• Warum ich meine wahre Herkunft über Jahrzehnte hinweg versteckt habe

    Ich glaube, nach außen hin wirke ich wie die ideale Projektionsfläche einer privilegierten, weißen Frau. Was viele nicht wissen? Dass ich meine wahre Herkunft über Jahrzehnte hinweg versteckt habe, um so etwas wie Zugehörigkeit in unserer Gesellschaft zu erfahren. Mein Leben bestand lange Zeit aus einer subtilen, aber konstanten Form der Selbstverleugnung. Meine Eltern sind damals für die Arbeit und für ein besseres Leben nach Deutschland gekommen. Auch ich gehörte zu diesem Plan dazu. Für mich? Sollte es jedoch nicht ganz so gut laufen wie für sie. Mein ausländischer Nachname würde mich in den nächsten Jahren unentwegt daran erinnern. Für meine Eltern war dieser Anker und Herkunft. Ein Stück Identität in der Fremde. Ich wünschte, ich hätte genau das auch sagen können. Doch noch bevor ich den Mund öffnen oder laufen konnte, wurde ich in eine Schublade gesteckt, in die ich gar nicht wollte.

    Ich bin in dem Glauben aufgewachsen, meine Herkunft wie einen Makel behandeln zu müssen. Wie einen roten, leuchtenden Pickel auf der Nase, den man unter einer dicken Schicht Concealer zu verstecken versucht. Es fing schon damit an, als ich in der 1. Klasse mit Vor- und Nachnamen aufgerufen wurde. Für Schmidt, Schneider oder Fischer interessiert sich niemand. Es ist normal. Deutsch eben. Anders verhält es sich, wenn du einen Nachnamen hast, der schon klingt, als ob er keine Manieren hat, Stress macht und im Plattenbau aufgewachsen ist. Für mich stand also schon ziemlich früh fest: Ich musste so deutsch werden wie nur möglich. Doch mein Name blieb mein Verräter.

    Während meiner Schulzeit fühlte ich mich die meiste Zeit so, als hätte ich irgendwo an meinem Körper ein unsichtbares Warnschild kleben, das nur für Außenstehende sichtbar war. Dieses Gefühl wurde vor allem dann spürbar, wenn ich versuchte, die Schwelle von der Schule in die Kinderzimmer meiner Freund:innen zu übertreten. Wenn ich dort zu Besuch war oder auf einem Kindergeburtstag eingeladen wurde, bemerkte ich die Blicke der Mütter sofort. Manchmal hatte ich das Gefühl, sie umklammerten ihre Handtaschen etwas fester in meiner Anwesenheit und versteckten die Wertsachen dort, wo meine polnische Spürnase sie schon nicht erschnüffeln würde. Nicht zu vergessen dieser leicht prüfende Blick voller Misstrauen, Abneigung und Überlegenheit, der länger auf mir verweilte als auf dem Rest der Gruppe. Es war, als warteten sie nur darauf, dass ich meinem „Ruf“ gerecht werde. In ihren Augen las ich den unausgesprochenen Gedanken sofort: „Für eine Polackin hat sie erstaunlich gute Manieren.“ Es sind aber nicht nur die Schüler:innen und ihre Mütter, die mir in Erinnerung geblieben sind. Ich erinnere mich auch an diese eine, ganz bestimmte Situation: Wenn ich meinen Namen buchstabieren musste, stieg mir die Hitze ins Gesicht. Es war eine tiefe, körperliche Scham, die ich einfach nicht ablegen konnte. Es war nicht nur die Wiederholung der Laute. Es war die Art, wie mein Name in der Luft stehen blieb. Als hätte ich etwas gesagt, das hier eigentlich nicht hingehörte. Wenn ich ihn buchstabierte, war ich gezwungen, das, was ich sonst so mühsam zu verstecken versuchte, laut auszusprechen. In der weiterführenden Schule hatte ich kurz die Hoffnung, es würde besser werden. Die Menschen waren jetzt zwar andere, die Vorurteile blieben jedoch die gleichen: „Schwarzarbeiterin“, „Autoknackerin“, „Polacken-Gesindel“, „Plattenbaukind“. Es ist erstaunlich, wie viele Synonyme man für etwas findet, das eigentlich nur eine geografische Herkunft bezeichnet. Wie man aus ein paar Konsonanten ein Narrativ von Kriminalität und Hass konstruiert, das nichts über mich, aber alles über die Weltanschauung der anderen verrät. In meinen Ohren klangen diese Worte trotzdem wie Urteile. Und Wahrheiten. Als Kind verstehst du nicht, warum Menschen so hasserfüllt reagieren. Man versteht nur eines: Mit mir stimmt etwas nicht. Wenn die Welt dir ständig spiegelt, dass dein Name mit Diebstahl oder Minderwertigkeit assoziiert wird, dann fängst du irgendwann an, dich selbst zu korrigieren. Es passiert ganz automatisch.

    Auch als ich die Schule längst hinter mir gelassen hatte, versteckte ich mich. Ich habe meinen Namen verschluckt, ihn in bürokratischen Momenten leise gemurmelt oder mit einer Erklärung vorweggenommen, nur um den komischen Blicken zuvorzukommen. Beim Dating änderte sich dann mit einem Schlag alles. Mein Polackinnen-Dasein war kein Makel mehr. Plötzlich wollte man sich mit mir schmücken. Das Osteuropäische wurde als Accessoire begriffen, mit dem man das Liebesleben ein wenig aufpimpen und sich vor anderen Männern profilieren konnte. Ich genoss die Aufmerksamkeit zunächst. Mein neuer Status gefiel mir. Wenn ich die Herkunft, für die ich mich als Kind geschämt hatte, nun als Kompliment verpackt bekam, fühlte sich das für einen Moment an wie ein Triumph über meine eigene Geschichte. Ich dachte, ich hätte den Spieß umgedreht. Ein Trugschluss. Denn wer mich aufgrund meiner Herkunft begehrte, sah mich genauso wenig als gleichwertiges Individuum wie diejenigen, die mich als Kind für denselben Namen beschimpft hatten. Es war derselbe Mechanismus: Ob Klauerin oder heiße Osteuropäerin – ich blieb in beiden Fällen eine Konstruktion. Und eine Rolle, die andere für mich geschrieben hatten.

    In meinen späten Zwanzigern wurde ich müde. Müde davon, meine Herkunft in jedem Moment des Alltags zu zensieren, zu verleugnen oder zu kaschieren. Ich begann also, den Namen nicht mehr zu murmeln, sondern auszusprechen. Deutlich. Laut. Ohne die obligatorische Rechtfertigung hinterher. Ich begriff, dass der Rassismus, dem ich begegnet war – egal ob in der Form des Misstrauens oder der Fetischisierung –, niemals mein Problem war. Er war immer das der anderen. Auch die Scham gehörte nie mir. Sie wurde mir aufgedrängt. In der Hoffnung, dass ich daran zerbreche und mich so klein mache, dass ich ihr Weltbild nicht mehr störe. Das Verrückte daran ist nicht mehr, wie andere mich sehen. Das Verrückte ist, wie lange ich geglaubt habe, dass ich mich in dieser engen, konstruierten Welt geben müsste, um dazuzugehören. Als ich meinen Mann kennengelernt habe, war ich im ersten Moment fast ein wenig irritiert. Ihn interessierte meine Herkunft nicht. Jedenfalls nicht so, wie es die anderen zu interessieren schien. Ich war einfach Isabell für ihn. Und es wurde ruhig in mir. Als wir heirateten und ich seinen Namen annahm, einfach so, weil ich wollte, passierte etwas, das ich so nicht erwartet hatte: Die Welt hörte einfach auf, Fragen zu stellen. Niemand hielt mehr inne, wenn ich mich vorstellte. Niemand fragte, woher der Name kam oder warum ich nicht aussah wie eine typische Osteuropäerin. Auch der prüfende Blick, der mich fast mein ganzes Leben lang verfolgt hatte, blieb aus. Weil mein Name nicht mehr den Anlass dazu bot. Es war ernüchternd zu sehen, wie wenig es brauchte, um diese Veränderung im Denken und Handeln gewisser Menschen zu bewirken. Eine Unterschrift, einen neuen Stempel im Ausweis – und das Bild, das andere von mir hatten, kippte über Nacht. Ich war für sie nun keine ‚Diebin‘ mehr, sondern eine stinknormale Frau mit deutschem Nachnamen. Als ich das erste Mal mit diesem neuen Namen unterschrieb, fühlte ich eine große Leere, die ich nicht sofort einordnen konnte. Mein alter Name, so belastet er war, war auch der Name meiner Eltern, meiner Geschichte. Ich war nun offiziell nicht mehr die „Andere“. Innerlich fühlte ich mich aber trotzdem wie ein Baum ohne Wurzeln. Und während ich jetzt wie eine Schmidt oder Schneider behandelt werde, frage ich mich: Wann hören wir endlich damit auf, den Wert eines Menschen von seiner Herkunft abhängig zu machen?

  • Zwischen Holzköpfen und Holzschuhen: Wie ich mir ein Stück Freiheit erklappert habe

    Gestern habe ich mir einen kleinen Kindheitstraum erfüllt: Ich habe mir Clogs gekauft. Das mag für Außenstehende maximal lächerlich klingen, für mich war es aber ein großer Schritt. Ich erzähle euch, warum. In meinen Teeniejahren war ich mit meiner Mutter oft auf dem Stoffmarkt in den Niederlanden unterwegs. Nach unserem Streifzug war der Kofferraum ihres VWs randvoll. Mit Schätzen für sie und für mich. Ich hätte damals locker als Postergirl für Oilily durchgehen können. An einem heißen Junitag, nach einer eiskalten Cola und einem Pinocchio-Eis für mich, kamen wir noch an einem Schuhgeschäft vorbei. Und da standen sie: silberne Clogs. Während meine Mama gar nicht lange fackelte und ihre Geldbörse schon gezückt hatte, stand mir das Zögern ins Gesicht geschrieben: „Was werden die anderen denken?“ Mit meiner schlaksigen Statur, meiner Körpergröße, meiner blassen Haut und den rotblonden Haaren war es ohnehin schon nicht leicht für mich. Mit klobigen Holzschuhen an den Füßen würde ich mir keinen Gefallen tun. Also ließ ich sie stehen. An diese Schuhe habe ich seither immer wieder gedacht. Und an die Frage: Warum lassen wir uns eigentlich so verdammt viel von anderen verbieten? Mit 34 beschloss ich Anfang des Jahres dann ganz spontan, dass ich jetzt Clogs brauche. Es folgten falsche Größen, falsche Farben und der deprimierende Anblick eines ausrangierten, traurigen Paares vor meinem Rewe um die Ecke. Als ich die Suche schon fast aufgegeben hatte, passierte es. Da standen sie, in einem Trödelladen in Lüneburg. In meiner perfekten Farbe. Mit Nieten. Ungetragen. Für einen Preis, bei dem man nicht lange überlegt, sondern sofort die Karte zückt. Während ich den Text schreibe, trage ich die Clogs an meinen Füßen und freue mich wie verrückt. Warum ich euch diese Geschichte erzähle? Weil ich mir mit diesen Schuhen ein Stück jener Freiheit zurückgeholt habe, die ich mir damals verwehrt habe. Banal? Mag sein. Für mich ist das laute Klappern auf dem Asphalt jedoch der schönste Soundtrack meines neuen, kompromisslosen Selbstbewusstseins.

  • Von Anti-Aging zu Longevity: Können wir bitte einfach in Ruhe alt werden?

    Eigentlich ist unsere Haltung zum Älterwerden ein einziger, wunderbarer Widerspruch. Wir wollen das Drehbuch unseres Lebens bis zum finalen Akt auskosten: Mit weit über 70 in scharf geschnittenen Hosenanzügen ohne Gehstock durch unsere Nachbarschaft flanieren und über das Tanzparkett wirbeln, ohne dass uns hinterher die Knochen wehtun. Um es auf den Punkt zu bringen: Wir wollen möglichst alt werden. Aber? Bitte bloß nicht so aussehen.

    Das hohe Alter ist das erklärte Endziel, das sichtbare Altern dagegen immer noch die persönliche Niederlage, die es mit allen Mitteln zu verhindern gilt. Der Begriff dafür hält sich bereits seit vielen Jahrzehnten erstaunlich hartnäckig in unseren Köpfen: Anti-Aging. Höchste Zeit, ihn endgültig dorthin zu verbannen, wo er hingehört. Ins Archiv, gleich neben die anderen überflüssigen Optimierungsversprechen, für die das Leben schlicht zu kurz ist. Und wenn wir schon beim Entrümpeln unseres Vokabulars sind, sollten wir uns auch gleich von diesem neuen Lieblingsbegriff trennen, der gerade so adrett im weißen Laborkittel daherkommt: Longevity.

    Nun könnte man meinen, das kollektive Bewusstsein hätte einen Schritt nach vorn gemacht. LongevityLanglebigkeit. Wie das schon klingt. Smart, nach Silicon Valley und ein bisschen übermenschlich. Der Begriff verkauft uns die Erzählung, es gehe jetzt um Gesundheit, um Zellverjüngung von innen und das große, ganzheitliche Wohlbefinden, um bis ins hohe Alter fit zu bleiben. Dabei ist Longevity im Kern auch nur Anti-Aging, trägt aber einen weitaus netteren Namen. Warum der Hype gerade so groß ist? Die Industrie hat längst verstanden, dass wir immun gegen „Faltenkiller“ geworden sind und nicht mehr länger gegen erfundene Defizite ancremen oder uns als alt und verbraucht abstempeln lassen wollen. Also wird die Sehnsucht nach Jugend jetzt eben als Hightech-Vorsorge verpackt – und zwar in jeder erdenklichen Form: Als zellregenerierende Hautpflege, maßgeschneiderte Injektionen, tägliche Pillen-Cocktails oder gleich als ganzheitliche Lebensphilosophie, für die man gut und gerne mehrere 1000 Euro hinlegen kann. Doch egal, wie gut Begriffe wie Biohacking oder Epigenetik in unseren Ohren auch klingen mögen. Das Ziel bleibt dasselbe: Die Zeichen der Zeit quasi auf Werkseinstellungen zurückzusetzen. Denn obwohl der Trend so herrlich nach aufgeklärtem Gesundheitsbewusstsein, Selfcare und Vorsorge klingt, kaschiert er am Ende doch nur die tiefe Angst vor dem Verfall. Wir optimieren uns unermüdlich, schlucken Kapseln, legen uns unter Infrarotlampen, tracken unseren Schlaf, unsere Atmung und unser Stresslevel. Wie hingebungsvolle Vollzeit-Optimierer:innen eines Körpers, der einfach nicht normal alt werden darf. Wir können uns das alles natürlich wunderbar schönreden. Beim Dinner enthusiastisch den Freunden davon erzählen, wie viel Lebensqualität wir plötzlich gewonnen haben, seitdem wir uns NAD+ Injektionen spritzen und den Tag mit fünfunddreißig exakt dosierten Pillen beginnen und beenden. Unter dem Deckmantel von „Longevity“ setzen wir uns im Grunde aber wieder nur einem neuen Optimierungswahn aus. Und dieses krampfhafte Ringen darum, alles richtig und vor allem gesund zu machen, kostet uns am Ende vermutlich genau die Jahre, die wir mühsam dazukaufen wollen. Und nicht nur das. Es raubt uns auch die Leichtigkeit, die das Leben überhaupt erst lebenswert macht. Wer sich abends im Restaurant lieber über die Länge seiner Telomere den Kopf zerbricht, statt einfach den Wein zu genießen und laut zu lachen, verliert genau jene Lebendigkeit, die wir mit all den Pillen, Infusionen und Co. so verzweifelt zu konservieren versuchen.

    Natürlich hat Longevity auch seine positiven Seiten. Es ist absolut richtig und wichtig, bis ins hohe Alter fit und gesund bleiben zu wollen. Und es ist großartig, dass wir heute die Möglichkeiten haben, mit den richtigen Übungen, Supplements und Routinen unseren Körper dabei zu unterstützen. Können wir bei alledem aber ein ebenso gesundes Mindset bitte nicht vergessen und einfach in Ruhe und ganz ohne Stress alt werden? Und zwar ohne dieses permanente, zermürbende Gefühl, ständig gegen irgendwas ankämpfen zu müssen und dabei unweigerlich in ein weiteres Körperextrem abzudriften? Sei es nun die Zornesfalte auf der Stirn oder das biologische Alter auf dem Papier. Die Longevity-Bewegung hat längst eine Stufe der Hysterie erreicht, auf der es um vieles geht – nur irgendwie nicht mehr um Gesundheit. Besonders deutlich sieht man es am Beispiel des Unternehmers Bryan Johnson. Ich möchte hier kein Bashing betreiben, aber: Dieser Mann ist 48 und sieht (trotz seiner glatten Haut, dem definierten Körper und den möglicherweise perfekten Blutwerten) aus wie das lebende Monument seiner eigenen Vergänglichkeitsphobie. Die Seele des Alterns – die Reife, die Gelassenheit, das Akzeptieren der Zeit und ihrer natürlichen Zeichen – ist einer klinischen Perfektion zum Opfer gefallen. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber mich befremdet das eher, als dass es mich fasziniert oder inspiriert. Ich würde mir viel lieber das Altersgeheimnis einer faltigen Nonna in einem Dorf irgendwo in Italien anhören, als so einem unnatürlichen wie extremen Beispiel zu folgen. Denn mit würdevollem und echtem Altern hat das in etwa so viel zu tun wie Astronautennahrung mit einer frisch gekochten Pasta al Pomodoro. Um gut und gesund zu altern, kommt es nicht nur auf die richtigen Supplements, Chirurgen, saubere Laborwerte und die akribisch gezählten Stunden Tiefschlaf an. Es braucht ein Fundament aus echter Gelassenheit, aus tiefer Zufriedenheit und sozialen Bindungen, die uns tragen. Was bringt uns die biologische und optische Jugend, wenn wir vor lauter Kontrollzwang vergessen, unbeschwert, vor allem aber lebendig zu sein?

    Der radikalste Akt der Selbstfürsorge ist heute vielleicht nicht das nächste Longevity-Protokoll, sondern das schlichte Eingeständnis: Dieser Körper darf auch mal müde werden. Er darf sich verändern. Und er darf alt werden, ohne dass wir uns dafür entschuldigen oder überall und jederzeit eingreifen müssen. Was wir bei diesem ganzen neurotischen Wahn völlig vergessen? Alt zu werden, ist kein Makel. Es ist ein Privileg. In einer Welt, in der Gesundheit ein fragiles Gut und das Leben oft erschreckend kurz ist, ist jede Falte um die Augen kein Versagen der Skincare-Routine oder der körperlichen Selbstfürsorge. Sie ist der sichtbare Beweis dafür, dass wir noch hier sind. Dass wir gelacht, geweint, die Sonne im Gesicht gespürt und schlaflose Nächte überstanden haben. Gleiches gilt für den Körper: Er ist kein fehlerhaftes Software-Update, das ununterbrochen kalibriert werden muss. Dass er vielleicht nicht mehr ganz so gelenkig ist, zeugt nicht von mangelnder Disziplin, es zeugt von seiner Loyalität. Er hat uns schließlich durch jede durchtanzte Nacht, jeden Sprint und jeden emotionalen Crash getragen. Dass der Atem hin und wieder etwas schwerer geht, ist kein Beweis für mangelnde Kondition oder einen überzeugten Sportmuffel. Es ist das Lebenszeichen eines Herzens, das uns schon durch unzählige emotionale Stürme, Liebeskummer und Triumphe geboxt hat. Statt den eigenen Körper aus Angst vor dem Verfall in ein steriles Dauerprojekt zu verwandeln, sollten wir ihn viel öfter feiern. Dafür, dass er diesen ganzen Irrsinn des Alltags überhaupt so mitmacht.

    Vielleicht sollten wir den Laborwerten und unseren Telomeren einfach mal wieder etwas weniger Beachtung schenken – und stattdessen dem echten, nicht immer so optimierten Leben. Denn am Ende des Tages ist die schönste Form der Langlebigkeit doch die, bei der wir vor lauter Leben ganz vergessen haben, die Supplements zu zählen. Meine 99-jährige Großmutter weiß vermutlich nicht mal, was Supplements sind, aber sie hat mir kürzlich den wohl besten Longevity-Hack überhaupt verraten: „Einfach öfter mal das Smartphone weglegen, Kindchen.“ Recht hat sie.

  • Warum ich beim Thema Frauenhass mehr Angst vor Frauen als vor Männern habe

    Wenn mich ein Mann kritisiert, herabsetzt oder gar versucht, bewusst kleinzuhalten, nehme ich das mittlerweile als Kompliment. Es ist der verlässliche Beweis dafür, dass ich Raum einnehme und die testosterongeladene Komfortzone meines Gegenübers bedrohe. Ein stumpfer Abwehrreflex, auf den mein mentales Immunsystem perfekt trainiert ist. Manchmal ist es anstrengend, aber es trifft nicht mehr so ins Herz. Der Hass einer Frau dagegen? Der lässt sich nicht so einfach weglächeln.

    Es passiert am Kaffeevollautomaten im Büro, beim Vorbeigehen auf der Straße, im Bus oder abends beim Reinkommen an der Bar. Man spürt es, noch bevor man es sieht: diese plötzliche, eisige Veränderung der Luft. Und dann ist da dieser eine Blick einer anderen Frau, der nur wenige Sekunden dauert. Ein Blick, der sich irgendwo in der hässlichen Grauzone zwischen offener Angewidertheit, kalkulierter Hochnäsigkeit und dieser mitleidigen, vermeintlichen Überlegenheit bewegt. Ein hocheffizienter Röntgenscanner, der dich innerhalb eines Wimpernschlags komplett zerlegt. Er prüft die Passform der Hose, die Höhe der Absätze, die Haltung der Schultern, das Selbstbewusstsein. Und das Urteil steht fest, noch bevor du überhaupt ein Wort gesagt hast: Wer glaubt sie eigentlich, wer sie ist?

    Ich wünschte, ich könnte schreiben, dass ich über diesen Dingen stehe. Dass meine feministische Sozialisierung mich nicht nur gegen das männliche, sondern auch gegen das Gift des weiblichen Hasses immun gemacht hat. Aber das wäre eine Lüge. Verpackt in ein schönes Seidenkleid von Ganni, Rouje oder Isabel Marant. Die Wahrheit ist, dass ich dieses Gefühl kenne. Sehr gut sogar. Zu gut. Nicht nur aus den Teenie- und Frauenkomödien der Nullerjahre, in denen für den Zickenkrieg stets ein fester Platz im Drehbuch reserviert war. Er ist ganz real. Auch in meinem Alltag. Nur, dass dieser Krieg im echten Leben kein unterhaltsames Popcorn-Kino ist. Er gleicht eher einer leisen, bitteren Tragödie, die man mit perfekt manikürten Fingern und starrem Lächeln austrägt. Während Männerhass oft die Subtilität eines Vorschlaghammers besitzt – laut, plump, leicht zu identifizieren –, operieren Frauen unter dem Radar. Wir beherrschen die Kunst, Gemeinheiten so fein zu dosieren, dass man den Stich erst auf dem Nachhauseweg bemerkt. Frauenhass kommt selten im Brüll-Modus daher. Er tarnt sich als „gut gemeinte Sorge“, als strategisches Übersehen im Meeting oder als jenes messerscharfe, süffisante: „Mutig, dass du dich das traust.“ Er steckt in dem kurzen, geteilten Blick zwischen zwei Kolleginnen über deinen Kopf hinweg, der dir signalisiert, dass du gerade die falsche Meinung oder das falsche Kleid trägst. Manchmal auch beides. Er zeigt sich in diesem kollektiven, lautlosen Einverständnis, mit dem Erfolge ignoriert werden. Sei es durch das demonstrative Schweigen in der Kaffeeküche oder das gezielte Ignorieren in den sozialen Netzwerken. Und er kriecht hervor, wenn eine vermeintliche Freundin eine tief sitzende Unsicherheit von dir vor Dritten als charmante Party-Anekdote verkauft: „Erzähl doch mal, wie panisch du deswegen gestern wieder warst, das war so typisch für dich!“ Serviert mit einem Lächeln, das dir das Recht nimmt, verletzt zu sein. Was ich persönlich besonders schlimm daran finde, ist, dass jede Frau mindestens eine Geschichte dieser Art parat hat. Und nein, das sind keine „Ich habe meine Tage und bin deshalb etwas zickiger als sonst“-Momente. Es sind Sätze, Worte, Blicke und Taten, die dich genau dort treffen sollen, wo du am verletzlichsten bist. Abgeschossen von der Seite, wo wir Schutz vermutet haben. Da, wo wir untereinander bedingungslose Solidarität erwarten. Und ich frage mich: Was haben wir aneinander getan, dass wir uns so hassen und das Leben so schwer machen müssen? Ist der Hass, der uns immer noch oft genug von Männern entgegenschlägt, nicht schon genug?

    Wir wurden in einer Welt groß, in der uns subtil beigebracht wurde, dass der Platz für Frauen an den Tischen der Macht begrenzt ist. Wenn es in einem Raum voll von Männern nur einen einzigen Stuhl für eine Frau gibt, dann wird die andere Frau im Raum automatisch zur existenziellen Bedrohung. Sie ist dann nicht mehr die potenzielle Schwester oder Verbündete, sondern die Konkurrentin, die dir deinen mühsam erkämpften Platz streitig machen will. Übrigens auch ohne Männer im Raum. Und außerhalb des Büros. Das Absurde an dieser Dynamik ist die historische Ironie: Während wir uns gegenseitig die Kronen vom Kopf schlagen, sitzt das Patriarchat mit einer Tüte Popcorn in der ersten Reihe und amüsiert sich prächtig. Besser könnte es für die alte Männerwelt gar nicht laufen. Wir reden von Emanzipation, schwächen uns aber lieber gegenseitig, statt das eigentliche Problem an den Haaren zu packen. Ja, auch an den eigenen. In der Soziologie gibt es dafür einen so treffenden wie bitteren Begriff: internalisierte Misogynie. Wir haben gelernt, den Blick der Männer zu übernehmen und ihn gegen uns selbst zu richten. Ein System, das so perfekt funktioniert, weil wir Frauen uns gegenseitig nach genau den Regeln kontrollieren, die uns eigentlich kleinhalten. Indem wir die ambitionierte Kollegin als „karrieregeil“ abstempeln, die Mutter in Teilzeit als „unambitioniert“ und die Single-Freundin als „unreif“, führen wir das Urteil dieser veralteten Männerwelt einfach nahtlos untereinander fort. Ich erinnere mich an Momente in meiner Karriere, in denen die härtesten Ellbogenstöße nicht etwa von den wenigen, älteren Männern in den Redaktionen kamen. Auch ich war darüber ziemlich überrascht. Wurde mir doch immer eingetrichtert, dass Männer der Feind sind. Woher der Hass stattdessen kam? Von den Frauen, mit denen ich die Magazine machte. Magazine wohlgemerkt, die von Frauen für Frauen geschrieben wurden und eigentlich genau das Gegenteil im Sinn haben: pures Empowerment. Diese Frauen hatten sich durch ein System gebissen, das von ihnen verlangt hatte, alles Weiche, alles vermeintlich Weibliche wie eine Rüstung abzulegen. Und jetzt ertrugen sie es kaum, dass eine jüngere Generation in wehenden Kleidern und mit knallrotem Lippenstift vorbeizog und sich genau denselben Raum nahm – ganz ohne sich dafür zu entschuldigen. Doch wer dieses Gift allein in älteren Generationen verortet, macht es sich zu leicht. Frauenhass braucht keine grauen Haare. Er ist von Anfang an da. Er ist der unsichtbare Begleiter, der uns von der Sandkiste im Kindergarten über die Pubertät und die Uni-Seminare bis hin zum ersten und letzten Job begleitet. Vielleicht, weil der Erfolg, die Freiheit oder das Selbstbewusstsein der anderen Frau uns oft einfach zu schmerzhaft an das erinnert, was wir selbst (noch) nicht erreicht haben oder uns schlicht nicht zu nehmen wagen. Wir hassen an anderen Frauen nämlich oft genau das, was wir uns selbst verbieten. Die Frau, die im Meeting laut ihre Meinung sagt, wird in unseren Gedanken schnell zur belehrenden Ziege. Die Frau, die ihre Sexualität offen und angstfrei lebt, degradieren wir zur billigen Selbstdarstellerin. Und während die Mutter, die nach drei Monaten wieder Vollzeit arbeitet, als Rabenmutter abgestempelt wird, gilt diejenige, die drei Jahre zu Hause bleibt, plötzlich als unemanzipiertes und arbeitsfaules Heimchen am Herd. Hass ist immer die bequemere Option, weil er uns die harte Arbeit der Selbstreflexion erspart. Aber er löst keine Probleme. Weder unsere eigenen noch die, mit denen sich Frauen in dieser Gesellschaft immer noch herumschlagen müssen. Er verstärkt sie nur.

    Aber wie verlernt man einen Blick, der in jeder anderen Frau zuerst eine Bedrohung wittert? Sicherlich nicht durch krampfhafte, falsche Harmonie. Wenn uns das nächste Mal der Erfolg, das Aussehen oder das pure Selbstbewusstsein einer anderen Frau triggert, hilft vielleicht ein kurzes Innehalten. Die Frage lautet selten: „Was bildet die sich eigentlich ein?“ Sie lautet fast immer: „Welcher ungelebte Teil von mir fühlt sich durch ihre Freiheit gerade so bedroht?“ Neid ist schließlich auch nur eine schlecht verpackte Form der Orientierung. Wir müssen uns nicht alle lieben. Himmel, nein! Frauen dürfen sich genauso unsympathisch, anstrengend oder inkompetent finden wie Männer. Wir brauchen kein rosa Bussi-Bussi-Dauerkuscheln. Aber wir brauchen ein neues, professionelles Minimum an Menschlichkeit: Solidarischen Respekt. Was ich mir wünsche? Frauen, die einander den Rücken stärken, ohne die Rocklänge der anderen zu bewerten. Frauen, die nicht tuscheln, wenn die Kollegin kinderlos Karriere macht. Oder die Nase rümpfen, wenn eine andere Mutter Vollzeit daheim bei ihrem Kind bleibt. Gleiches gilt für Frauen, die nur bei meiner Niederlage jubeln, aber bei meinem Triumph schweigen. Die eleganteste Form des Widerstands gegen die alten Muster ist es, den Spieß umzudrehen. Eine erfolgreiche Frau nimmt uns keinen Platz weg. Sie beweist uns nur, dass er da ist. Für jede von uns.

  • Wann genau wurde Proteinpulver eigentlich wichtiger als echtes Essen?

    Ich werde den Gedanken einfach nicht los, dass aus einer ganz normalen Mahlzeit mittlerweile ein unbarmherziger Leistungssport geworden ist. Eine tägliche Trainingseinheit, bei der jeder Bissen diszipliniert abgeliefert werden muss und der Griff zum Proteinpulver zur Pflichtübung wird. Zwischen Geschmacksrichtungen wie Chocolate Chip Cookie, Cinnamon Roll und Strawberry Cheesecake frage ich mich in letzter Zeit immer öfter: Wann genau wurde eigentlich beschlossen, echte Lebensmittel gegen laboroptimierten Protein-Treibstoff zu tauschen?

    Der Ton in den Küchen hat sich verändert. Zum vertrauten Schippelgeräusch, dem Brutzeln und Umrühren gesellen sich nun immer öfter ein dumpfes, rhythmisches Schütteln, das Klicken der Küchenwaage oder das Abklopfen des Messlöffels dazu. Es ist der Soundtrack eines leisen Zweifels, der sich durch den permanenten Social-Media-Dauerbeschuss einiger Marken und ihrer Influencer:innen eingeschlichen hat: Die unterschwellige Sorge, ob normales, unoptimiertes Essen überhaupt noch ausreicht – und gut genug für uns ist. Die moderne Ernährungs-Bubble betrachtet den menschlichen Körper längst wie ein Auto, das man einfach mit den richtigen Additiven betanken muss, damit die Muskeln wachsen und das Fett schmilzt. Kohlenhydrate? Hilfe. Fette? Gefährlich. Protein? Der heilige Gral. Wer heute noch eine ehrliche Stulle mit Butter aus der Tasche zieht, bekommt fast schon ein schlechtes Gewissen – und muss nicht selten fürchten, den einen oder anderen geschockten Blick dafür zu ernten. Dicht gefolgt von der Frage: „Hast du denn heute schon genug Protein zu dir genommen?“ Das Problem an dieser übertriebenen Protein-Obsession: Sie wirkt sich auch auf das aus, was auf unserem Teller landet. Was dort liegt, wird nicht mehr nur als purer Genuss begriffen, sondern als mathematische Gleichung aus Proteinen, Kohlenhydraten und Fetten, die es penibel zu lösen und zu bewachen gilt. Und weil eine normale Mahlzeit diese Gleichung scheinbar nur noch selten perfekt erfüllt, wird am Ende doch wieder zum Proteinpulver gegriffen. Sei es, um ganze Mahlzeiten zu ersetzen oder diese durch noch mehr Protein aufzuwerten. Also wird das Zeug in den morgendlichen Kaffee gerührt oder zum Backen von Low-Carb-Low-Sugar-Low-Lebensgefühl-Kuchen verwendet. Und weil das noch nicht reicht, gibt es am Abend natürlich noch die Low-Carb-Zucchini-Spaghetti mit Protein-Soße aus dem Tütchen. Nur um sich am Ende des Tages zu wundern, warum sich die Zunge anfühlt, als hätte man an einer Wand im Chemielabor geleckt. Damit das isolierte Eiweiß überhaupt nach etwas schmeckt, das nicht an ein Stück Pappe erinnert, wird es mit umstrittenen Süßungsmitteln, Verdickungsmitteln und (künstlichen) Aromen vollgepumpt. Kurz zur Erinnerung: Es wird sich um die Kalorien, Mikronährstoffe und den Zuckergehalt von Milch, Nudeln oder Bananen gesorgt, im Gegenzug wird jedoch auf hochverarbeitete Industrieprodukte gesetzt. Die Ironie muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Wenn denn da noch Platz ist zwischen all der Sucralose und den Aromen. Welche irrsinnigen Ausmaße die Protein-Bewegung mittlerweile angenommen hat, verrät auch ein Blick in die Supermarktregale. Letztens wollte ich schnell ein paar Einkäufe machen. Joghurt, Käse, ein Brot. Vielleicht noch ein paar Tomaten. Was ich fand, war eine High-Protein-Dystopie, die mich in so ziemlich jedem Gang verfolgte: Protein-Joghurt, Protein-Pudding, Protein-Pizza, Protein-Chips, ja, sogar Protein-Gummibärchen. Nicht zu vergessen die ganzen Proteinpulver, deren Absurdität keine Grenzen mehr kennt. Ich lief an Protein-Kokosmilch (ich konnte es selbst kaum glauben), Protein-Matcha, Protein-Eiskaffee, Protein-Soßenfix und Protein-Sahne vorbei und dachte nur: Wir haben endgültig den Verstand verloren. Daheim angekommen, musste ich erst mal in eine gute Stulle mit Käse beißen und mir einen echten Eiskaffee machen, um wieder in der Realität anzukommen. Eine Realität wohlgemerkt, die uns suggeriert, dass unsere Muskeln augenblicklich in sich zusammenfallen und jegliche sportliche Form sofort dahin ist, wenn wir nicht alle drei Stunden isolierte Aminosäuren in uns hineinkippen.

    Am Ende bleibt der Blick auf eine Industrie, die ein echtes Kunststück vollbracht hat: uns einzureden, dass teures Chemie-Pulver mit Geschmacksnoten wie Brownie, Vanille oder Erdbeere besser ist als echtes Essen. Eine Scheibe Käse? Schön und gut, aber hat die auch die richtige Nährstoff-Balance und genug Proteine pro hundert Gramm? Ein Teller Pasta? Völlig unkontrollierte Kohlenhydrate – das schießt dich komplett aus der Makroverteilung. Eine klassische Kugel Eis? Ein einziges Desaster aus Fett und Zucker. So wird das nichts mit dem Tagesziel. Was am Anfang noch nach bewusster Ernährung aussieht, kann sich irgendwann zu einer ernsthaften Essstörung entwickeln. Jetzt werden einige sicher sagen: „So ein bisschen Pulver ist doch nicht schlimm.“ Doch. Spätestens dann, wenn ein unvollständiges Makro-Konto Panik auslöst und die Ernährungs-App das Leben diktiert, hat das nichts mehr mit Bewusstsein oder Gesundheit zu tun. Das ist ein handfester Kontrollzwang unter dem Deckmantel der Fitness. Ein ehrliches Frühstück, Mittagessen, Abendessen oder ein Snack ganz ohne diese Zusätze? Scheint für viele mittlerweile undenkbar. Oder nur dann möglich, wenn sich die Inhaltsstoffe tracken lassen. Man denke nur an ein klassisches Stück Kuchen oder einen Besuch im Restaurant – ein echtes und vor allem unkalkulierbares Risiko, das man auf keinen Fall eingehen möchte. Das Ergebnis ist eine seltsame Form der kulinarischen Alchemie. Aus der simplen Frage „Was koche ich heute?“ ist längst das mathematische Optimierungsproblem „Wie decke ich meine Makros mit Geschmacksrichtung Zimtschnecke?“ geworden. Dabei gerät ein wesentlicher Aspekt völlig in Vergessenheit: Muss es denn wirklich zu ausnahmslos jeder einzelnen Mahlzeit die maximale Dosis Eiweiß sein? Abgesehen davon, dass ein ständiges Zuviel an Proteinpulver dem Körper auf Dauer auch nicht unbedingt guttut. Ein hochverarbeitetes Industrieprodukt wird nicht dadurch gesund, nur weil man isolierte Nährwerte hineinprügelt. Am Ende landen wir wieder bei der denkbar einfachsten Frage: Tun es zur Abwechslung nicht auch ganz normale Lebensmittel? Ein Stück Fisch, ein Ei, Hülsenfrüchte oder schlichtweg ein richtig gutes Stück Käse, in das man auch gerne direkt vom Stück hineinbeißen darf, wenn einem danach ist?

    Versteht mich nicht falsch: Wenn jemand als Leistungssportler morgens um fünf Gewichte stemmt und danach schnell seine Muskeln füttern will – go for it. Oder wenn der Morgen mal wieder so stressig ist, dass die Zeit nur für Eiweißpulver, Wasser und Shaker reicht. Proteinpulver hat seine Daseinsberechtigung. Als sinnvolle Ergänzung. Oder als schneller Snack auf der Autobahn, nach einer harten Klettertour oder schlicht als unkomplizierter Retter an Tagen, an denen der Kühlschrank gähnend leer ist. Das? Ist alles völlig okay, solange der Speiseplan eben aus mehr besteht als aus dem permanenten Zwang, um jeden Preis möglichst viel Protein unterzubringen. Was das Pulver nämlich nicht sein sollte? Lebensinhalt. Wenn wir anfangen, jede Mahlzeit nur noch nach ihrer Effizienz und ihrem Proteingehalt zu bewerten, verlieren wir etwas Fundamentales: die Freude am puren Sein und Genießen. Die eigentliche, mutige Rebellion dieser Tage liegt vielleicht nicht darin, die Makronährstoffe noch präziser zu berechnen, sondern sich der Radikalität eines unberührten Lebensmittels auszusetzen. Das Smartphone beiseitezulegen, den Shaker im Schrank verstauben zu lassen und auf den Markt zu gehen. Um etwas zu kaufen, das keine Zutatenliste braucht, weil es selbst die Zutat ist. Das erfordert etwas Geduld, denn eine echte Erdbeere schmeckt nach den Jahren des chemischen Dauerbeschusses im ersten Moment ernüchternd leise. Aber sie besitzt eine Eigenschaft, die man in keinem Labor der Welt synthetisieren kann: echte Substanz.

  • Das Glück des unperfekten Sommers

    Es gibt eine Seite am Sommer, über die niemand spricht. Weil sie nicht in die Postkartenidylle passt, die von dieser Jahreszeit ausgeht. Sommer bedeutet schließlich: draußen sein, Sonne tanken, dazugehören. Als gäbe es fürs kollektive Glück eine Anwesenheitspflicht. Dabei liegt die wahre Freiheit dieser Monate oft genau im Gegenteil: in der Erlaubnis, all das nicht zu müssen, wenn man nicht will.

    Kaum klettert das Thermometer über die 25-Grad-Marke, fühlt sich jeder Sonnenstrahl plötzlich an wie eine persönliche Einladung, die man auf gar keinen Fall ausschlagen darf. Also sitzt man sonntags mit einem völlig überhitzten Kopf auf einer Decke im Park, wedelt halbherzig die Wespen vom Nudelsalat und versucht verzweifelt, diesen Moment irgendwie romantisch zu finden. Während einem die Niagarafälle über den Rücken und die Stirn rauschen. Weil doch schließlich Sommer ist. Und weil das doch der beste Sommer überhaupt werden soll. Drinnen bleiben? Keine Option. Wer bei strahlendem Sonnenschein die Vorhänge schließt, um im leicht abgedunkelten Wohnzimmer ein Buch zu lesen, begeht ein Verbrechen. Und plötzlich sitzt man nicht mehr alleine, sondern zusammen mit dem schlechten Gewissen auf der Couch. Auch ich kenne diese Momente. Und soll ich dir mal etwas sagen? Du bist nicht komisch, unsozial oder weißt den Sommer einfach nicht zu schätzen. Mit dir ist alles in Ordnung. Du hast einfach nur wieder ein Bild vom Sommer im Kopf, das nicht unbedingt der Realität entspricht. Auf Instagram zum Beispiel ist diese Jahreszeit oft ein endloser, weichgezeichneter Nachmittag. Er riecht nach Sonnencreme mit Kokosnote, schmeckt nach eiskaltem Aperol Spritz und ist in luftige Leinenkleider gehüllt. Ein Sommer ohne Makel, ohne Schweißränder, ohne schlechte Laune und ohne Bürotage. Die ungeschminkte Wahrheit ist: Der Sommer ist schön, manchmal aber auch ziemlich anstrengend. So ein Sommer kann stickig, laut und absolut reizüberflutend sein. Er ist das grelle Licht, das mittags so scharf in den Augen brennt, dass man automatisch die Stirn in Falten legt. Er ist die stehende Luft in den Straßen, die sich anfühlt, als hätte jemand die Backofentür offen gelassen. Und er ist die vor Sonnencreme und Schweiß klebende Haut. Ein Gefühl, über das manchmal nicht mal der schönste Sonnenuntergang und der kühlste Cocktail hinweghelfen können. Aber warum rennen wir diesem perfekten Sommer eigentlich trotzdem hinterher, obwohl dieses allgegenwärtige Bild von ihm vielleicht so rein gar nicht in unser Bild von einem perfekten Sommer passt? Es ist die Angst, etwas zu verpassen und die beste Zeit des Jahres ungenutzt verstreichen zu lassen – selbst wenn uns das erzwungene Genießen eigentlich nur noch mehr unter Druck setzt und stresst.

    Statt einem vermeintlichen Sommerideal nachzujagen, das uns schon beim bloßen Gedanken daran den Schweiß auf die Stirn treibt, sollten wir uns lieber diese Frage stellen: Was macht den Sommer für mich zu einem perfekten Sommer? Auch ein vermeintlich unperfekter Sommer kann ein verdammt guter Sommer sein. Dafür müssen wir uns von der kollektiven Romantisierung dieser Jahreszeit loslösen und endlich anfangen, uns auf die Suche nach dem zu machen, was uns glücklich macht. Du sitzt nicht gerne bei über 25 Grad auf einer Picknickdecke in der prallen Sonne? Brauchst du auch nicht. Das Freibad ist dir zu laut, zu voll und zu stressig? Auch das ist in Ordnung. Es ist dein Sommer. Es gibt kein Drehbuch, das dir vorschreibt, wie die perfekte Sommer-Kulisse auszusehen hat. Dein Sommer muss niemanden beeindrucken, außer dich selbst. Er darf auf deinem Balkon stattfinden, der erst abends kühl wird und auf dem die vertrocknete Minze vom Vorjahr steht. Oder auf dem Bett, während der Ventilator auf Stufe zwei sein beruhigendes, monotones Lied summt. Und ja, du darfst das aufblasbare Planschbecken dem Freibad vorziehen, wenn dir das lieber ist. Es gibt kein geheimes Regelwerk, das die Zeit von Juni bis September für ungültig erklärt, wenn man sie nicht komplett verschwitzt im Freien verbracht hat. Darüber hinaus ist es ein absurder Trugschluss, dass das Leben immer nur dort stattfinden muss, wo wir eine Sonnenbrille tragen. Wenn der perfekte Sommertag daraus besteht, barfuß auf den kühlen Küchenfliesen zu stehen und die absolute Stille der flirrenden Mittagshitze von drinnen zu beobachten, dann ist das kein verpasster Sommer. Es ist die Befreiung von der großen Erwartungshaltung. Es ist zum Beispiel das unverschämte Glück, Eiscreme direkt aus der Packung zu löffeln, während die Schlange vor der Eisdiele drei Stockwerke unter dir ächzt, schwitzt und stöhnt. Du musst den Sommer übrigens auch nicht jeden Tag zum Sommer deines Lebens machen. Es reicht völlig, wenn er einfach nur stattfindet. Ganz unaufgeregt, ohne Gruppenzwang, ohne To-do-Liste und vor allem ohne das Gefühl, irgendwem da draußen beweisen zu müssen, wie viel Spaß man gerade hat. Der Sommer ist keine Pflichtveranstaltung, bei der am Ende der Saison die Bräunungsstreifen, der Frischluftgehalt im Blut und der Endorphinspiegel kontrolliert werden. Der wohl schönste Plot Twist des Sommers? Ihn so zu leben, dass du wieder die Hauptrolle spielst. Ohne einem imaginären Drehbuch zu folgen.

  • Was denken Sie, Frau Merkel?

    Manchmal frage ich mich, was Sie gerade denken. Ich stelle mir vor, wie Sie heute an Ihrem Küchentisch sitzen, in Ihrem Wochenendhaus in der Uckermark, ganz in Ruhe einen Kaffee trinken, vielleicht die Füße hochlegen oder durch die weite Landschaft wandern. Sie blicken auf ein Land, dem Sie 16 Jahre lang ein Gesicht gegeben haben. Es ist ein Land, das man heute kaum noch wiedererkennt – geführt von einem selbstsüchtigen Millionär, dem jedes Talent zur Selbstreflexion und echtem politischen Gespür fehlt.

    Es muss sich seltsam anfühlen. Zuzusehen, wie vieles von dem, was einmal war, eine völlig neue, deutlich härtere Form angenommen hat. Wie wir in einer Realität aufwachen, in der Bürgerinnen und Bürger zwar noch existieren, aber irgendwie kaum noch Relevanz haben. Wir wirken eher wie Statisten, die man nur dann auf die Bühne bittet, wenn die nächste Rechnung beglichen werden muss oder etwas ausgebadet werden muss, das da „da oben“ verzapft wurde. Wir sind gut genug, um den Wohlstand der Politiker:innen zu finanzieren. Unsere Existenzsorgen? Werden dagegen nur noch als bloßes Hintergrundrauschen wahrgenommen. Ob die Politik der Verschlimmbesserung oder dieses fast schon therapeutische Einlullen des Landes. Hinzu kommt eine absurde Wunschliste an Forderungen, der wir ohne Widerrede nachzukommen haben: Steigende Preise wegstecken, die kaputte Infrastruktur im Alltag ausbaden, im Dauerfeuer der Krisen die Nerven behalten und trotz Dauererschöpfung das Land weiter am Laufen halten. Das? Ist übrigens nur ein kleiner Ausschnitt. Das Bitterste daran: Während uns der Gürtel bis zum Ersticken enger geschnallt wird, philosophiert man in den klimatisierten Regierungsbüros vermutlich schon, wie man seinen eigenen Vorteil sichern kann. Und während der Wohlstand der Bürger:innen weiter schwindet, ist die einzige Antwort darauf ein hochmütiges: „Könnt’ ihr bitte noch ein wenig mehr arbeiten?“ Statt Politik wird nur noch im Eilverfahren gejammert, von oben herab und am Volk vorbeiregiert – und am Ende alles mit zynischem Achselzucken quittiert. Das Band zwischen den Regierenden und den Regierten? Ist nicht einfach nur überdehnt. Es ist: gerissen. Die Empathie, die Sie immer ausgestrahlt haben, wurde durch Arroganz, Hochmut und Selbstüberschätzung ersetzt. Und während die politische „Elite“ sich in der eigenen Blase selbst feiert, wächst die nackte Wut über eine Politik, die sich immer mehr vom echten Leben entkoppelt. Was macht das mit einer Demokratie? Und was macht es mit Ihnen, Frau Merkel, wenn Sie diesem schleichenden Verlust der politischen Seele von Ihrem heimischen Fernseher aus zusehen müssen?

    Ich weiß, es war bei Weitem nicht alles gut in diesen sechzehn Jahren. Und vieles davon, was Sie entschieden haben, müssen wir heute noch aufarbeiten und beackern. Und doch ging von Ihnen immer eine Menschlichkeit aus, die ich dieser Tage vermisse. Während unser aktueller Bundeskanzler oft in einem seltsamen Jammern versinkt, haben Sie nie Schwäche gezeigt. Sie waren nie eine, die über die Last Ihres Amtes geklagt hat. Sie trugen sie einfach. Mit derselben Selbstverständlichkeit, wie Sie Ihre bunten Anzüge im Bundestag trugen. Mit jener unaufgeregten, fast stoischen Ruhe, die uns allen das Gefühl gab: Am Ende wird es schon irgendwie gehen. Ganz egal, was kommt. Und soll ich Ihnen mal etwas sagen? Sie waren mehr Mann als all diese Männer zusammen. Und dabei irgendwie immer auch eine von uns. Ohne Allüren und ohne diesen anstrengenden, maskulinen Drang zur Selbstdarstellung. Ich durfte Sie selbst einmal in Berlin-Mitte treffen. Im Supermarkt. Da standen Sie. Ganz banal, zwischen der Fleischtheke und den Konserven. Kein Tross aus Kameras, keine Szene, kein künstliches Aufspielen. Ich stand da gerade am Zeitschriftenregal zwischen Hochglanzblättchen und Süßkram und konnte mich nicht zwischen salzigen Heringen und Lakritzschnecken entscheiden. In diesem Augenblick waren Sie nicht die mächtigste Frau der Welt. Sie waren die Nachbarin, die Ihre Einkäufe selbst erledigte und mit derselben hanseatisch-nüchternen Ernsthaftigkeit die Haltbarkeit von Dosen prüfte, mit der Sie später Weltgipfel moderierten. Diese Bodenhaftung war unser unsichtbarer Anker. Wir haben Sie ja nicht einfach so „Mutti“ und „Mama-Merkel“ genannt. Begriffe, die übrigens nie abwertend gemeint waren. Sie beschrieben im Kern genau das, was Sie für die Menschen waren: Eine Frau an der Spitze, die menschliche Wärme und Nähe ausstrahlte und uns dadurch Halt gab.

    Der Kontrast zu Friedrich Merz? Könnte kaum schärfer sein. Während er die Welt distanziert aus dem Cockpit seines Privatjets betrachtet und uns die Wirklichkeit mit der Attitüde des ewigen Besserwissers erklärt, sind Sie auf Augenhöhe mit dem ganz normalen Alltag im Land geblieben. Einer wie Merz braucht das Rampenlicht und die Demonstration von Stärke, um zu glänzen. Und vielleicht auch, um sich wichtig und stark zu fühlen. Ihnen genügte eine nüchterne Pragmatik.Und Ihre Ruhe, vor der selbst Ihre schärfsten Kritiker irgendwann kapitulieren mussten. Und Sie hatten diese eine, fast magische Fähigkeit, die unserem „Bundeskanzler“ nicht in die BlackRock-Wiege gelegt wurde: Sie vermittelten ein warmes Gefühl von gesellschaftlichem Zusammenhalt. Es war die tiefe Gewissheit, dass da jemand ist, der nicht die Nerven verliert und der sich nicht zu schade ist, selbst die Butter zu kaufen. Der die Bürger:innen und Bürger in diesem Lande nicht von oben herab behandelt, beleidigt und dann jammernd zusammenbricht. Sie haben uns zum Ende hin vielleicht zu sehr beruhigt, ja. Und in manchen Momenten auch zu viel Hoffnung gemacht („Wir schaffen das!“). Aber in einer Zeit, in der das Land emotional und politisch immer weiter auseinanderzudriften droht, vermisse ich Ihre stille Fähigkeit, den emotionalen Druck aus den Krisen zu nehmen, bevor sie die Gesellschaft zerreißen.

    Ob ich mir Sie als Kanzlerin zurückwünsche? Nein. Aber ich wünsche mir jemanden, der dieses Land nach der bleiernen Zeit unter Scholz und dem aktuellen Merz-Schmerz wieder mit Empathie, Stärke und Weitsicht führt. Vielleicht ist es nach diesen testosterongeladenen Jahren wieder Zeit für eine Kanzlerin. Wir Frauen beweisen ja ohnehin tagtäglich (und nicht nur als Mütter!), dass wir in puncto Krisenmanagement, Empathie und Kommunikation nicht immer, aber oft genug, die besseren Antworten haben.

  • Ist heute alles mehr Shein als sein?

    Eigentlich dachte ich, die Zeit für Aprilscherze sei längst vorbei. Immerhin ist fast Juni. Und dann ploppt plötzlich diese Nachricht in meinem Feed auf: Shein, das unangefochtene Billigschrott-Imperium, kauft für 100 Millionen Dollar Everlane. Jenes Unternehmen, das einmal das Gegenmodell zur klassischen Fast Fashion bildete.

    Das Mantra der „radikalen Transparenz“ machte Everlane einst berühmt und zum absoluten Liebling der Modebranche. Auch über San Francisco hinaus. Die Herstellungskosten jedes Kleidungsstücks wurden offengelegt, es wurde ohne Zwischenhändler gearbeitet und bei der Produktion wurde auf faire Bedingungen geachtet. Und jetzt? Gehört die moralische Vorzeigemarke nicht einfach irgendeinem Unternehmen. Sie gehört dem Paradebeispiel für moderne Ausbeutung, Umweltzerstörung und billigsten Plastikramsch. Ein Unternehmen, das übrigens täglich tonnenweise Wegwerfartikel um die Welt jagt und seine Arbeiter:innen 75 Stunden die Woche schuften lässt. Illegal wohlgemerkt. Shein erwirbt dieses Unternehmen nicht ohne Grund. Die Strategie: Der Konzern versucht, sich ein reines Gewissen zu kaufen. Um so das Plastik-Image zu retten. Denn obwohl das Unternehmen Milliardenumsätze verzeichnet, leidet es unter seinem schlechten Ruf. Und den bekommen selbst die größten und cleversten PR-Maßnahmen nicht weggewaschen. Zum Glück, möchte ich hier noch mal betonen. Mit der Übernahme von Everlane versucht Shein sich nun die Eintrittskarte in die Welt derer zu erkaufen, die eigentlich „besser“ konsumieren wollen. Everlanes mühsam aufgebautes Erbe? Dient ab jetzt also nur noch als moralisches Alibi, um von einem riesigen Billig-Imperium abzulenken.

    Dass Everlane dort gelandet ist, ist leider keine Überraschung. Es ist die logische Konsequenz des Systems. Man baut eine Brand auf Ethik auf, nimmt dann irgendwann zig Millionen von Investoren an, um relevant zu bleiben – und was machen die? Erwarten natürlich absurdes, permanentes Wachstum, damit die Zahlen stimmen. Aber, seien wir mal ganz ehrlich: Das lässt sich mit einer ethischen oder nachhaltigen Brand nun mal nicht vereinbaren. Und irgendwann kollidieren die eigenen Werte mit dem Wunschzettel derer, die nur noch Zahlen im Kopf haben. Eine ethische Brand kann auf diese Weise irgendwann einfach nicht mehr ethisch bleiben. Und was passiert, wenn das Geld ausgeht und das Wachstum auf der Strecke bleibt? Die Ethik verabschiedet sich. So auch bei Everlane. Am Ende siegt das, was immer siegt: die nackte Gier nach noch mehr Geld.

    Eigentlich ist dieser Deal nur das perfekte Gleichnis für ein Phänomen, das uns längst überall begegnet. Wir leben im Zeitalter der Mogelpackung. Egal, wo wir hinschauen, gilt mittlerweile: Mehr Shein als sein. Bestes Beispiel? Schokolade. Die Verpackung bleibt gefühlt gleich groß, das Design wird vielleicht sogar noch minimalistischer und „wertiger“ gestaltet, aber das Gewicht und die Zutatenliste sprechen eine andere Sprache. Hauptsache, die Gewinnmarge stimmt. Oder Olivenöl, das laut Etikett die Sonne der Toskana gesehen hat, in Wahrheit aber aus verschiedenen Ölen mit fragwürdiger Herkunft zusammengepanscht ist. Und dann wäre da auch noch Tomatenmark, das irgendwo aus China stammt, nicht aber aus Italien. China ist der weltgrößte Produzent von Tomaten, falls du es noch nicht wusstest. Und dann wäre da noch nachhaltige Mode, die am Ende doch aus derselben Fabrik purzelt wie die Ultra-Fast-Fashion.

    Was die Liaison zwischen Everlane und Shein uns lehrt? Öfter mal genauer hinzuschauen. Und nicht auf die durchgestylten Werbebotschaften und die PR-Prosa zu hören, sondern auf das Kleingedruckte zu achten. Auf die Zutatenliste der Schokolade, auf die Herkunft des Pullovers, auf die nackten Fakten. Und wenn nötig, selbst zu recherchieren, bevor etwas in den (virtuellen) Einkaufswagen wandert. Wenn die Grenze zwischen Öko-Pionier und Textil-Discounter endgültig kollabiert, hilft nur noch gesunde Skepsis. Am Ende liefert dieser Deal den ultimativen Reality-Check für die Modewelt. Everlane wurde nicht gerettet – es wurde gefressen, verdaut und als PR-Alibi für ein Ausbeuter-Imperium wieder ausgespuckt. Wer dort in Zukunft kauft, zahlt den Aufpreis nur noch für die Ästhetik: Damit der Müll auf dem Weg in die Tonne wenigstens verdammt gut aussieht.

  • Liebeserklärung an einen Sommer ohne Sommerbody

    Foto: Collection of Mr. and Mrs. Paul Mellon

    Es könnte alles so einfach sein: Die Sonne scheint, die Luft riecht nach Grillkohle und Sonnencreme. Doch statt genau das zu genießen, setzt jedes Jahr zur gleichen Zeit dieser kollektive Körper-Stress ein. Mit jedem Zentimeter Stoff, den wir ablegen, wächst das Gefühl, sich für die eigene Existenz im Tageslicht rechtfertigen zu müssen. Plötzlich mutiert der anstehende Sommer von einer Jahreszeit voller Leichtigkeit zu einer unbarmherzigen Bestandsaufnahme. Als wäre unser Körper keine reine Privatsache, sondern ein abgabebereites Projekt, das man pünktlich zur Sommersaison vorlegen müsste. Sommerbody. Wie das schon klingt. Wie ein furchtbar anstrengender Zweitjob, für den man nach dem ganzen Abrackern und Verzichten nicht mal bezahlt wird. Da bekommt Care-Arbeit plötzlich eine ganz neue Bedeutung. Und auf die? Hab‘ ich so gar keinen Bock mehr.

    Soll ich ganz ehrlich sein? Mein Nervenkostüm ist bei +25 Grad ohnehin schon im Energiesparmodus. Ich habe schlichtweg keine Kapazitäten mehr frei, um im Stehen unauffällig den Bauch einzuziehen, während ich gleichzeitig versuche, nicht krampfhaft an meinem verschwitzten T-Shirt festzukleben oder mir mit meiner Sonnencreme nicht die Augen wegzuätzen. Als wäre das nicht schon Herausforderung genug, packen wir uns trotzdem freiwillig noch die Last einer imaginären Perfektion obendrauf. Wir schwitzen, wir fluchen über die stehende Luft in der Bahn, wir verteidigen unser Eis gegen die Tierwelt. Statt uns einfach nur nach Abkühlung zu sehnen, sezieren wir im Spiegel unsere Silhouette. Als gäbe es am Ende des Sommers ein Zeugnis für die beste Performance im Park oder Schwimmbad. Was wir bei all diesen Gedanken an das eigene Körperbild vergessen? Jedes Gramm Energie, das wir in den perfekten „Sommerbody“ stecken, fehlt uns am Ende, um diesen verdammt kurzen Sommer überhaupt zu genießen. Wenn er denn überhaupt kommt. Und nicht wieder nur für ein paar Tage. Die Hamburger wissen, wovon ich spreche. Der Sommer ist dazu da, um gelebt zu werden. Nicht, um einen imaginären Wettkampf zu bestehen, den sowieso niemand gewinnen kann. Schönheit lässt sich nicht auf bestimmte Merkmale festlegen, auch wenn uns Social Media & Co. das gerne suggerieren. Schönheit lebt vom Sein an sich. Von Individualität und von Authentizität. Aber diese Worte finden in der Industrie keinen Platz. Wie auch? Sonst würden sich die ganzen Produkte, darunter Haarentfernungstools, Selbstbräuner, Make-up, ja, auch Nahrungsergänzungsmittel, Proteinpulver & Co., nicht mehr verkaufen. Wir würden einfach existieren. Ohne zu wissen, ob wir dem Standard entsprechen oder nicht. Es wäre vollkommen egal. Die Industrie generiert Jahr für Jahr unvorstellbare Umsätze mit einer einzigen, künstlich erzeugten Ressource: unserer Angst vor der eigenen Unperfektheit. Können wir uns das vielleicht mal bewusst machen, statt die schiefe Narbe auf unserem Knie weiter zu diskriminieren?

    Wer den Sommer nur noch als Endgegner versteht, bei dem jede kurze Hose zum modischen Wagnis mutiert, verliert nicht nur den Spaß an ihm, er verliert auch: Lebenszeit  – zugunsten von Akteuren, die uns erst das Problem verkaufen („Huch, bist du etwa noch nicht straff genug für diese Jahreszeit?“) und direkt danach die passende Lösung anbieten. Was passiert, wenn wir uns dem hingeben? Wir betreten den Gehweg nicht mehr einfach nur, um von A nach B zu kommen oder von der Wiese im Schwimmbad zum Sprungturm zu gelangen. Wir fühlen uns wie auf einem Laufsteg. Als wäre das Tragen eines T-Shirts ohne Ärmel eine persönliche Mutprobe, für die man sich vorher die Absolution einer imaginären Körper-Bewertungs-Jury abholen müsste. Und schlimmer noch: Nicht selten lassen wir uns das Gefühl von Freiheit nehmen, noch bevor wir überhaupt einen Schritt vor die Tür gesetzt haben. Der Bikini, den wir uns voller Vorfreude auf die Freibadsaison gekauft haben? Oh nee, besser nicht. Darin sehen die Brüste so unförmig aus. Oder der schwingende Rock aus der Vintage-Boutique? Besser nicht, darin sehen die Waden so dick aus. Oder was ist mit dem Top, das du genau in der Farbe so lange gesucht hast? Bloß nicht … Die Oberarme rücken zwei Millimeter vom „Ideal“ ab. Das bleibt besser im Schrank. Glaub mir, ich bin bei +25 Grad so mit meinem Operlippenschweiß beschäftigt, ich habe gar keinen Kopf, um mir über irgendwas und irgendwen Gedanken zu machen. Ich möchte meinen Kopf dann nur möglichst schnell gegen eine TK-Packung Erbsen lehnen. Und den anderen da draußen geht es da nicht anders. Jeder von uns ist so sehr mit dem eigenen Alltag (und vielleicht auch mit der eigenen Paranoia) beschäftigt, dass überhaupt niemand die Zeit hat, die vermeintlichen Makel der anderen zu katalogisieren. Davon mal abgesehen: Warum sollte man auch auf so eine Idee kommen? Während wir also krampfhaft versuchen, den Bauch einzuziehen, die Arme vorteilhaft zu positionieren und bloß im richtigen Winkel im Park zu sitzen, verpassen wir genau das, worum es eigentlich geht: das verdammt gute Gefühl von warmer Luft auf nackter Haut.

    Gesellschaftlich betrachtet ist das alles übrigens ein herrlicher Widerspruch, den wir da von Mai bis September leben. Wir fordern im Alltag Diversität, sprechen über Body Positivity und feiern die Individualität. Doch sobald das Thermometer nach oben geht, scheinen wir genau das zu vergessen. Warum? Wir müssen aufhören, den Sommer als eine Belohnung zu betrachten, die man sich durch Disziplin verdienen muss. Die warme Jahreszeit ist kein Schaufenster und kein Catwalk. Sie findet statt. Völlig unabhängig davon, ob deine Oberschenkel im Gehen aneinanderreiben oder nicht. Ob da Cellulite ist oder ein Bauch, der einfach weich ist und Platz einnimmt. Na und? Es braucht keinen optimierten Körper, um kurze Kleidung zu tragen. Und genau da liegt für mich der Schlüssel zu einer ganz neuen Perspektive: Wenn ich mich im Sommer dabei erwische, wie ich mich unwohl fühle und mich am liebsten verstecken will, hilft mir der Blick auf die Menschen um mich herum. Ich sehe die Dehnungsstreifen bei der Frau auf der Parkbank, die Schweißflecken beim Mann in der Bahn, die blasse Haut im Sonnenlicht. Und mein erster Gedanke dazu, ist? Pure Erleichterung. Ich empfinde eine tiefe Empathie für diese ungebügelte, echte Version von uns allen. Weil ich mich wiedererkenne. Mit meinen Narben, meinen Hitzepickeln und meinen von Sonnencreme verklebten Haaren. Und weil ich mich nicht mehr für das schämen muss, was auf Social Media immer noch viel zu selten gezeigt wird: die Realität.

    Lassen wir uns die sonnigen und warmen Tage bitte nicht länger von einer Industrie, scheinheiligen Influencer:innen oder sonst wem madig machen, die davon leben, dass wir uns ungenügend fühlen. Geh raus. Iss das Eis. Zieh die kurze Hose an. Und wenn jemand guckt? Lass sie gucken. Vielleicht bewundert die Person gerade auch einfach nur dein Outfit und deinen Mut, dich so zu zeigen, wie du bist. Weil sie selbst noch nicht so weit ist. Dein Wert lässt sich nicht an der Passform einer kurzen Hose ablesen. Das gilt nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer. Er bemisst sich nicht nach Zentimetern, Straffheit oder irgendeinem optischen Soll-Zustand. Es ist auch völlig egal, wie viel Haut du zeigst oder wie weich sie ist. Worauf es diesen Sommer wirklich ankommt? Momente zu schaffen, in denen wir völlig vergessen haben, wie wir gerade aussehen. Weil wir viel zu sehr damit beschäftigt waren, glücklich zu sein.

  • Demokratie braucht Beine, keine Daumen auf dem Touchscreen

    Wir sind Weltmeister. Nicht im Fußball, nicht im Klimaschutz und sicher nicht in der Digitalisierung. Wir sind Weltmeister im Couchsurfen des Zorns. Es ist ein bizarres Schauspiel: In den Umfragen rauschen Merz und Gefolge gerade so richtig ab. Man spürt das kollektive Kotzen in den Kommentarspalten, hört das Zähneknirschen auf dem Wochenmarkt und sieht das verzweifelte Kopfschütteln in den Öffis. Aber schaut man aus dem Fenster auf die Straßen des Landes, herrscht dort eine Stille, die fast schon unheimlich ist. Wo ist der Aufschrei? Wo ist die Wut, die groß genug ist, um die Hausschuh-Idylle und die cosy Adidas-Latschen-Mentalität endlich zu verlassen?

    Wir sitzen zu Hause, starren auf unsere Bildschirme und kultivieren eine ganz besondere Form der deutschen Trägheit: den passiv-aggressiven Widerstand. Wir meckern beim Bäcker, wir fluchen in der WhatsApp-Gruppe und wir rollen mit den Augen, wenn Merz uns die Welt von vorvorvorgestern erklärt. Aber sobald es darum geht, selbst die Komfortzone zu verlassen, wird es still. Was wir vergessen? Politik ist kein Streamingdienst, den man ganz easy kündigen kann, wenn das Programm nicht mehr passt. Veränderung geschieht nicht, wenn wir vom Sofa aus zusehen und darauf warten, dass jemand anderes den ersten Schritt macht. Wir müssen das schon selbst erledigen.

    Das Problem ist nicht nur die Politik von Merz und vielen anderen politischen Schachfiguren da draußen. Das Problem ist unsere eigene Bequemlichkeit. Wir haben die Energie, uns stundenlang über die „da oben“ aufzuregen, aber scheinbar keine Energie mehr übrig, um unseren Hintern zur nächsten Demo zu bewegen. Lieber delegieren wir unseren Zorn an die Algorithmen von Social Media, in der Hoffnung, dass ein „Like“ denselben Effekt hat wie tausend Menschen auf der Straße. Spoiler: Hat es nicht, wenn wir nicht über uns hinauswachsen. Jetzt werden einige sicher sagen: „SaGt DiE, DiE, eS AuCh NicHt BeSsEr mAcHt“ oder „sAgT DiE mIt IhReM OlLeN bRanDbRieF…“ Das mag sein. Aber der Gedanke ist zu kurz gedacht. Besser einen kleinen Schritt vom Sofa machen, als gar keinen. Denn: Aus diesem Brandbrief ist eine Petition geworden. (Noch) keine große, aber es ist ein Schritt. Einer, den jeder von euch auch hätte gehen können. Und das sollte zählen. Nichts anderes. Wer den ersten Schritt nicht geht, aber über andere urteilt, die ihn gegangen sind, sollte sich nicht über den Stillstand beschweren. Wer Veränderung will, muss aufhören, die Hindernisse zu zählen, und anfangen, die eigenen Beine zu bewegen. Eine Petition ist kein Umsturz, aber sie ist ein Lebenszeichen – und aktuell braucht dieses Land nichts dringender als genau das: Menschen, die nicht nur zuschauen, sondern endlich wieder mitspielen. Was nach dem Brandbrief und der Petition kommt? Das liegt nicht nur an mir. Es liegt auch an euch. Vielleicht sollten wir diesen verdammten Brief alle ausdrucken, in einen Briefumschlag stecken und so lange in den Bundestag schicken, bis die gar nicht mehr mit dem Schreddern hinterherkommen. So wie in Harry Potter und der Stein der Weisen, wo die Briefe massenhaft aus dem Kamin, den Fenstern und Türschlitzen reingeflattert kommen. Erinnert ihr euch? Hat irgendeiner von euch schon mal daran gedacht?

    Aber warum bleiben wir eigentlich sitzen, obwohl es so unbequem geworden ist? Weil die Komfortzone einfach verdammt gemütlich ist. Rauszugehen bedeutet, sich angreifbar zu machen. Es bedeutet, Zeit zu opfern, vielleicht nass zu werden oder sich mit Menschen auseinanderzusetzen, die anderer Meinung sind. Aber wer nur meckert und nicht handelt, gibt den Verantwortlichen des Wahnsinns nur ein Signal: „Ihr könnt machen, was ihr wollt. Wir schimpfen zwar, aber wir wehren uns nicht.“ Es ist Zeit, den Schalter umzulegen. Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst oder Faulheit, sondern das Überwinden derselben.

    • Hör auf zu warten: Es wird kein „perfekter Moment“ kommen, in dem die Politik plötzlich von selbst einsichtig wird.
    • Werde sichtbar: Ein wütender Tweet erreicht niemanden im Kanzleramt. Eine Menschenmenge vor der Tür hingegen kann nicht ignoriert werden.
    • Nimm den Raum ein: Wenn die Vernünftigen und die Unzufriedenen zu Hause bleiben, gehört die Straße den Ewiggestrigen und denen, deren Namen ich nicht nennen werde. Sie sind es schlichtweg nicht wert.
    • Mach dich nicht kleiner, als du bist: Du alleine magst klein sein, aber nicht, wenn du dich mit anderen zusammenschließt. Jeder Mikro-Schritt kann Teil von etwas Großem werden. Lass dir von einem 70-jährigen Politiker, dem Jammern wichtiger ist als Handeln, nichts anderes sagen.

    Wenn uns die Richtung in diesem Land nicht passt, dann reicht es nicht, das Smartphone fester zu umklammern und noch wilder und noch wütender in die Tasten zu hauen. Demokratie braucht Beine, keine Daumen auf dem Touchscreen. Veränderung braucht dich – und zwar außerhalb deines Wohnzimmers, Bettes oder wo auch immer es gerade so schön gemütlich für dich ist. Der Weg aus der politischen Misere führt vom Sofa direkt durch die Haustür. Und am besten nimmst du den Brandbrief gleich mit und steckst ihn mit „Ganz lieben Grüßen“ direkt in die Post für den Bundestag. Ein Brief mag keinen Unterschied machen, ein paar Millionen schon.