Von der Küche auf den Runway: Warum Omas Schürze plötzlich das stärkste Statement der Saison ist

Ich erinnere mich noch ganz genau an die Schürze meiner Oma. Sie war orange-rot geblümt und duftete nach Sprühstärke. Jeden Sonntag um Punkt 8 Uhr wurde die Prilblumen-Schürze aus der Kommode im Schlafzimmer geholt und angelegt. In dem Teil war meine ohnehin schon toughe Oma gleich noch tougher. Als hätte sie gerade ihr Superman-Cape umgelegt. Und in gewisser Weise war es das auch. Während Männer von der großen Welt träumen durften, kümmerten sich Frauen zu Omas Zeiten noch hauptsächlich darum, dass der Laden lief. Seitdem hat sich viel verändert. Schürzen und Kittel sind Vergessenheit geraten. Oder besser gesagt: Wir wollten sie ganz schnell vergessen. Um nicht auf etwas reduziert zu werden, das uns als Frau im Kern jahrzehntelang ausgemacht hat: Hausfrau zu sein. Ausgerechnet jetzt entdecken Designer:innen dieses vermeintlich verstaubte Kleidungsstück wieder. Zufall, Provokation oder Nostalgie?

Die Rückkehr der Schürze ist kein Symbol für Rückschritt

In dieser Saison stach ein Kleidungsstück bei den Schauen von Paris bis New York besonders hervor: die Schürze. Miu Miu, Louis Vuitton, Ashley Williams, Moschino – sie alle ließen ihre Models in Interpretationen jenes Kleidungsstücks über die Runways schreiten, das Mamas und Omas einst ganz selbstverständlich im Alltag trugen. Bei Cecilie Bahnsen erinnerte die Schürze an ein hauchzartes Sommerkleid, der Entwurf von Ashley Williams schwebte irgendwo zwischen Krankenschwester und Sonntagskluft für den Großputz. Und bei Miu Miu traf die Schürze auf derbe Lederschuhe, Baumwollhose und Outdoorjacke. Doch Provokation? Jein. Zurück an den Herd wollen uns die Designer:innen darin ganz sicher nicht schicken. Vielmehr geht es darum, etwas sichtbar zu machen: die vielen Stunden, in denen Frauen (noch immer) unbezahlte Care-Arbeit leisten. Auch heute noch. Die Rückkehr der Schürze ist kein Symbol für Rückschritt, sondern für Erinnerung. An die unsichtbare Arbeit, die unsere Welt zusammenhält. An Omas Hände, die Teig kneteten, während sie nebenbei das Leben ihrer Familie in Balance hielten. An Mütter, die zwischen Bügelbrett und Büro pendelten, ohne dass jemand nachzählte, wie viele Stunden sie opferten. An Träume, die sorgsam zusammengefaltet in der Küchenschublade lagen – für später, irgendwann.

Die Schürze ist heute Erinnerung, Hommage und Mode zugleich

Heute tragen wir die Schürze nicht mehr aus Pflicht, sondern aus Haltung. Sie ist Erinnerung, Hommage und Mode zugleich – und ein Statement. Wenn wir sie mit Blusen, Hosen oder sogar Cocktailkleidern kombinieren, zitieren wir nicht nur einen Trend, sondern eine Geschichte. Die Geschichte von Frauen, die funktioniert haben, bevor man ihre Arbeit überhaupt Arbeit nannte. Unsere Großmütter banden sich die Schürze um, weil es selbstverständlich war. Weil niemand fragte, wer sonst den Teig kneten, Hemden bügeln oder Kinder trösten sollte. Auch viele unserer Mütter trugen sie noch. Und gleichzeitig schon die erste Aktentasche. Sie standen zwischen zwei Welten und versuchten, beiden gerecht zu werden. Oft leise. Oft über ihre Grenzen hinaus. Heute können wir uns nehmen, was uns einst auf eine Rolle festlegte – und es neu definieren. Als Zeichen der Selbstbestimmung, Rebellion oder was immer wir damit sagen wollen. Denn ob wir die Schürze heute aus dem Schrank holen oder nicht, das entscheiden wir selbst. Und niemand sonst. Oma wäre stolz!