Was Reichtum heute bedeutet – und warum die Birkin Bag nicht mehr dazugehört

Fällt nur mir das gerade auf? Es ist fast schon absurd. Da steht man im Supermarkt, im Szene-Restaurant oder am Flughafen und sieht diese Taschen, die so viel kosten wie ein halbes Jahr Auszeit, eine Eigentumswohnung oder eine Fortbildung. Weiches Leder, goldene Hardware – und dazu Gesichter, die so ausdruckslos, erschöpft und abgenervt wirken, dass man am liebsten fragen würde: „Geht es dir gut?“ Wir schleppen diese „Trophäen des Erfolgs“ herum, obwohl viele von uns innerlich eigentlich nur noch auf der Suche nach dem nächsten ruhigen Moment sind. So fühlt es sich jedenfalls für mich an, wenn ich meinen Blick durch die Straßen schweifen lasse. Früher haben auch mich solche „Statussymbole“ beeindruckt. Heute wirken sie erstaunlich lächerlich und irgendwie auch befremdlich. So begehrenswert eine Birkin Bag von Hermès oder eine 2.55 von Chanel auf viele noch wirken mag, ihr Zauber ist längst verflogen. Das mag den einen oder anderen schockieren, vielleicht sogar kränken. Aber, Hand aufs Herz: Was geben uns diese Objekte der Begierde eigentlich wirklich noch? Ich meine, wirklich. Mal abgesehen vom grandiosen Gefühl, eine künstliche Warteliste besiegt zu haben, die nur existiert, um uns die eigene Wichtigkeit vorzugaukeln? Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird für mich: erstaunlich wenig.

Reichtum war lange Zeit sichtbar. Je auffälliger, desto besser. Er hing an Schultern, parkte in Einfahrten, blitzte an Handgelenken. Wer es geschafft hatte, zeigte es – und die Welt verstand die Codes. Teure Dinge waren mehr als nur Dinge. Sie erzählten Geschichten von Erfolg, Kontrolle, Überlegenheit, kurz: Reichtum. Aber selbst eine gute Geschichte ist irgendwann auserzählt. Genau das trifft auch auf die des Reichtums zu. Die Story überzeugt einfach nicht mehr. Auch findet sie in dieser Zeit nur noch wenige Hörer, die ihr aufmerksam und ehrfürchtig lauschen. Ich kann es verstehen. Auch ich bin davon gelangweilt, abgestoßen und irritiert. Und das liegt nicht daran, dass ich mich beruflich mit diesen Dingen beschäftige und dadurch schlichtweg übersättigt bin. Es geht hierbei um etwas Grundlegendes. Wir leben in einer Gegenwart, in der Inflation, Kriege, Armut und Jobangst kein bloßes Hintergrundrauschen mehr sind. Sie sind Alltag. In so einer Welt wirkt es nicht mehr cool oder gar erstrebenswert, fünfstellige Beträge für Accessoires & Co. auszugeben. Es wirkt aus der Zeit gefallen. Und fast ein wenig verzweifelt. Als könnten Kalbsleder und ein Logo darüber hinwegtäuschen, wie es wirklich in unserer Welt und auch in uns aussieht. Statt „Wie teuer war die Tasche denn?“ oder „Ist das die Sonderedition von X und Y?“ sollten wir uns lieber diese Frage stellen: Wie geht es uns? Und vielleicht auch: Was bist du ohne diese Tasche oder den Porsche in deiner Einfahrt? Denn was bringt schon die Birkin, wenn der Schlaf unruhig und der Kalender so eng geschnürt ist, dass einem die Luft zum Atmen fehlt? Oder wenn der eigene Alltag sich anfühlt wie etwas, aus dem man regelmäßig fliehen muss? Materielles mag zwar die Leere in unseren Regalen, Schränken oder Garagen füllen, nicht aber die, die in uns herrscht.

Was das für den Reichtum selbst bedeutet? Er stirbt nicht aus. Aber er hat seine Adresse geändert. Er steht nicht mehr im Kleiderschrank und nicht mehr in der Garage. Er wohnt in unserem Inneren. Wo? Genau hier: Ein Nervensystem, das nicht dauerhaft auf Alarm geschaltet ist, zählt zum Beispiel dazu. Genauso wie ein Alltag, der sich nicht nach Flucht anfühlt, sondern nach Bereicherung. Gleiches gilt für das Ankommen in einem friedlichen und gemütlichen Zuhause, in dem man die Welt (und den Lärm) draußen lassen kann. Umgeben von Menschen, die einen lieben – so wie man ist. Menschen, bei denen man nicht performen muss. Es ist der Körper, der nicht vor dem nächsten Nervenzusammenbruch steht, sondern gesund bis in die letzte Pore. Und es ist auch dieser unscheinbare Moment am Küchentisch, wenn man den Kaffee wirklich bewusst genießt, statt ihn nur als Treibstoff für ein Leben zu missbrauchen, das man so eigentlich nicht mehr führen mag. All das? Kann keine Birkin Bag dieser Welt aufwiegen. Ganz egal, wie wertvoll sie ist. Eine Birkin bleibt, bei aller Handwerkskunst, die in ihr steckt, nur ein Objekt. Leder, Nähte, ein funkelndes Logo. Sie kann viel: beeindrucken, signalisieren, aufwerten. Was sie nicht kann? Uns auf einer tieferen Ebene erfüllen und glücklich machen. Mit Seide, butterweichem Kalbsleder oder Diamanten lassen sich die Löcher in der Seele eben nur schwer stopfen. Schon gar nicht können wir uns davon einfach ein gutes Leben kaufen. Und trotzdem jagen wir Dingen hinterher, die künstlich verknappt werden und übersehen dabei das, was wirklich rar geworden ist: Aufmerksamkeit ohne Ablenkung von Smartphones & Co., Gespräche ohne Eile, Beziehungen, die nicht zwischen zwei Terminen stattfinden, eine Stunde nur für uns. Das alles ist der wahre Reichtum. Leise, unsichtbar und so viel kostbarer als dieses Stück Logo-Leder. Und das Beste daran? Für diesen Luxus gibt es keine Warteliste. Nur die unbequeme Einladung, das eigene Leben so zu gestalten, dass man es nicht mehr kompensieren muss. Ein entspanntes Lächeln trägt sich am Ende ohnehin viel leichter als ein halbes Kilo Kalbsleder. Und kostet: nichts!