Als Tom Ford Mitte der 90er Gucci neu definierte, tat er vor allem eines: Er weckte Begehrlichkeit bis in die letzte Pore. Seine Gucci-Frau war kühl, sexuell aufgeladen, selbstbewusst – und vor allem unverwechselbar. Noch heute, fast 22 Jahre nach seiner letzten Kollektion für das Haus, erzielen seine Entwürfe auf Plattformen wie Resee oder Vestiaire Collective Höchstpreise. Sie sind begehrte Sammlerstücke, Zeitdokumente, Ikonen. Was man von Demnas erstem Gucci-Auftritt kaum behaupten kann.
Copy-Paste-Entwürfe zum Couture-Preis
Das Debüt war weniger ein Befreiungsschlag als ein Echo. Ein Versuch, der – mit Ausnahme von Kate Moss im G-String als kalkuliertem Highlight – erstaunlich nichtssagend blieb. Wo war die neue Vision? Wo die klare Handschrift für ein Haus, das einst für radikale Neudefinition stand? Die omnipräsente Referenz zur Berliner Clubkultur wirkt inzwischen ermüdend. Was vor Jahren noch subversiv erschien, fühlt sich heute wie ein Dauerloop an. Stretch-Minikleider, übergroße Sonnenbrillen, knallenge Hosen, die wie Strumpfhosen anmuten. Auch der Schluss ist vorhersehbar: Glitzernde Kleider, die mal mehr, mal weniger Haut zeigen und an den einstigen Glanz von Tom Ford anknüpfen sollen. Irgendwo zwischen Upper East Side und Berliner Technoclub verortet. Und dann wären da (Überraschung!) natürlich auch noch die Blumenprint-Kleider im ironischen Oma-Look, die man in Variationen bereits unzählige Male bei Vetements gesehen hat. Alles in allem Silhouetten, die ebenso gut bei Zara hängen könnten – nur ohne das vierstellige Preisschild.
Eine Wiederholung der Wiederholung
Demna verlässt sich bei seinem Debüt auf Codes, die er selbst längst etabliert hat – Oversize, Ironie, Trash-Appeal als Luxuskommentar. Man kennt es. Doch bei Gucci hätte es mehr gebraucht als Selbstzitat. Mehr als kalkulierte Provokation. Mehr als Styling-Gags. Alessandro Michele hatte eine Vision. Unter ihm entstand eine völlig neue Welt: überbordend, maximalistisch, manchmal exzentrisch, aber stets kohärent. Man konnte eintauchen, staunen, diskutieren. Es war Eskapismus mit intellektuellem Unterbau. Demnas Gucci-Debüt hingegen wirkt wie ein Remix ohne neuen Beat. Laut, aber nicht neu. Dekorativ, aber nicht begehrenswert. Und Begehrlichkeit ist – bei aller Ironie – am Ende das Einzige, was im Luxus wirklich zählt.
Ob die Verkaufszahlen im Store eine andere Sprache sprechen werden, bleibt abzuwarten. Da wären ja auch noch Zara, H&M, Bershka & Co. Wenn Mode Geschichte schreiben will, reichen Kate Moss, hautenge Kleidchen und verwischtes Make-up nicht aus. Es braucht eine Vision. Und genau die bleibt hier überraschend unscharf.