Es gibt Tage, da öffnet man das Internet und fragt sich kurz, ob man im falschen Film gelandet ist. Oder im falschen Menü: „Nennen wir ihn den Carbonara-Körper“, titelte die ZEIT vor ein paar Tagen online. Und plötzlich ist da diese neue Metapher für den weiblichen Körper geboren, nach der kein Mensch gefragt hat. Die These dahinter? In den Fitnessstudios ist wohl ein neues Selbstverständnis auf dem Vormarsch. Nicht mehr alle Frauen wollen zart, leise und skinny sein. Stattdessen dominieren „Stärke, Speck und gute Laune“ die Studios, heißt es. Was hier (nicht nur im Hinblick auf die Zutaten) als vermeintlich gehaltvolle Botschaft verkauft wird, hat bei genauerem Hinsehen aber nur eines: einen ziemlich schlechten Beigeschmack.
Habt ihr im Feuilleton schon mal einen großen, soziologischen Essay über den Bratwurst-Bizeps von Männern gelesen? Oder eine tiefschürfende Kulturkritik über den Weißbrot-Torso des durchschnittlichen Mannes um die 50? Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern. Aber vielleicht hat mein Kopf all das auch einfach direkt unter unwichtig verbucht. Aber zurück zu den Fakten: Wenn Männer trainieren gehen, sich bewegen oder einfach ein paar Kilo mehr oder weniger wiegen, ist das schlichtweg … ihr Leben. Ein Mann mit Bauch oder Muskeln ist halt ein Typ, der entweder auf der Couch liegt oder seine Zeit gerne im Gym verbringt. Es wird keine große Sache daraus gemacht. Männer haben einfach einen Körper. Frauen? Nicht. Bei Frauen wird genauer hingeschaut und natürlich sofort ein absurder Stempel erfunden. Was gestern noch der Heroin Chic war, wird über das Pilates Girl ruckzuck zur Carbonara-Figur. Das Kuriose daran: Die Absicht dieser Artikel ist lieb gemeint. Man möchte Vielfalt feiern und sagen: Hey, du musst nicht hungern! Aber, und genau das ist der Punkt: Indem wir dem weiblichen Körper wieder ein neues und absolut absurdes Wortkorsett anziehen, bewirken wir leider das genaue Gegenteil davon. Wir machen den Körper schon wieder zum Projekt. Zum Thema. Zum Trend. Und Trends haben nun mal die nervige Eigenschaft, irgendwann wieder out zu sein. Das Problem daran? Hier geht es nicht einfach nur um das Comeback von Diddlmäusen oder Animal Prints. Es geht um unseren Körper. Und der lässt sich nicht einfach mal eben so nach Lust und Laune auswechseln. Es sei denn, man zahlt den bitteren Preis dafür. In Form von Hunger, exzessivem Sport, operativen Eingriffen oder Diäten. So positiv die Botschaft hinter dem Carbonara-Körper vielleicht auch gemeint ist: Sie reduziert uns am Ende doch wieder nur auf unser Äußeres. Klar, viele Frauen werden darüber nur müde lächeln und weiterklicken. Für viele andere wird genau diese Einordnung aber schnell wieder zur Falle. Und der Körper zum Gegner. Denn ganz egal, wie charmant das Etikett auch klingt. Begriffe wie Carbonara-Körper oder Clean Girl vermitteln Frauen am Ende nur, einfach nie genug zu sein. Egal, was sie tun. Und sie senden ein verheerendes Signal an junge Mädchen: Ihr Körper muss erst in eine dieser vorgeformten Schablonen passen, um in dieser Gesellschaft überhaupt stattfinden zu dürfen. Und das übrigens nur, weil schon wieder etwas zum Thema gemacht wird, was eigentlich kein Thema mehr sein sollte.
Wisst ihr, welchem körperfixierten Thema wir stattdessen unsere volle Aufmerksamkeit schenken sollten? Jenem, bei dem der Körper einfach das sein darf, was er ist: ein Körper. Ich stelle mir eine Welt vor, in der unsere Oberarme, Oberschenkel, Bäuche und Brüste einfach mal keine Rolle spielen. Nicht pausenlos bewertet, analysiert oder zum Thema gemacht werden, sondern einfach sein dürfen. So, wie sie sind. Klein, groß, füllig, muskulös, zierlich und alles dazwischen. Dein Körper ist keine Leistungsshow, kein Trend-Piece und erst recht keine Carbonara. Er ist dein Zuhause. Er trägt dich durch lange Nächte, verregnete Montage, über vibrierende Tanzflächen und durch den überfüllten Supermarkt. Übrigens völlig unabhängig davon, was dir von außen suggeriert wird. Wenn du dich heute entschließt, ins Gym zu fahren: fein. Wenn du dir eine Carbonara mit ordentlich Käse kochen und auf der Couch essen willst: auch fein! Du und dein Körper müsst keine künstlichen Erwartungen erfüllen oder irgendwelchen Idealen hinterherlaufen. Denn das ist – um es mal ganz platt auf den Punkt zu bringen – ohnehin nur Quatsch mit Soße. Und der hat mir noch nie geschmeckt.