Eigentlich habe ich gedacht, mich kann nichts mehr erschüttern. Dass ich im Bezug auf Männer schon wirklich alles gesehen, gehört, gelesen und selbst erlebt habe. Und dann schlägt diese Nachricht mit Christian Ulmen ein – und nichts ist mehr, wie es vor diesem Tag war.
Ich gehe durch die Straßen und merke, dass sich mein Blick verändert hat. Ich lasse meinen Blick durch die Obst- und Gemüseabteilung im Supermarkt wandern. Meine Augen fixieren einen Mann mit einem Apfel in der Hand und ich frage mich: Bist du auch so einer? Einer, der nachts Dinge tut, die niemand sehen oder wissen darf? Der Grenzen überschreitet und sich am nächsten Tag entschuldigt, als wäre nichts gewesen? Im Stadtpark steht ein Vater mit einer Puppe im Arm und sieht seiner Tochter beim Spielen auf dem Klettergerüst zu. Wieder frage ich mich: Oder du? Einer, der ein ganz anderes Leben führt, wenn niemand hinschaut? Einer, der nachts, wenn die Familie schläft, Deepfakes mit den Urlaubsporträts seiner Frau erstellt und diese für Geld im Internet verkauft? Bist du so einer? Später am Tag bin ich in meinem Lieblingscafé in Eimsbüttel. Am Tisch neben mir ist ein Mann in seinem Buch vertieft. Und plötzlich ist da wieder diese absurde, unangenehme Frage in meinem Kopf: Oder bist du etwa so einer? Einer, der Frauen betrunken macht, bis sie nichts mehr wissen und sie am nächsten Morgen ihrem Schicksal überlässt? Bist du vielleicht so einer? Am Abend sitze ich mit meinem Mann am großen Esstisch. Wir schweigen, während wir zu Abend essen. Wir beide kennen die Nachrichten des Tages. In unseren Köpfen arbeitet es. Dann lege die Gabel beiseite und frage: Du würdest nie so einer sein, oder?
Frauen in ständiger Alarmbereitschaft
Es sind keine rationalen Gedanken. Eher Reflexe. Wir Frauen kennen das schon. All das ist im bewussten oder unbewussten Umgang mit Männern irgendwie zur Gewohnheit geworden. Und genau das macht diese Gedanken so verstörend. Sie erzählen etwas darüber, was sich in uns verändert hat: Vertrauen, das nicht mehr selbstverständlich ist, ein Blick, der prüfender geworden ist, eine Unsicherheit, die sich nicht einfach abschütteln lässt. Wir sind in ständiger Alarmbereitschaft. Jetzt noch mehr als vorher. Aber es sind nicht nur Frauen, bei denen die vergangenen Tage ihre Spuren hinterlassen haben. Auch Männer wirken seitdem etwas verändert. Mehr als sonst. So wirkt es jedenfalls auf mich. Ein bisschen vorsichtiger vielleicht. Freundlicher. Ein schiefes Lächeln hier, ein Zögern dort. Als wollten sie signalisieren: Ich gehöre nicht dazu. Ich tue dir nichts. Und gleichzeitig ist da die Ahnung, dass genau das nicht so leicht zu klären ist. Nicht mehr. Dass man längst Teil einer Debatte geworden ist, ohne gefragt worden zu sein.
Sollten wir Männer hassen?
Die naheliegende Reaktion wäre jetzt einfach: Rückzug, Abgrenzung, Wut. Oder zugespitzt: Männer hassen. Nie wieder auch nur ein Wort mit ihnen reden. Sie kollektiv verurteilen und in die Wüste schicken. Um uns noch weiter voneinander zu entfernen? Weil es so viel einfacher scheint – statt wieder und wieder mit den ganzen Erklärungen anzufangen zu müssen? Die Antwort liegt nahe. Und trotzdem fühlt sie sich nicht leicht an. Denn natürlich kann sie nicht „Ja“ lauten. Aber ein einfaches „Nein“ greift zu kurz. Es löst nichts auf von dem, was gerade da ist: dieses Misstrauen, diese Irritation, diese Wut und diese Entfremdung. Auch ich würde gerade lieber das „Nein“ wählen. Aber es führt zu nichts. Und genau hier beginnt das eigentliche Problem – und vielleicht auch die Chance.
Gibt es überhaupt noch normale Männer?
Vielleicht erklärt das, warum so viele Gespräche zwischen Frauen und Männern derzeit ins Stocken geraten. Was als Versuch beginnt, auf Missstände aufmerksam zu machen, endet nicht selten in gegenseitiger Abgrenzung. Auf der einen Seite Wut – über das, was immer noch passiert. Auf der anderen Seite Verunsicherung und vielleicht auch ein Stück Empörtheit – darüber, plötzlich Teil dieser Kritik zu sein. Die einen fühlen sich pauschal verurteilt, die anderen nicht ernst genommen. Zurück bleibt eine Debatte, in der beide Seiten sprechen, aber nicht wirklich zueinander finden.
Denn was in diesen Momenten sichtbar wird, sind nicht nur Misstrauen, Wut, Schmerz und alles dazwischen. Es ist auch eine tieferliegende Spannung: zwischen individueller Erfahrung und struktureller Kritik. Zwischen dem Wunsch, differenziert zu bleiben, und dem Impuls, zu verallgemeinern, weil es einfacher ist. Weil Männer schon zu oft gezeigt haben, dass sie in den letzten Monaten, Jahren und Jahrzehnten einfach nichts dazugelernt haben. Und weil es mittlerweile schwer fällt zu glauben, dass es da draußen wirklich noch normale Männer gibt. Das wiederum spüren natürlich auch die Männer. Es passiert in Gesprächen, in Kommentarspalten, manchmal auch einfach nur im eigenen Kopf: Jemand spricht über übergriffiges Verhalten, über Macht, über Strukturen – und plötzlich steht da ein unausgesprochener Satz im Raum: Du bist gemeint. Und obwohl er so nicht gesagt wurde, fühlt er sich genau so an.
Die Reaktion darauf ist oft erstaunlich ähnlich. Ein kurzer innerer Widerstand, gefolgt von dem Impuls, sich zu distanzieren: So bin ich nicht. Nicht alle Männer. Manchmal wird daraus ein gesagter Satz, oft bleibt es aber ein Gedanke. Und noch seltener folgt eine Tat, die alles verändern könnte. Die Abwehr ist verständlich. Niemand wird gern pauschal eingeordnet. Niemand möchte Teil eines Problems sein, das er selbst nicht bewusst verursacht hat. Und doch führt dieser Reflex in eine Sackgasse. Wer sich sofort aus der Verantwortung herausdefiniert, entzieht sich auch der Möglichkeit, etwas zu verändern. Und ja, liebe Männer. Um in dieser Hinsicht etwas zu verändern, gehören alle Männer dazu.
Was das mit dir zu tun hat? Eine Menge
Wenn heute über „Männer“ gesprochen wird, geht es oft weniger um Individuen als um Muster. Um Verhaltensweisen, die gelernt, weitergegeben, selten hinterfragt wurden. Um Strukturen, in denen bestimmte Rollenbilder lange als selbstverständlich galten. Es beschreibt ein System, das viele reproduzieren, ohne sich dessen bewusst zu sein. Und genau das muss endlich aufhören. Was das für Männer bedeutet? Perspektivwechsel, ohne sich dabei angegriffen zu fühlen.
Weg von der Frage: Bin ich gemeint?
Hin zu der Frage: Was hat das mit mir zu tun?
Das ist keine Selbstanklage. Es ist eine Einladung. Denn sie eröffnet die Möglichkeit, sich einzubringen, ohne seine Ehre zu verlieren oder worum es euch auch immer gehen mag. Verantwortung zu übernehmen, ohne sich pauschal schuldig zu fühlen. Und Teil einer Veränderung zu werden, die ganz ohne Männer leider nicht funktionieren kann, wenn wir mal ganz ehrlich zu uns selbst sind. Auch wenn wir uns das gerade nicht eingestehen wollen. Aber was bedeutet es konkret, Teil dieser Veränderung zu sein? Handeln. Wenn ein Spruch über eine Frau nicht einfach stehen bleibt, sondern jemand sagt: Lass den Scheiß. Wenn im Meeting immer wieder dieselbe Kollegin unterbrochen wird – und man nicht nur denkt, dass es auffällt, sondern dazwischengeht: Lass sie ausreden.
Oder wenn ein Freund damit prahlt, wie hartnäckig er trotz eines klaren Neins geblieben ist – und man nicht mitlacht, sondern klarstellt: Das war kein Flirt. Das war eine Grenzüberschreitung. Wenn man merkt, dass man selbst schneller unterbricht, mehr Raum einnimmt, sich sicherer fühlt – und beginnt, das zu hinterfragen.
Das Schwierigste daran ist also nicht die Einsicht. Es ist der Moment, in dem man sie nach außen trägt. Nicht bloß zuguckt, nickt und trotzdem nichts verändert. Wenn aus dem bloßen Gedanken aktives Handeln wird. Andere Männer zu korrigieren, etwa, gilt noch immer als heikel. Es stört Dynamiken, bricht mit unausgesprochenen Loyalitäten. Und doch liegt genau hier ein entscheidender Hebel. Viele Verhaltensweisen bleiben bestehen, weil sie im vertrauten Umfeld nicht hinterfragt werden. Weil Widerspruch ausbleibt. Weil es einfacher ist zu schweigen, als die eigene Position zu riskieren. Und ich frage mich: Ist es das wert, wenn Frauen dafür jeden Tag in Angst leben müssen?
Raus aus der „Das betrifft mich nicht“-Haltung
Teil der Lösung zu sein bedeutet heute übrigens nicht, zum 1000. Mal „Ich bin keiner von denen“ zu sagen. Soll ich dir etwas sagen? Wir können den Satz schon lange nicht mehr hören. Es geht darum, endlich den Arsch hochzubekommen und sichtbar zu machen, dass all das einem wirklich nicht egal ist. Denn Verantwortung beginnt hier: Wenn nicht geschwiegen, nicht abgewartet, sondern nachgedacht und gehandelt wird. Ohne dafür ein Lob kassieren zu wollen oder als Feminist gefeiert zu werden. Es sollte selbstverständlich sein.
Ich möchte Männer nicht hassen. Aber ich werde sie auch nicht länger in Schutz nehmen. Ich habe einfach keine Lust mehr, eure Unfähigkeit, eure Unlust und eure Genervtheit einfach so hinzunehmen. Während ihr im Gegenzug verlangt, dass wir euch die verdammte Welt zu Füßen legen. Eure Kinder großziehen, für weniger Geld arbeiten gehen und Hausarbeit übernehmen, während ihr eure Freizeit genießen dürft. Mal ernsthaft: Habt ihr sie noch alle? Noch weniger kann ich eure „Das betrifft mich nicht“-Haltung tolerieren. Nur weil du kein Täter bist, heißt das nicht, dass dich diese Debatte nichts angeht – nicht, dass sie dir egal sein darf, nicht, dass du wegsehen darfst. Verantwortung ist keine Frage der Schuld. Sie zeigt sich in jenen Momenten, in denen du hinschaust, nachfragst und widersprichst, auch wenn es unbequem ist. Sie zeigt sich darin, dass du anerkennst, wie Worte und Taten wirken – auch dann, wenn sie nicht direkt dich betreffen. Wer wirklich hinsieht, tut etwas. Wer wirklich handelt, verändert etwas. Und wer nicht handelt, macht sich mitschuldig – auch wenn er glaubt, dass er „kein Täter“ ist.



