etwas zu fühlen. Heute weiß ich: Girl – run, before it’s too late. 2026 leben wir (zum Glück!) in einer Zeit, in der wir Begriffe haben für das, was Carrie tut: Gaslighting (auch sich selbst gegenüber), People Pleasing, Bindungsangst, Co-Abhängigkeit. Heute weiß ich: Wenn man sich nach jedem Date weinend bei seinen Freundinnen auskotzt, ist das kein Glamour, sondern ein Warnsignal.
Was mit Anfang 20 noch cool wirkt, lässt mich heute nur noch den Kopf schütteln
Das heißt nicht, dass Carrie „schlecht geschrieben“ ist. Im Gegenteil: Ich mag ihren Witz, und modisch inspiriert sie mich bis heute. Aber: Carrie Bradshaw ist längst kein Vorbild mehr, sondern Teil eines Narrativs, das schlecht gealtert ist. Ein Zeitdokument aus einer Ära, in der weibliches Leiden noch als sexy galt, solange es gut angezogen war. Vielleicht liegt die größte Entzauberung darin, dass Carrie nie wirklich erwachsen wird. Was mit Anfang 20 noch cool wirkt, lässt mich heute nur noch den Kopf schütteln. Über die Staffeln hinweg bleibt ihr Umgang mit Beziehungen nahezu unverändert. Sie analysiert, kommentiert, deutet – doch sie entscheidet selten. Carrie lebt von Variation, nicht von Veränderung. So entsteht kein Bogen, sondern ein langweiliger Kreislauf. Was sich ändert, ist der Schuh – nicht aber die Richtung.
Dankbar bin ich Carrie trotzdem. Für ihren Witz, ihre Loyalität gegenüber ihren Freundinnen und ihren modischen Mut. Letzteren hätte ich mir aus heutiger Sicht auch abseits ihrer Garderobe gewünscht – nicht nur in Form von Cowboyhut zum Bandeautop oder Herrenhemd zu High Heels. 2026 wünsche ich mir andere Heldinnen. Solche, die nicht bleiben, nur weil sie hoffen. Die Liebe nicht mit Selbstverlust verwechseln und Fehler nicht nur bei anderen, sondern auch bei sich selbst suchen. Die lernen, dass Stärke nicht darin liegt, zu verharren, sondern darin, die eigenen Schritte zu wählen und ihnen zu folgen. Ob man auf diesem Weg nun Manolos trägt oder eben nicht.