Wie viele Sommer ich früher damit verbracht habe, mir Gedanken über mein Aussehen zu machen, kann ich gar nicht genau sagen. Es waren verdammt viele. Zu viele. Es waren Junitage, an denen ich mir einredete, dass eine lange Hose aus dickem Denim eine hervorragende Idee sei, weil die Oberschenkel im Sitzen ja bekanntlich die unhöfliche Angewohnheit haben, sich der Schwerkraft breitbeinig anzupassen. Und es waren Augusttage bei über 30 Grad, an denen ich lange Ärmel wählte, nur um meine Oberarme vor der Öffentlichkeit zu schützen. Vor Menschen, die (Überraschung!) ohnehin viel zu sehr mit der Hitze und vielleicht auch den eigenen Komplexen beschäftigt waren, um meinen Pickel am Rücken, meine Besenreiser auf den Oberschenkeln und meine Falten auf den Knien zu bemerken.
Sommer bedeutete für mich nie nur Sonne, Eis und lauwarme Abende. Diese Monate verursachten auch über viele Jahre hinweg eine leise, stetige Panik in mir: Ist diese Hose zu kurz? Sieht man meine Oberschenkel zu doll? Sollte ich bei der Hitze nicht doch lieber eine Langarmbluse tragen, um meine Arme zu verstecken? Wir kennen sie alle, diese unsichtbaren Vergleiche mit Schönheitsidealen, die wir irgendwann und irgendwo einfach ungefragt adaptiert haben. Aus Zeitschriften, aus Werbeanzeigen, vor allem aber aus Reels und Fotos auf Social Media. „Ideale“, mit denen wir uns jeden Morgen aufs Neue im Spiegel vergleichen. Das Absurde daran: Wir verschwenden so viel Zeit damit, in irgendeine gesellschaftliche Schablone zu passen und vergessen dabei völlig, dass wir Frauen im Durchschnitt nur 83 Sommer in unserem Leben erleben. Männer statistisch gesehen sogar noch weniger: 79, um genau zu sein. Wenn es gut läuft. Warum also auch nur einen Sommer noch länger an zu viel Stoff und zu viele Gedanken verschwenden?
Dein Körper braucht keine Erlaubnis, um im Sommer existieren zu dürfen. Er darf einfach sein. So wie er ist. Das Problem ist nur: Das ist leichter gesagt als getan. Wir haben gelernt, unseren Körper an Bedingungen zu knüpfen: „Ich trage ein bauchfreies Top, wenn ich 5 Kilo abgenommen habe.“ – „Ich ziehe das Kleid an, wenn meine Beine straffer sind. Und ich werde das Top anziehen, sobald meine Arme nicht mehr wackeln.“ Hand aufs Herz: Wie viel Überwindung hat es dich heute Morgen gekostet, deine Oberarme, deinen Bauch oder deine Brüste vor dem Spiegel zu ignorieren? Und einfach das Kleid überzuwerfen, das du tragen würdest, wenn dein Kopf zur Abwechslung einfach mal die Klappe halten würde? Warum schwitzen und sich unwohl fühlen, wenn du genauso gut einfach leben kannst? Wenn dir warm ist, dann trag die kurzärmlige Bluse. Trag das Trägershirt. Trag das luftige Kleid. Und wenn es sich gut anfühlt, lass den BH einfach weg. Und bitte auch diese enge Bauchweg-Hose, die dir eigentlich den letzten Nerv raubt. Draußen brennt die Luft, der Asphalt flirrt, und wir stehen dort und reden uns ernsthaft ein, dass unperfekte Knie oder weiche Oberarme der Gesellschaft nicht zuzumuten sind. Merkst du, wie absurd das alles ist? Du leidest aus Angst vor Blicken, die in neunundneunzig Prozent der Fälle überhaupt nicht existieren. Niemand am Badesee, im Park oder an der Eisdiele hat das Recht, deinen Komfort einzuschränken. Und die Wahrheit ist: Die meisten Menschen sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie sich Gedanken über deine Oberschenkel machen würden. Außer mir hat die drei Haare auf meinen großen Zehen (glaube ich) noch niemand bemerkt. Die habe ich über viele Sommer hinweg übrigens aus genau dieser Körperscham immer abrasiert. Als könnte sich jeden Moment jemand mit einer Lupe vor meine Füße werfen und rufen: „Habe ich es doch gewusst! Haare auf den Zehen!“
Das Schönste, was du diesen Sommer tun kannst? Deine Selbstzweifel in den Urlaub zu schicken. Und zwar per One-Way-Ticket. Am besten in die Wüste. Und schick die Schönheitsideale, mit denen wir uns immer noch viel zu häufig herumärgern müssen, gleich hinterher. Ein Mensch ist nicht weniger gut oder schlecht, nur weil sein Oberarmumfang kleiner oder größer ist. Hol dir deine Sommer zurück. Du hast nur 83 davon. Vielleicht sogar weniger. Die Erinnerungen, die am Ende dieser Sommer bleiben, sollten nicht davon handeln, wie gut wir unsere „Makel“ kaschiert haben. Sie sollten davon handeln, wie laut wir gelacht haben, wie erfrischend das Eis war und wie frei wir uns gefühlt haben. Ob mit oder ohne Haare auf den Zehen.