Die Epstein Files als Beleg für käufliche Straflosigkeit

In den vergangenen Monaten habe ich nichts so intensiv verfolgt wie die Epstein Files. Kein Buch, keine Serie, keinen neuen Film. Währenddessen ist mir vor allem eines klar geworden: Unser System ist krank. Sehr krank. Und, dass ich dringend mal etwas loswerden muss.

Die Veröffentlichung der Epstein Files hat eine vertraute Reaktion ausgelöst: Aufmerksamkeit, Diskussion, Empörung. Und dann das, was in der digitalen Öffentlichkeit fast immer folgt: Müdigkeit. Die nächste Nachricht wartet bereits. Dabei wäre Wut angebracht. Nicht Neugier, nicht sensationsgetriebene Aufmerksamkeit, nicht das fast spielerische Durchforsten tausender Seiten nach bekannten Namen. Sondern Wut. Richtige Wut. Damit meine ich übrigens nicht die klassische Form von Wut. Ich meine Wut, die etwas in Bewegung setzt. Und zwar nicht nur den Finger auf dem Screen unseres Smartphones, um das nächste #epsteinfiles-Reel, den nächsten Post oder die nächste Story abzusetzen.

Jeffrey Epstein war nicht allein

Was die Epstein Files sichtbar machen? Es handelt sich nicht um einen singulären Skandal und erst recht nicht um das isolierte Verbrechen eines einzelnen Mannes. Es ist ein Muster. Systemische sexuelle Gewalt in ihrer schlimmsten Form. Ermöglicht und geschützt durch Geld, Macht und institutionelles Schweigen. Über Jahre. Über Jahrzehnte. Wie lange genau? Das möchte ich ehrlicherweise gar nicht so genau wissen. Und Sie bestimmt auch nicht. Es würde ohnehin nichts ändern. Es würde die Krankheit und Perfidität unseres Systems nur noch deutlicher machen.

Was mich persönlich besonders ohnmächtig macht: Jeffrey Epstein war nicht allein. Und er handelte nicht im luftleeren Raum. Er hatte Zugang und Schutz. Vor allem aber hatte er Netzwerke. Und selbst nach seinem Tod lebt dieses dunkle System weiter. Ein System, dessen Spielchen wir noch nicht einmal ansatzweise durchschaut und verstanden haben: in geschwärzten Akten, in juristischen Verzögerungen, in der auffälligen Abwesenheit echter Konsequenzen. Ghislaine Maxwell verbüßt seit 2022 eine 20-jährige Freiheitsstrafe. Eine Frau. Das soll ihren Anteil am Epstein-Skandal selbstverständlich nicht relativieren. Aber was ist mit all den Männern, die immer noch frei und ohne Konsequenzen da draußen herumlaufen? Donald Trump, Bill Gates, George Bush, Bill Clinton? Dass ausgerechnet diese Abwesenheit von Konsequenzen inzwischen kaum noch überrascht, ist vielleicht der beunruhigendste Punkt.

Die Epstein Files zeigen, wie optional Konsequenzen geworden sind

Wer die Epstein Files liest, stößt nicht auf eine unerklärliche Ausnahme, sondern auf eine bekannte Logik der Macht. Wohlhabende, einflussreiche Männer nutzen ihre Ressourcen, ihre Kontakte und ihre gesellschaftliche Stellung, um Gewalt auszuüben – und um vor ihr geschützt zu werden. Nicht trotz des Systems, sondern durch es. Die Konsequenzen für dieses perfide Handeln? Liegen eigentlich auf der Hand. Eigentlich. In der öffentlichen Debatte richtet sich der Blick dennoch häufig in die falsche Richtung. Es wird gefragt, wie Epstein so lange „davonkommen“ konnte. Warum so viele Männer, die mit ihm in Verbindung standen, weiterhin Positionen innehaben, die ihnen eigentlich längst hätten entzogen werden müssen. Die Antwort ist unangenehm einfach: weil sie es konnten. Und: weil sie es immer noch können. Weil wir in einem System leben, das Verantwortung verschiebbar macht und Schuld verwaltet, statt sie zu ahnden. Was mir in den Monaten der Veröffentlichung ebenfalls aufgefallen ist: Statt der Männer sind es häufig Frauen wie Virginia Roberts Giuffre, die öffentlich gedemütigt, kritisiert und geghostet werden: „Warum behauptet sie das?“ – „Was bildet sie sich ein?“ – „Was denkt sie, wer sie ist?“ – „Als ob jemand mit so viel Geld sich mit so einer Frau abgeben würde.“ Ich möchte und kann mir gar nicht ausmalen, wie sich Virginia Roberts Giuffre und die vielen anderen Epstein-Opfer gefühlt haben müssen.

Aber wie funktioniert dieses System eigentlich? Das werden wir vermutlich nie erfahren. Wer den Kopf jedoch für einen Moment vom Smartphone wegbewegt, wird feststellen: Es braucht dafür gar nicht viel, außer vielleicht Menschenverstand und etwas Logik. Es arbeitet leise, nicht hörbar. Es versteckt Opfer hinter juristischen Formulierungen und Geheimhaltungsvereinbarungen. Es verwandelt Gewalt in „Kontroversen“ und strukturelles Versagen in bedauerliche Einzelfälle. Oder, um es kurz zu machen und auf den Punkt zu bringen: Eine Hand wäscht die andere. Wenn ich untergehe, gehst auch du unter. Und es verlässt sich darauf, dass öffentliche Aufmerksamkeit kurzlebig ist – dass Empörung verpufft, bevor sie gefährlich wird. Heute Epstein Files, morgen ein neuer Skandal: Putin, China, Dritter Weltkrieg, Iran – oder eine neue Pandemie. Vielleicht erklärt das auch die seltsame Gefühlslage, die viele beim Lesen der Epstein Files beschreiben. Keine echte Überraschung, eher eine resignierte Bestätigung. Man liest, nickt, denkt: So funktioniert Macht. Systemische Gewalt schockt nicht, sie wird erwartet.

Haben wir verlernt, wütend zu sein?

Die Welt ist nicht wütend genug. Warum? Weil sie gelernt hat, Information mit Handlung zu verwechseln. Wer liest, glaubt, informiert zu sein. Wer teilt, glaubt, Stellung bezogen zu haben. Doch Wissen allein erzeugt keine Verantwortung. Und Transparenz ohne Konsequenzen ist kein Fortschritt, sondern eine Beruhigungsstrategie. Was fehlt, ist nicht Material. Es fehlt die Bereitschaft, aus Erkenntnis Forderungen abzuleiten. Nicht nur nach Aufklärung, sondern nach struktureller Veränderung. Nach echter Rechenschaft. Nach einem System, in dem Reichtum, Einfluss und Bekanntheit nicht darüber entscheiden, ob Konsequenzen greifen – oder optional werden.

Die Epstein Files dokumentieren nicht nur vergangene Verbrechen. Sie dokumentieren eine Gegenwart, in der diese Verbrechen sichtbar, benannt und dennoch folgenlos bleiben. Und sie stellen eine unbequeme Frage: Was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn selbst das Wissen um systemische Gewalt keine Wut mehr erzeugt – und ab welchem Punkt macht uns genau diese Gleichgültigkeit selbst mitschuldig?