Ist das noch Brontë – oder schon Provokation?

Man kann über Klassiker vieles sagen. Zum Beispiel, dass sie unantastbar sind. Das jede Neuverfilmung nur ein wiederholter Abklatsch vom Original ist – peinlich und unnötig. Ein Versuch, der zum Scheitern verurteilt ist. Und dann kommt Kostümdesignerin Jacqueline Durran um die Ecke. Wer denkt, Mode sei in dieser Neuverfilmung von Emerald Fennell nur schmückendes Beiwerk, erlebt hier Provokation, die kleidet, erzählt und überrascht.

Bereits in den ersten Bildsequenzen wird klar, dass der Film von Regisseurin Emerald Fennell kein brav rekonstruierter Kostümfilm ist. Die Kleider, die Durran für Cathy Earnshaw entwarf, entziehen sich einer eindeutigen Zeitzuordnung und spielen stattdessen mit Epochen und Stilen – von viktorianischen Silhouetten über 1950er‑Referenzen bis hin zu avantgardistisch anmutenden Statement‑Looks, die eher etwas auf dem Runway als im Moor verloren haben. Bei einem Look war der Aufschrei besonders groß: Margot Robbie trägt in dieser zentralen Szene ein glänzendes rotes Kleid, das mehr nach Pariser Runway als nach Yorkshire-Tristesse aussieht. Empörung, Memes, kulturpessimistisches Raunen: Was hat das noch mit Brontë und überhaupt mit der damaligen Zeit zu tun, in der dieser Roman spielt? Das berühmt‑berüchtigte „Latexkleid“ ist jedoch kein Fetisch‑Gimmick. Vielmehr ist es ein bewusst gewählter Stilbruch mit tiefer Message: Er macht Unruhe und Leidenschaft sichtbar und bringt die erzählerische Struktur des Films so auch ohne große Worte zum Sprechen.

Warum sollte eine Geschichte über radikale Gefühle nicht auch radikal aussehen?

Denn was hier auf dem Spiel steht, ist weniger die Frage nach historischer Korrektheit (Spoiler: Auch 1847 war nicht alles sepiafarben), sondern die nach Interpretation. Fennell inszeniert keine literarische Vitrine, sondern eine Versuchsanordnung: Was passiert, wenn man eine Geschichte über toxische Liebe, Klassenhass und emotionale Selbstzerstörung nicht in staubige Authentizität verpackt, sondern in bewusst gesetzte Künstlichkeit? Das Latexkleid von Durran – oder genauer: die glänzende, fast aggressive Oberfläche – ist kein modischer Ausrutscher. Es ist ein Kommentar. Cathy ist hier keine Moorfrau mit Wind im Haar, sondern eine Frau mit Ego, Begehren und Eigensinn. Dass sie dabei aussieht, als könne sie im nächsten Moment eine Fashion Week crashen, passt erstaunlich gut. Natürlich kann man das alles für kalkulierte, völlig überzogene Provokation halten. Aber seien wir ehrlich: Jede Generation bekommt die „Sturmhöhe“, die sie verdient. Die 30er-Jahre wollten Pathos, die 90er wollten düsteren Realismus – und wir? Wir leben im Zeitalter der Selbstinszenierung. Warum sollte eine Geschichte über radikale Gefühle nicht auch radikal aussehen?

Durran behandelt den Klassiker nicht wie ein museales Heiligtum

Das wirklich Faszinierende an Durrans Arbeit liegt meiner Meinung nach nicht in einem einzelnen Kleid, sondern in der Sprache, die sie daraus macht. Sie nähert sich Brontës Welt nicht als historische Kuratorin, sondern als Erzählerin. Jedes Outfit erzählt eine Geschichte: Leidenschaft, Eigensinn, unerfüllte Sehnsüchte werden sichtbar, noch bevor ein Dialog fällt. Durran spielt mit Stoff, Farbe und Form wie ein Komponist mit Tönen – viktorianische Silhouetten treffen auf moderne Schnitte, satte Rottöne auf nüchterne Grautöne, klassische Drapierungen auf avantgardistische Akzente. Dass dabei Farbe, Schnitt und Material bewusst mit Pop-Sensibilität spielen, ist kein Stilmittel um des Effekts willen, sondern eine Übersetzung: Brontës Emotionen werden greifbar, modern, unmittelbar. Durran behandelt den Klassiker nicht wie ein museales Heiligtum, sondern wie lebendige Literatur – eine, die glänzen, übertreiben, irritieren und selbstbewusst auftreten darf.

Am Ende sind es nicht nur Story und Schauspiel, die hängen bleiben, sondern auch die Kostüme als erzählerisches Ereignis. Durran ist es gelungen, historischen Stoff zu entstauben, ohne ihm seine narrative Wucht zu nehmen. Und wenn Cathy in einer kreischenden Robe in Rot über die Leinwand schreitet, dann ist das mehr als ein Modegag – es ist ein Ausdruck von Leidenschaft, Eigenwillen und Emotionen, die den Klassiker neu erlebbar macht. Ich bin mir ziemlich sicher, Emily Brontë hätte diese Interpretation von ihrem Roman gefallen. Schließlich waren Rebellion und Provokation keine Fremdworte für sie.