Ich bin heute 35 geworden. Damit liege ich nun ganze fünf Jahre über jener magischen Grenze, die Frauen früher unweigerlich in die Kategorie „verbraucht“ einsortiert hat. Ob mir vorhin zum Heulen zumute war, während ich die Geburtstagskerzen ausgepustet habe? Früher, ja. Heute nicht mehr.
Ich würde lügen, wenn ich sage, meine Einstellung zum Älterwerden war schon immer so, wie sie jetzt ist. War sie nicht. Natürlich nicht. Wie sollte sie auch? Die Panik vor dem Verfall wurde mir im Grunde schon im Grundschulalter eingetrichtert. Bevor ich überhaupt ein Gefühl für meinen eigenen Körper entwickeln konnte, wusste ich schon, was Winkearme, Hängebacken und Zornesfalten sind. Meine Mutter hatte diese Dauerpanik damals im Abo bestellt. Auf Hochglanzpapier gedruckt. An die Headline auf dem Cover einer InStyle aus den frühen 2000er-Jahren kann ich mich bis heute noch sehr gut erinnern: Anti-Aging: Mit 25 Jahren geht’s los. Mit 14 hat sich dieser Satz unweigerlich in meinen Kopf eingebrannt. Und vermutlich auch in den meiner Mutter. Ich habe sie in meiner Teenagerzeit unzählige Male in die Parfümerie begleitet, um irgendein neues Wundermittel gegen die Zeit zu besorgen. Ihr Weg führte immer geradewegs zu dem Regal mit den teuersten Cremes, die einem im Grunde nur eins verkaufen sollten: Angst. Die Angst davor, dass man irgendwann sieht, dass man lebt. Wenn ich heute daran zurückdenke, tut mir mein jüngeres Ich fast ein bisschen leid. Was für ein Stress. Wofür? Für Männer? Für ein unsichtbares Regelwerk, nach dem keiner gefragt hat? Aber woher sollte ich es auch besser wissen, wenn einem von außen immer wieder etwas anderes vermittelt wird? Meiner Mutter mache ich keinen Vorwurf. Denn auch sie ist als junges Mädchen in die Falle der ewigen Jugend getappt.
Geburtstage waren aus diesem Grund bis in meine späten Zwanziger hinein das Schlimmste für mich. Weil mir wieder bewusst wurde, dass ich wieder ein Jahr älter und noch näher am gesellschaftlichen Verfallsdatum dran bin. Was mir damals leider niemand gesagt hat, schon gar nicht meine Mutter: Mit den Jahren verliert man vielleicht an Spannkraft und es tauchen plötzlich Falten auf, wo vorher keine waren. Aber, mal abgesehen von der Schönheit, die sich auf die reine Optik bezieht: Was ist mit der Schönheit des Lebens? Warum sollten sich meine besten Jahre nur auf meine Zwanziger beschränken? Weil ich da jünger, frischer und glatter aussehe und mein Nacken nicht herumzickt, wenn ich wieder auf dem falschen Kissen geschlafen habe? Die beste Zeit ist immer. Auch jetzt, während ich diese Worte tippe und Geburtstagstorte esse. Um 8:30 Uhr am Morgen. Es gibt keine Altersbeschränkung. Warum sollte ich mir auch nur eine Sekunde länger meine eigene Lebenszeit vermiesen, nur weil meine Brüste über die Jahre still und heimlich vom 10. ins 8. Stockwerk gewandert sind und die Falten um meine Augen sich nicht mehr auf sowas wie „Du hast einfach zu wenig getrunken“ schieben lassen?
Es ist ja nicht nur der optische Druck. Es ist auch der zeitliche Druck, der auf den Schultern von jungen Frauen wie mir gelastet hat und es auch immer noch tut. Mit Anfang 20 war ich ständig damit beschäftigt, irgendwelche Erwartungen zu erfüllen. Ich dachte wirklich, man müsste mit 30 sein gesamtes Leben fertig durchgespielt haben: Karriere, Beziehungsstatus, durchoptimierter Körper, gesellschaftstaugliches Gesicht, Traumwohnung. Jetzt, mit 35, weiß ich: Das Leben hört mit 30 nicht auf. Auch muss es bis dahin nicht durchgespielt sein. Es darf auch einfach passieren. Damit meine ich nicht nur die Falten in unseren Gesichtern, ich meine auch die Wünsche und Träume, die mit Erreichen der 30er nicht einfach stoppen. Weil die Zeit jetzt angeblich abgelaufen ist. Das Älterwerden ist keine Strafe. Es ist ein absolutes Privileg, das vielen verwehrt bleibt. Jeder Geburtstag, jede neue Linie im Gesicht und jede Veränderung des Körpers bedeuten heute für mich schlichtweg eins: Ich bin noch hier. Ich darf wachsen, lernen, scheitern, wieder aufstehen und das Leben in all seinen Facetten weiter erleben. Ohne Grenzen, ohne Zielgerade.
Die teuerste Creme der Welt kann einem keine Lebenszeit kaufen. Schon gar keine Lebensfreude. Sie raubt sie einem eher. Heute blicke ich in den Spiegel und sehe kein Verfallsdatum mehr. Was ich sehe, ist eine Frau, die sich von dem befreit hat, woran ihre eigene Mutter noch zerbrochen ist: An dem Glauben, dass unser Marktwert mit jedem Geburtstag sinkt, dass wir ab 30 bitte leise oder sesshaft werden sollten und dass unsere beste Zeit jetzt endgültig vorbei ist. Der Anfang vom Ende ist diese Ära für mich ganz sicher nicht. Sie ist das Ende von einem Diktat, dem wir uns viel zu lange gebeugt haben.