• Liebe Männer: „Ich bin keiner von denen“ löst nichts – und genau das ist das Problem

    Eigentlich habe ich gedacht, mich kann nichts mehr erschüttern. Dass ich im Bezug auf Männer schon wirklich alles gesehen, gehört, gelesen und selbst erlebt habe. Und dann schlägt diese Nachricht mit Christian Ulmen ein – und nichts ist mehr, wie es vor diesem Tag war.

    Ich gehe durch die Straßen und merke, dass sich mein Blick verändert hat. Ich lasse meinen Blick durch die Obst- und Gemüseabteilung im Supermarkt wandern. Meine Augen fixieren einen Mann mit einem Apfel in der Hand und ich frage mich: Bist du auch so einer? Einer, der nachts Dinge tut, die niemand sehen oder wissen darf? Der Grenzen überschreitet und sich am nächsten Tag entschuldigt, als wäre nichts gewesen? Im Stadtpark steht ein Vater mit einer Puppe im Arm und sieht seiner Tochter beim Spielen auf dem Klettergerüst zu. Wieder frage ich mich: Oder du? Einer, der ein ganz anderes Leben führt, wenn niemand hinschaut? Einer, der nachts, wenn die Familie schläft, Deepfakes mit den Urlaubsporträts seiner Frau erstellt und diese für Geld im Internet verkauft? Bist du so einer? Später am Tag bin ich in meinem Lieblingscafé in Eimsbüttel. Am Tisch neben mir ist ein Mann in seinem Buch vertieft. Und plötzlich ist da wieder diese absurde, unangenehme Frage in meinem Kopf: Oder bist du etwa so einer? Einer, der Frauen betrunken macht, bis sie nichts mehr wissen und sie am nächsten Morgen ihrem Schicksal überlässt? Bist du vielleicht so einer? Am Abend sitze ich mit meinem Mann am großen Esstisch. Wir schweigen, während wir zu Abend essen. Wir beide kennen die Nachrichten des Tages. In unseren Köpfen arbeitet es. Dann lege die Gabel beiseite und frage: Du würdest nie so einer sein, oder?

    Frauen in ständiger Alarmbereitschaft

    Es sind keine rationalen Gedanken. Eher Reflexe. Wir Frauen kennen das schon. All das ist im bewussten oder unbewussten Umgang mit Männern irgendwie zur Gewohnheit geworden. Und genau das macht diese Gedanken so verstörend. Sie erzählen etwas darüber, was sich in uns verändert hat: Vertrauen, das nicht mehr selbstverständlich ist, ein Blick, der prüfender geworden ist, eine Unsicherheit, die sich nicht einfach abschütteln lässt. Wir sind in ständiger Alarmbereitschaft. Jetzt noch mehr als vorher. Aber es sind nicht nur Frauen, bei denen die vergangenen Tage ihre Spuren hinterlassen haben. Auch Männer wirken seitdem etwas verändert. Mehr als sonst. So wirkt es jedenfalls auf mich. Ein bisschen vorsichtiger vielleicht. Freundlicher. Ein schiefes Lächeln hier, ein Zögern dort. Als wollten sie signalisieren: Ich gehöre nicht dazu. Ich tue dir nichts. Und gleichzeitig ist da die Ahnung, dass genau das nicht so leicht zu klären ist. Nicht mehr. Dass man längst Teil einer Debatte geworden ist, ohne gefragt worden zu sein.

    Sollten wir Männer hassen?

    Die naheliegende Reaktion wäre jetzt einfach: Rückzug, Abgrenzung, Wut. Oder zugespitzt: Männer hassen. Nie wieder auch nur ein Wort mit ihnen reden. Sie kollektiv verurteilen und in die Wüste schicken. Um uns noch weiter voneinander zu entfernen? Weil es so viel einfacher scheint – statt wieder und wieder mit den ganzen Erklärungen anzufangen zu müssen? Die Antwort liegt nahe. Und trotzdem fühlt sie sich nicht leicht an. Denn natürlich kann sie nicht „Ja“ lauten. Aber ein einfaches „Nein“ greift zu kurz. Es löst nichts auf von dem, was gerade da ist: dieses Misstrauen, diese Irritation, diese Wut und diese Entfremdung. Auch ich würde gerade lieber das „Nein“ wählen. Aber es führt zu nichts. Und genau hier beginnt das eigentliche Problem – und vielleicht auch die Chance.

    Gibt es überhaupt noch normale Männer?

    Vielleicht erklärt das, warum so viele Gespräche zwischen Frauen und Männern derzeit ins Stocken geraten. Was als Versuch beginnt, auf Missstände aufmerksam zu machen, endet nicht selten in gegenseitiger Abgrenzung. Auf der einen Seite Wut – über das, was immer noch passiert. Auf der anderen Seite Verunsicherung und vielleicht auch ein Stück Empörtheit – darüber, plötzlich Teil dieser Kritik zu sein. Die einen fühlen sich pauschal verurteilt, die anderen nicht ernst genommen. Zurück bleibt eine Debatte, in der beide Seiten sprechen, aber nicht wirklich zueinander finden.

    Denn was in diesen Momenten sichtbar wird, sind nicht nur Misstrauen, Wut, Schmerz und alles dazwischen. Es ist auch eine tieferliegende Spannung: zwischen individueller Erfahrung und struktureller Kritik. Zwischen dem Wunsch, differenziert zu bleiben, und dem Impuls, zu verallgemeinern, weil es einfacher ist. Weil Männer schon zu oft gezeigt haben, dass sie in den letzten Monaten, Jahren und Jahrzehnten einfach nichts dazugelernt haben. Und weil es mittlerweile schwer fällt zu glauben, dass es da draußen wirklich noch normale Männer gibt. Das wiederum spüren natürlich auch die Männer. Es passiert in Gesprächen, in Kommentarspalten, manchmal auch einfach nur im eigenen Kopf: Jemand spricht über übergriffiges Verhalten, über Macht, über Strukturen – und plötzlich steht da ein unausgesprochener Satz im Raum: Du bist gemeint. Und obwohl er so nicht gesagt wurde, fühlt er sich genau so an.

    Die Reaktion darauf ist oft erstaunlich ähnlich. Ein kurzer innerer Widerstand, gefolgt von dem Impuls, sich zu distanzieren: So bin ich nicht. Nicht alle Männer. Manchmal wird daraus ein gesagter Satz, oft bleibt es aber ein Gedanke. Und noch seltener folgt eine Tat, die alles verändern könnte. Die Abwehr ist verständlich. Niemand wird gern pauschal eingeordnet. Niemand möchte Teil eines Problems sein, das er selbst nicht bewusst verursacht hat. Und doch führt dieser Reflex in eine Sackgasse. Wer sich sofort aus der Verantwortung herausdefiniert, entzieht sich auch der Möglichkeit, etwas zu verändern. Und ja, liebe Männer. Um in dieser Hinsicht etwas zu verändern, gehören alle Männer dazu.

    Was das mit dir zu tun hat? Eine Menge

    Wenn heute über „Männer“ gesprochen wird, geht es oft weniger um Individuen als um Muster. Um Verhaltensweisen, die gelernt, weitergegeben, selten hinterfragt wurden. Um Strukturen, in denen bestimmte Rollenbilder lange als selbstverständlich galten. Es beschreibt ein System, das viele reproduzieren, ohne sich dessen bewusst zu sein. Und genau das muss endlich aufhören. Was das für Männer bedeutet? Perspektivwechsel, ohne sich dabei angegriffen zu fühlen.

    Weg von der Frage: Bin ich gemeint?
    Hin zu der Frage: Was hat das mit mir zu tun?

    Das ist keine Selbstanklage. Es ist eine Einladung. Denn sie eröffnet die Möglichkeit, sich einzubringen, ohne seine Ehre zu verlieren oder worum es euch auch immer gehen mag. Verantwortung zu übernehmen, ohne sich pauschal schuldig zu fühlen. Und Teil einer Veränderung zu werden, die ganz ohne Männer leider nicht funktionieren kann, wenn wir mal ganz ehrlich zu uns selbst sind. Auch wenn wir uns das gerade nicht eingestehen wollen. Aber was bedeutet es konkret, Teil dieser Veränderung zu sein? Handeln. Wenn ein Spruch über eine Frau nicht einfach stehen bleibt, sondern jemand sagt: Lass den Scheiß. Wenn im Meeting immer wieder dieselbe Kollegin unterbrochen wird – und man nicht nur denkt, dass es auffällt, sondern dazwischengeht: Lass sie ausreden.
    Oder wenn ein Freund damit prahlt, wie hartnäckig er trotz eines klaren Neins geblieben ist – und man nicht mitlacht, sondern klarstellt: Das war kein Flirt. Das war eine Grenzüberschreitung. Wenn man merkt, dass man selbst schneller unterbricht, mehr Raum einnimmt, sich sicherer fühlt – und beginnt, das zu hinterfragen.

    Das Schwierigste daran ist also nicht die Einsicht. Es ist der Moment, in dem man sie nach außen trägt. Nicht bloß zuguckt, nickt und trotzdem nichts verändert. Wenn aus dem bloßen Gedanken aktives Handeln wird. Andere Männer zu korrigieren, etwa, gilt noch immer als heikel. Es stört Dynamiken, bricht mit unausgesprochenen Loyalitäten. Und doch liegt genau hier ein entscheidender Hebel. Viele Verhaltensweisen bleiben bestehen, weil sie im vertrauten Umfeld nicht hinterfragt werden. Weil Widerspruch ausbleibt. Weil es einfacher ist zu schweigen, als die eigene Position zu riskieren. Und ich frage mich: Ist es das wert, wenn Frauen dafür jeden Tag in Angst leben müssen?

    Raus aus der „Das betrifft mich nicht“-Haltung

    Teil der Lösung zu sein bedeutet heute übrigens nicht, zum 1000. Mal „Ich bin keiner von denen“ zu sagen. Soll ich dir etwas sagen? Wir können den Satz schon lange nicht mehr hören. Es geht darum, endlich den Arsch hochzubekommen und sichtbar zu machen, dass all das einem wirklich nicht egal ist. Denn Verantwortung beginnt hier: Wenn nicht geschwiegen, nicht abgewartet, sondern nachgedacht und gehandelt wird. Ohne dafür ein Lob kassieren zu wollen oder als Feminist gefeiert zu werden. Es sollte selbstverständlich sein.

    Ich möchte Männer nicht hassen. Aber ich werde sie auch nicht länger in Schutz nehmen. Ich habe einfach keine Lust mehr, eure Unfähigkeit, eure Unlust und eure Genervtheit einfach so hinzunehmen. Während ihr im Gegenzug verlangt, dass wir euch die verdammte Welt zu Füßen legen. Eure Kinder großziehen, für weniger Geld arbeiten gehen und Hausarbeit übernehmen, während ihr eure Freizeit genießen dürft. Mal ernsthaft: Habt ihr sie noch alle? Noch weniger kann ich eure „Das betrifft mich nicht“-Haltung tolerieren. Nur weil du kein Täter bist, heißt das nicht, dass dich diese Debatte nichts angeht – nicht, dass sie dir egal sein darf, nicht, dass du wegsehen darfst. Verantwortung ist keine Frage der Schuld. Sie zeigt sich in jenen Momenten, in denen du hinschaust, nachfragst und widersprichst, auch wenn es unbequem ist. Sie zeigt sich darin, dass du anerkennst, wie Worte und Taten wirken – auch dann, wenn sie nicht direkt dich betreffen. Wer wirklich hinsieht, tut etwas. Wer wirklich handelt, verändert etwas. Und wer nicht handelt, macht sich mitschuldig – auch wenn er glaubt, dass er „kein Täter“ ist.

  • Warum ich Männern nicht mehr die Welt erklären möchte

    Ich möchte Männern nicht erklären, warum ich nachts meinen Schlüssel zwischen die Finger klemme.
    Warum ich meinen Standort teile.
    Warum ich so tue, als würde ich telefonieren.
    Warum mein Herz dabei manchmal wie verrückt pocht – so, als wäre ich gerade auf der Flucht vor dem Weltuntergang.

    Ich möchte Männern nicht erklären, warum ein „Na, Süße?“ kein harmloser Spruch ist. Warum es nicht charmant ist, nicht lockerzulassen. Warum eine Abweisung nichts damit zu tun hat, dass man sich für absolut obergeil hält. Nur um danach als schei*** Schl*** bezeichnet zu werden, die ja sowieso niemand an seiner Seite haben möchte.

    Ich möchte Männern nicht erklären, warum ein Drink kein Vertrag ist. Warum ein netter Blick noch lange keine Einladung für alles und mehr ist. Warum ein Date kein Anspruch ist.
    Warum ein „Ich lade dich ein“ keine Gegenleistung verlangt. Schon gar nicht körperlicher Art.

    Ich möchte Männern nicht erklären, warum Deepfakes Gewalt sind. Warum es kein „Spaß“ ist, das Gesicht einer Frau auf einen fremden Körper zu montieren. Warum es kein Kavaliersdelikt ist, jemanden digital auszuziehen – eben weil es ja „nur“ digital ist. Ich möchte Männern nicht erklären, dass es keine Rolle spielt, ob das Bild nicht echt ist.
    Wenn die Angst echt ist.
    Wenn die Scham echt ist.
    Wenn die Ohnmacht echt ist.

    Ich möchte Männern nicht erklären, warum „Du bist anders als die anderen“ kein Lob ist. Warum „Ich meine das nicht so“ nichts ungeschehen macht. Warum „War doch nur ein Witz“ kein Freifahrtschein ist. Und warum „Hab dich nicht so“ eine Herabwürdigung ist.

    Ich möchte Männern nicht erklären, dass Verantwortung nicht erst dann beginnt, wenn etwas kaputt ist. Warum man eingreift, bevor Worte oder Taten Spuren hinterlassen, die man nicht mehr rückgängig machen kann. Warum Verantwortung nicht damit getan ist, hin und wieder den Müll runterzubringen.

    Ich möchte Männern nicht erklären, warum ich im Büro nicht lächle, wenn ich unterbrochen werde. Warum ich nicht dankbar bin, wenn meine Idee erst zählt, nachdem ein Mann sie wiederholt hat. Warum ich kein Interesse an der Firmenfeier habe, wenn ich in Sachen Gehalt, Entscheidungen und Respekt immer noch als Mensch zweiter Klasse behandelt werde.

    Ich möchte Männern nicht erklären, warum Hausarbeit Arbeit ist. Warum man sehen kann, dass der Wäschekorb voll ist.
    Warum Termine nicht von allein im Kalender stehen.
    Warum „Sag mir einfach, was ich tun soll“ keine Entlastung ist. Ich möchte Männern nicht erklären, warum ihre Ehefrauen keine Ersatzmütter, Putzfrauen, Gedächtnisstützen und Krankenpflegerinnen sind.

    Ich möchte Männern nicht erklären, warum Elternsein keine Rolle ist, in die man nach Lust und Laune schlüpft. Warum sich das Elternsein nicht nur aufs Muttersein beschränkt. Warum Väter keine Babysitter sind und Verantwortung kein Gefallen ist.

    Ich möchte Männern nicht erklären, warum ein Rock, ein sichtbarer BH oder eine semitransparente Bluse keine Einladungen sind. Warum Alkohol keine Entschuldigung ist.
    Warum Schweigen kein Ja ist. Warum Erstarren kein Einverständnis ist.

    Ich möchte Männern nicht erklären, warum Gewalt nicht erst bei blauen Flecken beginnt. Warum Kontrolle keine Liebe ist.
    Warum Morddrohungen und Eifersucht keine Beweise für echte Gefühle oder Leidenschaft sind.

    Ich möchte Männern nicht erklären, warum sie ihre Freunde korrigieren sollten. Warum Wegsehen alles nur noch schlimmer macht. Warum Lachen Zustimmung ist. Warum genau dort Verantwortung beginnt, wo es unbequem wird.
    Und warum „Ich wollte nichts sagen“ am Ende genau das Problem ist.

    Ich möchte Männern nicht erklären, warum Gleichberechtigung nichts ist, das man „gewährt“. Warum Respekt keine besondere Leistung ist. Warum Anstand kein Extra ist. Warum das alles kein Bonus ist, sondern das absolute Minimum.

    Ich möchte das alles nicht mehr erklären. Nicht, weil es kompliziert wäre, sondern weil es das nie war. Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Zumutung dieses Textes: Dieser Text erzählt nichts Neues. Nur das, was längst bekannt ist. Das, was wir schon unzählige Male gesagt haben. Was längst verstanden sein könnte. Wenn man es denn verstehen wollte.

  • Warum „Er war doch immer so lustig“ kein Argument ist

    Es gibt diese Sätze, die sich anfühlen wie ein Reflex. Kaum stehen schwere Vorwürfe gegen einen bekannten Mann im Raum, sind sie da: „Das kann ich mir gar nicht vorstellen“, „Der war doch immer so lustig“ oder „Der ist doch so nett.“ Und noch bevor irgendetwas geklärt ist, hat sich die Debatte längst verschoben: Weg von dem, was im Raum steht, hin zu der beruhigenden Erzählung, dass es schon nicht so schlimm gewesen sein kann.

    Worüber wir hier sprechen, ist kein Missverständnis, keine schräge Pointe, kein missglückter Witz und erst recht keine Suche nach Aufmerksamkeit, weil man als Promi mal wieder ordentlich die Werbetrommel rühren muss. Die Vorwürfe von Collien Fernandes wiegen schwer. Über Jahre hinweg war sie Opfer von Identitätsmissbrauch, digitaler sexualisierter Gewalt und auch körperlichen Übergriffen. Sie selbst spricht von „virtueller Vergewaltigung“. Und was macht die Öffentlichkeit? Sie wägt ab, ob das zum Image passt.

    Das öffentliche Bild wird zur Schutzschicht

    Christian Ulmen ist nicht irgendwer. Er ist der ironische Typ, der Unangepasste, der Grenzgänger des Humors. Ein Kumpeltyp, mit dem man abends in der Bar ein kühles Bierchen trinkt und über das Leben philosophiert, würden die meisten sagen. Einer, bei dem Überschreitung immer schon Teil der Inszenierung war. Wer ihn kennt, kennt auch seine Rollen – und verwechselt sie offenbar nur zu gern mit der Realität. Das Problem ist nicht neu. Es zeigt sich immer dann, wenn prominente Männer beschuldigt werden: Das öffentliche Bild wird zur Schutzschicht und legt sich wie ein Weichzeichner über die Vorwürfe.

    Man kennt das aus anderen Fällen. Gil Ofarim wurde von vielen lange verteidigt, weil die Geschichte „zu gut“ klang. Bei Donald Trump wiederum scheint selbst die Nähe zu den Jeffrey Epstein-Enthüllungen für manche kein Grund zu sein, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen. Es ist dieselbe Logik: Was nicht ins Bild passt, wird passend gemacht. „Das kann ich mir nicht vorstellen“ – doch, genau das ist der Punkt. Dieser Satz ist kein Argument. Er ist ein Bekenntnis zur eigenen Bequemlichkeit. Denn natürlich kann man sich vieles nicht vorstellen. Vor allem, wenn es das eigene Weltbild erschüttert. Dass ein Mensch gleichzeitig charismatisch und übergriffig sein kann. Dass Humor und Gewalt sich nicht ausschließen. Dass Täter keine Karikaturen sind, sondern oft gerade diejenigen, die gelernt haben, sich gut zu verkaufen.

    Prominenz als moralischer Rabatt

    Was bei all dem auffällt: Für Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens scheinen andere Regeln zu gelten. Oder zumindest weichere. Da wird relativiert, gezweifelt, eingeordnet. Da werden Anekdoten hervorgeholt („Ich habe ihn ganz anders erlebt“), als könnten sie strukturelle Gewalt entkräften. Da wird die Frage nach der Schuld zur Geschmacksfrage umgedeutet. Es ist ein moralischer Rabatt, den man normalen Menschen nicht gewähren würde. Mir wird jetzt schon schlecht, wenn ich daran denke, dass in ein paar Wochen niemand mehr über diesen Fall sprechen wird. Dass Christian Ulmen möglicherweise sogar wieder eine Plattform bekommt. Ich wette, RTL reibt sich schon die Hände. Ich kann die Gespräche von Ulmens Agenten und Anwälten förmlich in meinem Kopf hören: „Noch ein paar Wochen durchhalten, dann ist Gras über die Sache gewachsen.“ Nein. Es wird diesmal kein Gras über die Sache wachsen. Hier wurde verbrannte Erde hinterlassen. Ein neuer Film mit Ulmen? Canceln! Eine neue Serie mit Ulmen? Canceln! Bühnenhumor? Sorry, aber das Lachen ist mir vergangen. CANCELN!

    Empathie darf nicht selektiv sein

    Jedes „Der ist doch so nett“ verschiebt den Fokus – weg von den Vorwürfen, hin zur Verteidigung des Täters. Jede Relativierung macht es schwerer, über das zu sprechen, worum es eigentlich geht: massive Gewalt. Es gibt einen einfachen Grund, warum diese Reflexe so gefährlich sind: Sie schützen nicht die Wahrheit, sondern das Bild. Und Bilder sind zäh. Sie halten sich länger als Fakten, länger als Aussagen, länger als Zweifel. Gerade im digitalen Raum, wo Sympathie oft mehr zählt als Einordnung. Aber wenn wir ernsthaft darüber sprechen wollen, wie mit Vorwürfen von Gewalt umzugehen ist – egal ob digital, psychisch oder körperlich –, dann müssen wir genau hier ansetzen. Nicht beim Image. Nicht bei der Persona. Nicht beim „Ich kenne den doch aus dem Fernsehen“, sondern bei der Haltung. Dass Vorwürfe ernst genommen werden, unabhängig davon, wie witzig, charmant oder gutaussehend jemand ist. Dass Zweifel erlaubt sind, aber nicht als Ausrede dienen.
    Und dass Empathie nicht selektiv sein darf.

    Denn am Ende ist „er war doch so lustig“ kein Argument. Es ist nur ein Schutzmechanismus. Und der schützt fast immer die Falschen.

  • John Galliano x Zara: Eleganz im Endstadium

    John Galliano entwirft für Zara. Das ist kein Brückenschlag, keine Demokratisierung, nicht einmal ein kluger Schachzug – es ist der Moment, in dem die Mode endgültig zugibt, dass ihr Handwerk nur noch Kulisse ist.

    Wenn ich an John Galliano denke, denke ich an Handwerkskunst in seiner reinsten und schönsten Form. Niemand (außer vielleicht Alexander McQueen) verstand es besser, Mode in tragbare Kunst zu übersetzen. Etwas, das Zeit, Geduld und Kreativität ausstrahlte. Von der Schuhspitze bis zum Reißverschluss. Seine Silhouetten waren keine Produkte, sie waren Erzählungen – oft überladen, manchmal größenwahnsinnig, aber stets durchdrungen von einer Idee von Handwerk, das mehr war als bloße Technik. Es war Haltung. Und genau diese Haltung wird nun in die Beschleunigungsmaschine eines globalen Fast-Fashion-Riesen eingespeist.

    Zara ist Mode-Gegenwart in ihrer wohl brutalsten Form: sofort verfügbar, sofort verständlich, sofort ersetzbar. Hier wird nicht entworfen, hier wird reagiert. Trends sind keine Inspiration, sondern Rohstoff. Rohstoff für eine Brand, die jährlich etwa 39,9 Milliarden Euro Umsatz mit Wegwerfkleidung macht. Das System lebt davon, dass nichts bleibt. Außer der nächsten Kollektion, die schon auf dem Weg ist, während die aktuelle noch in den Umkleiden hängt. Was also passiert, wenn ein Designer wie Galliano auf eine Brand wie Zara trifft? Die naheliegende Antwort wäre: Demokratisierung. Große Ideen für viele, nicht nur für wenige. Doch dieses Argument wirkt inzwischen seltsam hohl. Was hier demokratisiert wird, ist nicht das Handwerk, sondern seine Oberfläche. Die Stickerei wird zum Print, die Konstruktion zur Illusion, die Geschichte zum Wegwerfprodukt. Es ist eine Art ästhetischer Extrakt, der am Ende übrig bleibt. Verdünnt, reproduzierbar, kompatibel mit Lieferketten. H&M verfolgt dieses Konzept mit seinen Designerkollektionen bereits seit 2004. Mit unglaublich gutem Erfolg. Ich kann mich noch daran erinnern, wie sich die Frauen und Männer die Kollektion von Isabel Marant im Store aus den Händen gerissen haben. Verwunderlich? Nein. Designermode weckt auch heute noch Begehrlichkeit wie kaum etwas anderes. So oder so ähnlich wie bei Isabel Marant, Balmain oder Mugler wird es vermutlich auch mit der Kollektion von John Galliano laufen. Galliano liefert die Aura, Zara die Infrastruktur. Zusammen entsteht ein Produkt, das aussieht, als hätte es Bedeutung, ohne sich die Mühe zu machen, tatsächlich eine zu entwickeln. Welchen Beitrag die sogenannten Zara-Archive in dieser Kooperation leisten sollen, ist mir übrigens noch ein absolutes Rätsel.

    Man könnte das zynisch nennen. Oder konsequent. Denn vielleicht ist diese Kollaboration weniger ein Bruch als eine logische Fortsetzung. Auch wenn ich das natürlich ungern zugeben möchte. Die Luxusmode selbst hat in den letzten Jahren viel dafür getan, ihre eigene Grundlage zu untergraben. Wenn Haute Couture zur Content-Maschine wird, wenn Runways für TikTok choreografiert werden, wenn Kollektionen im Monatsrhythmus erscheinen und zum Teil aus immer billigeren Materialien bestehen – wie groß ist dann noch der Unterschied zur Fast Fashion?

    Vielleicht ist Gallianos Schritt gar kein Abstieg, sondern ein Eingeständnis: dass das System, das ihn einst hervorgebracht hat, längst ein anderes geworden ist. Und doch bleibt ein Unbehagen. Mit jeder Zusammenarbeit, die die Grenzen zwischen Fast Fashion und Handwerkskunst weiter verwischt, verschiebt sich etwas. Die Idee von Mode als Handwerk, als etwas, das Zeit, Können und Hingabe erfordert, wird weiter ausgehöhlt. Nicht abrupt, sondern in kleinen, gut designten Schritten. Der Tod der Handwerkskunst kommt nicht als Katastrophe. Er kommt als Kollektion. Und er verkauft sich gut. Und das ist doch, was am Ende wirklich zählt, oder Herr Maceiras? Sie als ZARA-CEO werden es bestimmt am besten wissen.

  • Sind wir wirklich machtlos – oder fehlt uns nur der Mut zur Konsequenz?

    Früher bedeutete Protest: auf die Straße gehen, Gesicht zeigen, sichtbar sein. Heute scrollen wir, teilen Screenshots, empören uns kurz im Kollektiv und ein paar Stunden später ist alles schon wieder vergessen. Da ist Wut, aber auch viel Ohnmacht. Und die Frage: Sind wir wirklich so machtlos, wie wir glauben?

    Was wir aktuell auf dieser Welt erleben, ist viel. Zu viel. Auch für mich. Eigentlich bin ich ein sehr positiver Mensch, der wirklich selten den Mut verliert. Aber: Die Weltlage raubt mir meine Energie. Und sie nimmt mir ein Stück weit auch die Hoffnung. Epstein Files, Merz-Misere, Welthunger, Inflation, Iran-Krieg, Trampeltier-Trump, Care-Arbeit, steigende Mieten, niedrige Löhne. All das führt einem tagtäglich knallhart vor Augen, wie viele Baustellen wir eigentlich noch zu beackern haben. Und während Politiker:innen diese scheinbar nicht in den Griff bekommen (wollen), können wir nur tatenlos zusehen. So scheint es jedenfalls. Ein Trugschluss.

    Unsere Entscheidungen sind stärker als jedes Protestplakat

    Wir gehen nicht mehr demonstrieren. Das ist Fakt. Oder zu wenig. Auch das ist Fakt. Nicht, weil uns die Welt gleichgültig ist, sondern weil wir den Mut verloren haben. Wir spüren die Wut, die Ungerechtigkeit, das Unrecht – und trotzdem bleiben wir lieber daheim. Die Ohnmacht sitzt so tief, dass schon bei dem Gedanken, etwas ändern zu können, bei vielen eine leise Müdigkeit einsetzt. Daran könnte man sich jetzt zum 100. Mal hochziehen und das 100. Reel und den 200. dazu Post teilen. Oder man legt das Smartphone aus der Hand und handelt. Denn eigentlich sind wir gar nicht so machtlos, wie wir denken. Unsere Stimme hat sich in den letzten Jahren nur ein wenig gewandelt.

    Machtdemonstration geht heute über die klassische Demonstration und bloßen Wahlkampf hinaus. Was viele vergessen: Mit jeder Suche, jedem Like und jedem Videoklick nähren wir ein System, das ohne unsere Beteiligung nicht existieren würde. Doch nicht nur unsere Klicks zählen. Auch unsere Kaufentscheidungen tun es. Alles, was wir kaufen, spricht. Die Produkte, die wir im Supermarkt in den Warenkorb legen, die Kleidung, die wir wählen, die Technik, die wir nutzen, die Apps auf unserem Smartphone – alles ist ein verstecktes politisches Signal. Wir unterstützen damit Unternehmen, die Macht haben, Debatten zu formen, Märkte zu dominieren und Menschen zu beeinflussen. Mit jedem Kauf, jeder Anmeldung und jedem Like bestätigen wir nicht nur Algorithmen, wir bestätigen Machtstrukturen. Das Merkwürdige daran: Die Unternehmen und Persönlichkeiten, die wir mit all unseren Entscheidungen unterstützen, nutzen ihre Macht oft ohne Rechenschaftspflicht, ohne demokratische Kontrolle und ohne Konsequenzen für ihr Fehlverhalten. Sollten wir das tolerieren? Ich glaube nicht. Alles, was wir auswählen, signalisiert: Hier unterstütze ich, dort entziehe ich meine Stimme. Jede Kaufentscheidung ist ein kleiner, aber sehr wirkungsvoller politischer Akt.

    Was passiert, wenn wir fehlen?

    Stell dir vor, Millionen Menschen würden ihre Abos kündigen – und gleichzeitig ihre Konsumgewohnheiten überdenken: kein Prime-Abo, keine achtlosen Onlinekäufe mehr, die das Konto eines geld- und machtsüchtigen Amerikaners mit schlechter Haarstruktur füttern. Kein Streaming, das KI-Musik fördert und Projekte finanziert, die menschenverachtend sind. Wie läuft es eigentlich mit den Rüstungsinvestitionen, Herr Ek? Und dann wären da auch noch Lieblinge wie H&M und Zara, die erschwingliche Mode zu menschenunwürdigen Bedingungen anbieten. Börsenkurse würden fallen, Algorithmen ins Leere laufen und die alten weißen Männer vermutlich ziemlich blöd aus der Wäsche schauen, wenn sie sich plötzlich nicht mehr die 10. oder 20. Immobilie kaufen können. Abwesenheit ist ein Signal, Weglassen ist Macht. In einer Welt, in der Daten und Geld die neuen Währungen sind, ist bewusster Verzicht die lauteste Form der Kritik.

    Unsere Stimme ist größer, als wir denken

    Ich wünsche mir, dass wir unsere Entscheidungen wieder bewusster treffen. So, wie wir im Supermarkt lieber das Bio-Hähnchen statt die Qualzucht wählen. So, wie wir Freunde wählen, die uns bereichern, statt uns auszusaugen. Oder dem Obstkorb-Job die kalte Schulter zeigen und stattdessen etwas suchen, das uns wirklich weiterbringt. So, wie wir diese Entscheidungen im Kleinen treffen, sollten wir sie auch im Großen treffen – bei den Plattformen, Marken und Unternehmen, denen wir jeden Tag unsere Klicks, Daten und unser Geld schenken. Welche Plattformen unterstützen wir? Wessen Narrative bestätigen wir? Wessen Regeln akzeptieren wir nur, weil wir es gewohnt sind? Anfangs mag das genaue Hinsehen ganz schön anstrengend sein. Doch es lohnt sich. Denn unsere Stimme ist größer, als wir denken. Macht zeigt sich nicht nur darin, was wir tun. Sie zeigt sich auch darin, was wir plötzlich nicht mehr tun.

  • Können wir echte Wohnungen bitte wieder salonfähig machen?

    Foto: Stillleben mit Senftopf von Henri Fantin-Latour /Collection of Mr. and Mrs. Paul Mellon

    Ist hier jemand zu Hause? Diese Frage stelle ich mir momentan ständig. Denn irgendwo zwischen Weiß, Beige und perfekter Symmetrie verschwindet immer öfter etwas, das früher selbstverständlich war: das Gefühl, zu Hause zu sein.

    Ich schaue mir eine Homestory auf YouTube an. Das Sofa sieht aus, als hätte noch nie jemand darauf gesessen. Auf dem Couchtisch liegt ein Bildband, halb aufgefächert, daneben eine Kerze, die zwar angezündet werden könnte, es aber vermutlich nie wird. Der Teppich, auf dem sich all das abspielt, ist ein flauschiges Stück Papier. Irgendwie ganz schick. Gleichzeitig denke ich: Wo ist hier das Leben? Früher waren Wohnungen Bühnen des Alltags. Heute wirken sie wie die Dauerleihgabe aus einem Showroom. Selbst der Katalog von IKEA hat inzwischen mehr Mut zu Persönlichkeit als viele echte Wohnzimmer, Schlafzimmer, Esszimmer oder Küchen. Wie konnte das passieren?

    Die Wohnung als charakterlose Bühne

    Wann haben wir eigentlich beschlossen, dass unser Zuhause vor allem eines sein soll: vorzeigbar? Der Esstisch ist keine Ablagefläche mehr für Post, Schlüssel und Einkaufszettel. Er ist ein kuratierter Altar, auf dem maximal noch Kerzen in unterschiedlichen Höhen und eine Vase mit perfekt arrangierten Blumen Platz finden. Ein Stillleben, das möglichst niemand berühren soll. Kein Teller mit Brotkrümeln, kein Glas vom Vorabend, keine halb angeschnittene Zitrone im Obstkorb. Nichts davon stört das Pinterest-Bild. Der Raum erzählt viel über minimalistisches Stilgefühl, aber nichts über den Menschen selbst. Wonach ich mich aktuell wieder sehne? Nach dem Sessel im Schlafzimmer, der als inoffizieller Kleiderschrank dient, nach dem Wäscheständer als Dauergast, nach dem Küchentisch, auf dem sich der Alltag stapeln darf. Und damit ist nicht nur der Haustürschlüssel gemeint. Auch die Speisekarte vom Chinesen aus der Nachbarschaft oder der Wochenprospekt vom Rewe haben ihre Daseinsberechtigung. Ebenso wie das Regal im Wohnzimmer, das keinem Farbkonzept folgt, sondern lauter kleine Geschichten aus unserem Leben erzählt. Die Eintrittskarte vom letzten Konzert der Arctic Monkeys tummelt sich dort, leicht geknickt, weil sie erst noch in der Jackentasche vergessen wurde. Die ulkige Keramikfigur vom Flohmarkt, die eigentlich niemand brauchte, aber trotzdem geblieben ist. Das gerahmte Bild von der Nichte, dessen Farben sich langsam verabschieden. Genau dort, zwischen Flohmarktfund und Reweprospekt, beginnt so etwas wie Zuhause.

    Ob die sterile Ästhetik ein Zeichen von Geschmack ist? Schwer zu sagen, wenn die Individualität vor der Tür warten muss. Eher noch scheint sie Ausdruck eines sehr zeitgemäßen Anspruchs zu sein: alles richtig aussehen zu lassen. Wir leben in einer Zeit, in der es für alles eine perfekte Vorlage zu geben scheint. Für Morgenroutinen, Gesichter, Körper, Beziehungen, Sport. Und eben auch für Wohnungen. Man weiß inzwischen ziemlich genau, wie ein „guter“ Raum aussieht. Ruhige Farben sind ein Muss, klare Linien auch. So eine „perfekte“ Wohnung vermittelt Sicherheit. Man passt damit ins große Ganze. Aber sie zeigt selten den wahren Menschen.

    Wohnst du noch oder performst du schon?

    Für mich fühlt sich all das nur noch so an, als würden wir nicht mehr wohnen, sondern nur noch inszenieren. Wir zeigen nur, dass wir dort wohnen könnten. Das Leben auf einer Bühne, wenn man so will. Wie soll so eine Wohnung zum Wohlfühlen einladen, wenn sie frei von Brüchen und Persönlichkeit ist? Genau dort beginnt doch Charakter. In dem Stuhl vom Flohmarkt, der eigentlich „nicht passt“, in dem Bücherregal, das überquillt, weil man sich nicht zwischen Ästhetik und Neugier entscheiden wollte. In dem Flur, in dem Schuhe stehen, weil Menschen kommen und gehen. Oder ist dieses Herausgeputzte vielleicht Ausdruck von etwas ganz anderem? Vielleicht ist es der Versuch, die Welt draußen in Schach zu halten, indem wir drinnen alles ordnen – jedes Kissen, jede Kerze, jedes Staubkorn. Wir kontrollieren jeden Quadratzentimeter, während das Leben selbst immer unberechenbarer wird. Aber je glatter die Räume, desto fremder fühlen wir uns darin. So geht es mir jedenfalls. Denn Kontrolle ersetzt nicht das, was ein Zuhause wirklich ausmacht: Lebensgeschichte.

    Das Zuhause ist zum Leben da

    Ich möchte wieder Wohnungen betreten, die lebendig sind. Ich möchte sehen, dass zwischen Küche, Wohnzimmer und Schlafzimmer etwas passiert. Dass diskutiert, gearbeitet, gegessen und geweint, einfach gelebt wird. Dass der Esstisch benutzt wird und nicht nur hingestellt wurde, um den Eindruck zu erwecken. Und ja: Wenn es sein muss, dürfen es sich gerne auch wieder ein paar Wollmäuse in den Ecken bequem machen. Hauptsache, es kommt wieder Leben in die Bude.

    Ich möchte jetzt keine Unordnung glorifizieren. Und nein, Beige, Weiß & Co. möchte ich natürlich auch nicht kollektiv verbannen. Es geht um etwas anderes: Menschlichkeit. Ein Zuhause ist kein Katalog. Es ist eine Momentaufnahme unseres Lebens. Mit all seinen Kuriositäten, Ecken und Kanten, die es menschlich machen. Während ich das schreibe, stapeln sich bei mir übrigens die Pakete im Flur, meine Kaffeetasse ist voller Lippenstift, der Frühstücksteller steht noch herum und meine Katze hat es sich auf der zerfledderten Zeitung auf dem Boden gemütlich gemacht. Mein Zuhause ist zum Leben da.

    Damit wieder etwas mehr Leben in die eigenen vier Wände kommt, braucht es übrigens kein Makeover. Nur eine kleine, aber bewusste Entscheidung: Heute räume ich nicht alles weg. Heute darf man sehen, dass ich hier lebe. Und vielleicht fühlt sich genau das wieder ein wenig mehr nach Zuhause an.

  • Herr Merz, wie fühlt es sich an, gegen Frauenrechte zu stimmen – und sie am 8. März zu feiern?

    Foto: Andrew W. Mellon Collection/National Gallery of Art

    Sehr geehrter Herr Merz,

    haben Sie sich Ihre Worte zum Weltfrauentag schon zurechtgelegt? Der Tag, an dem Politiker betonen, Frauen seien „unverzichtbar für unsere Gesellschaft“. Das sind wir. Nur behandeln Sie uns nicht so. Wir brauchen keinen Weltfrauentag, an dem Sie uns erklären, wie wertvoll Frauen für dieses Land sind. Wir wissen das längst. Wir brauchen keinen symbolischen Applaus oder Blumen. Schon gar nicht brauchen wir Ihre falsche Empathie, nachdem Sie jahrelang gegen zentrale Fortschritte weiblicher Selbstbestimmung gestimmt haben. Was wir brauchen, ist politische Konsequenz. Jetzt und nicht irgendwann.

    Bevor also wieder Blumen verteilt und „starke Frauen“ instrumentalisiert werden, stelle ich einfach mal direkt die entscheidende Frage: Für welche Frauen machen Sie eigentlich Politik? Für echte Frauen oder eine theoretische, anpassungsfähige Wunsch-Version, die brav in Ihre Machtstrukturen passt? Denn ich kann mich in dem, was Sie von sich geben, nicht wiedererkennen. Ob das die 43 Millionen Frauen in diesem Land auch so sehen? Überraschen würde es mich nicht.

    Leben ist kein Luxus – wir haben ein Recht darauf

    Sie sprechen unheimlich gerne von Leistung, von Eigenverantwortung, vom Leistungsprinzip als moralischem Fundament dieses Landes. Aber für viele Frauen bedeutet dieses Prinzip vor allem eines: Dauerbelastung. Nicht an einem Tag in der Woche, sondern 24/7. Frauen arbeiten. Bezahlt. Unbezahlt. Emotional. Organisatorisch. Körperlich. Sie tragen den sogenannten „Mental Load“, der in keiner volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung auftaucht, aber dieses Land stabilisiert. Sie halten Familien zusammen, pflegen Angehörige, koordinieren den Alltag, schließen Betreuungslücken, gleichen strukturelle Defizite aus.

    Falls es Ihnen zwischen Sätzen wie „Wir müssen in diesem Land wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten“ oder „Wir alle müssen aufpassen, dass wir vor lauter Work-Life-Balance nicht die Arbeit aus dem Blick verlieren“ bisher noch nicht aufgefallen ist: Wir leisten bereits eine Menge. Nur wird nicht alles, was wir leisten, als Leistung anerkannt. Wissen Sie, was ich besonders amüsant finde? Nach alledem wird von uns auch noch erwartet, dass wir leistungsbereit bleiben. Flexibel, belastbar und dankbar bitte auch. Und wenn bei alledem noch ein wenig Zeit bleibt – nach Lohnarbeit, dem Erklimmen der Karriereleiter, Care-Arbeit, Mental Load und gesellschaftlicher Erwartungshaltung –, erlauben wir uns vielleicht ein Stück vom Leben: Sport, Zeit mit Freundinnen verbringen, Kino, ein Buch lesen.

    Und wissen Sie was?
    Das ist kein Luxus.
    Das ist ein Minimum.

    Das. Ist. Leben.

    Es ist nicht dekadent, sich nach Genuss und Selbstverwirklichung zu sehnen – es ist menschlich. Denn: Wir wollen nicht nur funktionieren und Ihnen mit unseren Steuergeldern ein möglichst bequemes Leben im Privatjet finanzieren. Auch wir wollen ein wenig leben.

    Bei all der (Care-)Arbeit, die wir selbstverständlich und strukturell unterbezahlt leisten, ist es ja wohl das Mindeste, dass wir auch ein bisschen Lifestyle-Freizeit genießen möchten. Ohne schlechtes Gewissen, ohne Rechtfertigung, ohne das Gefühl, noch mehr beitragen zu müssen, nur damit Sie ruhig schlafen können. Denn arbeiten, das tun wir zur Genüge. Sollte es Ihnen in Ihrem Büro jedoch an Arbeit mangeln oder gar Langeweile aufkommen, schauen Sie doch einfach mal bei uns vorbei: Bei den Frauen, die nach einem langen Arbeitstag ihre Kinder versorgen, bei der Ehefrau, die ihren pflegebedürftigen Partner umsorgt, bei der Tochter, die sich um die Großmutter kümmert, weil sie nicht weiß, wie lange sie diese noch hat. Diese Frauen arbeiten doppelt, dreifach, unsichtbar – und werden dafür weder bezahlt noch gefeiert. Sie halten Familien, Haushalte und Gesellschaft am Laufen, während politische Strukturen sie weiterhin ignorieren.

    Die Vorstellung, Frauen sollten aus volkswirtschaftlicher Vernunft oder moralischer Pflicht noch ein bisschen länger funktionieren, noch ein bisschen härter arbeiten, noch ein bisschen selbstloser sein, macht mich wütend. Und soll ich Ihnen noch etwas sagen? Meine Motivation, auch nur eine Sekunde länger für eine Politik zu funktionieren, die strukturelle Ungleichheit fördert? Hält sich ziemlich in Grenzen.

    Zukunft? Entscheidet sich nicht in Imagekampagnen

    Gleichstellung ist kein Nischenthema urbaner Milieus. Sie ist eine Frage demokratischer Substanz. Ein Parlament, das Frauen nicht selbstverständlich zur Hälfte repräsentiert, bildet Realität nicht ab. Eine Wirtschaft, die Care-Arbeit externalisiert, ist nicht leistungsorientiert – sie ist blind.

    Und dann ist da die Zukunft.

    Die Zukunft der Frau in diesem Land entscheidet sich nicht in Imagekampagnen, sondern in Gesetzestexten.
    Sie entscheidet sich bei der Frage, ob reproduktive Selbstbestimmung konsequent geschützt wird.
    Ob Altersarmut von Frauen politisch bekämpft wird.
    Ob Gewaltschutz priorisiert wird.
    Ob Macht geteilt wird – wirklich geteilt.

    Ist Ihnen all das schon zu viel? Willkommen in unserer Realität! Und falls Sie noch mal eine kleine Erinnerung brauchen: All diese Themen sind nicht bloße Leitplanken des gesellschaftlichen Diskurses, sie sind Grundpfeiler persönlicher Freiheit. Aber davon verstehen Sie vermutlich nicht allzu viel. Denn:

    • Sie haben sich gegen die längst fällige Reform des § 218 gestellt. Trotz klarer Mehrheiten in der Bevölkerung und sogar in den eigenen Reihen. Damit verweigern Sie Frauen grundsätzliche Selbstbestimmung über ihr Leben und ihren Körper.
    • Sie standen 2006 gegen das Gleichbehandlungsgesetz. Ein Gesetz, das Diskriminierung am Arbeitsplatz begrenzen sollte.
    • Sie stimmten 1997 gegen den Schutz vor Vergewaltigung in der Ehe. Ausgerechnet in einem Bereich, wo feministische Politik seit Jahrzehnten um Rechtslage und gesellschaftliche Anerkennung kämpft.
    • Sie sagen offen, Sie möchten Ihr Kabinett nicht zur Hälfte mit Frauen besetzen. Weil Frauen nicht gleichwertig, sondern eine „krasse Fehlbesetzung sind“.

    Diese Entscheidungen sind keine Kleinigkeiten. Sie sind ein Spiegel dessen, wie Sie und Ihre Politik Frauen sieht: Als Randinteressen, die man bestenfalls „berücksichtigt“, wenn es nicht zu unbequem oder hysterisch wird.

    Politische Verantwortung darf kein Nebensatz bleiben

    Sie mögen Chancengerechtigkeit als wirtschaftlichen Vorteil verkaufen wollen, das mögen Sie sogar ernst meinen. Aber Gleichstellung ist mehr als ein Standortargument. Sie ist die Antwort auf Gewalt, auf strukturelle Ungleichheit, auf Lebenszeit- und Karrierebarrikaden, die Frauen immer noch häufiger als Männern im Weg stehen.

    Und ja: Frauen müssen sich gegenseitig unterstützen, Netzwerke bilden und strategisch handeln. Wer, wenn nicht wir? Doch das entbindet politische Führung nicht von ihrer Verantwortung, strukturelle Bedingungen zu verändern, Machtverhältnisse sichtbar zu machen und echte Parität durchzusetzen. Und zwar nicht nur im Nebensatz von Sonntagsreden, sondern in parlamentarischen Entscheidungen, Haushaltsentscheidungen, Rechtsreformen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

    Jetzt wird es ziemlich ungemütlich, oder? Ich bin aber noch lange nicht fertig. Es ist höchste Zeit, dass Politik Frauen nicht als Problem sieht. Wir wollen als gleichwertige Stimme, als gestaltende Kraft, als selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft wahrgenommen werden. Frauen sind keine Zielgruppe für rhetorische Inszenierungen am 8. März. Wir sind die Hälfte dieser Gesellschaft. Unsere Rechte und Chancen sind kein politisches Entgegenkommen, das nach Belieben gewährt oder verweigert werden kann.

    Wie wäre es mit weniger Applaus und mehr Taten?

    Es wäre ein starkes, mutiges und notwendiges Signal, wenn Sie an diesem Weltfrauentag keine Selbstbeweihräucherung halten, sondern konkrete, selbstkritische Maßnahmen vorlegen: Echte Gleichstellung, eine gesetzliche Entlastung bei Care-Arbeit, Investitionen in Schutzinfrastrukturen, finanzielle Absicherung von Selbstbestimmung und körperlicher Autonomie. Brauchen Sie noch mehr Ideen? Wir helfen Ihnen gerne. Denn darin sind wir Frauen ja so gut. Und da wären wir wieder beim Thema Care-Arbeit.

    Eine moderne Demokratie misst sich nicht daran, wie belastbar Frauen sind. Sie misst sich daran, wie gerecht sie Verantwortung verteilt. Frauen sind keine unbezahlte Ressource. Keine Kompensationsinstanz für politische Versäumnisse. Keine moralische Reserve.

    Wir sind Bürgerinnen. Steuerzahlerinnen. Wählerinnen. Entscheidungsträgerinnen. Vor allem aber sind wir: Menschen.

    Und wir wollen keinen Applaus mehr dafür, dass wir ein kaputtes System am Laufen halten, indem wir Versäumnisse der Politik ausgleichen.

    Wir wollen ökonomische Unabhängigkeit.
    Wir wollen politische Repräsentation.
    Wir wollen Schutz vor Gewalt.
    Wir wollen Selbstbestimmung über unsere Körper.
    Und ja, wir wollen Zeit für uns selbst, ohne das Gefühl, uns diese Zeit erst verdienen zu müssen.

    Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Frauen leistungsfähig genug sind. Die Frage lautet, ob es Ihre Politik ist.

  • Demnas Gucci-Debüt: Viel Lärm um wenig Vision

    Als Tom Ford Mitte der 90er Gucci neu definierte, tat er vor allem eines: Er weckte Begehrlichkeit bis in die letzte Pore. Seine Gucci-Frau war kühl, sexuell aufgeladen, selbstbewusst – und vor allem unverwechselbar. Noch heute, fast 22 Jahre nach seiner letzten Kollektion für das Haus, erzielen seine Entwürfe auf Plattformen wie Resee oder Vestiaire Collective Höchstpreise. Sie sind begehrte Sammlerstücke, Zeitdokumente, Ikonen. Was man von Demnas erstem Gucci-Auftritt kaum behaupten kann.

    Copy-Paste-Entwürfe zum Couture-Preis

    Das Debüt war weniger ein Befreiungsschlag als ein Echo. Ein Versuch, der – mit Ausnahme von Kate Moss im G-String als kalkuliertem Highlight – erstaunlich nichtssagend blieb. Wo war die neue Vision? Wo die klare Handschrift für ein Haus, das einst für radikale Neudefinition stand? Die omnipräsente Referenz zur Berliner Clubkultur wirkt inzwischen ermüdend. Was vor Jahren noch subversiv erschien, fühlt sich heute wie ein Dauerloop an. Stretch-Minikleider, übergroße Sonnenbrillen, knallenge Hosen, die wie Strumpfhosen anmuten. Auch der Schluss ist vorhersehbar: Glitzernde Kleider, die mal mehr, mal weniger Haut zeigen und an den einstigen Glanz von Tom Ford anknüpfen sollen. Irgendwo zwischen Upper East Side und Berliner Technoclub verortet. Und dann wären da (Überraschung!) natürlich auch noch die Blumenprint-Kleider im ironischen Oma-Look, die man in Variationen bereits unzählige Male bei Vetements gesehen hat. Alles in allem Silhouetten, die ebenso gut bei Zara hängen könnten – nur ohne das vierstellige Preisschild.

    Eine Wiederholung der Wiederholung

    Demna verlässt sich bei seinem Debüt auf Codes, die er selbst längst etabliert hat – Oversize, Ironie, Trash-Appeal als Luxuskommentar. Man kennt es. Doch bei Gucci hätte es mehr gebraucht als Selbstzitat. Mehr als kalkulierte Provokation. Mehr als Styling-Gags. Alessandro Michele hatte eine Vision. Unter ihm entstand eine völlig neue Welt: überbordend, maximalistisch, manchmal exzentrisch, aber stets kohärent. Man konnte eintauchen, staunen, diskutieren. Es war Eskapismus mit intellektuellem Unterbau. Demnas Gucci-Debüt hingegen wirkt wie ein Remix ohne neuen Beat. Laut, aber nicht neu. Dekorativ, aber nicht begehrenswert. Und Begehrlichkeit ist – bei aller Ironie – am Ende das Einzige, was im Luxus wirklich zählt.

    Ob die Verkaufszahlen im Store eine andere Sprache sprechen werden, bleibt abzuwarten. Da wären ja auch noch Zara, H&M, Bershka & Co. Wenn Mode Geschichte schreiben will, reichen Kate Moss, hautenge Kleidchen und verwischtes Make-up nicht aus. Es braucht eine Vision. Und genau die bleibt hier überraschend unscharf.

  • Warum sind gerade alle so obsessed mit Carolyn Bessette-Kennedy?

    Sonnenbrille im Stil von Carolyn Besserte-Kennedy

    Man könnte meinen, es sei nur ein weiteres Neunzigerjahre-Revival, noch so eine Pinterest-Moodboard-Welle oder schlichtweg der Insta-Algorithmus, der gerade vermehrt alte Bilder in unsere Feeds spült. Und doch ist es mehr als das. Denn ausgerechnet jetzt, in einer Zeit, in der alles nach Aufmerksamkeit schreit, richtet sich der Blick auf eine Frau, die genau das nie tat: Carolyn Bessette-Kennedy.

    Es ist kein Zufall, dass die Ehefrau von John F. Kennedy, Jr. gerade wieder als Stilikone auf unseren Bildschirmen auftaucht und für ihre Looks gefeiert wird. In einer Welt aus Push-Nachrichten, immer neuen Herausforderungen, KI-Hypes, Filtern und Dauerempörung wirkt sie wie der perfekte Gegenentwurf: ruhig, klar, unaufgeregt und authentisch. Der Look im schwarzen V-Neck-Pullover, dem camelfarbenen Pencil Skirt und den braunen Stiefeletten? Legendär. Das blonde Haar zum nonchalanten Pferdeschwanz gebunden, der Blick entzogen. Kein Lächeln für die Kamera, kein sichtbares Bemühen um Wirkung – und doch bleibt alles hängen. In einem Zeitalter, in dem alles schrill, schnell und digital ist, entsteht durch diese Zurückhaltung eine eigentümliche Kraft, der wir uns nur schwer entziehen können. Aber warum eigentlich? Einige werden jetzt vermutlich sagen, die Garderobe von Carolyn Bessette-Kennedy sei doch nichts Besonderes, fast schon langweilig und ausdruckslos. Wer genau hinschaut, wird feststellen: Der Stil der 33-Jährigen folgt einer Ästhetik, die nicht täglich neu erfunden werden muss. Und genau darin liegt ihre zeitlose Anziehungskraft, die auch heute noch so gut wie damals funktioniert.

    Leise statt laut – ein Gegenentwurf zur Überforderung

    Dass die Serie „Love Story: John F. Kennedy & Carolyn Bessette-Kennedy“ die Bilder wieder verstärkt in Umlauf bringt, ist fast nebensächlich. Sie liefert den Anlass, ja – doch die Faszination liegt woanders. Und zwar in der stillen Kraft eines Stils, der reduziert, konsequent und zeitlos wirkt. Gerade Mäntel, schmale Sonnenbrillen, neutrale Farben, kaum Schmuck. Keine Logos. Keine Trends, die in drei Wochen wieder verschwinden. Was heute als „Quiet Luxury“ bezeichnet wird, war bei ihr kein Konzept, sondern Haltung. Kleidung als Selbstverständlichkeit, nicht als Statement. In einer Epoche, in der Trends über TikTok beschleunigt werden und „Core“-Ästhetiken im Wochentakt entstehen, wirkt diese Konsequenz wie Widerstand. Wer sich heute auf solche Klassiker besinnt, verweigert sich dem Zwang, permanent Neues zu konsumieren – und schlechte Mode gleich dazu.

    Es geht nicht mehr um den nächsten Fast-Fashion-Find, um das virale It-Piece, das nach zwei Waschgängen aus der Form gerät, sondern um Evergreens: den gut geschnittenen Wollmantel, die perfekt sitzende schwarze Hose, die Ledertasche, die Patina entwickeln darf. Dinge, die bleiben. Vielleicht ist das die eigentliche Obsession, die Sehnsucht nach Dauer in einer flüchtigen Welt. Carolyn Bessette-Kennedy war nie dazu da, Trends zu setzen oder Aufmerksamkeit zu inszenieren. Sie lebte ihren Stil still und konsequent – die Blicke der Paparazzi, die Schlagzeilen der Zeitschriften oder Tageszeitungen bestimmten nicht, wie sie sich kleidete oder wie sie sich gab. Während viele Influencer jeden Moment kuratieren und Authentizität oft zur Strategie wird, wirkt ihr Stil umso glaubwürdiger.

    Stil als Sicherheitsversprechen

    Vertrautes gibt Sicherheit, auch in der Mode. Ein klarer Schnitt, eine monochrome Silhouette, ein wiederkehrendes Outfit – all das schafft Ordnung im Außen, wenn das Innen oder die Welt da draußen unruhig wird. Psychologisch ist das nicht überraschend. Wer in unsicheren Zeiten lebt, der sucht bewusst nach Konstanten. Manche finden sie in Routinen, andere in Ritualen. Und wieder andere im Kleiderschrank. Carolyn Bessette-Kennedys Stil funktioniert wie ein visuelles Sicherheitsversprechen: Wenn ich mich an das Bewährte halte, gerät nicht alles ins Wanken. Ein zeitloser Pullover aus weicher Kaschmirwolle schenkt einem doch sofort dieses leise, wohlig-warme Gefühl von Geborgenheit. Das synthetische Pendant hingegen? Reine Dystopie, bis in die letzte Faser.

    Die Fantasie von leichteren, analogen Zeiten

    Wer heute Bilder von Bessette-Kennedy und John F. Kennedy, Jr. ansieht, aufgenommen auf Film, leicht unscharf, mit Körnung statt Filter, blickt nicht nur auf Mode. Ein weiterer Grund, warum die 33-Jährige gerade überall ist, liegt in der Nostalgie. Man blickt auf eine Zeit, die im Rückspiegel einfacher erscheint und dadurch auch heute, über 30 Jahre später, nicht an Reiz verloren hat: Prä-Smartphone, Prä-Instagram, Prä-Dauervergleich. Natürlich war auch die Welt der Neunziger nicht unschuldig oder unbeschwert. Der Heroin Chic hat seine Spuren hinterlassen. Sichtbare wie unsichtbare. Aber sie war analoger, privater und langsamer. Genau diese Langsamkeit ist es, die heute fast utopisch wirkt. Die Nostalgie, die sich um ihre Figur legt, ist deshalb mehr als eine Modebewegung. Sie ist eine Projektion: die Hoffnung, man könne durch eine weiße Baumwollbluse oder ein zartes Slip Dress auch ein Stück jener Ruhe zurückholen, die damals vermeintlich selbstverständlich war. Mode wird hier zur Zeitmaschine, auf der Suche nach einer leichteren, weniger schnellen Welt.

    Zwischen Eskapismus und Haltung

    Man könnte diese neue Carolyn-Welle als Eskapismus abtun. Als romantisierte Rückschau auf eine Welt, die so nie existiert hat und auch nie wieder existieren wird. Und ja, Nostalgie verklärt. Sollten wir aufwachen? Nein. Vielleicht steckt darin auch eine kluge Bewegung: Weg von der Wegwerfmentalität, hin zu Beständigkeit. Weg von Impulskäufen, hin zum überlegten Behalten. Weg vom Scrollen, hin zu einem analogeren Lebensstil. Wenn heute wieder mehr Menschen auf zeitlose Schnitte setzen, auf Qualität statt Quantität, dann ist das nicht nur ästhetisch, sondern auch politisch. Eine leise Absage an die Beschleunigung. Und so ist die aktuelle Obsession mit Carolyn Bessette-Kennedy weniger Personenkult als Zeitdiagnose.

  • Wie Gisèle Pelicot das Ende einer Ära einläutet, die Frauen kleinhalten wollte

    Noch bevor Gisèle Pelicot ein Wort sagt, bricht Applaus los. Minutenlang. Ich blicke in Gesichter voller Bewunderung, Zuversicht, Hoffnung und Stolz. Stolz auf eine Frau, die nicht eingeknickt ist, nicht geschwiegen hat – obwohl das System sie genau dort sehen wollte.

    Gisèle Pelicot erzählt an diesem Abend von Momenten, die einen in den Grundfesten erschüttern. Von den durchbohrenden Blicken der Angeklagten und ihrer Verteidiger, die voller Wut, Verachtung und Empörung waren. Nicht, weil sie sich ihrer Schuld bewusst waren, sondern weil ihr Plan scheiterte: Ein Opfer als Opfer abzustempeln. Als Exhibitionistin, eine, die es am Ende sogar noch wollte. Die Sexszenen in den Videos und die Fotos waren schließlich Beweis genug. Eine, die am Ende wieder nur eine Szene macht: eine Frau. Sie alle wollten Gisèle Pelicot am Boden sehen, sie in eine Rolle pressen, die ihnen aus ihrer Sicht bequemer erschien als die Wahrheit. Pelicot? Gab keinen Zentimeter nach: „Als Opfer ist man automatisch schuldig“, sagt sie. „Man hat mir alles Mögliche unterstellen wollen. Ich aber habe ihnen die Stirn geboten. Und diese Entscheidung habe ich nie bereut.“

    Opfer müssen klein, beschämt und unsichtbar bleiben

    Ich bin mir sicher, dass Pelicot während des Prozesses mehrere Momente erlebte, in denen Aufgeben verlockender erschien als Aufstehen. Sie blieb trotzdem standhaft. Und erstaunlich ruhig. Genau diese Ruhe machte Pelicot gefährlich – für ein System, das die brave Frau in Rollen zwängt, die sie klein, beschämt und unsichtbar halten sollen. Gisèle Pelicot passte dort nicht hinein. Sie weigerte sich, spielte nicht mit, sie sprach. Und auf einmal ist klar: Courage muss nicht laut oder hysterisch sein, um alles zu verändern. Übrigens noch so ein Rollenbild, in das Frauen gerne gedrängt werden. Von einer Frau, die ihre Stimme erhebt und für sich einsteht, wird in diesem Kontext nur zu gerne von „Hysterie“ gesprochen, nicht aber von Wahrheit oder Mut. Gisèle Pelicot hat dieses Rollenbild zertrümmert. Sie hat gezeigt, dass Mut nicht schrill, Widerstand nicht theatralisch und Wahrheit nicht leise sein muss. Dass eine Frau, die für sich einsteht, ganze Ordnungen ins Wanken bringen kann.

    Hier beginnt der Bruch: Opfer müssen nicht schweigen. Opfer müssen keine Schuld fühlen. Opfer dürfen ihre Stimme zurückerobern: „Wenn Sie Opfer sind, schämen Sie sich nicht. Sie haben diese Kraft. Ich hatte sie auch. Ich glaube, dass sie alle diese Kraft haben“, sagt sie und blickt durch den Saal. Diese Kraft ist mehr als Mut. Sie ist Selbstermächtigung, ein Akt der Rebellion gegen jede Ordnung, die Opfer kleinhalten wollte. Sie verändert Blicke – nicht nur die der Täter, die plötzlich ihre Angriffe nicht länger wirksam sehen –, sondern auch die der Gesellschaft. Sie verändert Räume – von Gerichtssälen über Schlafzimmer bis hin zu Klassenzimmern und Büros.

    Es ist nie zu spät, sich zu erheben

    Wer diese Kraft spürt, merkt, dass sie nicht nur auf die eigene Geschichte wirkt. Sie strahlt aus, berührt andere, reißt Mauern ein, die uns unsichtbar halten sollten. Sie zeigt: Es ist möglich, die Stimme zu erheben, ohne Angst, ohne Scham. Es ist möglich, dass Haltung die alte Logik von Täter- und Opferrollen zerstört und den Blick auf die Welt dauerhaft verschiebt. Im kleinen Saal der Hamburger Laeiszhalle wurde dieser Systembruch für mich erstmals sichtbar und greifbar. Standing Ovations, Jubelrufe. Ein Saal voller Menschen, die spürten, dass sich gerade wirklich etwas verschiebt – in eine bessere, zukunftsweisendere Richtung. Nicht nur für ihre Generation, sondern auch für alle nachfolgenden. Endlich wurde ein System gebrochen, das Opfer beschämt und Täter schützt. Das hier war keine Veranstaltung, die man nach 90 Minuten einfach abhakt und verlässt, um sich daheim noch schnell die Zähne zu putzen und dann ins Bett zu hüpfen. Diese 90 Minuten verändern den Blick auf uns selbst und darauf, was wir uns gefallen lassen – und sie wirken gegen Regeln und Rollenbilder, die lange genug Frauen die Schuld zugeschoben haben.

    Gisèle Pelicot gibt Frauen die Macht zurück, die ihnen zusteht

    Was geschieht, wenn Opfer sich weigern, Opfer zu sein? Im ersten Moment wirken wir unbequem, ruppig und anstrengend. Diese Sichtweise wird vor allem die Täterseite bejahen, da bin ich mir sicher. Wenn wir diese Gesichter und Gedanken jedoch ausblenden und uns auf uns selbst besinnen, öffnen sich Räume, die lange verschlossen waren. Und es ist nie zu spät, sich für diesen Weg zu entscheiden. Pelicot ist mit ihren 73 Jahren das beste Beispiel: „Den Opferstatus habe ich fünf Jahre getragen. Ich bin aus meiner Asche auferstanden. Denn man muss sich erlauben, wieder glücklich zu sein.“ Dank Gisèle Pelicot bekommen Frauen jeden Alters die Macht zurück, die ihnen zusteht: sichtbar zu sein, gehört zu werden, die eigene Geschichte zu erzählen.

    Am Ende bleibt ein Gefühl, das stärker ist als jeder Applaus: Mut, der zum Handeln bewegt. Der eine neue Grammatik der Scham entstehen lässt und der falschen Schuld den Nährboden entzieht. Was mir Gisèle Pelicot an diesem Abend deutlich gemacht hat? Dass Beharrlichkeit radikal, unbequem und schmerzhaft, aber auch heilend sein kann. Dass Mut, der nicht nur inspiriert, sondern zum Handeln aufruft, die Grundlage für eine bessere Zukunft ist. Für uns selbst und alle Frauen um uns herum. Denn wenn Frauen sich weigern, Opfer zu sein, kippt die Schuldfrage – und die Welt, wie wir sie lange kannten, gerät ins Wanken. Und das ist der Moment, in dem Scham zeigt, wem sie wirklich gilt.