Wenn KI schreibt – was bleibt dann noch von mir?

Es gibt diesen Moment, in dem der eigene Job nicht mehr nach Berufung klingt, sondern nach einem schlechten Timing. Als hätte man sich für den falschen Zug entschieden. Ein Moment, den man erst erkennt, wenn der Zug längst abgefahren ist.

Ich ertappe mich immer öfter dabei wie ich mir die Frage stelle, ob ich einen Fehler gemacht habe. Nicht einen kleinen, korrigierbaren. Sondern einen, der die Welt auseinanderreißt – und mich gleich mit. Einen, der sich nicht mit Weiterbildungen, Buzzwords oder Optimismus wegmoderieren lässt. Ich merke, wie sich Scham in diese Gedanken mischt. Als dürfte man diese Angst nicht haben. Als müsse man „mitgehen“, „sich neu erfinden„. Aber manchmal fühlt sich Anpassung nicht nach Aufbruch an, sondern nach Selbstverleugnung. Nach einem leisen Abschied von dem, was man einmal ernst genommen hat. Und im Moment fühlt sich das längst nicht mehr wie meine Berufung, sondern wie eine Bestrafung an – während man mir freundlich erklärt, ich solle das als Chance begreifen. Aber wenn KI schreibt, was bleibt dann noch von mir?

Wenn das reicht – wozu dann ich?

Künstliche Intelligenz schreibt Texte. Schnell, effizient, ohne Zweifel. Sie wird nicht müde, sie zweifelt nicht an sich, sie fragt sich nicht nachts um halb drei, ob ein Absatz zu viel ist oder ein Gedanke zu dünn. Und je besser sie wird, desto kleiner fühle ich mich. Austauschbar. Überflüssig. Als hätte ich jahrelang an etwas gearbeitet, das plötzlich seinen Wert verloren hat. Journalismus war noch nie frei von Sorgen. Meine Generation kennt die Unsicherheiten, die der Beruf mit sich bringt. Ungerechte Bezahlung, fehlende Meinungsfreiheit, Kündigungen, Kürzungen und Personalmangel. Wir konnten uns glücklich schätzen, wenn es Wasser, Kaffee und Hafermilch umsonst gab, einen Obstkorb im Pausenraum und einen Zuschuss zum Jobticket. Wir haben uns an all das gewöhnt, aber nie davon beeindrucken lassen. Irgendwie geht es ja trotzdem weiter. Mit der KI im Nacken hat das Sorgenpaket aber noch mal eine größere, bedrohlichere Form angenommen. Eine, die nicht einfach wegignoriert werden kann.

Was mich wütend macht, ist nicht nur die Technologie. Es ist das Schweigen darum, was das mit Menschen macht. Mit denen, die Schreiben nicht als Skill gelernt haben, sondern als Haltung. Als Verantwortung. Als etwas, das Zeit braucht, Reibung, Zweifel. Stattdessen höre ich Sätze wie: „Am Ende zählt doch nur das Ergebnis.“ Aber nein. Genau das war nie der Punkt. Wer schreibt, der steckt sein ganzes Herzblut dort rein. In jedes Wort, in jeden Satz, in jedes Zeichen und in jede Pointe. Geschichten leben vom Erlebten. Von mir als Person. Denn das ist es doch, was Leser:innen wollen: Echte Texte, von echten Menschen. Keinen KI-Ghostwriting-Müll aus der Prompt-Fabrik. Texte schreiben ist viel mehr als eine Aneinanderreihung von Worten, die den richtigen Ton treffen. Dass jemand hinsieht, abwägt, sich irrt, korrigiert. Dass jemand spürt, wo es weh tut, wo es kompliziert wird. Dass jemand Verantwortung übernimmt für Worte, statt sie nur zu optimieren. Das ist Journalismus. Jetzt soll all das plötzlich egal sein? Oder schlimmer: simuliert werden? Ich sitze vor Texten, die „funktionieren“, und denke: Wenn das reicht – wozu dann ich? Wozu meine Zweifel, meine Gedanken, mein Anspruch? Wozu all die Jahre, in denen ich geglaubt habe, Journalismus sei mehr als Contentproduktion?

Vielleicht hätte ich auf Mama, Papa und Oma hören sollen

Vielleicht war ich einfach zu naiv. Vielleicht habe ich den falschen Weg gewählt, weil ich an etwas geglaubt habe, das nie stabil genug war, um in einer Welt der Automatisierung zu bestehen. Und jetzt zahle ich die Quittung dafür, wie viele andere auch: Hättest du etwas Solideres machen sollen? Etwas, das sich nicht so leicht ersetzen lässt? Dann wäre ich jetzt bestimmt glücklicher… Vielleicht hätte ich auf Mama, Papa und Oma hören sollen. Krankenschwester, Anwältin, Büroangestellte oder Verkäuferin werden sollen. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Eigentlich bin ich mir trotz all dieser Zweifel ziemlich sicher, dass dieser Weg der richtige war. Damals, mit 12, als ich mir von meinem Taschengeld die erste Vogue gekauft habe. Ich wollte schreiben. schon immer. Unbedingt. Und immer noch. Ich habe meinen Traum zum Beruf gemacht: Abitur, Studium (abgebrochen), vom Hörsaal direkt in die Redaktion. Schreiben, schreiben, schreiben. Einen Großteil davon soll nun die KI übernehmen. Ich sträube mich. Mit jeder Pore meines Körpers. Meine Kopf und meine Finger wollen nicht. Denn das, was hier passiert, fühlt sich nicht (mehr) richtig an.

Wie geht man damit um, wenn der eigene Beruf nicht nur verschwindet, sondern (viel schlimmer noch) entwertet wird? Wenn das, was einen einmal definiert hat, plötzlich als ineffizient, zu langsam, zu emotional gilt? Das betrifft übrigens nicht nur mich. Auch Fotograf:innen, Illustrator:innen, Video-Producer:innen. Sogar Content Creator:innen sind davon nicht ausgenommen. Lassen sich mithilfe der KI doch längst Avatare erstellen, die kaum noch von einem realen Menschen zu unterscheiden sind. Perfekt zugeschnitten auf die Audience. Auf das, was zieht. Optisch und in inhaltlich.

Es verschwindet ein Raum für Kritik, Meinung und Persönlichkeit

Ich will mich nicht neu erfinden müssen, nur um relevant zu bleiben. Ich will nicht so tun, als wäre ich begeistert davon, dass Maschinen das übernehmen, was für mich Sinn war. Und ich bin müde von der Erwartung, diese Entwicklung bitte klug, neugierig, angst- und (vor allem) wutfrei zu begleiten. Vielleicht ist das hier keine Analyse, sondern ein Trotztext. Ein Versuch, mir selbst zu beweisen, dass ich noch da bin. Dass ich noch schreiben kann. Dass das Schreiben immer noch etwas mit mir macht – auch wenn es sich anfühlt, als würde die Welt gerade entscheiden, dass sie mich nicht mehr braucht. Und vielleicht ist genau das das Ehrlichste, was ich gerade kann: zu sagen, dass ich mich falsch fühle. Nicht falsch im Denken. Sondern falsch platziert. In einem Beruf, der sich einmal wie der richtige angefühlt hat – und jetzt wie ein Raum, in dem ich langsam leiser werde. In dem keine Tastatur mehr klappert, sondern nur noch das Surren des Laptops die gespenstische Stille erfüllt.

Journalismus war für immer auch ein Stück weit Identität. Haltung. Der Versuch, die Welt ein klein wenig verständlicher zu machen – für andere und für mich selbst. Denn was weiß eine KI schon davon, wie es ist, Verantwortung für Worte zu tragen, wenn sie nur mit vorgegebenem und sortiertem Wissen gefüttert wird? Wenn dieser Versuch nun automatisierbar erscheint, bleibt nicht einfach eine Lücke zurück. Es verschwindet ein Raum, in dem Kritik, Meinung und auch Persönlichkeit entstehen konnten.

In 20 Jahren ist die Welt eine andere. Diesen Satz hätten wir vielleicht noch 2011 gesagt. Heute sieht es anders aus. Da kann die Welt schon innerhalb eines Jahres eine völlig andere sein. Was sie für uns Journalisten bringen wird? Das weiß ich nicht. In 20, 30 oder 40 Jahren? Wer weiß das schon. Ich hoffe jedoch, dass unsere Worte auch dann noch Bestand haben und wir sie nicht verloren haben. Dass wir uns noch an all die vielen Schriftsteller:innen, Autor:innen und Journalist:innen erinnern werden, die die Welt mit ihren Worten geprägt haben. Und nicht an die Worte von ChatGPT.