Brandbrief an einen Bundeskanzler, der nie einer für mich war

Sehr geehrter Herr Merz,

Ich schreibe Ihnen diesen Brief nicht aus einer „hypernervösen“ Laune heraus, wie Sie es vermutlich in einem Antwortbrief an mich adressieren würden. Ich schreibe Ihnen, weil die Distanz zwischen Ihrer gepanzerten Limousine und unserer Lebensrealität auf den Straßen mittlerweile ein Ausmaß angenommen hat, das ich als Bürgerin und Journalistin nicht mehr länger nur beobachten kann und dabei auf bessere Zeiten hoffen will.

Ich habe Ihre Politik (wenn man sie denn so nennen kann) in den letzten Jahren sehr genau beobachtet. Und das, was Sie vor und natürlich auch während Ihrer Amtszeit umgesetzt und gesagt haben, hat mir mehr als einmal die Sprache verschlagen. Leider nicht im positiven Sinne. Mit jedem neuen Interview, jedem neuen Beschluss und jedem neuen Auftritt war da dieser Gedanke: Es kann eigentlich nicht noch schlimmer werden, oder? Doch. Von sozialer Intelligenz verstehen Sie als Bundeskanzler leider wenig. Von Egoismus dafür umso mehr. Welch Ironie. Ihr jüngstes Interview im Spiegel? War mehr als nur eine unglückliche Wortwahl oder die Zurschaustellung eines „offenen“ und „nahbaren“ Kanzlers. Es war eine Offenbarung. Eine Offenbarung, die gezeigt hat, dass Sie die Bodenhaftung nicht nur verloren, sondern sie gegen eine pure Ignoranz eingetauscht haben.

Ihr jüngstes Beklagen der „Atmosphäre“ im Land ist an Arroganz kaum zu überbieten. Sie beschweren sich über die Hitze in einem Raum, in dem Sie selbst das Feuer gelegt haben. Seit Monaten beobachten wir, wie Sie die Architektur dieser Spaltung weiter vorantreiben. In allen Lebensbereichen. Mit einer Taktik, die gezielt nach unten tritt, um von strukturellem Versagen aus Ihren eigenen Reihen abzulenken. Gleichzeitig sprechen Sie davon, dass Sie sich „nicht verbiegen“ wollen. Ein schöner Satz für jemanden, dessen Wohlstand und Sicherheit nie zur Debatte stehen. Während Sie Ihre Authentizität feiern, verlangen Sie von uns im Gegenzug aber, dass wir uns bis zur Unkenntlichkeit verbiegen. So, wie es Ihnen gerade passt. Wir sollen zum Beispiel mehr arbeiten, während das Maß längst voll ist. Das Land ächzt vor Erschöpfung. Ein Großteil ist bereits am Limit angekommen. Und das hat nicht alleine etwas mit Überstunden zu tun, die wir übrigens schon zu Genüge leisten. Es ist auch der Fakt, dass sich die Arbeit schlichtweg nicht mehr lohnt. Steigende Preise für Lebensmittel, Wasser, Strom, Gas oder Benzin sollen wir bitte hinnehmen. Genauso wie die stagnierenden Löhne, mit denen wir uns seit Jahren (!) durch den Alltag kämpfen. Wie soll das funktionieren? Das soll mich motivieren? Und während die Rentnerin darüber nachdenkt, wie sie bis Ende der Woche noch mit ihrem Lebensmittelvorrat auskommen soll, der studierte Berufsanfänger keinen Job findet und deshalb Bürgergeld beantragen muss und die vierköpfige Familie zittert, ob sie sich nach Erhöhung der Stromrechnung überhaupt noch die Schulbücher leisten kann, mimen Sie weiter einen Bundeskanzler, der eigentlich nur ein Wolf im Schafspelz ist. Sie sind kein Bundeskanzler und werden es auch niemals sein. Egal, wie viele Top-Berater:innen Sie an Ihrer Seite haben. Sie sind ein Kanzler der Reichen, der von oben herab urteilt, statt sich auf Augenhöhe zu begeben. Während die Menschen in diesem Land versuchen, in einem System zu überleben, das immer mehr abverlangt und immer weniger Sicherheit bietet, sprechen Sie lieber über Ihr eigenes „Befinden“ und Ihre „offene Sprache“. Weil das ja auch so viel wichtiger ist. Nicht?

Nicht zuhören zu wollen, ist das eine. Sich dann aber zu beschweren, wie schlecht alles läuft, das andere. Sie machen die Gefühle und Sorgen der Bürger zum Problem. Wenn Menschen Existenzangst haben, weil sie ihre Familie nicht mehr versorgen können, keine Rücklagen für die Rente haben oder schlichtweg aufgrund von Krankheit ans Bett gefesselt sind, nennen Sie das „Triggeranfälligkeit“. Es ist purer Hohn, wenn ein Multimillionär, der den Kontakt zur Mittelschicht längst verloren hat, den Menschen in Not ihre eigenen Ängste zum Vorwurf machen möchte. Aber wie soll sich jemand wie Sie, der weit über 30.000 Euro im Monat als Bruttogehalt zur Verfügung hat, auch damit identifizieren können? Wer sich um den täglichen Lebenserhalt sorgt, wer bei stagnierenden Löhnen und explodierenden Preisen für Lebensmittel zusehen muss, wie die mühsam aufgebauten Rücklagen schmelzen, der ist nicht „triggeranfällig“. Er ist am Limit. Was Sie betreiben, Herr Merz, ist politisches Gaslighting auf höchstem Niveau. Höhere Steuern für Millionäre? Für Sie undenkbar. Höhere Belastungen für die arbeitende Mitte? Da geht noch was!

Führung bedeutet für mich, Verantwortung für das Klima zu übernehmen, das man erschafft. Wer führen will, muss Brücken bauen und Ängste nehmen, statt sie kleinzureden. Was machen Sie? Sie nutzen die voranschreitende Spaltung als politisches Werkzeug. Sie haben bewiesen, dass Ihnen Ihr eigenes Ego und die Interessen einer kleinen, wohlhabenden Elite wichtiger sind als das Schicksal derer, die dieses Land jeden Tag am Laufen halten. Führung bedeutet, den Schwächsten den Rücken zu stärken, anstatt sie als Sündenböcke für strukturelles Versagen zu benutzen. Was Führung nicht bedeutet? Die Welt durch die Fenster einer gepanzerten Limousine zu betrachten und die Unruhe auf der Straße als „nervös“ abzutun. Wahre Stärke würde darin liegen, zuzugeben, dass Ihre Politik an der Realität der Menschen vorbeigeht. Dass Ihr Egotrip-Fokus und die Interessen einer wohlhabenden Elite einen immer tieferen Keil in unsere Gesellschaft treiben, den wir uns nicht mehr leisten können. Oder wie wäre es mit einem Rücktritt? Ich wäre für Letzteres. Wir brauchen keine Machtworte, die nur Ihr eigenes Ego und das derer stärken, die hinter Ihnen stehen. Wir brauchen Menschlichkeit. Vor allem aber brauchen wir jemanden, dem das Gemeinwohl wichtiger ist als das eigene Spiegelbild. Aber davon verstehen Sie letztendlich genauso wenig wie ich von den Wartungskosten eines Privatjets…