Neulich stand ich vor meinem Kleiderschrank und habe mich gefragt, für wen genau ich den Seidenrock mit Paisleymuster eigentlich aufbewahre. Für die Hochzeit der Freundin im übernächsten Sommer? Für ein romantisches Dinner an einem lauen Juliabend, das vermutlich nie stattfindet, weil es an besagtem Abend schüttet wie aus Eimern? Oder einfach für eine vage, perfektionistische Zukunft, in der ich irgendwie eine elegantere und noch bessere Version meiner selbst bin?
Wir haben uns angewöhnt, das Schöne für später aufzusparen. Für sogenannte „besondere Anlässe“. Für den perfekten Moment, der sich in den Köpfen vieler als ein romantisiertes Leinwand-Szenario festgesetzt hat. Aber was ist, wenn dieser Tag nie kommt? Oder, noch etwas pragmatischer betrachtet: Was, wenn später schlichtweg ausfällt, weil das Leben unvorhersehbar ist und man im schlimmsten Fall früher stirbt, als einem lieb ist? Am Ende würden wir wahrscheinlich beide ziemlich zerknittert dasitzen. Der Seidenrock und ich. Und müssten uns eingestehen, dass wir die besten Partys verpasst haben, nur weil uns kein Anlass gut genug schien. Dabei findet das Leben doch genau jetzt statt. Und nur weil heute vielleicht ein völlig unspektakulärer, leicht grauer Wochentag ist, heißt das keineswegs, dass er so bleiben muss. Man kann einen ganz normalen Dienstag nämlich mühelos in ein kleines Fest verwandeln: indem man den Seidenrock zum Beispiel einfach ins Büro ausführt. Oder zum Müllraustragen und Einkaufen. Indem man den Kaffee morgens aus dem filigranen Porzellan-Teeservice mit dem feinen Goldrand trinkt, statt aus dem abgeplatzten Ikeabecher aus Studizeiten. Oder indem man die Strohtasche, die sonst nur zwei Wochen im Jahr mediterrane Seeluft schnuppern darf, einfach mit zum Supermarkt nimmt.
Dieses Muster liegt übrigens in der Familie. Meine Oma ist genau dieselbe Kategorie Mensch: Sie wartet seit Jahrzehnten auf die „guten Tage“. Auf jene seltenen Momente, in denen angeblich alles stimmt. Auch mit mittlerweile 96 Jahren. Doch wenn der Kalender dann endlich ein Jubiläum oder ein Festessen hergibt, bleibt die erhoffte Ekstase aus. Es fühlt sich oft genauso an wie der Dienstag davor. Warum? Weil die gigantische Erwartung die Realität im Grunde schon vorher erdrückt hat. Die Magie entsteht aber nicht durch das Warten, sondern durch das Machen: Trag die Hose. Nimm die gute Wäsche. Benutz das Parfüm, das eigentlich „zu schade für den Alltag“ ist. Zünde die teure Duftkerze an, füll das schöne Notizbuch mit all deinen Gedanken und hau‘ endlich den Nagel in die Wand, um dieses Bild aufzuhängen, das schon seit Jahren auf seinen großen Moment wartet. Und ja, damit sind auch die teure Handtasche und der geerbte Schmuck gemeint, die in ihren Stoffbeuteln tief hinten im Schrank vermutlich längst vergessen haben, wie sich Tageslicht überhaupt anfühlt. Es würde mich jedenfalls nicht wundern, wenn sie heimlich mit den Augen rollen. Wenn sie denn welche hätten.
Jeder Tag ist im Grunde schon ein verdammt guter Tag. Du bist gesund, du bist lebendig, du atmest, du hast ein Dach über dem Kopf. Ich weiß, das kratzt gerade gefährlich nah an der klebrigen Wandtattoo-Kategorie. Aber die Wahrheit ist manchmal eben genau so simpel. Und der Tag wird garantiert noch ein bisschen schöner, wenn du dich endlich von dem Gedanken freimachst, dass es unbedingt den „perfekten Moment“ braucht. Den gibt es nicht. Und der Seidenrock wird auch nicht von allein vom Bügel hüpfen und „Der Tag ist gekommen!“ rufen. Wenn du auf den perfekten Moment wartest, wartest du im Zweifel ewig. Wenn du schon die Zeit mit Warten verplempern willst oder musst, dann bitte wenigstens im Seidenrock. Das bist du ihm und dir schuldig. Keine Ausreden mehr! Versprochen?