Als Frau sollst du erwachsen sein, aber bitte nicht so aussehen

Foto: Chester Dale Collection/National Gallery of Art

Mit 19 wollte ich diesen Job unbedingt. American Apparel war das Versprechen von Coolness, Unangepasstheit und Indie-Ästhetik. Wer es dorthin schaffte, gehörte dazu. Ich erinnere mich an hautenge Bodys, Kniestrümpfe, Faltenröcke – an Silhouetten, die irgendwo zwischen Lolita-Fantasie und Schuluniform pendelten. Je knapper, desto besser. Die Verkaufszahlen sollten schließlich durch die Decke gehen. Das taten sie. Aber zu welchem Preis? Was in den Jahren darauf folgen sollte, war eine Entfremdung von dem, was eigentlich nicht der Rede wert sein sollte, aber immer wieder zum Thema gemacht wird: eine Frau zu sein.

Mit 19 hinterfragt man nicht viel. Jetzt, mit 34 sieht man genauer hin. Und was ich heute sehe, ist kein Zufall, sondern ein System, das schon viel zu lange dieselbe Botschaft sendet: Weiblichkeit soll möglichst jung, rein und makellos aussehen. Warum gilt Körperbehaarung als „ekelig“? Warum ist ein schmaler, hüftloser Körper – wie man ihn eher bei sehr jungen Mädchen findet – bis heute ein Ideal auf Laufstegen und in Kampagnen? Warum sind Stupsnasen, Schmollmünder, große Augen und hohe Stimmen „süß“, während markante Gesichter schnell als „streng“ oder „schwierig“ gelten? Gleiches gilt auch für unsere Oberschenkel, Arme, Beine, Gesäße, Brüste und Fortpflanzungsorgane. Sie werden streng beobachtet. Und was nicht ins Ideal passt, wird ausgegrenzt. Was wir bei diesem oft unterbewussten Vergleich vergessen: Jede Körperfalte, jede Delle, jedes Polster, jede Narbe, jede Spur von Menschlichkeit, entfernt uns nicht nur mehr von diesem Ideal, dem wir schon als junge Mädchen verzweifelt versuchen hinterherzurennen, all das entfernt uns auch von Frausein. Weiblichkeit scheint nur dann gültig, wenn sie glatt, haarlos und möglichst unschuldig bleibt.

Die „Forever Young“-Ästhetik wird uns schon früh eingeimpft

Diese Fragen und Sichtweisen wirken überzogen, werden einige sagen. Bis man sie ernsthaft stellt. Viele unserer Schönheitsideale haben auffallend viel mit Unreife zu tun. Bereits 1955 hat Vladimir Nabokov mit Lolita eine literarische Figur geschaffen, die die Obsession mit jugendlicher Weiblichkeit schonungslos offenlegt hat. Der haarlose Körper. Die schmale Silhouette. Die faltenfreie Haut. Attribute, die weniger mit erwachsener Weiblichkeit als mit Vorpubertät assoziiert werden. Warum werden genau diese Merkmale 71 Jahre später immer noch so hartnäckig als Ideal gefeiert? Und das, obwohl wir doch eigentlich schon viel weiter sind? Wir sprechen heute über Gleichberechtigung, über Machtstrukturen. Wir haben #MeToo erlebt. Wir diskutieren toxische Männlichkeit in Talkshows und Seminarräumen. Frauen führen Unternehmen, Regierungen, Bewegungen. Sie verdienen eigenes Geld, entscheiden über ihre Sexualität, fordern Raum ein. Über all das bestimmen wir mittlerweile selbst. Was die Form unserer Nasen, Oberschenkel, Augen und Zähne angeht, lassen wir uns aber immer noch hineinreden. Von Männern.

Ich will niemandem vorschreiben, ob er sich rasiert, die Nase richten lässt oder süße Kleider und Röcke trägt. Das ist auch gar nicht der Punkt. Es geht nicht um individuelle Entscheidungen, sondern um kollektive Prägung. Um die Frage, warum wir ein „Ideal“ reproduzieren, das Frauen systematisch jünger, kleiner, leiser und kindlicher erscheinen lässt, als sie sind. Um Bilder, die sich wiederholen, bis wir sie für natürlich halten. Und an diesem Punkt sind wir – schon viel zu lange. Die Mode- und Werbeindustrie hat uns diese „Forever Young“-Ästhetik eingeimpft. Marken wie Abercrombie & Fitch, gegründet von David T. Abercrombie und Ezra Fitch, inszenierten jugendliche Körper als Lifestyle, der Milliardär Leslie Wexner hat ein Imperium rund um normierte, hypersexualisierte Weiblichkeit erschaffen. Und Dov Charney, Gründer von American Apparel, setzte auf eine sexualisierte Indie-Ästhetik, in der junge Frauen in knappen Schuluniformen auf Betten posierten – mit einer kalkulierten Mischung aus unschuldig, verfügbar und ziemlich sexy.

Frauen unterliegen einem ästhetischen Verfallsdatum

Spätestens mit der Veröffentlichung der Epstein Files wurde deutlich, wie eng Macht, Geld und die Sexualisierung von Frauen auf der ganzen Welt miteinander verflochten sind. Dieses Verbrechen ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines Milieus, in dem Jugendlichkeit nicht nur ästhetisiert, sondern systematisch begehrt und ausgebeutet wurde. Die Frage ist daher nicht nur, warum erwachsene, alte (!) Männer junge Mädchen begehren, die gerade erst an der Schwelle zum Frausein sind oder noch weit entfernt davon. Die beunruhigendere Frage ist, warum Jugendlichkeit immer noch zur höchsten Form weiblicher Attraktivität erklärt wird. Würden wir sowas auch mit Männern machen? Sie als verbraucht abstempeln und nicht mehr begehrenswert, sobald sie ein gewisses Alter erreicht haben? Vermutlich nicht. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, wie in den Medien jemals über die Optik von Männern wie Brad Pitt, George Clooney oder Mads Mikkelsen hergezogen wurde. Im Gegensatz zu uns dürfen Männer in Würde altern. Falten und schlaffe Haut werden als charismatisch verbucht und gefeiert. Bei uns machen Krähenfüße, Stirnfalten und Nasenfalten deutlich, dass unser ästhetisches Verfallsdatum längst überschritten ist.

Wer jetzt glaubt, das alles sei nur ein Randphänomen, sollte mal einen Blick auf die meistgeklickten Kategorien großer Pornoseiten werfen. Laut Statistiken großer Pornoseiten wie Pornhub zählt „Teen“ weltweit und auch in Deutschland zu den Top-Suchkategorien. Jugendlichkeit ist dort kein Nebenschauplatz, sondern Verkaufsargument. Wenn Millionen Klicks immer wieder dieselbe Fantasie bedienen, bleibt das nicht ohne kulturelle Wirkung. Bilder wandern von Plattformen in Musikvideos, in Modekampagnen, in Instagram-Filter. Das Begehren bleibt nicht im Privaten – es strukturiert den Blick. Und plötzlich schaust du dich nicht mehr einfach nur im Spiegel an, um dich zu schminken oder dir die Zähne zu putzen. Du bist auf der Suche nach Fehlern, die eigentlich keine sind.

Die Popkultur trägt übrigens ebenfalls ihren Teil dazu bei. In Filmen dürfen männliche Hauptdarsteller selbstverständlich altern. Ihre Attraktivität scheint mit jedem Lebensjahr sogar zu wachsen. Ihre weiblichen Gegenparts hingegen bleiben auffallend konstant jung. Wie konsequent diese Logik greift, zeigt ein Blick auf konkrete Besetzungen: Maggie Gyllenhaal berichtete 2015 öffentlich, dass ihr mit 37 Jahren gesagt wurde, sie sei „zu alt“, um die Liebespartnerin eines 55-jährigen Mannes zu spielen. Zu alt – mit 37! Während männliche Schauspieler jenseits der 50 regelmäßig mit Frauen besetzt werden, die ihre Töchter sein könnten, verschiebt sich für Frauen die Grenze erschreckend früh: Angelina Jolie spielte im Film Alexander (2004) die Mutter von Schauspielerkollege Colin Farrell. Der Altersunterschied zwischen den beiden Schauspielern beträgt wohlgemerkt nicht mal ein Jahr.

Frauen sind Frauen – keine Mädchen

Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich mich damals mit 19 bei American Apparel gefühlt habe: begehrenswert, gesehen, irgendwie besonders. Lob gab es, wenn ich besonders schmal, süß und sexy wirkte. Rasieren, Wachsen und Zupfen waren selbstverständlich. Nicht zu vergessen die vielen Diäten. Als wäre mein natürlicher Körper eine Rohfassung, die erst optimiert werden musste. Nicht nur, um erfolgreich zu sein, sondern auch, um geliebt zu werden. Auch als ich längst nicht mehr für AA arbeitete, vertraute ich auf dieses Erfolgsrezept. Damals hielt ich das für Selbstbestimmung. Heute sehe ich, wie sehr meine Entscheidungen in Bilder eingebettet waren, die lange vor mir existierten und die mir beigebracht haben, nicht anzuecken, süß zu sein möglichst problemlos und jung. Was wäre, wenn es keine Schönheitsideale gäbe?

Würden wir unsere Beine dann auch mal unbehaart lassen?
Würden wir Falten als gelebtes Leben lesen statt als Makel?
Würden wir Hüften feiern, weil sie erwachsen sind?

Vielleicht würden wir lauter sein.
Vielleicht würden wir Raum einnehmen.
Vielleicht würden wir aufhören, uns selbst zu verniedlichen.

Schon früh greifen wir deshalb zu Rasierern, Enthaarungsstreifen und Cremes, um unsere Weiblichkeit auf etwas herunterzutrimmen, das nichts mehr mit Weiblichkeit, sondern mit kleinen Kindern zu tun hat. Unser Körper wird nicht nur von uns selbst geformt. Er wird von Erwartungen geformt, von Werbebudgets, von Algorithmen, von Pornokategorien, von Männern mit zu viel Macht und von jahrzehntelang eingeübtem männlichem Wunschdenken. Die Verniedlichung der Frau ist dabei kein Zufall, sie ist systematisch. Eine Frau, die klein wirkt, wirkt weniger bedrohlich. Eine Frau, die jung wirkt, gilt als formbarer. Eine Frau, die lächelt, stellt keine Gefahr dar. Mein Blick in den Spiegel hat sich mittlerweile verändert. Nicht nur, weil ich mich in all den Jahren verändert habe. Ich kann mit den Folgen des Body Brainwashings jetzt einfach besser umgehen als damals mit 19. Wenn ich eine neue Falte entdecke, ein graues Haar oder einen Besenreiser wo vorher keiner war, dann ist das für mich kein Weltuntergang mehr, kein Zeichen von Versagen. Es ist ein gutes Zeichen: Ich habe mich befreit. Befreit von dem Gedanken, meinen Selbstwert von einem Schönheitsideal abhängig machen zu müssen, das keines ist. Mädchen sind Mädchen. Keine Frauen. Und umgekehrt. Alles andere ist nicht nur unrealistisch, es ist schlichtweg falsch.

Für wen genau mache ich das gerade?

Es geht nicht darum, Weiblichkeit abzuschaffen. Es geht darum, sie aus der Infantilisierung zu befreien. Eine erwachsene Frau ist kein Schulmädchen, keine Fantasie und kein Marktsegment. Mit 19 war ich Teil des Systems. Ich habe geglaubt, was ich gesehen habe. Mit 34 schreibe ich darüber. Nicht als moralische Abrechnung, sondern als Versuch, die Bilder zu entlarven, die wir so lange für selbstverständlich hielten. Denn im endlosen Kampf ums Schönsein ist uns in all den Jahren eines verloren gegangen: wir selbst. Auch haben wir vergessen, wie wahre, natürliche und altersgerechte Schönheit aussieht. Wir können in jedem Alter toll aussehen. Ob mit 25, 35, 45 oder 85. Vielleicht beginnt Veränderung nicht auf Laufstegen, in Magazinen oder Werbekampagnen. Vielleicht beginnt sie in diesem kurzen Moment vor dem Spiegel, in dem wir uns fragen: Für wen genau mache ich das gerade? Für mich – oder für ein Ideal, das erstaunlich wenig mit mir als Frau zu tun hat? Und wenn die Antwort zum ersten Mal wirklich „für mich“ lautet, dann ist das der Anfang von etwas Wunderbarem. Dann haben wir uns ein Stück unserer Weiblichkeit zurückerkämpft.