• Ist GNTM noch relevant – oder nur Routine? Was ich mir nach 21 Staffeln wirklich gewünscht hätte

    Vogue-Zeitschriften in Paris

    Ich habe die ersten sieben Staffeln von Germany’s Next Topmodel damals als Jugendliche mit fast derselben Begeisterung geschaut, mit der mein Mann heute den Hamburger SV verfolgt. Es war mein Wochenhighlight, auf das ich mit Freundinnen immer so richtig hingefiebert habe. Dramatische Shootings, ehrfürchtige Blicke auf den Catwalk, tränenreiche Entscheidungen – und natürlich Heidi Klum mit ihrem ikonischen „Ich habe heute leider kein Foto für dich“.

    Damals war GNTM neu, laut, glamourös – und irgendwie elektrisierend. Junge Frauen kämpften um einen Traum, der größer schien als alles andere: Model werden, gesehen werden, es schaffen. Mit Beginn der achten Staffel fühlte sich die Show für mich aber plötzlich nicht mehr richtig an. Und nach 21 Staffeln stellt sich mir mittlerweile die Frage: Wie lange trägt sich so ein Konzept, das im Kern doch eigentlich immer gleich bleibt? Fotoshooting, Laufsteg, Kritik, Entscheidung. Tränen, Umstylings, Zickenkrieg. Wieder und wieder. Vielleicht bin ich schlicht aus dem Format herausgewachsen. Vielleicht ist es aber auch einfach wie mit alten Lieblingsliedern: Man kennt jede Note, jede Dramaturgie, jede Pointe. Und bleibt doch dran. Aus Gewohnheit. Aber auch Gewohnheit verliert irgendwann ihren Zauber.

    Mehr vom Gleichen – nur anders verpackt

    Über die Jahre wurde das Format hier und da ein wenig angepasst – das typische „Mit der Zeit gehen“ eben. Es gab neue Juror:innen, neue Drehorte, neue Challenges. Auch Body Positivity rückte nach harter Kritik an Heidi & Co. stärker in den Fokus. Mittlerweile sind sogar Männer Teil der Show. Ob es das braucht? Gute Frage. Natürlich ist Diversität wichtig. Natürlich ist es richtig, verschiedene Körper, Biografien und Identitäten sichtbar zu machen. Manchmal wirkt all das auf mich aber eher wie ein vorsichtiges Nachjustieren an der Oberfläche und nicht wie ein mutiger inhaltlicher Neuanfang. Auch jetzt, mit Beginn der 21. Staffel, vermisse ich Authentizität und Gelassenheit. Vor allem aber einen Blick auf Schönheit, der nicht permanent um Jugend kreist – selbst wenn er vorgibt, es nicht zu tun. In dieser Staffel sind beispielsweise Jill, Bianca und Ursula mit dabei: 45, 47 und 54 Jahre alt. Das ist toll, hat aber auch einen Beigeschmack, den ich einfach nicht loswerde. Auf mich wirkt das zwischen all den jungen Teilnehmer:innen eher wie der Versuch, etwas in die Show einzubauen, weil gerade alle darüber reden. Und nicht, weil man selbst der Überzeugung ist, dass es eine ernsthafte Veränderung braucht.

    Der Subtext bleibt derselbe: Jugend ist der Maßstab

    Das eigentliche Narrativ kreist also auch weiterhin um ein sehr enges Schönheitsideal. Selbst wenn Vielfalt inzwischen sichtbar ist, bleibt der Subtext derselbe: Jugend ist der Maßstab, Jugend ist der Ausgangspunkt, Jugend ist das Versprechen. Schönheit wird zwar breiter gedacht als noch vor 15 Jahren, aber selten wirklich losgelöst vom Alter. Da hilft es meiner Meinung nach auch nicht, wenn zwei tolle 45+-Frauen mit dabei sind. Wie wäre es stattdessen mit einer klaren, eigenständigen Idee, die wirklich mit der Zeit geht – ein „Germany’s Next Topmodel“ für Frauen jenseits der 20er? Für Frauen mit Lebenserfahrung. Mit Falten, Geschichten, Brüchen, Erfolgen. Nicht als Special. Nicht als Gimmick. Sondern als ernst gemeintes Format. Frauen über 40, 50 und 60+, die nicht trotz ihres Alters modeln, sondern gerade deswegen. Weil Ausstrahlung nicht an ein Geburtsjahr gebunden ist. Weil Eleganz wächst und Präsenz oft erst mit der Zeit entsteht. Das wäre mehr als Diversität. Das wäre ein Perspektivwechsel. Eine eigenständige Bühne für Frauen, die mitten im Leben stehen oder gerade noch einmal neu anfangen. Und wenn man ehrlich ist, ist die Gastgeberin selbst das beste Beispiel: Heidi Klum (ob man sie nun mag oder nicht) hat sich über Jahrzehnte immer wieder neu erfunden – als Model, Unternehmerin, Produzentin und sogar Musikerin. Sie ist nicht stehen geblieben. Warum also sollte es ihr Format tun?

    Mit 40, 50 oder 60 ist nicht weniger, sondern oft mehr möglich

    Ein solches Format könnte mehr sein als Unterhaltung. Es könnte ein Gegengewicht zu einer Welt sein, die Frauen jenseits der 40 subtil – und manchmal sehr laut – signalisiert: Jetzt wirst du unsichtbar. Jetzt geht es bergab. Jetzt ist dein Zenit überschritten. Wie kraftvoll wäre es, Woche für Woche das Gegenteil zu sehen? Frauen mit 40, 50, 60 und darüber hinaus, die Neues wagen. Die sich zeigen, statt sich zu verstecken. Die ihre Präsenz nicht aus jugendlicher Unsicherheit ziehen, sondern aus Erfahrung. Die nicht mehr um jeden Preis gefallen wollen, sondern wissen, wer sie sind. Und über sich hinauswachsen. Es würde Frauen stärken und zeigen: Auch wenn dir da draußen permanent Jugend als einzig gültige Währung verkauft wird, dein Wert ist nicht an ein Geburtsdatum gebunden. Mit 40, 50 oder 60+ ist nicht „weniger“, sondern oft sogar mehr möglich. Mehr Klarheit, mehr Mut, mehr Selbstbestimmung.

    Vielleicht wäre genau das der mutigste Schritt nach 21 Staffeln Germany’s Next Topmodel gewesen: nicht noch diverser im Detail zu werden, sondern radikal im Blickwinkel. Schönheit nicht länger als etwas zu inszenieren, das am Anfang des Lebens stattfindet, sondern als etwas, das wächst. Denn das wäre die eigentliche Revolution: Wenn eine der erfolgreichsten Shows des Landes sagen würde: „Dein nächstes Kapitel beginnt nicht mit 18, 19 oder 25, sondern wann immer du dich traust.“

  • Ghislaine Maxwell als Gesicht eines Skandals, in dem Männer nur Fußnoten sind

    Epstein Files

    Seit vier Jahren sitzt Ghislaine Maxwell im Gefängnis. In dieser Zeit hätte man erwarten können, dass Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden. Die Realität sieht anders aus. Bis auf die kontrollierte Freigabe der Epstein Files ist nichts passiert. Ein Tropfen Wahrheit in einem Ozean aus Verschleierung, den niemand so richtig ergründen will – oder besser gesagt: ergründen kann. Denn die Männer, die den Apparat von Macht, Geld und Missbrauch gesteuert haben, bleiben unangetastet. Wie kann das sein?

    Während Maxwell ihre 20-jährige Haftstrafe verbüßt, genießen Männer wie Donald Trump, Ahmed bin Sulayem, Bill Gates, Les Wexner und Bill Clinton weiterhin Schutz und Privilegien. Sie spielen Golf, halten Vorträge, setzen sich für Bildung ein und inszenieren sich in den Medien als wunderbare Familienväter, ernstzunehmende Politiker und kluge Unternehmer. Was dieser Fall deutlich macht: Das Rechtssystem hat auf ganzer Linie versagt. Nicht, weil es Maxwell bestraft, sondern weil es das Geflecht aus Macht und Missbrauch nicht zu durchbrechen vermag. Es bestraft die „ach so schwache“ Frau und deckt den „klugen“, „großen“ und „starken“ Mann. Strukturen, in denen nicht nur Macht und Geld, sondern scheinbar auch das Geschlecht darüber entscheidet, ob man bestraft wird. Versteht mich nicht falsch. Ich möchte Ghislaine Maxwell nicht in Schutz nehmen. Sie trägt die Schuld genauso wie alle anderen Beteiligten. Aber was ist mit diesen Beteiligten, deren Namen wir kennen?

    Die Epstein Files sind ein Paradebeispiel dafür, wie leicht es Männer im Gegensatz zu Frauen noch immer in unserer Gesellschaft haben. Die Mails, Dokumente und Unterlagen offenbaren nicht nur Machtmissbrauch und sexuellen Missbrauch. Sie zeigen auch, wie Frauen systematisch geschwächt und an den Pranger gestellt werden. Was ist zum Beispiel mit all den Opfern dieses Skandals? Mit Frauen wie Virginia Roberts Giuffre, die anfangs niemand ernst genommen hat? Deren unermüdlicher Kampf nicht selten als „inszeniert“ oder „aufmerksamkeitsheischend“ dargestellt wurde? Und dann wäre da natürlich noch Ghislaine Maxwell selbst. Die sichtbare Schuldige. Ein Zahnrad in diesem System aus Lügen, Täuschungen und Vertuschungen. Allein? War sie ganz sicher nicht. Da wären ja auch noch Jeffrey Epstein, Donald Trump & Co. Während Maxwell also im Gefängnis sitzt, verschwinden die großen Architekten des Missbrauchs einfach hinter Netzwerken aus Geld, Einfluss und Protektion. So, als wäre nie etwas gewesen.

    Frauen zahlen den Preis für ein System, das auf männlicher Macht basiert

    Das Muster ist nicht neu. Dieses Muster zieht sich durch nahezu alle Lebensbereiche. Die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft ist leider immer noch ziemlich ambivalent: Sie wird als Fundament anerkannt – ist notwendig und oft unbezahlbar –, wird aber gleichzeitig immer wieder benachteiligt, gedemütigt und für unfähig erklärt. Care-Arbeit, die oft körperlich, emotional und sozial extrem belastend ist, wird nicht fair entlohnt. Auf dem Arbeitsmarkt verdienen Frauen im Durchschnitt weniger, werden seltener befördert und häufiger in prekären Positionen beschäftigt. Stichwort: sexuelle Belästigung. Ihre Arbeit wird kleingeredet, ihre Fehler werden bestraft, ihre Leistung wird unsichtbar gemacht. Auch die Geschichte von Maxwell spiegelt dies wider: Eine hochkriminielle Frau wird für ihre Rolle angeklagt und verurteilt. Das ist richtig und wichtig. Aber – und das ist der entscheidende Punkt: niemand sonst. Kein. Einziger. Mann. Frauen zahlen den Preis für ein System, das auf männlicher Macht basiert. Oder, um es kurz zu machen: Als Fußabtreter und Sündenbock sind wir gerade gut genug. Vor allem aus männlicher Sicht. Oder, Mister Trump?

    Hier geht es nicht um eine einzelne Frau. Nicht um eine einzelne Täterin. Nicht um ein einzelnes Urteil. Es geht um ein System, das gelernt hat, Verantwortung nach unten durchzureichen – niemals nach oben. Ein System, das Frauen sichtbar macht, wenn es um Schuld geht und unsichtbar, wenn es um Macht geht. Während ich die letzten Zeilen meines Textes tippe, sitzt Ghislaine Maxwell bereits seit über 1460 Tagen im Gefängnis. Eintausendvierhundertsechzig Tage, die symbolisch für eine scheinbare Gerechtigkeit stehen. Eine Gerechtigkeit, die eine Frau verurteilt. Während die Justiz Trump, Clinton und all die anderen Verantwortlichen folgenlos laufen lässt. Eine Gerechtigkeit, die ein Gesicht präsentiert, damit wir glauben, das Problem sei gelöst. Doch Machtstrukturen lösen sich nicht in Luft auf, nur weil man ein einzelnes Zahnrad entfernt.

    Wer darf ungeschoren davonkommen – und warum?

    Es geht nicht darum, Maxwell zu entlasten. Es geht darum, zu fragen, warum diese Frau scheinbar allein trägt, was viele ermöglicht haben. Es geht darum, warum Männer mit enormem Einfluss weiterhin ungestört ihr Leben fortsetzen können. Wer darf ungeschoren davonkommen – und warum? Wenn Gerechtigkeit selektiv ist, ist sie keine Gerechtigkeit. Wenn Aufklärung an Hierarchien scheitert, ist sie keine Aufklärung. Und wenn Macht darüber entscheidet, wer fällt und wer bleibt, dann leben wir nicht in einem Rechtsstaat, sondern in einem Schutzraum für Privilegierte.

  • Als Frau sollst du erwachsen sein, aber bitte nicht so aussehen

    Foto: Chester Dale Collection/National Gallery of Art

    Mit 19 wollte ich diesen Job unbedingt. American Apparel war das Versprechen von Coolness, Unangepasstheit und Indie-Ästhetik. Wer es dorthin schaffte, gehörte dazu. Ich erinnere mich an hautenge Bodys, Kniestrümpfe, Faltenröcke – an Silhouetten, die irgendwo zwischen Lolita-Fantasie und Schuluniform pendelten. Je knapper, desto besser. Die Verkaufszahlen sollten schließlich durch die Decke gehen. Das taten sie. Aber zu welchem Preis? Was in den Jahren darauf folgen sollte, war eine Entfremdung von dem, was eigentlich nicht der Rede wert sein sollte, aber immer wieder zum Thema gemacht wird: eine Frau zu sein.

    Mit 19 hinterfragt man nicht viel. Jetzt, mit 34 sieht man genauer hin. Und was ich heute sehe, ist kein Zufall, sondern ein System, das schon viel zu lange dieselbe Botschaft sendet: Weiblichkeit soll möglichst jung, rein und makellos aussehen. Warum gilt Körperbehaarung als „ekelig“? Warum ist ein schmaler, hüftloser Körper – wie man ihn eher bei sehr jungen Mädchen findet – bis heute ein Ideal auf Laufstegen und in Kampagnen? Warum sind Stupsnasen, Schmollmünder, große Augen und hohe Stimmen „süß“, während markante Gesichter schnell als „streng“ oder „schwierig“ gelten? Gleiches gilt auch für unsere Oberschenkel, Arme, Beine, Gesäße, Brüste und Fortpflanzungsorgane. Sie werden streng beobachtet. Und was nicht ins Ideal passt, wird ausgegrenzt. Was wir bei diesem oft unterbewussten Vergleich vergessen: Jede Körperfalte, jede Delle, jedes Polster, jede Narbe, jede Spur von Menschlichkeit, entfernt uns nicht nur mehr von diesem Ideal, dem wir schon als junge Mädchen verzweifelt versuchen hinterherzurennen, all das entfernt uns auch von Frausein. Weiblichkeit scheint nur dann gültig, wenn sie glatt, haarlos und möglichst unschuldig bleibt.

    Die „Forever Young“-Ästhetik wird uns schon früh eingeimpft

    Diese Fragen und Sichtweisen wirken überzogen, werden einige sagen. Bis man sie ernsthaft stellt. Viele unserer Schönheitsideale haben auffallend viel mit Unreife zu tun. Bereits 1955 hat Vladimir Nabokov mit Lolita eine literarische Figur geschaffen, die die Obsession mit jugendlicher Weiblichkeit schonungslos offenlegt hat. Der haarlose Körper. Die schmale Silhouette. Die faltenfreie Haut. Attribute, die weniger mit erwachsener Weiblichkeit als mit Vorpubertät assoziiert werden. Warum werden genau diese Merkmale 71 Jahre später immer noch so hartnäckig als Ideal gefeiert? Und das, obwohl wir doch eigentlich schon viel weiter sind? Wir sprechen heute über Gleichberechtigung, über Machtstrukturen. Wir haben #MeToo erlebt. Wir diskutieren toxische Männlichkeit in Talkshows und Seminarräumen. Frauen führen Unternehmen, Regierungen, Bewegungen. Sie verdienen eigenes Geld, entscheiden über ihre Sexualität, fordern Raum ein. Über all das bestimmen wir mittlerweile selbst. Was die Form unserer Nasen, Oberschenkel, Augen und Zähne angeht, lassen wir uns aber immer noch hineinreden. Von Männern.

    Ich will niemandem vorschreiben, ob er sich rasiert, die Nase richten lässt oder süße Kleider und Röcke trägt. Das ist auch gar nicht der Punkt. Es geht nicht um individuelle Entscheidungen, sondern um kollektive Prägung. Um die Frage, warum wir ein „Ideal“ reproduzieren, das Frauen systematisch jünger, kleiner, leiser und kindlicher erscheinen lässt, als sie sind. Um Bilder, die sich wiederholen, bis wir sie für natürlich halten. Und an diesem Punkt sind wir – schon viel zu lange. Die Mode- und Werbeindustrie hat uns diese „Forever Young“-Ästhetik eingeimpft. Marken wie Abercrombie & Fitch, gegründet von David T. Abercrombie und Ezra Fitch, inszenierten jugendliche Körper als Lifestyle, der Milliardär Leslie Wexner hat ein Imperium rund um normierte, hypersexualisierte Weiblichkeit erschaffen. Und Dov Charney, Gründer von American Apparel, setzte auf eine sexualisierte Indie-Ästhetik, in der junge Frauen in knappen Schuluniformen auf Betten posierten – mit einer kalkulierten Mischung aus unschuldig, verfügbar und ziemlich sexy.

    Frauen unterliegen einem ästhetischen Verfallsdatum

    Spätestens mit der Veröffentlichung der Epstein Files wurde deutlich, wie eng Macht, Geld und die Sexualisierung von Frauen auf der ganzen Welt miteinander verflochten sind. Dieses Verbrechen ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines Milieus, in dem Jugendlichkeit nicht nur ästhetisiert, sondern systematisch begehrt und ausgebeutet wurde. Die Frage ist daher nicht nur, warum erwachsene, alte (!) Männer junge Mädchen begehren, die gerade erst an der Schwelle zum Frausein sind oder noch weit entfernt davon. Die beunruhigendere Frage ist, warum Jugendlichkeit immer noch zur höchsten Form weiblicher Attraktivität erklärt wird. Würden wir sowas auch mit Männern machen? Sie als verbraucht abstempeln und nicht mehr begehrenswert, sobald sie ein gewisses Alter erreicht haben? Vermutlich nicht. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, wie in den Medien jemals über die Optik von Männern wie Brad Pitt, George Clooney oder Mads Mikkelsen hergezogen wurde. Im Gegensatz zu uns dürfen Männer in Würde altern. Falten und schlaffe Haut werden als charismatisch verbucht und gefeiert. Bei uns machen Krähenfüße, Stirnfalten und Nasenfalten deutlich, dass unser ästhetisches Verfallsdatum längst überschritten ist.

    Wer jetzt glaubt, das alles sei nur ein Randphänomen, sollte mal einen Blick auf die meistgeklickten Kategorien großer Pornoseiten werfen. Laut Statistiken großer Pornoseiten wie Pornhub zählt „Teen“ weltweit und auch in Deutschland zu den Top-Suchkategorien. Jugendlichkeit ist dort kein Nebenschauplatz, sondern Verkaufsargument. Wenn Millionen Klicks immer wieder dieselbe Fantasie bedienen, bleibt das nicht ohne kulturelle Wirkung. Bilder wandern von Plattformen in Musikvideos, in Modekampagnen, in Instagram-Filter. Das Begehren bleibt nicht im Privaten – es strukturiert den Blick. Und plötzlich schaust du dich nicht mehr einfach nur im Spiegel an, um dich zu schminken oder dir die Zähne zu putzen. Du bist auf der Suche nach Fehlern, die eigentlich keine sind.

    Die Popkultur trägt übrigens ebenfalls ihren Teil dazu bei. In Filmen dürfen männliche Hauptdarsteller selbstverständlich altern. Ihre Attraktivität scheint mit jedem Lebensjahr sogar zu wachsen. Ihre weiblichen Gegenparts hingegen bleiben auffallend konstant jung. Wie konsequent diese Logik greift, zeigt ein Blick auf konkrete Besetzungen: Maggie Gyllenhaal berichtete 2015 öffentlich, dass ihr mit 37 Jahren gesagt wurde, sie sei „zu alt“, um die Liebespartnerin eines 55-jährigen Mannes zu spielen. Zu alt – mit 37! Während männliche Schauspieler jenseits der 50 regelmäßig mit Frauen besetzt werden, die ihre Töchter sein könnten, verschiebt sich für Frauen die Grenze erschreckend früh: Angelina Jolie spielte im Film Alexander (2004) die Mutter von Schauspielerkollege Colin Farrell. Der Altersunterschied zwischen den beiden Schauspielern beträgt wohlgemerkt nicht mal ein Jahr.

    Frauen sind Frauen – keine Mädchen

    Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich mich damals mit 19 bei American Apparel gefühlt habe: begehrenswert, gesehen, irgendwie besonders. Lob gab es, wenn ich besonders schmal, süß und sexy wirkte. Rasieren, Wachsen und Zupfen waren selbstverständlich. Nicht zu vergessen die vielen Diäten. Als wäre mein natürlicher Körper eine Rohfassung, die erst optimiert werden musste. Nicht nur, um erfolgreich zu sein, sondern auch, um geliebt zu werden. Auch als ich längst nicht mehr für AA arbeitete, vertraute ich auf dieses Erfolgsrezept. Damals hielt ich das für Selbstbestimmung. Heute sehe ich, wie sehr meine Entscheidungen in Bilder eingebettet waren, die lange vor mir existierten und die mir beigebracht haben, nicht anzuecken, süß zu sein möglichst problemlos und jung. Was wäre, wenn es keine Schönheitsideale gäbe?

    Würden wir unsere Beine dann auch mal unbehaart lassen?
    Würden wir Falten als gelebtes Leben lesen statt als Makel?
    Würden wir Hüften feiern, weil sie erwachsen sind?

    Vielleicht würden wir lauter sein.
    Vielleicht würden wir Raum einnehmen.
    Vielleicht würden wir aufhören, uns selbst zu verniedlichen.

    Schon früh greifen wir deshalb zu Rasierern, Enthaarungsstreifen und Cremes, um unsere Weiblichkeit auf etwas herunterzutrimmen, das nichts mehr mit Weiblichkeit, sondern mit kleinen Kindern zu tun hat. Unser Körper wird nicht nur von uns selbst geformt. Er wird von Erwartungen geformt, von Werbebudgets, von Algorithmen, von Pornokategorien, von Männern mit zu viel Macht und von jahrzehntelang eingeübtem männlichem Wunschdenken. Die Verniedlichung der Frau ist dabei kein Zufall, sie ist systematisch. Eine Frau, die klein wirkt, wirkt weniger bedrohlich. Eine Frau, die jung wirkt, gilt als formbarer. Eine Frau, die lächelt, stellt keine Gefahr dar. Mein Blick in den Spiegel hat sich mittlerweile verändert. Nicht nur, weil ich mich in all den Jahren verändert habe. Ich kann mit den Folgen des Body Brainwashings jetzt einfach besser umgehen als damals mit 19. Wenn ich eine neue Falte entdecke, ein graues Haar oder einen Besenreiser wo vorher keiner war, dann ist das für mich kein Weltuntergang mehr, kein Zeichen von Versagen. Es ist ein gutes Zeichen: Ich habe mich befreit. Befreit von dem Gedanken, meinen Selbstwert von einem Schönheitsideal abhängig machen zu müssen, das keines ist. Mädchen sind Mädchen. Keine Frauen. Und umgekehrt. Alles andere ist nicht nur unrealistisch, es ist schlichtweg falsch.

    Für wen genau mache ich das gerade?

    Es geht nicht darum, Weiblichkeit abzuschaffen. Es geht darum, sie aus der Infantilisierung zu befreien. Eine erwachsene Frau ist kein Schulmädchen, keine Fantasie und kein Marktsegment. Mit 19 war ich Teil des Systems. Ich habe geglaubt, was ich gesehen habe. Mit 34 schreibe ich darüber. Nicht als moralische Abrechnung, sondern als Versuch, die Bilder zu entlarven, die wir so lange für selbstverständlich hielten. Denn im endlosen Kampf ums Schönsein ist uns in all den Jahren eines verloren gegangen: wir selbst. Auch haben wir vergessen, wie wahre, natürliche und altersgerechte Schönheit aussieht. Wir können in jedem Alter toll aussehen. Ob mit 25, 35, 45 oder 85. Vielleicht beginnt Veränderung nicht auf Laufstegen, in Magazinen oder Werbekampagnen. Vielleicht beginnt sie in diesem kurzen Moment vor dem Spiegel, in dem wir uns fragen: Für wen genau mache ich das gerade? Für mich – oder für ein Ideal, das erstaunlich wenig mit mir als Frau zu tun hat? Und wenn die Antwort zum ersten Mal wirklich „für mich“ lautet, dann ist das der Anfang von etwas Wunderbarem. Dann haben wir uns ein Stück unserer Weiblichkeit zurückerkämpft.

  • Ist das noch Brontë – oder schon Provokation?

    Man kann über Klassiker vieles sagen. Zum Beispiel, dass sie unantastbar sind. Das jede Neuverfilmung nur ein wiederholter Abklatsch vom Original ist – peinlich und unnötig. Ein Versuch, der zum Scheitern verurteilt ist. Und dann kommt Kostümdesignerin Jacqueline Durran um die Ecke. Wer denkt, Mode sei in dieser Neuverfilmung von Emerald Fennell nur schmückendes Beiwerk, erlebt hier Provokation, die kleidet, erzählt und überrascht.

    Bereits in den ersten Bildsequenzen wird klar, dass der Film von Regisseurin Emerald Fennell kein brav rekonstruierter Kostümfilm ist. Die Kleider, die Durran für Cathy Earnshaw entwarf, entziehen sich einer eindeutigen Zeitzuordnung und spielen stattdessen mit Epochen und Stilen – von viktorianischen Silhouetten über 1950er‑Referenzen bis hin zu avantgardistisch anmutenden Statement‑Looks, die eher etwas auf dem Runway als im Moor verloren haben. Bei einem Look war der Aufschrei besonders groß: Margot Robbie trägt in dieser zentralen Szene ein glänzendes rotes Kleid, das mehr nach Pariser Runway als nach Yorkshire-Tristesse aussieht. Empörung, Memes, kulturpessimistisches Raunen: Was hat das noch mit Brontë und überhaupt mit der damaligen Zeit zu tun, in der dieser Roman spielt? Das berühmt‑berüchtigte „Latexkleid“ ist jedoch kein Fetisch‑Gimmick. Vielmehr ist es ein bewusst gewählter Stilbruch mit tiefer Message: Er macht Unruhe und Leidenschaft sichtbar und bringt die erzählerische Struktur des Films so auch ohne große Worte zum Sprechen.

    Warum sollte eine Geschichte über radikale Gefühle nicht auch radikal aussehen?

    Denn was hier auf dem Spiel steht, ist weniger die Frage nach historischer Korrektheit (Spoiler: Auch 1847 war nicht alles sepiafarben), sondern die nach Interpretation. Fennell inszeniert keine literarische Vitrine, sondern eine Versuchsanordnung: Was passiert, wenn man eine Geschichte über toxische Liebe, Klassenhass und emotionale Selbstzerstörung nicht in staubige Authentizität verpackt, sondern in bewusst gesetzte Künstlichkeit? Das Latexkleid von Durran – oder genauer: die glänzende, fast aggressive Oberfläche – ist kein modischer Ausrutscher. Es ist ein Kommentar. Cathy ist hier keine Moorfrau mit Wind im Haar, sondern eine Frau mit Ego, Begehren und Eigensinn. Dass sie dabei aussieht, als könne sie im nächsten Moment eine Fashion Week crashen, passt erstaunlich gut. Natürlich kann man das alles für kalkulierte, völlig überzogene Provokation halten. Aber seien wir ehrlich: Jede Generation bekommt die „Sturmhöhe“, die sie verdient. Die 30er-Jahre wollten Pathos, die 90er wollten düsteren Realismus – und wir? Wir leben im Zeitalter der Selbstinszenierung. Warum sollte eine Geschichte über radikale Gefühle nicht auch radikal aussehen?

    Durran behandelt den Klassiker nicht wie ein museales Heiligtum

    Das wirklich Faszinierende an Durrans Arbeit liegt meiner Meinung nach nicht in einem einzelnen Kleid, sondern in der Sprache, die sie daraus macht. Sie nähert sich Brontës Welt nicht als historische Kuratorin, sondern als Erzählerin. Jedes Outfit erzählt eine Geschichte: Leidenschaft, Eigensinn, unerfüllte Sehnsüchte werden sichtbar, noch bevor ein Dialog fällt. Durran spielt mit Stoff, Farbe und Form wie ein Komponist mit Tönen – viktorianische Silhouetten treffen auf moderne Schnitte, satte Rottöne auf nüchterne Grautöne, klassische Drapierungen auf avantgardistische Akzente. Dass dabei Farbe, Schnitt und Material bewusst mit Pop-Sensibilität spielen, ist kein Stilmittel um des Effekts willen, sondern eine Übersetzung: Brontës Emotionen werden greifbar, modern, unmittelbar. Durran behandelt den Klassiker nicht wie ein museales Heiligtum, sondern wie lebendige Literatur – eine, die glänzen, übertreiben, irritieren und selbstbewusst auftreten darf.

    Am Ende sind es nicht nur Story und Schauspiel, die hängen bleiben, sondern auch die Kostüme als erzählerisches Ereignis. Durran ist es gelungen, historischen Stoff zu entstauben, ohne ihm seine narrative Wucht zu nehmen. Und wenn Cathy in einer kreischenden Robe in Rot über die Leinwand schreitet, dann ist das mehr als ein Modegag – es ist ein Ausdruck von Leidenschaft, Eigenwillen und Emotionen, die den Klassiker neu erlebbar macht. Ich bin mir ziemlich sicher, Emily Brontë hätte diese Interpretation von ihrem Roman gefallen. Schließlich waren Rebellion und Provokation keine Fremdworte für sie.

  • Wenn KI schreibt – was bleibt dann noch von mir?

    Es gibt diesen Moment, in dem der eigene Job nicht mehr nach Berufung klingt, sondern nach einem schlechten Timing. Als hätte man sich für den falschen Zug entschieden. Ein Moment, den man erst erkennt, wenn der Zug längst abgefahren ist.

    Ich ertappe mich immer öfter dabei wie ich mir die Frage stelle, ob ich einen Fehler gemacht habe. Nicht einen kleinen, korrigierbaren. Sondern einen, der die Welt auseinanderreißt – und mich gleich mit. Einen, der sich nicht mit Weiterbildungen, Buzzwords oder Optimismus wegmoderieren lässt. Ich merke, wie sich Scham in diese Gedanken mischt. Als dürfte man diese Angst nicht haben. Als müsse man „mitgehen“, „sich neu erfinden„. Aber manchmal fühlt sich Anpassung nicht nach Aufbruch an, sondern nach Selbstverleugnung. Nach einem leisen Abschied von dem, was man einmal ernst genommen hat. Und im Moment fühlt sich das längst nicht mehr wie meine Berufung, sondern wie eine Bestrafung an – während man mir freundlich erklärt, ich solle das als Chance begreifen. Aber wenn KI schreibt, was bleibt dann noch von mir?

    Wenn das reicht – wozu dann ich?

    Künstliche Intelligenz schreibt Texte. Schnell, effizient, ohne Zweifel. Sie wird nicht müde, sie zweifelt nicht an sich, sie fragt sich nicht nachts um halb drei, ob ein Absatz zu viel ist oder ein Gedanke zu dünn. Und je besser sie wird, desto kleiner fühle ich mich. Austauschbar. Überflüssig. Als hätte ich jahrelang an etwas gearbeitet, das plötzlich seinen Wert verloren hat. Journalismus war noch nie frei von Sorgen. Meine Generation kennt die Unsicherheiten, die der Beruf mit sich bringt. Ungerechte Bezahlung, fehlende Meinungsfreiheit, Kündigungen, Kürzungen und Personalmangel. Wir konnten uns glücklich schätzen, wenn es Wasser, Kaffee und Hafermilch umsonst gab, einen Obstkorb im Pausenraum und einen Zuschuss zum Jobticket. Wir haben uns an all das gewöhnt, aber nie davon beeindrucken lassen. Irgendwie geht es ja trotzdem weiter. Mit der KI im Nacken hat das Sorgenpaket aber noch mal eine größere, bedrohlichere Form angenommen. Eine, die nicht einfach wegignoriert werden kann.

    Was mich wütend macht, ist nicht nur die Technologie. Es ist das Schweigen darum, was das mit Menschen macht. Mit denen, die Schreiben nicht als Skill gelernt haben, sondern als Haltung. Als Verantwortung. Als etwas, das Zeit braucht, Reibung, Zweifel. Stattdessen höre ich Sätze wie: „Am Ende zählt doch nur das Ergebnis.“ Aber nein. Genau das war nie der Punkt. Wer schreibt, der steckt sein ganzes Herzblut dort rein. In jedes Wort, in jeden Satz, in jedes Zeichen und in jede Pointe. Geschichten leben vom Erlebten. Von mir als Person. Denn das ist es doch, was Leser:innen wollen: Echte Texte, von echten Menschen. Keinen KI-Ghostwriting-Müll aus der Prompt-Fabrik. Texte schreiben ist viel mehr als eine Aneinanderreihung von Worten, die den richtigen Ton treffen. Dass jemand hinsieht, abwägt, sich irrt, korrigiert. Dass jemand spürt, wo es weh tut, wo es kompliziert wird. Dass jemand Verantwortung übernimmt für Worte, statt sie nur zu optimieren. Das ist Journalismus. Jetzt soll all das plötzlich egal sein? Oder schlimmer: simuliert werden? Ich sitze vor Texten, die „funktionieren“, und denke: Wenn das reicht – wozu dann ich? Wozu meine Zweifel, meine Gedanken, mein Anspruch? Wozu all die Jahre, in denen ich geglaubt habe, Journalismus sei mehr als Contentproduktion?

    Vielleicht hätte ich auf Mama, Papa und Oma hören sollen

    Vielleicht war ich einfach zu naiv. Vielleicht habe ich den falschen Weg gewählt, weil ich an etwas geglaubt habe, das nie stabil genug war, um in einer Welt der Automatisierung zu bestehen. Und jetzt zahle ich die Quittung dafür, wie viele andere auch: Hättest du etwas Solideres machen sollen? Etwas, das sich nicht so leicht ersetzen lässt? Dann wäre ich jetzt bestimmt glücklicher… Vielleicht hätte ich auf Mama, Papa und Oma hören sollen. Krankenschwester, Anwältin, Büroangestellte oder Verkäuferin werden sollen. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Eigentlich bin ich mir trotz all dieser Zweifel ziemlich sicher, dass dieser Weg der richtige war. Damals, mit 12, als ich mir von meinem Taschengeld die erste Vogue gekauft habe. Ich wollte schreiben. schon immer. Unbedingt. Und immer noch. Ich habe meinen Traum zum Beruf gemacht: Abitur, Studium (abgebrochen), vom Hörsaal direkt in die Redaktion. Schreiben, schreiben, schreiben. Einen Großteil davon soll nun die KI übernehmen. Ich sträube mich. Mit jeder Pore meines Körpers. Meine Kopf und meine Finger wollen nicht. Denn das, was hier passiert, fühlt sich nicht (mehr) richtig an.

    Wie geht man damit um, wenn der eigene Beruf nicht nur verschwindet, sondern (viel schlimmer noch) entwertet wird? Wenn das, was einen einmal definiert hat, plötzlich als ineffizient, zu langsam, zu emotional gilt? Das betrifft übrigens nicht nur mich. Auch Fotograf:innen, Illustrator:innen, Video-Producer:innen. Sogar Content Creator:innen sind davon nicht ausgenommen. Lassen sich mithilfe der KI doch längst Avatare erstellen, die kaum noch von einem realen Menschen zu unterscheiden sind. Perfekt zugeschnitten auf die Audience. Auf das, was zieht. Optisch und in inhaltlich.

    Es verschwindet ein Raum für Kritik, Meinung und Persönlichkeit

    Ich will mich nicht neu erfinden müssen, nur um relevant zu bleiben. Ich will nicht so tun, als wäre ich begeistert davon, dass Maschinen das übernehmen, was für mich Sinn war. Und ich bin müde von der Erwartung, diese Entwicklung bitte klug, neugierig, angst- und (vor allem) wutfrei zu begleiten. Vielleicht ist das hier keine Analyse, sondern ein Trotztext. Ein Versuch, mir selbst zu beweisen, dass ich noch da bin. Dass ich noch schreiben kann. Dass das Schreiben immer noch etwas mit mir macht – auch wenn es sich anfühlt, als würde die Welt gerade entscheiden, dass sie mich nicht mehr braucht. Und vielleicht ist genau das das Ehrlichste, was ich gerade kann: zu sagen, dass ich mich falsch fühle. Nicht falsch im Denken. Sondern falsch platziert. In einem Beruf, der sich einmal wie der richtige angefühlt hat – und jetzt wie ein Raum, in dem ich langsam leiser werde. In dem keine Tastatur mehr klappert, sondern nur noch das Surren des Laptops die gespenstische Stille erfüllt.

    Journalismus war für immer auch ein Stück weit Identität. Haltung. Der Versuch, die Welt ein klein wenig verständlicher zu machen – für andere und für mich selbst. Denn was weiß eine KI schon davon, wie es ist, Verantwortung für Worte zu tragen, wenn sie nur mit vorgegebenem und sortiertem Wissen gefüttert wird? Wenn dieser Versuch nun automatisierbar erscheint, bleibt nicht einfach eine Lücke zurück. Es verschwindet ein Raum, in dem Kritik, Meinung und auch Persönlichkeit entstehen konnten.

    In 20 Jahren ist die Welt eine andere. Diesen Satz hätten wir vielleicht noch 2011 gesagt. Heute sieht es anders aus. Da kann die Welt schon innerhalb eines Jahres eine völlig andere sein. Was sie für uns Journalisten bringen wird? Das weiß ich nicht. In 20, 30 oder 40 Jahren? Wer weiß das schon. Ich hoffe jedoch, dass unsere Worte auch dann noch Bestand haben und wir sie nicht verloren haben. Dass wir uns noch an all die vielen Schriftsteller:innen, Autor:innen und Journalist:innen erinnern werden, die die Welt mit ihren Worten geprägt haben. Und nicht an die Worte von ChatGPT.


  • Die Epstein Files als Beleg für käufliche Straflosigkeit

    In den vergangenen Monaten habe ich nichts so intensiv verfolgt wie die Epstein Files. Kein Buch, keine Serie, keinen neuen Film. Währenddessen ist mir vor allem eines klar geworden: Unser System ist krank. Sehr krank. Und, dass ich dringend mal etwas loswerden muss.

    Die Veröffentlichung der Epstein Files hat eine vertraute Reaktion ausgelöst: Aufmerksamkeit, Diskussion, Empörung. Und dann das, was in der digitalen Öffentlichkeit fast immer folgt: Müdigkeit. Die nächste Nachricht wartet bereits. Dabei wäre Wut angebracht. Nicht Neugier, nicht sensationsgetriebene Aufmerksamkeit, nicht das fast spielerische Durchforsten tausender Seiten nach bekannten Namen. Sondern Wut. Richtige Wut. Damit meine ich übrigens nicht die klassische Form von Wut. Ich meine Wut, die etwas in Bewegung setzt. Und zwar nicht nur den Finger auf dem Screen unseres Smartphones, um das nächste #epsteinfiles-Reel, den nächsten Post oder die nächste Story abzusetzen.

    Jeffrey Epstein war nicht allein

    Was die Epstein Files sichtbar machen? Es handelt sich nicht um einen singulären Skandal und erst recht nicht um das isolierte Verbrechen eines einzelnen Mannes. Es ist ein Muster. Systemische sexuelle Gewalt in ihrer schlimmsten Form. Ermöglicht und geschützt durch Geld, Macht und institutionelles Schweigen. Über Jahre. Über Jahrzehnte. Wie lange genau? Das möchte ich ehrlicherweise gar nicht so genau wissen. Und Sie bestimmt auch nicht. Es würde ohnehin nichts ändern. Es würde die Krankheit und Perfidität unseres Systems nur noch deutlicher machen.

    Was mich persönlich besonders ohnmächtig macht: Jeffrey Epstein war nicht allein. Und er handelte nicht im luftleeren Raum. Er hatte Zugang und Schutz. Vor allem aber hatte er Netzwerke. Und selbst nach seinem Tod lebt dieses dunkle System weiter. Ein System, dessen Spielchen wir noch nicht einmal ansatzweise durchschaut und verstanden haben: in geschwärzten Akten, in juristischen Verzögerungen, in der auffälligen Abwesenheit echter Konsequenzen. Ghislaine Maxwell verbüßt seit 2022 eine 20-jährige Freiheitsstrafe. Eine Frau. Das soll ihren Anteil am Epstein-Skandal selbstverständlich nicht relativieren. Aber was ist mit all den Männern, die immer noch frei und ohne Konsequenzen da draußen herumlaufen? Donald Trump, Bill Gates, George Bush, Bill Clinton? Dass ausgerechnet diese Abwesenheit von Konsequenzen inzwischen kaum noch überrascht, ist vielleicht der beunruhigendste Punkt.

    Die Epstein Files zeigen, wie optional Konsequenzen geworden sind

    Wer die Epstein Files liest, stößt nicht auf eine unerklärliche Ausnahme, sondern auf eine bekannte Logik der Macht. Wohlhabende, einflussreiche Männer nutzen ihre Ressourcen, ihre Kontakte und ihre gesellschaftliche Stellung, um Gewalt auszuüben – und um vor ihr geschützt zu werden. Nicht trotz des Systems, sondern durch es. Die Konsequenzen für dieses perfide Handeln? Liegen eigentlich auf der Hand. Eigentlich. In der öffentlichen Debatte richtet sich der Blick dennoch häufig in die falsche Richtung. Es wird gefragt, wie Epstein so lange „davonkommen“ konnte. Warum so viele Männer, die mit ihm in Verbindung standen, weiterhin Positionen innehaben, die ihnen eigentlich längst hätten entzogen werden müssen. Die Antwort ist unangenehm einfach: weil sie es konnten. Und: weil sie es immer noch können. Weil wir in einem System leben, das Verantwortung verschiebbar macht und Schuld verwaltet, statt sie zu ahnden. Was mir in den Monaten der Veröffentlichung ebenfalls aufgefallen ist: Statt der Männer sind es häufig Frauen wie Virginia Roberts Giuffre, die öffentlich gedemütigt, kritisiert und geghostet werden: „Warum behauptet sie das?“ – „Was bildet sie sich ein?“ – „Was denkt sie, wer sie ist?“ – „Als ob jemand mit so viel Geld sich mit so einer Frau abgeben würde.“ Ich möchte und kann mir gar nicht ausmalen, wie sich Virginia Roberts Giuffre und die vielen anderen Epstein-Opfer gefühlt haben müssen.

    Aber wie funktioniert dieses System eigentlich? Das werden wir vermutlich nie erfahren. Wer den Kopf jedoch für einen Moment vom Smartphone wegbewegt, wird feststellen: Es braucht dafür gar nicht viel, außer vielleicht Menschenverstand und etwas Logik. Es arbeitet leise, nicht hörbar. Es versteckt Opfer hinter juristischen Formulierungen und Geheimhaltungsvereinbarungen. Es verwandelt Gewalt in „Kontroversen“ und strukturelles Versagen in bedauerliche Einzelfälle. Oder, um es kurz zu machen und auf den Punkt zu bringen: Eine Hand wäscht die andere. Wenn ich untergehe, gehst auch du unter. Und es verlässt sich darauf, dass öffentliche Aufmerksamkeit kurzlebig ist – dass Empörung verpufft, bevor sie gefährlich wird. Heute Epstein Files, morgen ein neuer Skandal: Putin, China, Dritter Weltkrieg, Iran – oder eine neue Pandemie. Vielleicht erklärt das auch die seltsame Gefühlslage, die viele beim Lesen der Epstein Files beschreiben. Keine echte Überraschung, eher eine resignierte Bestätigung. Man liest, nickt, denkt: So funktioniert Macht. Systemische Gewalt schockt nicht, sie wird erwartet.

    Haben wir verlernt, wütend zu sein?

    Die Welt ist nicht wütend genug. Warum? Weil sie gelernt hat, Information mit Handlung zu verwechseln. Wer liest, glaubt, informiert zu sein. Wer teilt, glaubt, Stellung bezogen zu haben. Doch Wissen allein erzeugt keine Verantwortung. Und Transparenz ohne Konsequenzen ist kein Fortschritt, sondern eine Beruhigungsstrategie. Was fehlt, ist nicht Material. Es fehlt die Bereitschaft, aus Erkenntnis Forderungen abzuleiten. Nicht nur nach Aufklärung, sondern nach struktureller Veränderung. Nach echter Rechenschaft. Nach einem System, in dem Reichtum, Einfluss und Bekanntheit nicht darüber entscheiden, ob Konsequenzen greifen – oder optional werden.

    Die Epstein Files dokumentieren nicht nur vergangene Verbrechen. Sie dokumentieren eine Gegenwart, in der diese Verbrechen sichtbar, benannt und dennoch folgenlos bleiben. Und sie stellen eine unbequeme Frage: Was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn selbst das Wissen um systemische Gewalt keine Wut mehr erzeugt – und ab welchem Punkt macht uns genau diese Gleichgültigkeit selbst mitschuldig?

  • Lauren Sánchez in Paris: Warum dieser Auftritt mehr über Geld als über Stil erzählt

    Prominenz und Couture treffen in Paris regelmäßig aufeinander. Doch nicht jeder Auftritt wird dadurch automatisch zu einem Statement, an das man sich gerne erinnert. Lauren Sánchez’ Dior-Kostüm ist so ein Beispiel: ein hübsches Zitat ohne eigene Stimme – sichtbar und perfekt fotografiert, aber bemerkenswert unbedeutend in seiner Aussage.

    Was John Galliano wohl durch den Kopf ging, als er Lauren Sánchez in einem von ihm entworfenen Vintage-Minikleid aus dem Jahr 1995 erblickte? Das wird vermutlich für immer ein Geheimnis bleiben. Fakt ist: Wenn man von der Trägerin einmal absieht, hat der Look eigentlich alles, was man sich von einem großen Auftritt während der Pariser Modewoche verspricht: Geschichte, Handwerk, das Besondere eben. Wir reden hier schließlich von Dior – und von Galliano. Schade nur, wenn die Theorie aufregender klingt als die Realität.

    „Dior“ oder „Archiv“ genügen, um Bedeutung, Zugehörigkeit und Stil vorzutäuschen, könnte man meinen. In gewissen Kreisen mag dieser Gedanke auch aufgehen. Aber eben nicht in Paris. Und nein, auch dann nicht, wenn man den 4. reichsten Mann der Welt geheiratet hat. Und genau das ist das Problem. Trotz geschichtsträchtiger Vergangenheit, Schneiderkunst und großer Namen wirkte der Look bei Lauren Sánchez eher wie ein Amazon-Haul. Nicht Ausdruck von Stil, sondern ein Signal: Zugehörigkeit zur richtigen Sphäre, Nähe zur richtigen Marke, Präsenz am richtigen Ort. Kleidung zur Bestätigung von Status, nicht zur Formulierung eines eigenen Gedankens. Frei nach dem Motto: Ich habe, also bin ich. Mehr aber auch nicht.

    Lauren Sánchez ist nicht die Erste, die diesem Prinzip folgt. Kim Kardashian im Marilyn-Monroe-Kleid bei der Met Gala ist ein Paradebeispiel: Ikonisches Kleid, enorme Aufmerksamkeit, aber ein Auftritt, der mehr über Zugang als über Stilbewusstsein erzählt. Geschichte wurde nicht interpretiert, sondern getragen. Das Kleid fungierte vielmehr als Reliquie, nicht aber als Ausdruck individueller Haltung.

    Stil ist kein Besitzstand, kein Objekt, das man erwerben kann. So wie einen Bentley, eine Luxusvilla oder eine Yacht mit Pool und Hubschrauberlandeplatz. Geld verschafft zwar Nähe, Sichtbarkeit und Zugang, aber keine echte Intimität. Stil entsteht aus Instinkt, aus Kontext, aus dem Mut, Entscheidungen zu treffen. Nicht, weil man Milliarden auf dem Konto hat.

    So wird der Auftritt von Lauren Sánchez zu einem stillen Lehrstück über zeitgenössische Promi-Mode: sichtbar, privilegiert, aber ohne innere, eigene Haltung. Ein Look, der alles hat – außer Stil(gefühl). Ein Look der zeigt, dass selbst Couture bedeutungslos wird, wenn sie nur getragen und nicht verstanden wird.

    Am Ende bleibt kein Skandal, kein Fauxpas, kein modisches Desaster. Nur etwas vielleicht noch Unangenehmeres: Belanglosigkeit. Und das ist – gerade in Paris – die härteste Kritik von allen.

  • Warum Carrie Bradshaw eigentlich immer das Problem war

    Es gab eine Zeit, da wollte ich unbedingt so sein wie Carrie Bradshaw. Oder zumindest so leben wie sie: schreiben, rauchen, lieben, scheitern – und dabei aussehen, als wäre alles Teil eines größeren ästhetischen Plans. Carrie war mehr als eine Serienfigur, sie war ein Lebensgefühl. Sehe ich mir die Serie heute an, bleibt von der einstigen Verehrung nur noch Irritation übrig. Carrie Bradshaw funktioniert für mich nicht mehr. Sie verkörpert für mich etwas, das ich heute, mit 34 Jahren, sehr viel genauer benennen kann: emotionale Toxizität, verpackt in Tüll, Manolos und Wortwitz.

    Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Carrie eine Frau, die sich permanent selbst sabotiert und das als romantisches Schicksal verkauft. Ihre größte Liebe? Ein Mann, der sie ghostet, zurückholt, kleinmacht, wieder verschwindet und am Ende doch als große Seelenverbindung verklärt wird. Mr. Big ist kein tragischer Held, er ist ein Lehrbuchbeispiel für vermeidbaren Stress. Und Carrie? Bleibt. Immer wieder. Weil „es sich richtig anfühlt“. Spoiler: Das tat es nie.

    Glamour? Wohl eher ein Warnsignal

    Was früher wie große Liebe aussah, wirkt heute wie emotionale Abhängigkeit. Carrie analysiert ihr Innenleben unentwegt, aber nie mit dem Ziel, etwas zu verändern – stattdessen wird das Drama ästhetisiert und immer weiter aufgebauscht. Hübsch verpackt in einer Kolumne. Was diesen Punkt angeht, frage ich mich übrigens bis heute: Wie konnte sie damit überhaupt ihren Lifestyle, die vielen Dior-Stücke und Manolos finanzieren? Die Manolos. Ach, diese Manolos… Einen besseren Schuh konnte man sich für Carrie kaum ausdenken, finde ich. Irgendwie stehen sie doch sinnbildlich für ihre Lebensführung: teuer, instabil, schmerzhaft.

    Was Carrie besonders toxisch macht, ist jedoch etwas Subtileres: Sie romantisiert Dysfunktion. Sie verkauft Chaos als Tiefe, Unsicherheit als Leidenschaft, emotionale Unerreichbarkeit als Mysterium. Das ist gefährlich, weil es Generationen von Zuschauerinnen (inklusive mir) beigebracht hat, dass Liebe weh tun müsse, um echt zu sein. Dass Ruhe langweilig sei. Dass man sich selbst verlieren müsse, um etwas zu fühlen. Heute weiß ich: Girl – run, before it’s too late. 2026 leben wir (zum Glück!) in einer Zeit, in der wir Begriffe haben für das, was Carrie tut: Gaslighting (auch sich selbst gegenüber), People Pleasing, Bindungsangst, Co-Abhängigkeit. Heute weiß ich: Wenn man sich nach jedem Date weinend bei seinen Freundinnen auskotzt, ist das kein Glamour, sondern ein Warnsignal.

    Was mit Anfang 20 noch cool wirkt, lässt mich heute nur noch den Kopf schütteln

    Das heißt nicht, dass Carrie „schlecht geschrieben“ ist. Im Gegenteil: Ich mag ihren Witz, und modisch inspiriert sie mich bis heute. Aber: Carrie Bradshaw ist längst kein Vorbild mehr, sondern Teil eines Narrativs, das schlecht gealtert ist. Ein Zeitdokument aus einer Ära, in der weibliches Leiden noch als sexy galt, solange es gut angezogen war. Vielleicht liegt die größte Entzauberung darin, dass Carrie nie wirklich erwachsen wird. Was mit Anfang 20 noch cool wirkt, lässt mich heute nur noch den Kopf schütteln. Über die Staffeln hinweg bleibt ihr Umgang mit Beziehungen nahezu unverändert. Sie analysiert, kommentiert, deutet – doch sie entscheidet selten. Carrie lebt von Variation, nicht von Veränderung. So entsteht kein Bogen, sondern ein langweiliger Kreislauf. Was sich ändert, ist der Schuh – nicht aber die Richtung.

    Dankbar bin ich Carrie trotzdem. Für ihren Witz, ihre Loyalität gegenüber ihren Freundinnen und ihren modischen Mut. Letzteren hätte ich mir aus heutiger Sicht auch abseits ihrer Garderobe gewünscht – nicht nur in Form von Cowboyhut zum Bandeautop oder Herrenhemd zu High Heels. 2026 wünsche ich mir andere Heldinnen. Solche, die nicht bleiben, nur weil sie hoffen. Die Liebe nicht mit Selbstverlust verwechseln und Fehler nicht nur bei anderen, sondern auch bei sich selbst suchen. Die lernen, dass Stärke nicht darin liegt, zu verharren, sondern darin, die eigenen Schritte zu wählen und ihnen zu folgen. Ob man auf diesem Weg nun Manolos trägt oder eben nicht.

  • Nicht alle Frauen sind geborene Mütter

    „Irgendwann werde ich Kinder haben“, sagte meine Jugendfreundin J. mit 14 mal zu mir. Da saßen wir gerade auf der Schaukel auf unserem Lieblingsspielplatz, teilten uns eine gemischte Tüte von Kiosk und lauschten der neuen Bravo Hits 2003. Ich war überrascht über ihren Satz. Ich hatte bis dato nur Pferde und Bücher im Kopf, dachte mir aber: Das wird sich schon irgendwann ändern. Mamas sind Frauen und Frauen sind Mamas. Das war damals einfach so. Tat es aber nicht. Auch nicht mit 31. Auch nicht jetzt, während ich diesen Text tippe.

    Ich habe einen Job, einen Mann, zwei Katzen und lebe auf einem wunderschönen Resthof. Ich habe alles, was ich jemals wollte. Wenn ich den Stimmen um mich herum lausche, scheint das aber nicht genug zu sein. Etwas fehlt. Etwas ganz Entscheidendes.

    Bin ich normal? Und wenn nicht: Wann würde ich normal werden?

    „Wo bleibt das Kind?“, „Du hast aber einen gesunden Appetit. Isst du jetzt für Zwei?“ oder „Und, seid ihr schon schwanger?“ waren nur ein paar der Sätze, die mir im Gedächtnis geblieben sind – und die ich am liebsten ganz schnell wieder vergessen hätte. Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen und selbst Fremde schienen sich mehr für meinen Uterus zu interessieren, als ich selbst. Aus dem Fragen-Knäuel meiner Mitmenschen spann’ ich mir mit Anfang 20 eine ganz eigene Frage, die mich bis in meine frühen Dreißiger verfolgen sollte: Bin ich normal? Und wenn nicht: Wann würde ich normal werden? Eine gute Bekannte und Mutter eines kleinen Sohnes meinte mal zu mir, „Du spürst, wenn du ein Kind willst.“ Ich versuchte, in mich hineinzuhorchen. Es blieb stumm. Stumm in meinem Uterus, stumm in meinem Kopf und stumm in meinem Herzen.

    Die Stummheit machte mir Angst. War etwas kaputt in mir? Meine Suche nach Gleichgesinnten blieb vergeblich. Überall um mich herum schossen die Babys wie Frühlings-Krokusse aus dem Boden. Vielleicht musste ich einfach mehr auf diesem Boden umherwandern, um mich mit dem Babyfieber zu infizieren? Ich nahm Babys auf den Arm, ließ mich ansabbern, verkleidete mich von Kopf bis Fuß und las ein Kinderbuch nach dem anderen vor. Die Stummheit wurde zu einer Art Taubheit, die ich mir nicht erklären konnte. Bis mir Sheila Heti die Augen öffnete.

    (K)eine Laune der Natur

    An einem Januarmorgen im Jahr 2018 ging ich wie jeden Monat meinen Stapel mit druckfrischen Rezensionsexemplaren durch, um geeignetes Material für eine geplante Buchvorstellung zu finden. Als ich „Mutterschaft“ von Sheti im Stapel entdeckte, pausierte ich kurz. Da war es wieder. Dieses Wort, zu dem ich nicht fähig war. Mutter. Mutterschaft. Ich legte das Buch ganz nach unten in den Stapel. Nur um es am Abend wieder hervorzuholen und darin zu lesen. Meine anfängliche Skepsis wurde ziemlich schnell von einer „Ja, ja, ja!!“-Walze plattgemacht. Ich fühlte mich zum ersten Mal verstanden, gesehen, gehört und normal. Normaler als normal. Denn: Was für andere selbstverständlich ist, muss für uns noch lange nicht die Norm sein. Oder Teil des eigenen Lebens werden.

    Ein Kind könnte mich gar nicht aushalten – und umgekehrt

    Nach dem Lesen schien die verschollene Stimme in mir so stark wie nie zuvor. Ich wusste plötzlich, wer und was ich nicht war: Mutter. Ich liebe es, morgens ewig lange im Bett herumzublödeln, mir einen Kaffee zu kochen und in guten Magazinen und Büchern zu stöbern. Ich muss die Gewissheit haben, dass ich jederzeit spontan meine Sachen packen kann, um mit meinem Mann auf unsere Lieblingsinsel Ibiza zu fliegen. Ich bin unausstehlich, wenn ich vom Leben in den Schwitzkasten genommen werde und müsste mit meiner dramatischen Persönlichkeit eigentlich längst einen Oscar gewonnen haben. Fakt ist: Ein Kind könnte mich gar nicht aushalten – und umgekehrt. Das zu akzeptieren, war wie eine Erlösung für mich. Danke Sheila.

    Muttersein betrachte ich heute anders. Entspannter. Eine gute Mutter ist für mich nicht nur eine Frau, die sich dazu entschließt, die Welt mit einem Kind zu bereichern. Eine gute Mutter ist auch eine Frau, die sich bewusst gegen ein Kind entscheidet. Ganz egal, wie die Menschen um einen herum das finden.

    Dieser Artikel erschien zuerst auf fuersie.de

  • BRIGITTE WIR PORTRÄT „ALLES IM RAHMEN“