Dieses Jahr bin ich zum ersten Mal nicht nur im Hinblick auf die hohen Temperaturen froh darüber, wenn der Sommer endlich vorbei ist. Mit den kürzer werdenden Tagen, dem grauen Himmel und der frühen Dunkelheit, die bald wieder über uns hereinbricht, kommt für mich als Frau auch die beruhigende Gewissheit, dass die Saison der Sonnenbrille erst mal gelaufen ist.
Hinter den Sonnenbrillen vieler Männer verbirgt sich immer öfter eine Technologie, die den öffentlichen Raum für uns Frauen zu einer noch größeren Bedrohung macht: Smart Glasses. Äußerlich unterscheiden sich die Modelle kaum von normalen Sonnenbrillen oder Sehhilfen. Die Minikameras, Mikrofone, Lautsprecher und kleinen Displays sind auf den ersten Blick kaum zu erkennen. Und genau das macht sie auch so gefährlich. Sicher, nicht jeder Mann, der Smart Glasses trägt, ist ein Voyeur, Perverser oder völlig Bekloppter. Manche wollen vielleicht wirklich nur den Sonnenuntergang filmen, auch wenn mir das als Frau immer schwerer zu glauben fällt. Ich habe schon zu viel selbst erlebt, gehört, gesehen und gelesen. Da wären etwa die Vorfälle an Hochschulen wie der HWR Berlin, der Universität Freiburg oder der Universität Mainz, wo versteckte Mini-Kameras in Damentoiletten gefunden wurden. Oder was ist mit den Aufnahmen aus Saunabereichen und Schwimmbädern, die immer öfter publik werden? Auch der Blick in die USA, wo sogenannte Pick-up-Artists an gefühlt jeder Ecke lauern und die Videos ihrer Opfer anschließend auf Social Media veröffentlichen, macht deutlich: Diese Bedrohung ist kein Einzelfall, wie es im Zusammenhang mit Frauen doch immer so gerne gesagt wird. Es ist bittere Realität.
Ein kurzer Knopfdruck genügt und schon werden Umgebung und Menschen gefilmt oder fotografiert. Ohne, dass wir etwas davon mitbekommen. Smart Glasses werden so zum Werkzeug für eine völlig neue Form der Gewalt gegen Frauen. Klassische Übergriffe im öffentlichen Raum, etwa ungefragtes Anfassen, Hinterherpfeifen oder Nachlaufen, waren bisher immer sichtbar. Frauen konnten darauf reagieren, Abstand nehmen, ausweichen und Hilfe holen. Smart Glasses hingegen lösen genau diese Grenze auf. Der Übergriff wird kontaktlos, lautlos und für das Umfeld nur schwer nachvollziehbar. Männer müssen in Zukunft also weder sprechen noch physische Grenzen überwinden, um Gewalt auszuüben. Wer Smart Glasses besitzt, erzeugt einfach eine künstliche Nähe, die kein Einverständnis mehr voraussetzt. Ganz nach dem Motto: Ich nehme mir einfach, was ich will. Damit nehmen Männer uns aber nicht nur unser Nein, sie berauben uns auch (wieder mal) unserer hart erkämpften Selbstbestimmtheit.
Was ich mich frage: Warum besteht überhaupt dieser schier unstillbare Drang, Frauen im öffentlichen Raum heimlich aufzunehmen oder zu fotografieren? Ist der Playboy schlicht zu teuer geworden? Sind die Millionen frei zugänglichen Pornos im Netz mittlerweile so langweilig, dass sie keinen wirklichen Reiz mehr bieten? Oder ist es der banale Wunsch nach Macht und Dominanz, gepaart mit der Lust am Verbotenen und Exklusiven? Material aus dem Internet gehört einem nicht im selben Maße wie das heimlich erbeutete Bild der Frau aus der U-Bahn, dem Café oder dem Fitnessstudio, die man insgeheim vielleicht schon so lange anhimmelt. Ein schnelles Foto in der Straßenbahn wird so zum privaten Sammlerstück, das kein anderer hat. Bei diesen Alltagsaufnahmen allein bleibt es oft aber nicht. In Kombination mit KI-Tools bekommen diese heimlichen Schnappschüsse eine völlig neue Dimension. Mit sogenannten Undress-AIs und Deepfake-Generatoren wird aus dem schnellen Foto aus der U-Bahn binnen Sekunden eine täuschend echte Nacktaufnahme oder ein Porno. Mithilfe der KI baut sich der Täter seine ganz eigenen, maßgeschneiderten Obsessionen. Das Perfide daran? Das Material bleibt selten privat. Über das Smartphone landet es rasend schnell in geschlossenen Telegram-Gruppen oder Foren, wo die Deepfakes getauscht, kommentiert und bewertet werden. Aus einer Frau im öffentlichen Raum wird so innerhalb von Minuten ein digitales Objekt in einer Männerrunde. Sich juristisch gegen die Aufnahmen zu wehren, ist schwer bis unmöglich. In Deutschland wird bereits über ein Verbot diskutiert. Doch der Bundestag hinkt der Technologie wie immer hinterher. Statt Gesetze zu schärfen oder anzupassen, verliert sich die Debatte lieber in Kleinigkeiten. Etwa in der Frage, ob eine winzige LED-Leuchte als Schutzmechanismus ausreicht. Dabei gibt es bereits eine klare Regel: Kameras oder Aufnahmegeräte, die sich als Alltagsgegenstände wie etwa Kugelschreiber tarnen, sind verboten. Bei Smart Glasses tut die Regierung bisher aber so, als handle es sich bloß um ein harmloses Accessoire. Wie kann das sein?
Während Männer die letzten Sommerwochen oberkörperfrei im Park verbringen, U-Bahn in körperbetonten Tank-Tops fahren oder irgendwo in ihrer knappen Badehose die Aussicht auf den See genießen, werden Frauen ihre Umgebung ab sofort noch genauer scannen und sich dabei folgende Frage stellen müssen: Blickt der Typ da drüben einfach nur ins Leere, oder nimmt er mich gerade auf? Dabei wäre die viel wichtigere Frage doch: Wann übernimmt die Politik endlich Verantwortung für unsere Sicherheit?