• Warum wir niemals zu klein für Veränderung sind, oder: Wer Schokohasen stürzen kann, kann auch das System bewegen

    Manchmal erkennt man den Zustand einer Gesellschaft am besten in der Süßwarenabteilung. Hast du im April auch davor gestanden? Vor diesen goldenen Hasen, deren Preise plötzlich Regionen erreichten, in denen man normalerweise eher über ein gutes Stück Käse oder ein gutes Brot beim Bäcker nachdenkt? Normalerweise siegt der Impuls. Wir schimpfen kurz über die Inflation, werfen das Produkt aber trotzdem in den Wagen und trösten uns mit dem Gedanken: „Ich allein kann ja eh nichts ändern.“ Dieses Jahr war es mal anders und ich habe es richtig gefeiert: Die Hasen blieben stehen. In den Supermärkten türmten sich die Pappaufsteller, Regale und Auslagen bis weit nach den Feiertagen – ein Mahnmal aus Vollmilch und Alufolie.

    Das Märchen von der Ohnmacht

    Auch wenn Ostern schon eine ganze Weile her ist , möchte ich diesen Gedanken trotzdem mit euch teilen. Denn er hat eine schöne Botschaft, die wir zwischen Alltagsverpflichtungen und Push-Nachrichten vielleicht gar nicht so sehr auf dem Schirm hatten. Wir leben in einer Zeit der großen Frustration. Wir spüren sie alle. Ob die Politik in unserem Land, die globale Klimakrise oder das Gefühl, dass das Leben einfach unbezahlbar wird: Die kollektive Grundstimmung schwankt zwischen Wut und Resignation. Wir fühlen uns klein. Wie Sand im Getriebe, der aber leider gar nichts aufhält, sondern einfach nur zermahlen wird. Doch der Blick auf die liegengebliebene Osterschokolade der letzten Wochen verrät uns etwas anderes. Jedes einzelne „Nein, das ist Wucher, das mache ich nicht mit!“ war eine individuelle Entscheidung. Von einem Menschen. Von dir, von mir, von deiner Nachbarin – von dem Typ, der morgens immer zeitgleich mit dir die Brötchen beim Bäcker holt und von der netten Rentnerin gegenüber, die ihre Blumen in den Balkonkästen hegt und pflegt, als wäre er ein kleiner Kindergarten. Worauf ich hinaus möchte: Niemand hat sich zum Osterhasen-Streik verabredet. Und doch formierten sich diese winzigen Impulse zu einer Macht, die zeigt: Bis hierher und nicht weiter.

    Der Impact der Mikro-Entscheidung

    Genau hier liegt der Hebel, den wir gerade so dringend brauchen. Wir müssen raus aus der Denke, dass Veränderung immer nur von oben, von den gaaanz Großen kommen kann. Kommt sie nicht. Jeder Einzelne von uns entscheidet mit. Stell dir Veränderung wie ein Mosaik vor, dessen gesamtes Bild sich erst aus der Summe unzähliger Einzelteile ergibt: uns. Dieser Prozess beginnt oft völlig geräuschlos. So wie im Supermarktregal, wo die bewusste Entscheidung gegen einen gierigen Konzern weit mehr ist als ein simpler Sparzwang. Es ist ein Akt für eine bessere und gerechtere Welt. Doch diese Energie darf nicht an der Ladenkasse enden. Diese Energie müssen wir mit nach Hause nehmen, in unsere Wohnzimmer und an die Tische, an denen wir mit Freunden oder der Familie sitzen. Das kollektive Gefühl des „Kleinseins“ verwandelt sich dann in ein kollektives: „Ja, mag sein. Aber ich bin Teil eines Ganzen.“ Und dieser Teil ist eigentlich so viel größer und stärker als ein paar Politiker in gut gestärkten Hemden von Hugo Boss und gelackten Schuhen von Prada. Wenn wir aufhören, unser privates Handeln von dem zu trennen, was „da draußen“ passiert, bricht das Kartenhaus der Ohnmacht zusammen. Die ach so große Politik ist nämlich kein festgeschriebenes Drehbuch, in dem wir nur die Statistenrollen spielen. Sie ist am Ende nichts anderes als das Ergebnis all jener Momente, in denen wir uns eben nicht für das bequeme Schweigen, den Verzicht oder das Sprechen entschieden haben. Nichts zementiert einen ungeliebten Status quo so sehr wie die Summe unserer kleinen Unterlassungen. Und nichts hilft den Dingen, die wir eigentlich ablehnen, so sehr wie unser eigener Glaube, wir könnten sowieso nichts ausrichten.

    Natürlich rettet ein einzelner, nicht gekaufter Schokohase nicht die Welt. Aber das Gefühl, kein passiver Spielball der Umstände zu sein, ist der erste Schritt aus der kollektiven Resignation. Wer im Kleinen spürt, dass sein Handeln eine Resonanz erzeugt – und sei es nur ein reduziertes Preisschild am Supermarktregal zwei Wochen später –, der verliert die Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit, die uns die Politiker:innen einbläuen wollen. Dieses Bewusstsein ist das notwendige Training für die großen gesellschaftlichen Weichenstellungen. Wir sind niemals zu klein für Veränderung; wir sind ihr Ursprung. Wir müssen nur anfangen, das „Nein“ wieder als konstruktives Werkzeug zu begreifen, das nicht aus bloßem Trotz, sondern aus einer tiefen Selbstachtung heraus entsteht.

    Angst braucht Kälte und Isolation, um stabil zu bleiben. Doch wenn wir erkennen, dass unser individuelles „Nein“ Teil einer riesigen, warmen Strömung ist, verliert die Ohnmacht endgültig ihre feste Struktur. Was als harter Brocken im Magen begann – die Wut über Preise, die Enttäuschung über die Politik –, wird flüssig, wird beweglich, wird zu Energie. Nutzen wir diesen Mai nicht nur zum Frühlingserwachen, sondern zum Erwachen unserer eigenen Wirksamkeit. Denn am Ende sind es nicht die Prada-Schuhe, die den Weg ebnen, sondern die Millionen kleinen Schritte von Menschen, die beschlossen haben, nicht mehr stillzustehen.

  • Was Reichtum heute bedeutet – und warum die Birkin Bag nicht mehr dazugehört

    Fällt nur mir das gerade auf? Es ist fast schon absurd. Da steht man im Supermarkt, im Szene-Restaurant oder am Flughafen und sieht diese Taschen, die so viel kosten wie ein halbes Jahr Auszeit, eine Eigentumswohnung oder eine Fortbildung. Weiches Leder, goldene Hardware – und dazu Gesichter, die so ausdruckslos, erschöpft und abgenervt wirken, dass man am liebsten fragen würde: „Geht es dir gut?“ Wir schleppen diese „Trophäen des Erfolgs“ herum, obwohl viele von uns innerlich eigentlich nur noch auf der Suche nach dem nächsten ruhigen Moment sind. So fühlt es sich jedenfalls für mich an, wenn ich meinen Blick durch die Straßen schweifen lasse. Früher haben auch mich solche „Statussymbole“ beeindruckt. Heute wirken sie erstaunlich lächerlich und irgendwie auch befremdlich. So begehrenswert eine Birkin Bag von Hermès oder eine 2.55 von Chanel auf viele noch wirken mag, ihr Zauber ist längst verflogen. Das mag den einen oder anderen schockieren, vielleicht sogar kränken. Aber, Hand aufs Herz: Was geben uns diese Objekte der Begierde eigentlich wirklich noch? Ich meine, wirklich. Mal abgesehen vom grandiosen Gefühl, eine künstliche Warteliste besiegt zu haben, die nur existiert, um uns die eigene Wichtigkeit vorzugaukeln? Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird für mich: erstaunlich wenig.

    Reichtum war lange Zeit sichtbar. Je auffälliger, desto besser. Er hing an Schultern, parkte in Einfahrten, blitzte an Handgelenken. Wer es geschafft hatte, zeigte es – und die Welt verstand die Codes. Teure Dinge waren mehr als nur Dinge. Sie erzählten Geschichten von Erfolg, Kontrolle, Überlegenheit, kurz: Reichtum. Aber selbst eine gute Geschichte ist irgendwann auserzählt. Genau das trifft auch auf die des Reichtums zu. Die Story überzeugt einfach nicht mehr. Auch findet sie in dieser Zeit nur noch wenige Hörer, die ihr aufmerksam und ehrfürchtig lauschen. Ich kann es verstehen. Auch ich bin davon gelangweilt, abgestoßen und irritiert. Und das liegt nicht daran, dass ich mich beruflich mit diesen Dingen beschäftige und dadurch schlichtweg übersättigt bin. Es geht hierbei um etwas Grundlegendes. Wir leben in einer Gegenwart, in der Inflation, Kriege, Armut und Jobangst kein bloßes Hintergrundrauschen mehr sind. Sie sind Alltag. In so einer Welt wirkt es nicht mehr cool oder gar erstrebenswert, fünfstellige Beträge für Accessoires & Co. auszugeben. Es wirkt aus der Zeit gefallen. Und fast ein wenig verzweifelt. Als könnten Kalbsleder und ein Logo darüber hinwegtäuschen, wie es wirklich in unserer Welt und auch in uns aussieht. Statt „Wie teuer war die Tasche denn?“ oder „Ist das die Sonderedition von X und Y?“ sollten wir uns lieber diese Frage stellen: Wie geht es uns? Und vielleicht auch: Was bist du ohne diese Tasche oder den Porsche in deiner Einfahrt? Denn was bringt schon die Birkin, wenn der Schlaf unruhig und der Kalender so eng geschnürt ist, dass einem die Luft zum Atmen fehlt? Oder wenn der eigene Alltag sich anfühlt wie etwas, aus dem man regelmäßig fliehen muss? Materielles mag zwar die Leere in unseren Regalen, Schränken oder Garagen füllen, nicht aber die, die in uns herrscht.

    Was das für den Reichtum selbst bedeutet? Er stirbt nicht aus. Aber er hat seine Adresse geändert. Er steht nicht mehr im Kleiderschrank und nicht mehr in der Garage. Er wohnt in unserem Inneren. Wo? Genau hier: Ein Nervensystem, das nicht dauerhaft auf Alarm geschaltet ist, zählt zum Beispiel dazu. Genauso wie ein Alltag, der sich nicht nach Flucht anfühlt, sondern nach Bereicherung. Gleiches gilt für das Ankommen in einem friedlichen und gemütlichen Zuhause, in dem man die Welt (und den Lärm) draußen lassen kann. Umgeben von Menschen, die einen lieben – so wie man ist. Menschen, bei denen man nicht performen muss. Es ist der Körper, der nicht vor dem nächsten Nervenzusammenbruch steht, sondern gesund bis in die letzte Pore. Und es ist auch dieser unscheinbare Moment am Küchentisch, wenn man den Kaffee wirklich bewusst genießt, statt ihn nur als Treibstoff für ein Leben zu missbrauchen, das man so eigentlich nicht mehr führen mag. All das? Kann keine Birkin Bag dieser Welt aufwiegen. Ganz egal, wie wertvoll sie ist. Eine Birkin bleibt, bei aller Handwerkskunst, die in ihr steckt, nur ein Objekt. Leder, Nähte, ein funkelndes Logo. Sie kann viel: beeindrucken, signalisieren, aufwerten. Was sie nicht kann? Uns auf einer tieferen Ebene erfüllen und glücklich machen. Mit Seide, butterweichem Kalbsleder oder Diamanten lassen sich die Löcher in der Seele eben nur schwer stopfen. Schon gar nicht können wir uns davon einfach ein gutes Leben kaufen. Und trotzdem jagen wir Dingen hinterher, die künstlich verknappt werden und übersehen dabei das, was wirklich rar geworden ist: Aufmerksamkeit ohne Ablenkung von Smartphones & Co., Gespräche ohne Eile, Beziehungen, die nicht zwischen zwei Terminen stattfinden, eine Stunde nur für uns. Das alles ist der wahre Reichtum. Leise, unsichtbar und so viel kostbarer als dieses Stück Logo-Leder. Und das Beste daran? Für diesen Luxus gibt es keine Warteliste. Nur die unbequeme Einladung, das eigene Leben so zu gestalten, dass man es nicht mehr kompensieren muss. Ein entspanntes Lächeln trägt sich am Ende ohnehin viel leichter als ein halbes Kilo Kalbsleder. Und kostet: nichts!

  • Vom Wir zum Ich: Warum uns das Dinkelbrot an der Self-Checkout-Kasse so einsam macht

    Wenn ich heute vor die Tür gehe, fühlt es sich oft nicht mehr wie ein Spaziergang durch meine Stadt an, eher wie ein Slalomlauf durch ein Minenfeld aus Ignoranz, Anonymität und Egoismus. Es ist diese subtile, aber aggressive Ich-Mentalität, die sich wie ein Grauschleier über den Alltag gelegt hat. Und ich frage mich: Wann genau sind wir uns eigentlich so egal geworden?

    Früher war der öffentliche Raum ein Ort der Begegnungen. Ein kurzes Nicken, ein gemeinsames Augenverdrehen über die Verspätung der Bahn, ein flüchtiger Witz zwischen zwei Fremden an der Supermarktkasse, ein kleiner Plausch auf dem Wochenmarkt. Es war das soziale Schmiermittel, das dafür sorgte, dass aus Millionen von „Ichs“ ein vages, aber spürbares „Wir“ wurde. Oft entstanden aus solchen zufälligen Momenten sogar echte Freundschaften. Heute sind wir dabei, dieses einstige „Wir“ immer weiter aus unserem Alltag zu radieren. Es ist der Blick, der nicht mehr erwidert wird, weil das Gegenüber starr auf sein Smartphone fixiert ist. Es ist die Tür, die einem fast ins Gesicht fällt, weil der Vordermann zu beschäftigt mit sich selbst ist und es ist dieses unnötige Drängeln an der Supermarktkasse, als würde das Leben davon abhängen, ob man zwei Minuten früher mit seinem Dinkelbrot wieder im Auto sitzt. Und dann wären da auch noch Freundlichkeit, Respekt und Rücksicht. Was ist eigentlich daraus geworden? Früher waren das keine Heldentaten, es war das, was dafür gesorgt hat, dass unsere Stadt nicht nur aus Beton und Asphalt besteht, sondern aus Menschen.

    Wenn ich mich so auf den Straßen, in den U-Bahnen und Läden umschaue, begegnen mir diese kalten Momente mittlerweile öfter als ein Lächeln, ein Kompliment oder ein „Hallo“. Gleichzeitig fordern wir Toleranz in großen Lettern auf Social Media, aber schaffen es im echten Leben oft nicht mal, im Bus die Tasche vom Nebensitz zu nehmen, damit sich jemand setzen kann. Noch paradoxer: Wir posten über „Mindfulness“ und „Zusammen sind wir stärker“, während wir draußen jemanden ignorieren, der offensichtlich Hilfe mit dem Kinderwagen, Rollator oder was auch immer braucht. Wir kuratieren unser Leben online als ein Fest der Gemeinschaft, aber im echten Leben haben wir die Architektur der Distanz perfektioniert. Für mich ist der öffentliche Raum mittlerweile nur noch eine reine Transitzone. Ein Ort, den man so schnell und reibungslos wie möglich durchqueren will, ohne Spuren zu hinterlassen oder (noch viel schlimmer!) berührt, angeschaut oder auch nur angequatscht zu werden. Nicht nur Social Media, auch das Smartphone spielt dabei eine Rolle. Es ist längst kein Tool mehr, das uns einfach nur von A nach B bringt, unsere Einkaufsliste parat hat oder unsere liebsten Playlists und Freunde an einem Ort versammelt. Es ist auch zu unserer sozialen Notbremse geworden. Wir zücken es, sobald die Realität uns auch nur eine Sekunde der Leere zumutet. Wir signalisieren damit mehr als wir denken. Nämlich: „Ich bin nicht verfügbar.“ Und irgendwie auch: „Du bist mir egal.“ Eine Art moderner Weichzeichner, der alles um uns herum in eine unscharfe Kulisse verwandelt. Physisch sind wir zwar präsent, psychisch aber längst ausgewandert in eine kuratierte Welt, in der wir nur das sehen, was uns bestätigt und weiterbringt. Aber das Vakuum, das wir damit zwischen uns und der Bordsteinkante schaffen, füllt sich im echten Leben nicht mit den Likes wie auf unseren Displays. Es füllt sich mit einer Kälte, die wir abends im Bett „Einsamkeit“ nennen. Und während wir diese große Einsamkeit beklagen, aus der sich scheinbar niemand selbst befreien kann, reißen wir jede noch so kleine Brücke weiter ein, die uns als Menschen überhaupt noch verbindet. Wir bestellen unser Essen per App, wir holen unsere Pakete an der Packstation ab, wir bezahlen an der Self-Checkout-Kasse. Wir haben so ziemlich jede „unnötige“ menschliche Interaktion eliminiert und wundern uns dann über die Kälte in den Straßen.

    Vielleicht ist es naiv, sich das „Wir“ zurückzuwünschen. In einer Welt, die immer schneller, lauter und effizienter wird, wirkt Menschlichkeit fast wie ein Systemfehler. Aber ich glaube, das Gegenteil ist der Fall: Es erfordert heute echten Mut, im analogen Raum stattzufinden. Ich merke jedenfalls, wie sehr mir genau diese kleinen, unaufgeregten Momente fehlen. Nicht als große Geste, eher als Grundrauschen. Dieses Gefühl, dass man nicht komplett für sich allein durch den Tag geht, obwohl man niemanden kennt. All das kann aber wieder etwas ganz Normales werden, wenn wir es zulassen. Was mir auffällt: Wir sehen all das und wissen es. Wir reden viel über Einsamkeit, über fehlenden Zusammenhalt, über dieses diffuse Gefühl, dass irgendetwas verloren gegangen ist. Als wäre das ein Zustand, der einfach über uns gekommen ist. Wie schlechtes Wetter. Unangenehm, aber nicht zu ändern. Dabei entsteht genau dieses Gefühl jeden Tag neu. In der Art, wie wir uns im Alltag verhalten. Wie wir durch Räume gehen, ohne sie wirklich zu teilen. Wie wir Begegnungen vermeiden, statt sie zumindest kurz zuzulassen. Es ist nicht die große Unfreundlichkeit, die auffällt, es ist das konsequente Ausbleiben von allem dazwischen. Kein Blick, der hängen bleibt. Kein Lächeln, das nicht kalkuliert ist. Kein kurzer Moment, der zeigt: Ich nehme dich wahr.

    Stattdessen funktioniert alles. Reibungslos, effizient, möglichst ohne Verzögerung. Jeder kommt durch, jeder schafft seinen Tag, jeder bleibt bei sich. Und genau das ist meiner Meinung nach auch das Problem. Denn dieses „Wir“, nach dem sich so viele sehnen, entsteht nicht im Großen. Es entsteht genau dort, wo wir es gerade auslassen. Im Unscheinbaren. Im Vorbeigehen. Im Warten. Im ganz normalen Alltag. Vielleicht haben wir uns daran gewöhnt, dass Begegnung etwas ist, das organisiert werden muss. Verabredet, geplant, bewusst herbeigeführt. Alles andere läuft unter „stört gerade“. Dabei war es früher genau umgekehrt. Das Ungeplante war das, was den Alltag lebendig gemacht hat. Heute wirkt es fast wie ein Eingriff, wenn jemand aus diesem stillen Nebeneinander ausbricht. Ein fremdes „Hallo“ irritiert. Ein spontanes Gespräch wirkt schnell wie ein Übergriff. Und ein einfaches Lächeln bleibt oft unbeantwortet. Das hat nichts mit bösem Willen zu tun. Es ist eher ein System, das sich über die Jahre eingeschliffen hat. Jeder schützt seine Zeit, seine Energie, seine Gedanken. Und am Ende schützen wir uns so gut, dass kein Platz mehr für andere bleibt.

    Was tun also, damit sich dieser Grauschleier über unseren Städten wieder lichtet? Wahrscheinlich nichts, was man groß ankündigen oder inszenieren müsste. Eher das Gegenteil. Es beginnt genau da, wo wir uns im Alltag gerade entziehen. Den Blick nicht sofort senken, wenn er sich kreuzt. Ein „Hallo“ nicht für überflüssig halten. Die Tür nicht einfach loslassen, wenn jemand hinter einem läuft. Diese kleinen Entscheidungen, die keine Zeit kosten und keinen Plan brauchen. Es geht nicht darum, plötzlich mit allen ins Gespräch zu kommen oder sich permanent offen zu zeigen. Es reicht, den eigenen Autopiloten hin und wieder zu unterbrechen. Für einen Moment präsent zu sein, statt nur durchzulaufen. Genau in diesen unscheinbaren Sekunden entsteht wieder das, was uns gerade fehlt: das Gefühl, Teil von etwas zu sein, das über das eigene Ich hinausgeht. Am Ende des Tages ist es egal, wie effizient wir unser Dinkelbrot durch die Kasse schleusen, wenn wir dabei vergessen haben, dass wir eigentlich nach Verbindung suchen und nicht nach dem schnellsten Weg aneinander vorbei.

  • Vom Kiez-Wohnzimmer zur Content-Kulisse: Mein Abschied vom Hamburger Isemarkt

    Früher bin ich auf den Isemarkt gegangen, ohne groß darüber nachzudenken. Er gehörte einfach dazu, wie die Schwäne zur Alster eben. Oder der Dom zum Heiligengeistfeld. Mit meinem großen Weidenkorb bin ich jeden Dienstag und Freitag unter der Hoheluftbrücke entlang, während oben die Hochbahn über die Schienen bretterte. Man traf Nachbarn, hielt einen kurzen Schnack über das Wetter und kannte die Gesichter hinter den Ständen. Der Isemarkt war kein Event – er war Alltag in seiner unaufgeregtesten und schönsten Form. Etwas, für das man sich nicht schick gemacht hätte. Wie oft bin ich schon in Sportklamotten, Kiezklamotten oder in irgendwas zwischen Alltagskleidung und Pyjama dort entlanggegangen. Aus dieser Mischung aus Routine und Nachbarschaft wuchs eine Vertrautheit, die man nicht digitalisieren kann. Es war das Wissen, dass man hier auch an schlechten Tagen willkommen ist, solange man seinen Korb dabei hat. Ein Lebensgefühl, das ohne Filter auskam, weil die Echtheit der Begegnung wichtiger war als die Ästhetik des Hintergrunds. Heute gehe ich dort nicht mehr hin. Nicht, weil der Markt verschwunden ist, wie es so viele Wochenmärkte in Hamburg mittlerweile tun. Im Gegenteil: Der Isemarkt ist heute größer und voller als je zuvor. Und er hat sich verändert. Sehr. Nicht zum Guten. Aus einem Ort der Nachbarschaft ist eine Kulisse geworden. Der Einkauf ist nur noch der Vorwand für eine Inszenierung, die mit Hamburg, wie es mal war und ist, nichts mehr zu tun hat.

    Diese Kulisse hat inzwischen ein Publikum gefunden, das nicht mehr wegen der Lebensmittel, der guten Gespräche oder des echten Austauschs vorbeikommt. Man sieht es an den Handys, die überall gezückt werden. Da bleibt niemand mehr stehen, weil er sich nicht zwischen Comté und Bergkäse entscheiden kann. Oder weil der Antipasti-Stand seine neueste Kreation zum Kosten verteilt. Die Leute blockieren den Weg, weil das Licht gerade so schön auf Pfingstrosen am Blumenstand fällt und unbedingt ein Foto davon gemacht werden muss. Oder am Stand mit den viralen Isemarkt-Cardigans aus 100 % Plastikwolle ein Reel gedreht wird: „Rennt zum Isemarkt…“ Ein paar Meter weiter werden Selfies mit Matcha, Baguette und Blumenbouquets produziert. Und ich stehe mittendrin, den leeren Weidenkorb in der Hand, und fühle mich wie ein Fremdkörper in meinem eigenen Kiez. Als hätte jemand mein Wohnzimmer gemietet, um darin einen Werbespot zu drehen.

    Wann genau der Isemarkt seinen Charme verloren hat, kann ich gar nicht genau sagen. Es kam schleichend. Touristen tummelten sich schon immer dort. Sie fügten sich aber in unseren Alltag ein, ohne zu stören. Hier und da wurde mal ein Foto geknipst, im Vergleich zu heute liegen jedoch Welten dazwischen. Der Hype um den Isemarkt ist vor allem Social Media zu verdanken – auch wenn ich das eigentlich gar nicht so sagen möchte. Klar, den Händler:innen gönne ich jeden Cent Umsatz, und natürlich brauchen sie die Sichtbarkeit, um gegen die Supermärkte zu bestehen. Aber die Wahrheit ist: Der Markt geht an seinem eigenen Erfolg kaputt.

    Was früher ein lokaler Geheimtipp war, ist jetzt ein Häkchen auf einer digitalen Bucket-Liste. Es geht nicht mehr um die Qualität der Butter oder den frischen Koriander. Es geht darum, Teil eines Trends zu sein. Wenn ein Ort „instagrammable“ wird, ändert sich die DNA. Die Leute kommen nicht mehr, um Teil des Marktes zu sein, sondern um ihn als Content-Lieferanten zu nutzen. Viele Stände sind zwar geblieben, aber sie wirken oft nur noch wie Requisiten. Zwischen regionalem Gemüse und frisch gebackenem Brot tauchen immer mehr Händler:innen auf, die den Isemarkt zu einem Jahrmarkt der Eitelkeit machen. Währenddessen verschwindet etwas, das man nicht fotografieren kann: ein Lebensgefühl. Früher war ich Teil des Ganzen, heute fühle ich mich fremd. Die Gespräche sind leiser geworden, fast schon gehetzt. Alle wirken genervt, zu Recht. Für mich als Hamburgerin ist das ein echter Verlust. Es nimmt mir ein Stück von der Stadt, wie ich sie kennengelernt habe: Ein Hamburg, das nicht ständig zeigen musste, wie toll es ist. Das sich nicht erklären, nicht inszenieren und nicht optimieren wollte. Der Isemarkt war genau deshalb gut, weil er so wunderbar unspektakulär war.

    Heute wirkt er oft wie ein Ziel für Leute, die ein Bild von dem suchen, was sie für das „echte Hamburg-Leben“ halten. Eigentlich aber nur eine perfekt ausgeleuchtete Version davon finden, die rein gar nichts mit der Realität zu tun hat. Wenn alle ihr Foto gemacht haben und wieder weg sind, was bleibt dann eigentlich übrig? Ein schöner Feed, vielleicht. Aber ganz sicher nicht das Gefühl, das diesen Ort einmal ausgemacht hat.

    Ich kaufe jetzt woanders ein. Im Mini-Supermarkt auf Pauli und bei meinem kleinen Gemüsehändler um die Ecke. Da ist es vielleicht nicht so schick, aber es ist ehrlich. Niemand zückt das Handy, wenn ich zwischen den Regalen nach den Oliven suche, und kein Mensch käme auf die Idee, ein Selfie vor der Tiefkühltruhe zu machen. Es ist die herrlich befreiende Abwesenheit von Inszenierung. Hier darf ich wieder die Statistin in meinem kleinen Leben sein, anstatt im Weg einer fremden Story zu stehen. Ohne Filter, ohne „Rennt da hin“-Hype und vor allem: ohne Plastik-Cardigans und überteuerten Matcha.

    Vielleicht ist das die Ironie der digitalen Zeit: Wir suchen online so verbissen nach „authentischen Orten“, dass wir sie genau dadurch zerstören. Wir fotografieren das echte Leben so lange, bis es sich vor der Kamera in Luft auflöst. Ich vermisse den alten Isemarkt. Aber solange er eine Bühne für andere ist, bleibe ich im Publikum der Seitenstraßen. Da, wo Hamburg nicht so tut als ob, sondern einfach nur ist. Ganz unaufgeregt. Ganz ich.

  • Wie viel Individualität steckt noch in uns, wenn wir wie perfekt kuratierte Pinterest-Boards herumlaufen?

    Wer bist du eigentlich? Ich meine, wirklich? Schaue ich mich so auf den Straßen um, beschleicht mich das Gefühl, dass viele darauf keine Antwort haben. Sicher ist nur: Du bist nicht Carolyn Bessette-Kennedy oder Kate Moss, auch wenn du Lederjacke und Skinny Jeans trägst. Du bist nicht Bella Hadid, die mit ihrer Y2K-Ästhetik heute ganze Pinterest-Boards füllt. Und du bist auch nicht Sofia Richie Grainge, die mit ihrem minimalistischen Look zur Projektionsfläche für „Quiet Luxury“ wurde. Und weißt du was? Das ist vollkommen in Ordnung.

    Stilvorbilder gab es schon immer. Was hätte ich in den frühen 2000ern für den Kleiderschrank von Chloë Sevigny, Alexa Chung oder die Garderobe von Übermodel Erin Wasson gegeben! Der Unterschied zu heute? Damals war Stil noch etwas sehr Persönliches und Individuelles. Mode war eine Spielwiese, auf der man sich frei bewegen und ausprobieren konnte. Vor allem aber man selbst sein durfte. Du hast dir zwar Inspiration geholt, aus Zeitschriften, von Blogs, den Straßen und Konzerten, die du besucht hast, bist zwischen Converse Chucks und Fake-Fur-Jacke aber immer noch du selbst geblieben. Heute sieht das ein wenig anders aus. Es ist ein merkwürdiges Paradox unserer Zeit: Noch nie war es so einfach, einen Stil zu kopieren. Und noch nie schien es so schwierig zu sein, einen eigenen zu entwickeln. Nehmen wir das Beispiel Carolyn Bessette-Kennedy, weil es so aktuell ist. Wer heute wissen möchte, wie man sich „wie Carolyn Bessette-Kennedy kleidet“, findet Listen, ja ganze Einkaufsführer und Moodboards dazu im Internet. Für den richtigen schwarzen Rollkragen und die richtige Jeans – am besten eine, die so wirkt, als gehöre sie eigentlich dem John F. Kennedy Jr. Boyfriend-Verschnitt. Sogar für den Haarreif gibt es Video-Hauls auf Instagram und TikTok. Was dieses Beispiel deutlich macht? Mode ist zu einem Baukasten verkommen. Man wählt ein paar ästhetische Referenzen, fügt sie zusammen und hofft, dass daraus sowas wie Persönlichkeit entsteht.

    Wo bleibt da noch die wahre Persönlichkeit?

    Das Ding ist: Nur weil du wie ein perfekt kuratiertes Pinterest-Board herumläufst, heißt das noch lange nicht, dass du auch wirklich Persönlichkeit hast. Der Stil von Carolyn Bessette-Kennedy war/ist zum Beispiel nicht deshalb so überzeugend, weil ein bestimmter Rollkragenpullover besonders genial war oder ihre Sonnenbrille zur Cool-Girl-Ästhetik beigetragen hat. Gleiches gilt für die schlichten Blusen, Stiefeletten oder Handtaschen ohne Logos. Auch umweht ihren Stil kein Geheimnis, obwohl gerne anderes behauptet wird, wenn von Menschen mit einem Kleiderschrank zum Niederknien die Rede ist. Ihr Stil war einfach Teil ihrer DNA. Er war und ist auch heute noch so überzeugend, weil er zu ihr gehörte. Zu ihrem Leben in New York und zu ihrer Persönlichkeit. Das trifft übrigens auch auf Menschen wie Matilda Djerf, Jeanne Damas, Gabbriette oder Sienna Miller zu, deren Stil (ob mit oder ohne Stylist:innen an ihrer Seite) auf der ganzen Welt kopiert wird. Was wir dabei gerne vergessen: Stil funktioniert nicht isoliert. Stil lebt von der Erkundung des eigenen Ichs, von Brüchen, Überraschungen, ja auch Fehlern. Stil ist keine Einkaufsliste, mit der man durch den nächsten Zara, Arket oder Massimo Dutti schlendert. Und doch wird genau daraus heute häufig eine gemacht. Und ich frage mich: Wo bleibt da noch die wahre Persönlichkeit?

    Dieses Phänomen lässt sich längst nicht mehr nur in der Mode beobachten. Man erkennt es im Alltag, in diesen kleinen kulturellen Veränderungen, die plötzlich überall gleichzeitig und an jeder Ecke aufploppen. Von Hamburg bis München laufen gerade alle mit demselben karamellfarbenen Cockapoo mit Instagram-kompatibler Niedlichkeit durch die Straßen. Matcha wird getrunken, als wäre er Weihwasser und über den Winter hat sich so ziemlich jede:r eine nerdy Sauerteigmentalität zugelegt, die mit einer viel zu großen Geek-Brille untermalt wird. Morgens geht es aber vorher noch schnell zum Pilates, idealerweise „Reformer Pilates“, weil auch das gerade zum ästhetischen Gesamtpaket gehört. Natürlich im rosa Ensemble von Lululemon oder Alo Yoga. Daran ist grundsätzlich übrigens nichts falsch. Matcha ist (in Maßen) gesund, Pilates tut dem Körper und der Psyche gut und einem Cockapoo zu widerstehen, ist quasi unmöglich. Aber in der Summe entsteht ein merkwürdiger Effekt, den ich nicht ignorieren kann: All das wirkt so, als hätten sich Lebensstile plötzlich auf wenige, visuell besonders gut funktionierende Vorlagen reduziert. Und jetzt kommt die wirklich spannende Frage: Weil man wirklich dafür steht oder der allgemeine Konsens vorgibt, dass man mit diesem gesellschaftsfähigen Gesamtpaket einfach immer richtig liegt und keinerlei Angriffsfläche bietet?

    Natürlich kann man argumentieren, dass daran viele Faktoren beteiligt sind. Die globale Modeindustrie produziert schneller und günstiger als je zuvor. Plattformen wie Instagram oder TikTok verbreiten diese Trends in einer Geschwindigkeit, die früher undenkbar gewesen wäre. Algorithmen verstärken das, was bereits funktioniert und sorgen so dafür, dass wir immer wieder dieselben Bilder sehen. Und unser Unterbewusstsein? Denkt, genau das sei die Norm. Aber das erklärt natürlich nur die Oberfläche. Und würde ich jetzt ausholen, könnte ich genauso gut eine Doktorarbeit darüber schreiben. Die tiefere Frage lautet also vielleicht: Warum sind wir überhaupt so scharf darauf, uns nach irgendeiner Vorlage zu richten, statt einfach wir selbst zu sein?

    Wenn Individualität zur Kopie wird

    Mode war zu meiner Zeit ein echtes Experimentierfeld. Menschen probierten Dinge aus, machten Fehler, widersprachen sich selbst und anderen. Kleidung war ein Gespräch mit der Welt. Manchmal laut, manchmal leise und alles dazwischen, aber immer persönlich. Heute wirkt Mode oft eher wie ein Katalog, aus dem man sich seine „Persönlichkeit“ aussucht. Eine Ästhetik, die man auswählt, so wie man sich einen Filter auf Instagram aussucht. Man entscheidet sich für „Clean Girl“,„Poetcore“ oder „Old Money“. Und plötzlich kleidet man sich nicht mehr, um etwas über sich selbst auszudrücken, sondern um in eine visuelle Schublade zu passen oder einem Pinterest-Träumchen hinterherzurennen. Was diese übertriebene Nachahmung macht, die jede Woche aufs Neue zu wechseln scheint? Sie führt zu einer kulturellen Stagnation. Mode ist eine Kunstform, und Kunst lebt von der Selbstdarstellung. Wenn wir anfangen, Mode (und auch den Rest unseres Lebens) nur noch als eine Checkliste von Trend-Teilen zu begreifen, berauben wir sie ihrer Seele. Und ein Stück weit auch unserer eigenen. Sicherlich spielen globale Lieferketten, die Dominanz von Fast-Fashion und Social Media eine Rolle bei der Vereinheitlichung unseres Aussehens. Aber die tiefere Ursache liegt meiner Meinung nach darin, dass wir ein Stück weit die Verbindung und das Vertrauen in uns selbst verloren haben. Wer aus der Reihe tanzt, macht sich unweigerlich auch ein bisschen angreifbar. Und dem wollen sich heute nur noch die wenigsten Menschen aussetzen. Warum? Weil die Angst vor Ablehnung größer ist als der Mut, der vermeintliche Norm den Mittelfinger zu zeigen. Wir richten uns lieber nach anderen, statt es uns selbst recht zu machen. Was dann passiert, beschreibe ich gerne als den „Weiße Socken zur schwarzen Leggings“-Moment: Individualität wird zur Kopie, die sich für ein Original hält. Ein Look, der sich anfühlt wie Persönlichkeit, dabei aber nichts weiter ist als das sauber kuratierte Echo eines Algorithmus. Wenn Individualität durch Copy-Paste-Styling ersetzt wird, sieht am Ende jeder gleich aus. In einer Welt, in der wir uns nur noch über die Ästhetik anderer definieren, bleibt die eigene Kreativität somit immer mehr auf der Strecke. Wahrer Stil erfordert jedoch Mut – den Mut, aus der Reihe zu tanzen und Kleidung als Ausdruck des eigenen, echten Ichs zu nutzen.

    Ist es falsch, sich inspirieren zu lassen? Nein, keineswegs. Wir haben nur verlernt, mit dieser Inspiration etwas Eigenes anzufangen. Wir bleiben stehen bei der Kopie, weil sie sicher ist, funktioniert und keinen Widerspruch provoziert. Doch genau aus dieser Komfortzone müssen wir wieder raus. Denn Mode ist – bei aller Oberflächlichkeit, die ihr gerne zugeschrieben wird – immer noch eine Kunstform. Und Kunst lebt von Individualität. Von Reibung, von Widerspruch, von Eigenwilligkeit. Wahrer Stil entsteht nicht im perfekten Nachstellen, sondern dort, wo der Vergleich aufhört. Dort, wo wir anfangen, wir selbst zu sein. Das gilt übrigens auch für alle anderen Lebensbereiche, nicht nur für die Mode. Denn Persönlichkeit ist nichts, was man sich zusammenklickt und shoppt. Es ist das, was übrig bleibt, wenn man damit aufhört, jemand anderes sein zu wollen.

  • Dein Leben ist nicht langweilig – du hast durch Instagram nur verlernt, wie Normalität aussieht

    Du ziehst morgens deine Lieblingsjeans an. Die, die du seit Jahren hast. Die, die immer passt. Du denkst nicht darüber nach. Warum auch? Später, irgendwo zwischen U-Bahn und Coffee to go, öffnest du Instagram:

    „Meine Flohmarkt-Funde der Woche“
    „Rennt zu Zara, H&M, Mango…“
    „Wenn du das trägst, bist du out – nimm lieber das“
    „Das habe ich diese Woche auf Vinted gekauft“

    Und plötzlich fühlt sich diese eine Jeans nicht mehr einfach nur richtig an, sie fühlt sich falsch an. Als würdest du hinterherhinken. Als wäre es nicht ganz richtig, dass du deine Kleidung nicht im Wochentakt austauschst. Dass dein Alltag keiner QVC-Werbesendung gleicht und sich nicht ständig verändert. Dabei ist genau das der Punkt: Dein Alltag ist normal. Nur siehst du ihn online kaum.

    Zwischen Normalität und Instagram-Wirklichkeit

    Es ist übrigens nicht nur deine Lieblingsjeans, die völlig normal ist. Es ist das ganze Drumherum. Die Tasche, die du immer wieder trägst. Weil da alles reinpasst, was du brauchst. Deine Sneaker, die nicht „out“ sind, sondern einfach noch gut. Dein Hoodie, den du schon unzählige Male gewaschen hast, der deshalb aber nicht schlechter geworden ist. Deine Lidschattenpalette, die viel länger hält, als du zugeben würdest. Dein Parfum, das nach fast zwei Jahren immer noch so gut wie voll ist. Dein Urlaub, der nicht jeden Monat, eher einmal oder zweimal im Jahr stattfindet. Und dann nicht am anderen Ende der Welt, sondern an Orten, die sich vertraut für dich anfühlen. Es ist dein Smartphone, das seit Jahren funktioniert und noch nicht durch das neue iPhone 50 ersetzt wurde. Oder die Stulle mit Butter, die du immer noch an jenem Esstisch isst, der dich schon durch unzählige Ups and Downs in deinem Leben begleitet hat. Von der Abschlussprüfung bis zur Hochzeit. Währenddessen verwendest du das Geschirr aus deiner ersten Wohnung, statt neues zu kaufen. Nicht, weil du es dir nicht leisten könntest. Es gibt einfach keinen Grund dafür. Nicht zu vergessen die Wochen, in denen nichts gekauft wird. Wirklich nichts. Kein Paket, kein spontaner Kauf, kein „ich brauchte das noch“. Einfach nur Tage, die vergehen, ohne dass etwas Neues dazukommt. Die Tage, die sich wiederholen, ohne dass du sie dokumentierst. Der Kaffee am Morgen, der einfach nur Kaffee sein darf. Und kein Mocha-Hazelnut-Matcha-Dreamgirl-Latte. Deine Mahlzeiten, die nicht fotogen sind, aber satt machen und gut schmecken. Routinen, die nicht optimiert werden, weil sie funktionieren. Ohne Setup, ohne Gamechanger, ohne Show. Die Wochen, in denen du rein gar nichts „Produktives“ liest, hörst oder gebastelt hast. Die Outfits, die du einfach trägst, ohne darüber nachzudenken. Nicht übermäßig gestylt, nicht neu kombiniert, nicht dokumentiert. Einfach angezogen. Weil du dich vernachlässigst? Nein, weil das Einfache sich manchmal einfach am besten anfühlt. Deine Haut, die nicht jeden Tag „glowt“, die einfach Haut ist und Haut sein darf. Mal besser, mal schlechter, meistens irgendwo dazwischen. Ohne Vorher-Nachher, ohne sichtbare Transformation. Deine Wohnung, die nicht ständig umdekoriert wird. In der Dinge jahrelang am gleichen Platz stehen können und dürfen. Die nicht saisonal „neu gedacht“, die einfach bewohnt wird. Seit mehreren Jahren sogar schon. Weil es für einen Tapetenwechsel manchmal schon genügt, einfach die Küche neu zu streichen, statt fünfmal im Jahr in eine andere Wohnung zu ziehen.

    Wenn gewöhnliche Dinge von der Bildfläche verschwinden

    All das hat auf Instagram keinen Platz. Oder besser gesagt: immer noch viel zu wenig. Nicht, weil es unwichtig wäre, es lässt sich einfach schlechter in einem Reel oder Foto verpacken. Es gibt keinen Spannungsbogen, kein Vorher und Nachher, kein sichtbares Ergebnis. Denn, wie filmt man eine Creme, die seit sechs Monaten zuverlässig ihren Job macht? Wie erzählt man von Kleidung, die einfach getragen wird? Wie inszeniert man einen Alltag, der nicht optimiert, der einfach nur gelebt wird? Wie zeigt man eine Woche, die sich nicht unterscheidet von der davor? Wie verkauft man Zufriedenheit, die keinen Anlass hat? Denn das, was du und ich da auf Instagram sehen, ist kein realistischer Durchschnitt. Es ist eine Abfolge von Dingen, die Aufmerksamkeit erzeugen sollen: neue Käufe, neue Routinen, neue Versionen. Was dabei konsequent fehlt, ist das Dazwischen – also genau der Teil, aus dem unser tatsächliches Leben besteht. Die langen Phasen, in denen nichts ersetzt wird. Die Wochen, in denen man einfach das benutzt, was da ist. Die Routinen, die sich nicht verändern, weil sie sich bewährt haben. Auch das lässt sich nur schwer erzählen, weil es schlichtweg „unspektakulär“ ist. genau deshalb erzählen die wenigsten davon. Und obwohl wir das wissen und auf Instagram immer öfter auch das Gegenteil zu sehen bekommen, können wir uns nur schwer davon lösen. Akzeptieren, dass unser Leben okay ist, wie es ist. Und so verschiebt sich mit der Zeit der Maßstab immer weiter. Und was passiert mit der Normalität, wenn man sie an Orten wie Instagram oder TikTok nur noch selten oder gar nicht mehr sieht? Sie verliert mit der Zeit an Selbstverständlichkeit. Plötzlich wirkt es ungewöhnlich, Dinge lange zu behalten. Ungewöhnlich, nicht ständig etwas Neues zu brauchen. Ungewöhnlich, zufrieden zu sein mit dem, was da ist.Was das mit uns macht, zeigt sich oft erst später. Nicht beim Scrollen selbst, sondern danach. In dem Moment, in dem man wieder im eigenen Alltag ankommt und beginnt, Dinge zu hinterfragen, die vorher einfach funktioniert haben, die gut waren. Der eigene Kleiderschrank wirkt plötzlich uninspirierend, obwohl sich faktisch nichts verändert hat. Routinen fühlen sich auf einmal festgefahren an, obwohl sie den Alltag tragen. Genau an diesem Punkt wird sichtbar, in was für einer verdrehten Realität wir mittlerweile leben.

    Wir müssen unser Leben nicht regelmäßig „aktualisieren“

    Durch all das entsteht ein Druck, der nicht nur zum Kauf verleitet. Er führt auch dazu, sich ständig neu erfinden zu müssen. Dinge schneller zu ersetzen, Routinen öfter zu hinterfragen, das eigene Leben regelmäßiger zu „aktualisieren“. Nicht aus Notwendigkeit, eher aus einem Gefühl heraus, es zu müssen. Dieses Gefühl entsteht im Vergleich. Die Realität sieht jedoch ganz anders aus. Und genau das müssen wir uns wieder bewusst machen. Die meisten Menschen leben nicht in dieser permanenten Dynamik, die Instagram, TikTok oder YouTube uns vorgaukeln. Sie kaufen Dinge, wenn sie sie brauchen. Sie behalten sie, solange sie funktionieren. Sie finden Routinen und bleiben dabei, weil sie den Alltag einfacher machen. Ihr Leben besteht letztendlich zu großen Teilen aus Wiederholung. Nicht, weil ihnen nichts Besseres einfällt oder weil sie langweilig sind. Das alles ist kein Stillstand, es ist Stabilität. Und die ist, in einer Welt, die ohnehin nur noch im Chaos zu versinken scheint, wichtiger denn je.

    Die eigentliche Herausforderung liegt nicht darin, sich selbst immer wieder anzupassen. Sie liegt darin, den eigenen Maßstab wieder einzuordnen. Sich klarzumachen, dass ein Leben nicht weniger wert ist, nur weil es nicht ständig neue Impulse liefert. Dass Dinge, die funktionieren, nicht ersetzt werden müssen. Dass ein Alltag, der sich wiederholt, genau das tun darf. Und nein, du sollst auf Instagram jetzt natürlich nicht allen entfolgen. Aber vielleicht einfach mal genauer hinsehen. Es gibt sie, diese Accounts, in denen das echte Leben nicht zu kurz kommt. Die inspirieren, ermutigen, einfach ein gutes Gefühl vermitteln. Und ja, vielleicht wird hin und wieder auch das eine oder andere Produkt in die Kamera gehalten. Dann aber nicht wie auf einem Basar, wo sich das Angebot jede Woche aufs Neue ändert, sondern weil man wirklich einen Mehrwert darin sieht. Für sich und seine Community. Accounts, die einen durchs Schlüsselloch blicken lassen und zeigen: Alles ist gut. Du musst nicht jede Woche die neueste Version von dir selbst werden, um cool zu sein oder geliebt und akzeptiert zu werden. Und vielleicht reicht genau dieser kleine Perspektivwechsel. Um zu erkennen, dass das Sichtbare nur ein Ausschnitt ist – und kein Maßstab, an dem wir uns messen sollten.

  • „Warum hat sie nicht früher etwas gesagt?“ – wer so fragt, macht das Opfer zur Täterin

    Immer dann, wenn private oder sensible Themen öffentlich werden, folgt diese eine, ganz bestimmte Frage: „Warum hat sie nicht früher etwas gesagt?“ Im ersten Moment klingt sie harmlos, ja verständnisvoll. Erst bei genauerem Hinhören wird klar, dass diese Frage selten positiv gemeint ist. Es sind Worte, die eine Schuldige suchen, wo keine ist.

    Ein Satz. Sieben Worte. Nicht er, sondern sie. So läuft es fast immer, wenn Frauen den Mut finden, über gewalttätige Erfahrungen zu sprechen. Auch im Fall von Collien Fernandes ließ die Frage nicht lange auf sich warten. Kaum war ihr Insta-Posting online, war sie da – einmal, zehnmal, hundertfach. Nicht das Gesagte selbst rückte in diesem Moment in den Mittelpunkt, sondern der Zeitpunkt, zu dem sie es äußerte. „Zu spät“, urteilen die meisten Kommentatoren. Zu spät, um Glaubwürdigkeit zu erlangen. Zu spät, um nicht als Lügnerin zu gelten. Viel zu spät, um auch nur irgendeine Spur von Mitgefühl zu verdienen.

    Diese Reaktion ist kein Einzelfall. Sie ist Teil eines wiederkehrenden Musters: Es geht nicht um das, was passiert ist, sondern darum, wie es ins Bild passt. Wer verletzt wird, spricht sofort darüber. Ist doch logisch. Wer schweigt, über Wochen, Monate, vielleicht sogar Jahre, der hat Gründe, die erklärungsbedürftig erscheinen. Wurde hier vielleicht ein Plan geschmiedet? Wollte sie ihm eins auswischen und bewusst schaden? Denn wenn wirklich etwas an der ganzen Sache dran wäre, dann hätte sie ja schon früher etwas sagen können.

    Schweigen als Schutzmechanismus

    Was viele bei dieser sensiblen Debatte vergessen: Für Außenstehende wirkt die Frage nach dem „Warum nicht früher?“ wie eine logische Konsequenz. Im Leben der Opfer ergibt sie jedoch keinen Sinn. Wer diesen Satz ausspricht oder schreibt, blendet aus, wie Menschen unter Druck, in Abhängigkeiten oder nach Grenzüberschreitungen tatsächlich funktionieren. Die Vorstellung, dass in solchen Momenten klare Gedanken, stringente Logik oder unmittelbare Reaktionen möglich sind, mag in der Theorie einleuchten. In der Realität sieht es dagegen ganz anders aus. Betroffene zweifeln an ihrer eigenen Wahrnehmung, hinterfragen jede Erinnerung, versuchen ihr Verhalten zu rechtfertigen oder das Erlebte in bestehende Strukturen zu zwängen. Nur um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren.

    Wer verstehen will, warum so viele Frauen schweigen, muss den Blickwinkel wechseln. Frauen schweigen nicht, weil es ihnen Spaß macht. Wenn Gewalt passiert (egal in welcher Form) wird Schweigen oft zur Überlebensstrategie. Angst vor gesellschaftlicher Ächtung, beruflichen Konsequenzen oder familiärer Isolation spielen dabei eine ebenso große Rolle wie Loyalität, Scham und psychische Belastung. Wer öffentlich fragt, warum nicht früher gehandelt wurde, übersieht diese Dimension. Denn all das trägt dazu bei, dass Erlebtes nicht sofort erklärt oder gar öffentlich gemacht wird. Dass für all das überhaupt eine Erklärung notwendig ist, zeigt mir: Vom Menschsein versteht ein Großteil da draußen wenig. Vom Drauftreten, wenn jemand bereits am Boden ist, dafür umso mehr. Ich wette, wenn der Fall Ulmen/Fernandes umgekehrt gelaufen wäre, hätte sich Christian Ulmen vor Helden-Kommentaren kaum retten können: „So ein starker Mann“, „Was für Höllenqualen er durchgestanden haben muss“, „Hoffentlich kann er sich davon erholen.“ Passiert so etwas einer Frau, braucht sie nicht auf Schutz oder Verständnis hoffen. Selbst in den dunkelsten Stunden werden viele von uns abgestempelt. Als Schla***, Lügnerinnen und Verräterinnen, die es nur auf Geld, Ruhm oder Aufmerksamkeit abgesehen haben. Wie wäre es, wenn wir uns fragen, wie es uns selbst ergehen würde, bevor wir sofort von Lüge oder Kalkül ausgehen? Würden wir sofort den Mut fassen, wenn unser Leben gerade in tausend Teile zerbricht? Wenn wir diesen Menschen geliebt und vielleicht sogar geheiratet haben? Oder wenn nicht nur unser eigenes Leben, sondern auch das der gemeinsamen Kinder von der ungewissen Zukunft abhängt? Ich glaube nicht. Nicht, wenn das Sprechen so viel Mut, Kraft und Schutzlosigkeit verlangt.

    Den universell „richtigen“ Moment? Gibt es nicht

    Der Zeitpunkt des Sprechens ist kein objektiver Marker für Glaubwürdigkeit, sondern Ausdruck eines individuellen Prozesses. Es gibt keinen universell „richtigen“ Moment, um über solche einschneidenden Erfahrungen zu sprechen. Für manche liegt er kurz nach dem Ereignis, für andere erst Jahre später. Und für wieder andere kommt er möglicherweise nie. Diese zeitliche Variabilität ist kein Hinweis auf Unstimmigkeit, sie ist menschlich. Trotzdem drehen wir die Debatte immer und immer wieder genau dorthin zurück: zum „Warum jetzt?“. Wir prüfen den Zeitpunkt, statt uns mit dem Inhalt auseinanderzusetzen. Wir sezieren die Reaktion, statt die Strukturen dahinter anzuschauen. Dabei liegen die eigentlichen Fragen genau dort: Wie entstehen solche Machtverhältnisse überhaupt? Warum halten Opfer so lange still? Und wieso fällt es uns immer noch leichter, das Verhalten der Betroffenen zu hinterfragen als das derjenigen, die Grenzen überschreiten?

    Warum Sprechen riskant ist

    Wir tun so, als sei Sprechen eine rein individuelle Entscheidung. Als hinge es allein vom Mut, der Stärke oder der Integrität einer einzelnen Person ab, ob sie ihre Geschichte teilt oder nicht. Dabei ist Sprechen immer auch ein Echo auf das, was zuvor war – auf Reaktionen, auf Erfahrungen, auf ein kollektives Klima. Wer wissen will, warum jemand nicht früher gesprochen hat, müsste ehrlicherweise zuerst fragen: Was hätte diese Person damals erwartet, wenn sie es getan hätte? Die unbequeme Antwort lautet oft: nicht viel Gutes. Denn die Mechanismen, die heute greifen, wie etwa Zweifel, Relativierung, Schuldumkehr, existierten auch schon vorher. Sie sind kein Produkt des Zeitpunkts, sie sind leider noch immer fester Bestandteil unserer Gesellschaft. Und die sendet eine klare Botschaft: Sprechen ist riskant. Nicht nur für den Moment, auch langfristig. Für den eigenen Ruf, für Beziehungen, für die berufliche und private Existenz. Wer das ignoriert, romantisiert das „früher Sprechen“ zu einer einfachen Option, die es in dieser Form nie gegeben hat. Denn selbst wer sich traut, früh zu sprechen, muss damit rechnen, im Strudel der Schuldumkehr zu landen. Vielleicht sollten wir endlich damit aufhören, den Zeitpunkt wie eine Art moralische Deadline zu behandeln, die man einhalten muss, um glaubwürdig zu sein. Und stattdessen anerkennen, dass jedes Sprechen – egal wann – ein Bruch ist. Mit dem Schweigen, mit der eigenen Geschichte und mit vorgelebten Mustern und Glaubenssätzen. Es ist kein Versäumnis, wenn dieser Bruch Zeit braucht. Es ist die Voraussetzung dafür, dass er überhaupt stattfinden kann.

    Die entscheidendere Frage wäre dann nicht mehr: Warum jetzt? Sondern: Was passiert, nachdem jemand spricht?

    Die Antwort darauf zeigt sich in unserer Reaktion. Ob wir zuhören oder relativieren. Ob wir aushalten oder abwehren. Ob wir bereit sind, Komplexität zuzulassen, statt sie in einfache Verdachtsmomente zu pressen. Genau hier entscheidet sich, ob sich etwas verändert – oder ob alles beim Alten bleibt. Solange die erste Reaktion auf das Sprechen jedoch eine Prüfung ist, wird das Schweigen die sicherere Alternative bleiben.

    Gesellschaftliche Verantwortung statt individueller Schuld

    Wer Frauen für ihr Schweigen anklagt, ohne den eigenen Umgang damit zu hinterfragen, hält genau die Mechanismen am Leben, die am Ende aus Geschädigten die Täterinnen machen. Die Frage „Warum hat sie nicht früher etwas gesagt?“ ist die falsche Frage – sie sucht Schuld an der falschen Stelle. Stecken wir unsere Energie lieber in die wirklich wichtigen Fragen: Wie schaffen wir Räume, in denen Frauen sich ohne Angst äußern können? Wie können Institutionen und Gesetze verhindern, dass Schweigen gar nicht erst nötig wird? Und was können wir machen, um die Strukturen zu verändern, die Schweigen immer noch zur sicheren und besseren Option machen?

    Der eigentliche Skandal ist nicht, dass Frauen zu spät sprechen. Es ist die Tatsache, dass sie immer noch gute Gründe haben, es nicht früher zu tun. Denn am Ende geht es nicht darum, ob jemand zu früh oder zu spät gesprochen hat. Es geht darum, ob wir bereit sind zuzuhören, wenn es passiert.

  • Liebe Männer: „Ich bin keiner von denen“ löst nichts – und genau das ist das Problem

    Eigentlich habe ich gedacht, mich kann nichts mehr erschüttern. Dass ich im Bezug auf Männer schon wirklich alles gesehen, gehört, gelesen und selbst erlebt habe. Und dann schlägt diese Nachricht mit Christian Ulmen ein – und nichts ist mehr, wie es vor diesem Tag war.

    Ich gehe durch die Straßen und merke, dass sich mein Blick verändert hat. Ich lasse meinen Blick durch die Obst- und Gemüseabteilung im Supermarkt wandern. Meine Augen fixieren einen Mann mit einem Apfel in der Hand und ich frage mich: Bist du auch so einer? Einer, der nachts Dinge tut, die niemand sehen oder wissen darf? Der Grenzen überschreitet und sich am nächsten Tag entschuldigt, als wäre nichts gewesen? Im Stadtpark steht ein Vater mit einer Puppe im Arm und sieht seiner Tochter beim Spielen auf dem Klettergerüst zu. Wieder frage ich mich: Oder du? Einer, der ein ganz anderes Leben führt, wenn niemand hinschaut? Einer, der nachts, wenn die Familie schläft, Deepfakes mit den Urlaubsporträts seiner Frau erstellt und diese für Geld im Internet verkauft? Bist du so einer? Später am Tag bin ich in meinem Lieblingscafé in Eimsbüttel. Am Tisch neben mir ist ein Mann in seinem Buch vertieft. Und plötzlich ist da wieder diese absurde, unangenehme Frage in meinem Kopf: Oder bist du etwa so einer? Einer, der Frauen betrunken macht, bis sie nichts mehr wissen und sie am nächsten Morgen ihrem Schicksal überlässt? Bist du vielleicht so einer? Am Abend sitze ich mit meinem Mann am großen Esstisch. Wir schweigen, während wir zu Abend essen. Wir beide kennen die Nachrichten des Tages. In unseren Köpfen arbeitet es. Dann lege die Gabel beiseite und frage: Du würdest nie so einer sein, oder?

    Frauen in ständiger Alarmbereitschaft

    Es sind keine rationalen Gedanken. Eher Reflexe. Wir Frauen kennen das schon. All das ist im bewussten oder unbewussten Umgang mit Männern irgendwie zur Gewohnheit geworden. Und genau das macht diese Gedanken so verstörend. Sie erzählen etwas darüber, was sich in uns verändert hat: Vertrauen, das nicht mehr selbstverständlich ist, ein Blick, der prüfender geworden ist, eine Unsicherheit, die sich nicht einfach abschütteln lässt. Wir sind in ständiger Alarmbereitschaft. Jetzt noch mehr als vorher. Aber es sind nicht nur Frauen, bei denen die vergangenen Tage ihre Spuren hinterlassen haben. Auch Männer wirken seitdem etwas verändert. Mehr als sonst. So wirkt es jedenfalls auf mich. Ein bisschen vorsichtiger vielleicht. Freundlicher. Ein schiefes Lächeln hier, ein Zögern dort. Als wollten sie signalisieren: Ich gehöre nicht dazu. Ich tue dir nichts. Und gleichzeitig ist da die Ahnung, dass genau das nicht so leicht zu klären ist. Nicht mehr. Dass man längst Teil einer Debatte geworden ist, ohne gefragt worden zu sein.

    Sollten wir Männer hassen?

    Die naheliegende Reaktion wäre jetzt einfach: Rückzug, Abgrenzung, Wut. Oder zugespitzt: Männer hassen. Nie wieder auch nur ein Wort mit ihnen reden. Sie kollektiv verurteilen und in die Wüste schicken. Um uns noch weiter voneinander zu entfernen? Weil es so viel einfacher scheint – statt wieder und wieder mit den ganzen Erklärungen anzufangen zu müssen? Die Antwort liegt nahe. Und trotzdem fühlt sie sich nicht leicht an. Denn natürlich kann sie nicht „Ja“ lauten. Aber ein einfaches „Nein“ greift zu kurz. Es löst nichts auf von dem, was gerade da ist: dieses Misstrauen, diese Irritation, diese Wut und diese Entfremdung. Auch ich würde gerade lieber das „Nein“ wählen. Aber es führt zu nichts. Und genau hier beginnt das eigentliche Problem – und vielleicht auch die Chance.

    Gibt es überhaupt noch normale Männer?

    Vielleicht erklärt das, warum so viele Gespräche zwischen Frauen und Männern derzeit ins Stocken geraten. Was als Versuch beginnt, auf Missstände aufmerksam zu machen, endet nicht selten in gegenseitiger Abgrenzung. Auf der einen Seite Wut – über das, was immer noch passiert. Auf der anderen Seite Verunsicherung und vielleicht auch ein Stück Empörtheit – darüber, plötzlich Teil dieser Kritik zu sein. Die einen fühlen sich pauschal verurteilt, die anderen nicht ernst genommen. Zurück bleibt eine Debatte, in der beide Seiten sprechen, aber nicht wirklich zueinander finden.

    Denn was in diesen Momenten sichtbar wird, sind nicht nur Misstrauen, Wut, Schmerz und alles dazwischen. Es ist auch eine tieferliegende Spannung: zwischen individueller Erfahrung und struktureller Kritik. Zwischen dem Wunsch, differenziert zu bleiben, und dem Impuls, zu verallgemeinern, weil es einfacher ist. Weil Männer schon zu oft gezeigt haben, dass sie in den letzten Monaten, Jahren und Jahrzehnten einfach nichts dazugelernt haben. Und weil es mittlerweile schwer fällt zu glauben, dass es da draußen wirklich noch normale Männer gibt. Das wiederum spüren natürlich auch die Männer. Es passiert in Gesprächen, in Kommentarspalten, manchmal auch einfach nur im eigenen Kopf: Jemand spricht über übergriffiges Verhalten, über Macht, über Strukturen – und plötzlich steht da ein unausgesprochener Satz im Raum: Du bist gemeint. Und obwohl er so nicht gesagt wurde, fühlt er sich genau so an.

    Die Reaktion darauf ist oft erstaunlich ähnlich. Ein kurzer innerer Widerstand, gefolgt von dem Impuls, sich zu distanzieren: So bin ich nicht. Nicht alle Männer. Manchmal wird daraus ein gesagter Satz, oft bleibt es aber ein Gedanke. Und noch seltener folgt eine Tat, die alles verändern könnte. Die Abwehr ist verständlich. Niemand wird gern pauschal eingeordnet. Niemand möchte Teil eines Problems sein, das er selbst nicht bewusst verursacht hat. Und doch führt dieser Reflex in eine Sackgasse. Wer sich sofort aus der Verantwortung herausdefiniert, entzieht sich auch der Möglichkeit, etwas zu verändern. Und ja, liebe Männer. Um in dieser Hinsicht etwas zu verändern, gehören alle Männer dazu.

    Was das mit dir zu tun hat? Eine Menge

    Wenn heute über „Männer“ gesprochen wird, geht es oft weniger um Individuen als um Muster. Um Verhaltensweisen, die gelernt, weitergegeben, selten hinterfragt wurden. Um Strukturen, in denen bestimmte Rollenbilder lange als selbstverständlich galten. Es beschreibt ein System, das viele reproduzieren, ohne sich dessen bewusst zu sein. Und genau das muss endlich aufhören. Was das für Männer bedeutet? Perspektivwechsel, ohne sich dabei angegriffen zu fühlen.

    Weg von der Frage: Bin ich gemeint?
    Hin zu der Frage: Was hat das mit mir zu tun?

    Das ist keine Selbstanklage. Es ist eine Einladung. Denn sie eröffnet die Möglichkeit, sich einzubringen, ohne seine Ehre zu verlieren oder worum es euch auch immer gehen mag. Verantwortung zu übernehmen, ohne sich pauschal schuldig zu fühlen. Und Teil einer Veränderung zu werden, die ganz ohne Männer leider nicht funktionieren kann, wenn wir mal ganz ehrlich zu uns selbst sind. Auch wenn wir uns das gerade nicht eingestehen wollen. Aber was bedeutet es konkret, Teil dieser Veränderung zu sein? Handeln. Wenn ein Spruch über eine Frau nicht einfach stehen bleibt, sondern jemand sagt: Lass den Scheiß. Wenn im Meeting immer wieder dieselbe Kollegin unterbrochen wird – und man nicht nur denkt, dass es auffällt, sondern dazwischengeht: Lass sie ausreden.
    Oder wenn ein Freund damit prahlt, wie hartnäckig er trotz eines klaren Neins geblieben ist – und man nicht mitlacht, sondern klarstellt: Das war kein Flirt. Das war eine Grenzüberschreitung. Wenn man merkt, dass man selbst schneller unterbricht, mehr Raum einnimmt, sich sicherer fühlt – und beginnt, das zu hinterfragen.

    Das Schwierigste daran ist also nicht die Einsicht. Es ist der Moment, in dem man sie nach außen trägt. Nicht bloß zuguckt, nickt und trotzdem nichts verändert. Wenn aus dem bloßen Gedanken aktives Handeln wird. Andere Männer zu korrigieren, etwa, gilt noch immer als heikel. Es stört Dynamiken, bricht mit unausgesprochenen Loyalitäten. Und doch liegt genau hier ein entscheidender Hebel. Viele Verhaltensweisen bleiben bestehen, weil sie im vertrauten Umfeld nicht hinterfragt werden. Weil Widerspruch ausbleibt. Weil es einfacher ist zu schweigen, als die eigene Position zu riskieren. Und ich frage mich: Ist es das wert, wenn Frauen dafür jeden Tag in Angst leben müssen?

    Raus aus der „Das betrifft mich nicht“-Haltung

    Teil der Lösung zu sein bedeutet heute übrigens nicht, zum 1000. Mal „Ich bin keiner von denen“ zu sagen. Soll ich dir etwas sagen? Wir können den Satz schon lange nicht mehr hören. Es geht darum, endlich den Arsch hochzubekommen und sichtbar zu machen, dass all das einem wirklich nicht egal ist. Denn Verantwortung beginnt hier: Wenn nicht geschwiegen, nicht abgewartet, sondern nachgedacht und gehandelt wird. Ohne dafür ein Lob kassieren zu wollen oder als Feminist gefeiert zu werden. Es sollte selbstverständlich sein.

    Ich möchte Männer nicht hassen. Aber ich werde sie auch nicht länger in Schutz nehmen. Ich habe einfach keine Lust mehr, eure Unfähigkeit, eure Unlust und eure Genervtheit einfach so hinzunehmen. Während ihr im Gegenzug verlangt, dass wir euch die verdammte Welt zu Füßen legen. Eure Kinder großziehen, für weniger Geld arbeiten gehen und Hausarbeit übernehmen, während ihr eure Freizeit genießen dürft. Mal ernsthaft: Habt ihr sie noch alle? Noch weniger kann ich eure „Das betrifft mich nicht“-Haltung tolerieren. Nur weil du kein Täter bist, heißt das nicht, dass dich diese Debatte nichts angeht – nicht, dass sie dir egal sein darf, nicht, dass du wegsehen darfst. Verantwortung ist keine Frage der Schuld. Sie zeigt sich in jenen Momenten, in denen du hinschaust, nachfragst und widersprichst, auch wenn es unbequem ist. Sie zeigt sich darin, dass du anerkennst, wie Worte und Taten wirken – auch dann, wenn sie nicht direkt dich betreffen. Wer wirklich hinsieht, tut etwas. Wer wirklich handelt, verändert etwas. Und wer nicht handelt, macht sich mitschuldig – auch wenn er glaubt, dass er „kein Täter“ ist.

  • Warum ich Männern nicht mehr die Welt erklären möchte

    Ich möchte Männern nicht erklären, warum ich nachts meinen Schlüssel zwischen die Finger klemme.
    Warum ich meinen Standort teile.
    Warum ich so tue, als würde ich telefonieren.
    Warum mein Herz dabei manchmal wie verrückt pocht – so, als wäre ich gerade auf der Flucht vor dem Weltuntergang.

    Ich möchte Männern nicht erklären, warum ein „Na, Süße?“ kein harmloser Spruch ist. Warum es nicht charmant ist, nicht lockerzulassen. Warum eine Abweisung nichts damit zu tun hat, dass man sich für absolut obergeil hält. Nur um danach als schei*** Schl*** bezeichnet zu werden, die ja sowieso niemand an seiner Seite haben möchte.

    Ich möchte Männern nicht erklären, warum ein Drink kein Vertrag ist. Warum ein netter Blick noch lange keine Einladung für alles und mehr ist. Warum ein Date kein Anspruch ist.
    Warum ein „Ich lade dich ein“ keine Gegenleistung verlangt. Schon gar nicht körperlicher Art.

    Ich möchte Männern nicht erklären, warum Deepfakes Gewalt sind. Warum es kein „Spaß“ ist, das Gesicht einer Frau auf einen fremden Körper zu montieren. Warum es kein Kavaliersdelikt ist, jemanden digital auszuziehen – eben weil es ja „nur“ digital ist. Ich möchte Männern nicht erklären, dass es keine Rolle spielt, ob das Bild nicht echt ist.
    Wenn die Angst echt ist.
    Wenn die Scham echt ist.
    Wenn die Ohnmacht echt ist.

    Ich möchte Männern nicht erklären, warum „Du bist anders als die anderen“ kein Lob ist. Warum „Ich meine das nicht so“ nichts ungeschehen macht. Warum „War doch nur ein Witz“ kein Freifahrtschein ist. Und warum „Hab dich nicht so“ eine Herabwürdigung ist.

    Ich möchte Männern nicht erklären, dass Verantwortung nicht erst dann beginnt, wenn etwas kaputt ist. Warum man eingreift, bevor Worte oder Taten Spuren hinterlassen, die man nicht mehr rückgängig machen kann. Warum Verantwortung nicht damit getan ist, hin und wieder den Müll runterzubringen.

    Ich möchte Männern nicht erklären, warum ich im Büro nicht lächle, wenn ich unterbrochen werde. Warum ich nicht dankbar bin, wenn meine Idee erst zählt, nachdem ein Mann sie wiederholt hat. Warum ich kein Interesse an der Firmenfeier habe, wenn ich in Sachen Gehalt, Entscheidungen und Respekt immer noch als Mensch zweiter Klasse behandelt werde.

    Ich möchte Männern nicht erklären, warum Hausarbeit Arbeit ist. Warum man sehen kann, dass der Wäschekorb voll ist.
    Warum Termine nicht von allein im Kalender stehen.
    Warum „Sag mir einfach, was ich tun soll“ keine Entlastung ist. Ich möchte Männern nicht erklären, warum ihre Ehefrauen keine Ersatzmütter, Putzfrauen, Gedächtnisstützen und Krankenpflegerinnen sind.

    Ich möchte Männern nicht erklären, warum Elternsein keine Rolle ist, in die man nach Lust und Laune schlüpft. Warum sich das Elternsein nicht nur aufs Muttersein beschränkt. Warum Väter keine Babysitter sind und Verantwortung kein Gefallen ist.

    Ich möchte Männern nicht erklären, warum ein Rock, ein sichtbarer BH oder eine semitransparente Bluse keine Einladungen sind. Warum Alkohol keine Entschuldigung ist.
    Warum Schweigen kein Ja ist. Warum Erstarren kein Einverständnis ist.

    Ich möchte Männern nicht erklären, warum Gewalt nicht erst bei blauen Flecken beginnt. Warum Kontrolle keine Liebe ist.
    Warum Morddrohungen und Eifersucht keine Beweise für echte Gefühle oder Leidenschaft sind.

    Ich möchte Männern nicht erklären, warum sie ihre Freunde korrigieren sollten. Warum Wegsehen alles nur noch schlimmer macht. Warum Lachen Zustimmung ist. Warum genau dort Verantwortung beginnt, wo es unbequem wird.
    Und warum „Ich wollte nichts sagen“ am Ende genau das Problem ist.

    Ich möchte Männern nicht erklären, warum Gleichberechtigung nichts ist, das man „gewährt“. Warum Respekt keine besondere Leistung ist. Warum Anstand kein Extra ist. Warum das alles kein Bonus ist, sondern das absolute Minimum.

    Ich möchte das alles nicht mehr erklären. Nicht, weil es kompliziert wäre, sondern weil es das nie war. Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Zumutung dieses Textes: Dieser Text erzählt nichts Neues. Nur das, was längst bekannt ist. Das, was wir schon unzählige Male gesagt haben. Was längst verstanden sein könnte. Wenn man es denn verstehen wollte.

  • Warum „Er war doch immer so lustig“ kein Argument ist

    Es gibt diese Sätze, die sich anfühlen wie ein Reflex. Kaum stehen schwere Vorwürfe gegen einen bekannten Mann im Raum, sind sie da: „Das kann ich mir gar nicht vorstellen“, „Der war doch immer so lustig“ oder „Der ist doch so nett.“ Und noch bevor irgendetwas geklärt ist, hat sich die Debatte längst verschoben: Weg von dem, was im Raum steht, hin zu der beruhigenden Erzählung, dass es schon nicht so schlimm gewesen sein kann.

    Worüber wir hier sprechen, ist kein Missverständnis, keine schräge Pointe, kein missglückter Witz und erst recht keine Suche nach Aufmerksamkeit, weil man als Promi mal wieder ordentlich die Werbetrommel rühren muss. Die Vorwürfe von Collien Fernandes wiegen schwer. Über Jahre hinweg war sie Opfer von Identitätsmissbrauch, digitaler sexualisierter Gewalt und auch körperlichen Übergriffen. Sie selbst spricht von „virtueller Vergewaltigung“. Und was macht die Öffentlichkeit? Sie wägt ab, ob das zum Image passt.

    Das öffentliche Bild wird zur Schutzschicht

    Christian Ulmen ist nicht irgendwer. Er ist der ironische Typ, der Unangepasste, der Grenzgänger des Humors. Ein Kumpeltyp, mit dem man abends in der Bar ein kühles Bierchen trinkt und über das Leben philosophiert, würden die meisten sagen. Einer, bei dem Überschreitung immer schon Teil der Inszenierung war. Wer ihn kennt, kennt auch seine Rollen – und verwechselt sie offenbar nur zu gern mit der Realität. Das Problem ist nicht neu. Es zeigt sich immer dann, wenn prominente Männer beschuldigt werden: Das öffentliche Bild wird zur Schutzschicht und legt sich wie ein Weichzeichner über die Vorwürfe.

    Man kennt das aus anderen Fällen. Gil Ofarim wurde von vielen lange verteidigt, weil die Geschichte „zu gut“ klang. Bei Donald Trump wiederum scheint selbst die Nähe zu den Jeffrey Epstein-Enthüllungen für manche kein Grund zu sein, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen. Es ist dieselbe Logik: Was nicht ins Bild passt, wird passend gemacht. „Das kann ich mir nicht vorstellen“ – doch, genau das ist der Punkt. Dieser Satz ist kein Argument. Er ist ein Bekenntnis zur eigenen Bequemlichkeit. Denn natürlich kann man sich vieles nicht vorstellen. Vor allem, wenn es das eigene Weltbild erschüttert. Dass ein Mensch gleichzeitig charismatisch und übergriffig sein kann. Dass Humor und Gewalt sich nicht ausschließen. Dass Täter keine Karikaturen sind, sondern oft gerade diejenigen, die gelernt haben, sich gut zu verkaufen.

    Prominenz als moralischer Rabatt

    Was bei all dem auffällt: Für Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens scheinen andere Regeln zu gelten. Oder zumindest weichere. Da wird relativiert, gezweifelt, eingeordnet. Da werden Anekdoten hervorgeholt („Ich habe ihn ganz anders erlebt“), als könnten sie strukturelle Gewalt entkräften. Da wird die Frage nach der Schuld zur Geschmacksfrage umgedeutet. Es ist ein moralischer Rabatt, den man normalen Menschen nicht gewähren würde. Mir wird jetzt schon schlecht, wenn ich daran denke, dass in ein paar Wochen niemand mehr über diesen Fall sprechen wird. Dass Christian Ulmen möglicherweise sogar wieder eine Plattform bekommt. Ich wette, RTL reibt sich schon die Hände. Ich kann die Gespräche von Ulmens Agenten und Anwälten förmlich in meinem Kopf hören: „Noch ein paar Wochen durchhalten, dann ist Gras über die Sache gewachsen.“ Nein. Es wird diesmal kein Gras über die Sache wachsen. Hier wurde verbrannte Erde hinterlassen. Ein neuer Film mit Ulmen? Canceln! Eine neue Serie mit Ulmen? Canceln! Bühnenhumor? Sorry, aber das Lachen ist mir vergangen. CANCELN!

    Empathie darf nicht selektiv sein

    Jedes „Der ist doch so nett“ verschiebt den Fokus – weg von den Vorwürfen, hin zur Verteidigung des Täters. Jede Relativierung macht es schwerer, über das zu sprechen, worum es eigentlich geht: massive Gewalt. Es gibt einen einfachen Grund, warum diese Reflexe so gefährlich sind: Sie schützen nicht die Wahrheit, sondern das Bild. Und Bilder sind zäh. Sie halten sich länger als Fakten, länger als Aussagen, länger als Zweifel. Gerade im digitalen Raum, wo Sympathie oft mehr zählt als Einordnung. Aber wenn wir ernsthaft darüber sprechen wollen, wie mit Vorwürfen von Gewalt umzugehen ist – egal ob digital, psychisch oder körperlich –, dann müssen wir genau hier ansetzen. Nicht beim Image. Nicht bei der Persona. Nicht beim „Ich kenne den doch aus dem Fernsehen“, sondern bei der Haltung. Dass Vorwürfe ernst genommen werden, unabhängig davon, wie witzig, charmant oder gutaussehend jemand ist. Dass Zweifel erlaubt sind, aber nicht als Ausrede dienen.
    Und dass Empathie nicht selektiv sein darf.

    Denn am Ende ist „er war doch so lustig“ kein Argument. Es ist nur ein Schutzmechanismus. Und der schützt fast immer die Falschen.