Demokratie braucht Beine, keine Daumen auf dem Touchscreen

Wir sind Weltmeister. Nicht im Fußball, nicht im Klimaschutz und sicher nicht in der Digitalisierung. Wir sind Weltmeister im Couchsurfen des Zorns. Es ist ein bizarres Schauspiel: In den Umfragen rauschen Merz und Gefolge gerade so richtig ab. Man spürt das kollektive Kotzen in den Kommentarspalten, hört das Zähneknirschen auf dem Wochenmarkt und sieht das verzweifelte Kopfschütteln in den Öffis. Aber schaut man aus dem Fenster auf die Straßen des Landes, herrscht dort eine Stille, die fast schon unheimlich ist. Wo ist der Aufschrei? Wo ist die Wut, die groß genug ist, um die Hausschuh-Idylle und die cosy Adidas-Latschen-Mentalität endlich zu verlassen?

Wir sitzen zu Hause, starren auf unsere Bildschirme und kultivieren eine ganz besondere Form der deutschen Trägheit: den passiv-aggressiven Widerstand. Wir meckern beim Bäcker, wir fluchen in der WhatsApp-Gruppe und wir rollen mit den Augen, wenn Merz uns die Welt von vorvorvorgestern erklärt. Aber sobald es darum geht, selbst die Komfortzone zu verlassen, wird es still. Was wir vergessen? Politik ist kein Streamingdienst, den man ganz easy kündigen kann, wenn das Programm nicht mehr passt. Veränderung geschieht nicht, wenn wir vom Sofa aus zusehen und darauf warten, dass jemand anderes den ersten Schritt macht. Wir müssen das schon selbst erledigen.

Das Problem ist nicht nur die Politik von Merz und vielen anderen politischen Schachfiguren da draußen. Das Problem ist unsere eigene Bequemlichkeit. Wir haben die Energie, uns stundenlang über die „da oben“ aufzuregen, aber scheinbar keine Energie mehr übrig, um unseren Hintern zur nächsten Demo zu bewegen. Lieber delegieren wir unseren Zorn an die Algorithmen von Social Media, in der Hoffnung, dass ein „Like“ denselben Effekt hat wie tausend Menschen auf der Straße. Spoiler: Hat es nicht, wenn wir nicht über uns hinauswachsen. Jetzt werden einige sicher sagen: „SaGt DiE, DiE, eS AuCh NicHt BeSsEr mAcHt“ oder „sAgT DiE mIt IhReM OlLeN bRanDbRieF…“ Das mag sein. Aber der Gedanke ist zu kurz gedacht. Besser einen kleinen Schritt vom Sofa machen, als gar keinen. Denn: Aus diesem Brandbrief ist eine Petition geworden. (Noch) keine große, aber es ist ein Schritt. Einer, den jeder von euch auch hätte gehen können. Und das sollte zählen. Nichts anderes. Wer den ersten Schritt nicht geht, aber über andere urteilt, die ihn gegangen sind, sollte sich nicht über den Stillstand beschweren. Wer Veränderung will, muss aufhören, die Hindernisse zu zählen, und anfangen, die eigenen Beine zu bewegen. Eine Petition ist kein Umsturz, aber sie ist ein Lebenszeichen – und aktuell braucht dieses Land nichts dringender als genau das: Menschen, die nicht nur zuschauen, sondern endlich wieder mitspielen. Was nach dem Brandbrief und der Petition kommt? Das liegt nicht nur an mir. Es liegt auch an euch. Vielleicht sollten wir diesen verdammten Brief alle ausdrucken, in einen Briefumschlag stecken und so lange in den Bundestag schicken, bis die gar nicht mehr mit dem Schreddern hinterherkommen. So wie in Harry Potter und der Stein der Weisen, wo die Briefe massenhaft aus dem Kamin, den Fenstern und Türschlitzen reingeflattert kommen. Erinnert ihr euch? Hat irgendeiner von euch schon mal daran gedacht?

Aber warum bleiben wir eigentlich sitzen, obwohl es so unbequem geworden ist? Weil die Komfortzone einfach verdammt gemütlich ist. Rauszugehen bedeutet, sich angreifbar zu machen. Es bedeutet, Zeit zu opfern, vielleicht nass zu werden oder sich mit Menschen auseinanderzusetzen, die anderer Meinung sind. Aber wer nur meckert und nicht handelt, gibt den Verantwortlichen des Wahnsinns nur ein Signal: „Ihr könnt machen, was ihr wollt. Wir schimpfen zwar, aber wir wehren uns nicht.“ Es ist Zeit, den Schalter umzulegen. Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst oder Faulheit, sondern das Überwinden derselben.

  • Hör auf zu warten: Es wird kein „perfekter Moment“ kommen, in dem die Politik plötzlich von selbst einsichtig wird.
  • Werde sichtbar: Ein wütender Tweet erreicht niemanden im Kanzleramt. Eine Menschenmenge vor der Tür hingegen kann nicht ignoriert werden.
  • Nimm den Raum ein: Wenn die Vernünftigen und die Unzufriedenen zu Hause bleiben, gehört die Straße den Ewiggestrigen und denen, deren Namen ich nicht nennen werde. Sie sind es schlichtweg nicht wert.
  • Mach dich nicht kleiner, als du bist: Du alleine magst klein sein, aber nicht, wenn du dich mit anderen zusammenschließt. Jeder Mikro-Schritt kann Teil von etwas Großem werden. Lass dir von einem 70-jährigen Politiker, dem Jammern wichtiger ist als Handeln, nichts anderes sagen.

Wenn uns die Richtung in diesem Land nicht passt, dann reicht es nicht, das Smartphone fester zu umklammern und noch wilder und noch wütender in die Tasten zu hauen. Demokratie braucht Beine, keine Daumen auf dem Touchscreen. Veränderung braucht dich – und zwar außerhalb deines Wohnzimmers, Bettes oder wo auch immer es gerade so schön gemütlich für dich ist. Der Weg aus der politischen Misere führt vom Sofa direkt durch die Haustür. Und am besten nimmst du den Brandbrief gleich mit und steckst ihn mit „Ganz lieben Grüßen“ direkt in die Post für den Bundestag. Ein Brief mag keinen Unterschied machen, ein paar Millionen schon.