Ghislaine Maxwell als Gesicht eines Skandals, in dem Männer nur Fußnoten sind

Epstein Files

Seit vier Jahren sitzt Ghislaine Maxwell im Gefängnis. In dieser Zeit hätte man erwarten können, dass Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden. Die Realität sieht anders aus. Bis auf die kontrollierte Freigabe der Epstein Files ist nichts passiert. Ein Tropfen Wahrheit in einem Ozean aus Verschleierung, den niemand so richtig ergründen will – oder besser gesagt: ergründen kann. Denn die Männer, die den Apparat von Macht, Geld und Missbrauch gesteuert haben, bleiben unangetastet. Wie kann das sein?

Während Maxwell ihre 20-jährige Haftstrafe verbüßt, genießen Männer wie Donald Trump, Ahmed bin Sulayem, Bill Gates, Les Wexner und Bill Clinton weiterhin Schutz und Privilegien. Sie spielen Golf, halten Vorträge, setzen sich für Bildung ein und inszenieren sich in den Medien als wunderbare Familienväter, ernstzunehmende Politiker und kluge Unternehmer. Was dieser Fall deutlich macht: Das Rechtssystem hat auf ganzer Linie versagt. Nicht, weil es Maxwell bestraft, sondern weil es das Geflecht aus Macht und Missbrauch nicht zu durchbrechen vermag. Es bestraft die „ach so schwache“ Frau und deckt den „klugen“, „großen“ und „starken“ Mann. Strukturen, in denen nicht nur Macht und Geld, sondern scheinbar auch das Geschlecht darüber entscheidet, ob man bestraft wird. Versteht mich nicht falsch. Ich möchte Ghislaine Maxwell nicht in Schutz nehmen. Sie trägt die Schuld genauso wie alle anderen Beteiligten. Aber was ist mit diesen Beteiligten, deren Namen wir kennen?

Die Epstein Files sind ein Paradebeispiel dafür, wie leicht es Männer im Gegensatz zu Frauen noch immer in unserer Gesellschaft haben. Die Mails, Dokumente und Unterlagen offenbaren nicht nur Machtmissbrauch und sexuellen Missbrauch. Sie zeigen auch, wie Frauen systematisch geschwächt und an den Pranger gestellt werden. Was ist zum Beispiel mit all den Opfern dieses Skandals? Mit Frauen wie Virginia Roberts Giuffre, die anfangs niemand ernst genommen hat? Deren unermüdlicher Kampf nicht selten als „inszeniert“ oder „aufmerksamkeitsheischend“ dargestellt wurde? Und dann wäre da natürlich noch Ghislaine Maxwell selbst. Die sichtbare Schuldige. Ein Zahnrad in diesem System aus Lügen, Täuschungen und Vertuschungen. Allein? War sie ganz sicher nicht. Da wären ja auch noch Jeffrey Epstein, Donald Trump & Co. Während Maxwell also im Gefängnis sitzt, verschwinden die großen Architekten des Missbrauchs einfach hinter Netzwerken aus Geld, Einfluss und Protektion. So, als wäre nie etwas gewesen.

Frauen zahlen den Preis für ein System, das auf männlicher Macht basiert

Das Muster ist nicht neu. Dieses Muster zieht sich durch nahezu alle Lebensbereiche. Die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft ist leider immer noch ziemlich ambivalent: Sie wird als Fundament anerkannt – ist notwendig und oft unbezahlbar –, wird aber gleichzeitig immer wieder benachteiligt, gedemütigt und für unfähig erklärt. Care-Arbeit, die oft körperlich, emotional und sozial extrem belastend ist, wird nicht fair entlohnt. Auf dem Arbeitsmarkt verdienen Frauen im Durchschnitt weniger, werden seltener befördert und häufiger in prekären Positionen beschäftigt. Stichwort: sexuelle Belästigung. Ihre Arbeit wird kleingeredet, ihre Fehler werden bestraft, ihre Leistung wird unsichtbar gemacht. Auch die Geschichte von Maxwell spiegelt dies wider: Eine hochkriminielle Frau wird für ihre Rolle angeklagt und verurteilt. Das ist richtig und wichtig. Aber – und das ist der entscheidende Punkt: niemand sonst. Kein. Einziger. Mann. Frauen zahlen den Preis für ein System, das auf männlicher Macht basiert. Oder, um es kurz zu machen: Als Fußabtreter und Sündenbock sind wir gerade gut genug. Vor allem aus männlicher Sicht. Oder, Mister Trump?

Hier geht es nicht um eine einzelne Frau. Nicht um eine einzelne Täterin. Nicht um ein einzelnes Urteil. Es geht um ein System, das gelernt hat, Verantwortung nach unten durchzureichen – niemals nach oben. Ein System, das Frauen sichtbar macht, wenn es um Schuld geht und unsichtbar, wenn es um Macht geht. Während ich die letzten Zeilen meines Textes tippe, sitzt Ghislaine Maxwell bereits seit über 1460 Tagen im Gefängnis. Eintausendvierhundertsechzig Tage, die symbolisch für eine scheinbare Gerechtigkeit stehen. Eine Gerechtigkeit, die eine Frau verurteilt. Während die Justiz Trump, Clinton und all die anderen Verantwortlichen folgenlos laufen lässt. Eine Gerechtigkeit, die ein Gesicht präsentiert, damit wir glauben, das Problem sei gelöst. Doch Machtstrukturen lösen sich nicht in Luft auf, nur weil man ein einzelnes Zahnrad entfernt.

Wer darf ungeschoren davonkommen – und warum?

Es geht nicht darum, Maxwell zu entlasten. Es geht darum, zu fragen, warum diese Frau scheinbar allein trägt, was viele ermöglicht haben. Es geht darum, warum Männer mit enormem Einfluss weiterhin ungestört ihr Leben fortsetzen können. Wer darf ungeschoren davonkommen – und warum? Wenn Gerechtigkeit selektiv ist, ist sie keine Gerechtigkeit. Wenn Aufklärung an Hierarchien scheitert, ist sie keine Aufklärung. Und wenn Macht darüber entscheidet, wer fällt und wer bleibt, dann leben wir nicht in einem Rechtsstaat, sondern in einem Schutzraum für Privilegierte.