
Ich habe die ersten sieben Staffeln von Germany’s Next Topmodel damals als Jugendliche mit fast derselben Begeisterung geschaut, mit der mein Mann heute den Hamburger SV verfolgt. Es war mein Wochenhighlight, auf das ich mit Freundinnen immer so richtig hingefiebert habe. Dramatische Shootings, ehrfürchtige Blicke auf den Catwalk, tränenreiche Entscheidungen – und natürlich Heidi Klum mit ihrem ikonischen „Ich habe heute leider kein Foto für dich“.
Damals war GNTM neu, laut, glamourös – und irgendwie elektrisierend. Junge Frauen kämpften um einen Traum, der größer schien als alles andere: Model werden, gesehen werden, es schaffen. Mit Beginn der achten Staffel fühlte sich die Show für mich aber plötzlich nicht mehr richtig an. Und nach 21 Staffeln stellt sich mir mittlerweile die Frage: Wie lange trägt sich so ein Konzept, das im Kern doch eigentlich immer gleich bleibt? Fotoshooting, Laufsteg, Kritik, Entscheidung. Tränen, Umstylings, Zickenkrieg. Wieder und wieder. Vielleicht bin ich schlicht aus dem Format herausgewachsen. Vielleicht ist es aber auch einfach wie mit alten Lieblingsliedern: Man kennt jede Note, jede Dramaturgie, jede Pointe. Und bleibt doch dran. Aus Gewohnheit. Aber auch Gewohnheit verliert irgendwann ihren Zauber.
Mehr vom Gleichen – nur anders verpackt
Über die Jahre wurde das Format hier und da ein wenig angepasst – das typische „Mit der Zeit gehen“ eben. Es gab neue Juror:innen, neue Drehorte, neue Challenges. Auch Body Positivity rückte nach harter Kritik an Heidi & Co. stärker in den Fokus. Mittlerweile sind sogar Männer Teil der Show. Ob es das braucht? Gute Frage. Natürlich ist Diversität wichtig. Natürlich ist es richtig, verschiedene Körper, Biografien und Identitäten sichtbar zu machen. Manchmal wirkt all das auf mich aber eher wie ein vorsichtiges Nachjustieren an der Oberfläche und nicht wie ein mutiger inhaltlicher Neuanfang. Auch jetzt, mit Beginn der 21. Staffel, vermisse ich Authentizität und Gelassenheit. Vor allem aber einen Blick auf Schönheit, der nicht permanent um Jugend kreist – selbst wenn er vorgibt, es nicht zu tun. In dieser Staffel sind beispielsweise Jill, Bianca und Ursula mit dabei: 45, 47 und 54 Jahre alt. Das ist toll, hat aber auch einen Beigeschmack, den ich einfach nicht loswerde. Auf mich wirkt das zwischen all den jungen Teilnehmer:innen eher wie der Versuch, etwas in die Show einzubauen, weil gerade alle darüber reden. Und nicht, weil man selbst der Überzeugung ist, dass es eine ernsthafte Veränderung braucht.
Der Subtext bleibt derselbe: Jugend ist der Maßstab
Das eigentliche Narrativ kreist also auch weiterhin um ein sehr enges Schönheitsideal. Selbst wenn Vielfalt inzwischen sichtbar ist, bleibt der Subtext derselbe: Jugend ist der Maßstab, Jugend ist der Ausgangspunkt, Jugend ist das Versprechen. Schönheit wird zwar breiter gedacht als noch vor 15 Jahren, aber selten wirklich losgelöst vom Alter. Da hilft es meiner Meinung nach auch nicht, wenn zwei tolle 45+-Frauen mit dabei sind. Wie wäre es stattdessen mit einer klaren, eigenständigen Idee, die wirklich mit der Zeit geht – ein „Germany’s Next Topmodel“ für Frauen jenseits der 20er? Für Frauen mit Lebenserfahrung. Mit Falten, Geschichten, Brüchen, Erfolgen. Nicht als Special. Nicht als Gimmick. Sondern als ernst gemeintes Format. Frauen über 40, 50 und 60+, die nicht trotz ihres Alters modeln, sondern gerade deswegen. Weil Ausstrahlung nicht an ein Geburtsjahr gebunden ist. Weil Eleganz wächst und Präsenz oft erst mit der Zeit entsteht. Das wäre mehr als Diversität. Das wäre ein Perspektivwechsel. Eine eigenständige Bühne für Frauen, die mitten im Leben stehen oder gerade noch einmal neu anfangen. Und wenn man ehrlich ist, ist die Gastgeberin selbst das beste Beispiel: Heidi Klum (ob man sie nun mag oder nicht) hat sich über Jahrzehnte immer wieder neu erfunden – als Model, Unternehmerin, Produzentin und sogar Musikerin. Sie ist nicht stehen geblieben. Warum also sollte es ihr Format tun?
Mit 40, 50 oder 60 ist nicht weniger, sondern oft mehr möglich
Ein solches Format könnte mehr sein als Unterhaltung. Es könnte ein Gegengewicht zu einer Welt sein, die Frauen jenseits der 40 subtil – und manchmal sehr laut – signalisiert: Jetzt wirst du unsichtbar. Jetzt geht es bergab. Jetzt ist dein Zenit überschritten. Wie kraftvoll wäre es, Woche für Woche das Gegenteil zu sehen? Frauen mit 40, 50, 60 und darüber hinaus, die Neues wagen. Die sich zeigen, statt sich zu verstecken. Die ihre Präsenz nicht aus jugendlicher Unsicherheit ziehen, sondern aus Erfahrung. Die nicht mehr um jeden Preis gefallen wollen, sondern wissen, wer sie sind. Und über sich hinauswachsen. Es würde Frauen stärken und zeigen: Auch wenn dir da draußen permanent Jugend als einzig gültige Währung verkauft wird, dein Wert ist nicht an ein Geburtsdatum gebunden. Mit 40, 50 oder 60+ ist nicht „weniger“, sondern oft sogar mehr möglich. Mehr Klarheit, mehr Mut, mehr Selbstbestimmung.
Vielleicht wäre genau das der mutigste Schritt nach 21 Staffeln Germany’s Next Topmodel gewesen: nicht noch diverser im Detail zu werden, sondern radikal im Blickwinkel. Schönheit nicht länger als etwas zu inszenieren, das am Anfang des Lebens stattfindet, sondern als etwas, das wächst. Denn das wäre die eigentliche Revolution: Wenn eine der erfolgreichsten Shows des Landes sagen würde: „Dein nächstes Kapitel beginnt nicht mit 18, 19 oder 25, sondern wann immer du dich traust.“