Ich hatte mich wirklich auf dieses Wiedersehen mit Andy, Miranda, Emily und Nigel gefreut. Als der erste Teil von „Der Teufel trägt Prada“ 2006 in die Kinos kam, war ich 15 Jahre alt. Heute bin ich 34. Nicht nur die Welt, auch ich habe mich in dieser Zeit verändert. Ich habe Karrieren an die Wand gefahren und wieder aufgebaut, ich habe Männer, Freunde und Familienmitglieder verloren, mich mehrmals neu erfunden und ich habe unzählige Nächte zum Tag gemacht. All das hat Spuren hinterlassen – feine Linien und Schatten, die von Lachanfällen, Nervenzusammenbrüchen und Schlafmangel gleichermaßen erzählen. Ob mich das traurig macht? Nein. Ich trage meine Geschichte im Gesicht, wie man ein gut eingetragenes Paar High Heels trägt: mit Stolz und einer gewissen Selbstverständlichkeit. Offenbar habe ich damit aber gegen die ungeschriebenen Gesetze von Hollywood verstoßen. Denn während ich munter vor mich hin gealtert bin, scheinen Andy, Miranda & Co. in der Fortsetzung die letzten zwanzig Jahre kollektiv in Frischhaltefolie verbracht zu haben.
Schon Monate vor dem eigentlichen Kinostart sorgte der Film mit Fotos vom Set aus New York für Aufsehen. Anne Hathaway, Meryl Streep, Stanley Tucci und Emily Blunt wirkten darauf erstaunlich… zeitlos. Im ersten Moment dachte ich noch: Gut, die Bilder sind bestimmt bearbeitet. Was ich für reine Photoshop-Magie hielt, entpuppte sich im Kinosessel jedoch als bittere Realität. Da saß ich also, blickte auf die Leinwand und suchte nach einem Anzeichen von Menschlichkeit, nach einer kleinen Spur gelebten Lebens in den altbekannten Gesichtern von Runway. Dass Miranda Priestly aussieht, als hätte sie die Zeit mit Botox und Liftings irgendwie eingefroren – fast schon geschenkt. Bei der unterkühlten Herrscherin des Mode-Olymps gehört die Maske genauso dazu wie das Prada-Kostüm. Ganz anfreunden kann ich mich mit dieser radikalen Konservierung trotzdem nicht. Und Andy? Die Frau, die uns jetzt als die nahbare, lebensechte Journalistin aus der bürgerlichen Mitte verkauft wird? Ihr nehme ich die Rolle noch weniger ab, wenn ihr Gesicht aussieht, als hätte man jede Erfahrung seit 2006 mit dem Weichzeichner wegradiert. Meine Vorfreude wich also ziemlich schnell einer leisen Enttäuschung. Das konnten für mich auch nicht Mirandas gewohnt bissige Punchlines, die Looks von Andy oder Nigels charmante Art kitten. Ich fühlte mich betrogen.
Es geht hier nicht um ein verurteilendes Anti-Botox-Plädoyer – jeder soll mit seinem Gesicht machen, was er möchte. Aber was ist mit diesem ganzen „Pro Age“-Gefasel, wenn ich davon rein gar nichts auf der Leinwand sehen kann? Wenn das Einzige, was ich sehen kann, die Angst vor echten Alterserscheinungen ist? Wer zwanzig Jahre Leben komplett aus den Gesichtern radiert, nimmt den Charakteren nicht nur ihre Authentizität, er nimmt ihnen auch ihre Tiefe. Schauspielerei lebt von Mimik. Wenn aber die kleinsten Regungen, das Heben einer Braue oder das feine Zittern einer Wange, unter einer unbeweglichen Oberfläche ersticken, verliert das Spiel seine Seele. Man sieht den Figuren beim Agieren zu, spürt sie aber nicht mehr. Statt mit den Figuren mitzufühlen, ertappt man sich dabei, wie man das Gesicht auf der Leinwand nach einer vergessenen Pore absucht. Nur um sicherzugehen, dass da wirklich noch ein Mensch unter dieser makellosen Oberfläche steckt. Wo sind die Spuren der Kämpfe, der Siege, der schlaflosen Nächte? Andys Boyfriend Peter, der im Vergleich zum Rest der Riege erstaunlich normal und beinahe erschreckend menschlich daherkommt, kann dieses Ungleichgewicht auch nicht wirlich ausbalancieren. Er hat wirklich (!) sichtbare Falten, wirkt lebendig, greifbar. In ihm habe ich mich tatsächlich kurz wiedererkannt. Doch neben der glattgebügelten Andy wirkt er fast wie ein Fremdkörper aus einer anderen Dimension. Einer Welt, in der Frauen tatsächlich älter werden dürfen. Ich wollte keinen Alters-Schocker, wenn ihr versteht, was ich meine. Mir hätte es schon gereicht, sowas wie Augenringe, einen kleinen Pigmentfleck hier oder da eine wirkliche Stirnfalte zu sehen. Ein bisschen mehr Realität hätte dem Film das gegeben, was ich nach all den Altersdiskussionen in und um Hollywood erwartet hätte: Ehrlichkeit.
Nach dem Film trat ich in das gleißende Licht des Nachmittags. Diesen ungnädigen Zustand, in dem die Realität kein Erbarmen und keine Weichzeichner kennt. Ich warf einen Blick in mein Handy-Display, nur um kurz die Nachrichten zu checken. Und da starrte es mir plötzlich entgegen: mein Gesicht. Ungefiltert, gezeichnet von zwei Stunden konzentrierter Skepsis, mit einer sichtbaren Zornesfalte, weil die Sonne mich so blendete. Was mir in diesem Moment bewusst wurde? Ich sah nicht furchtbar aus. Ich sah echt aus. Während Andy und Miranda auf der Leinwand wirkten, als hätte man sie 2006 schockgefrostet und erst für die erste Klappe wieder aufgetaut, spürte ich mein eigenes Gesicht fast schon mit einer neuen Art von Genugtuung. Ich besitze den entscheidenden Vorteil, dass man mir meine Skepsis noch ansieht, wenn mir das Leben eine mittelmäßige Story oder einen schlechten Espresso serviert. Ich kann die Augen zusammenkneifen, ich kann herzhaft fluchen und – Gott bewahre – ich kann lachen, bis die Krähenfüße um meine Augen tanzen. Es ist das Zeugnis von zwei Jahrzehnten, in denen ich nicht auf Stand-by stand, sondern wirklich gelebt habe. Und diese Falten? Sind kein Verfall. Sie sind eine Form von Haltung und Ehrlichkeit, die man sich bei Runway offensichtlich nicht mehr leisten kann.