Herr Merz, wie fühlt es sich an, gegen Frauenrechte zu stimmen – und sie am 8. März zu feiern?

Foto: Andrew W. Mellon Collection/National Gallery of Art

Sehr geehrter Herr Merz,

haben Sie sich Ihre Worte zum Weltfrauentag schon zurechtgelegt? Der Tag, an dem Politiker betonen, Frauen seien „unverzichtbar für unsere Gesellschaft“. Das sind wir. Nur behandeln Sie uns nicht so. Wir brauchen keinen Weltfrauentag, an dem Sie uns erklären, wie wertvoll Frauen für dieses Land sind. Wir wissen das längst. Wir brauchen keinen symbolischen Applaus oder Blumen. Schon gar nicht brauchen wir Ihre falsche Empathie, nachdem Sie jahrelang gegen zentrale Fortschritte weiblicher Selbstbestimmung gestimmt haben. Was wir brauchen, ist politische Konsequenz. Jetzt und nicht irgendwann.

Bevor also wieder Blumen verteilt und „starke Frauen“ instrumentalisiert werden, stelle ich einfach mal direkt die entscheidende Frage: Für welche Frauen machen Sie eigentlich Politik? Für echte Frauen oder eine theoretische, anpassungsfähige Wunsch-Version, die brav in Ihre Machtstrukturen passt? Denn ich kann mich in dem, was Sie von sich geben, nicht wiedererkennen. Ob das die 43 Millionen Frauen in diesem Land auch so sehen? Überraschen würde es mich nicht.

Leben ist kein Luxus – wir haben ein Recht darauf

Sie sprechen unheimlich gerne von Leistung, von Eigenverantwortung, vom Leistungsprinzip als moralischem Fundament dieses Landes. Aber für viele Frauen bedeutet dieses Prinzip vor allem eines: Dauerbelastung. Nicht an einem Tag in der Woche, sondern 24/7. Frauen arbeiten. Bezahlt. Unbezahlt. Emotional. Organisatorisch. Körperlich. Sie tragen den sogenannten „Mental Load“, der in keiner volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung auftaucht, aber dieses Land stabilisiert. Sie halten Familien zusammen, pflegen Angehörige, koordinieren den Alltag, schließen Betreuungslücken, gleichen strukturelle Defizite aus.

Falls es Ihnen zwischen Sätzen wie „Wir müssen in diesem Land wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten“ oder „Wir alle müssen aufpassen, dass wir vor lauter Work-Life-Balance nicht die Arbeit aus dem Blick verlieren“ bisher noch nicht aufgefallen ist: Wir leisten bereits eine Menge. Nur wird nicht alles, was wir leisten, als Leistung anerkannt. Wissen Sie, was ich besonders amüsant finde? Nach alledem wird von uns auch noch erwartet, dass wir leistungsbereit bleiben. Flexibel, belastbar und dankbar bitte auch. Und wenn bei alledem noch ein wenig Zeit bleibt – nach Lohnarbeit, dem Erklimmen der Karriereleiter, Care-Arbeit, Mental Load und gesellschaftlicher Erwartungshaltung –, erlauben wir uns vielleicht ein Stück vom Leben: Sport, Zeit mit Freundinnen verbringen, Kino, ein Buch lesen.

Und wissen Sie was?
Das ist kein Luxus.
Das ist ein Minimum.

Das. Ist. Leben.

Es ist nicht dekadent, sich nach Genuss und Selbstverwirklichung zu sehnen – es ist menschlich. Denn: Wir wollen nicht nur funktionieren und Ihnen mit unseren Steuergeldern ein möglichst bequemes Leben im Privatjet finanzieren. Auch wir wollen ein wenig leben.

Bei all der (Care-)Arbeit, die wir selbstverständlich und strukturell unterbezahlt leisten, ist es ja wohl das Mindeste, dass wir auch ein bisschen Lifestyle-Freizeit genießen möchten. Ohne schlechtes Gewissen, ohne Rechtfertigung, ohne das Gefühl, noch mehr beitragen zu müssen, nur damit Sie ruhig schlafen können. Denn arbeiten, das tun wir zur Genüge. Sollte es Ihnen in Ihrem Büro jedoch an Arbeit mangeln oder gar Langeweile aufkommen, schauen Sie doch einfach mal bei uns vorbei: Bei den Frauen, die nach einem langen Arbeitstag ihre Kinder versorgen, bei der Ehefrau, die ihren pflegebedürftigen Partner umsorgt, bei der Tochter, die sich um die Großmutter kümmert, weil sie nicht weiß, wie lange sie diese noch hat. Diese Frauen arbeiten doppelt, dreifach, unsichtbar – und werden dafür weder bezahlt noch gefeiert. Sie halten Familien, Haushalte und Gesellschaft am Laufen, während politische Strukturen sie weiterhin ignorieren.

Die Vorstellung, Frauen sollten aus volkswirtschaftlicher Vernunft oder moralischer Pflicht noch ein bisschen länger funktionieren, noch ein bisschen härter arbeiten, noch ein bisschen selbstloser sein, macht mich wütend. Und soll ich Ihnen noch etwas sagen? Meine Motivation, auch nur eine Sekunde länger für eine Politik zu funktionieren, die strukturelle Ungleichheit fördert? Hält sich ziemlich in Grenzen.

Zukunft? Entscheidet sich nicht in Imagekampagnen

Gleichstellung ist kein Nischenthema urbaner Milieus. Sie ist eine Frage demokratischer Substanz. Ein Parlament, das Frauen nicht selbstverständlich zur Hälfte repräsentiert, bildet Realität nicht ab. Eine Wirtschaft, die Care-Arbeit externalisiert, ist nicht leistungsorientiert – sie ist blind.

Und dann ist da die Zukunft.

Die Zukunft der Frau in diesem Land entscheidet sich nicht in Imagekampagnen, sondern in Gesetzestexten.
Sie entscheidet sich bei der Frage, ob reproduktive Selbstbestimmung konsequent geschützt wird.
Ob Altersarmut von Frauen politisch bekämpft wird.
Ob Gewaltschutz priorisiert wird.
Ob Macht geteilt wird – wirklich geteilt.

Ist Ihnen all das schon zu viel? Willkommen in unserer Realität! Und falls Sie noch mal eine kleine Erinnerung brauchen: All diese Themen sind nicht bloße Leitplanken des gesellschaftlichen Diskurses, sie sind Grundpfeiler persönlicher Freiheit. Aber davon verstehen Sie vermutlich nicht allzu viel. Denn:

  • Sie haben sich gegen die längst fällige Reform des § 218 gestellt. Trotz klarer Mehrheiten in der Bevölkerung und sogar in den eigenen Reihen. Damit verweigern Sie Frauen grundsätzliche Selbstbestimmung über ihr Leben und ihren Körper.
  • Sie standen 2006 gegen das Gleichbehandlungsgesetz. Ein Gesetz, das Diskriminierung am Arbeitsplatz begrenzen sollte.
  • Sie stimmten 1997 gegen den Schutz vor Vergewaltigung in der Ehe. Ausgerechnet in einem Bereich, wo feministische Politik seit Jahrzehnten um Rechtslage und gesellschaftliche Anerkennung kämpft.
  • Sie sagen offen, Sie möchten Ihr Kabinett nicht zur Hälfte mit Frauen besetzen. Weil Frauen nicht gleichwertig, sondern eine „krasse Fehlbesetzung sind“.

Diese Entscheidungen sind keine Kleinigkeiten. Sie sind ein Spiegel dessen, wie Sie und Ihre Politik Frauen sieht: Als Randinteressen, die man bestenfalls „berücksichtigt“, wenn es nicht zu unbequem oder hysterisch wird.

Politische Verantwortung darf kein Nebensatz bleiben

Sie mögen Chancengerechtigkeit als wirtschaftlichen Vorteil verkaufen wollen, das mögen Sie sogar ernst meinen. Aber Gleichstellung ist mehr als ein Standortargument. Sie ist die Antwort auf Gewalt, auf strukturelle Ungleichheit, auf Lebenszeit- und Karrierebarrikaden, die Frauen immer noch häufiger als Männern im Weg stehen.

Und ja: Frauen müssen sich gegenseitig unterstützen, Netzwerke bilden und strategisch handeln. Wer, wenn nicht wir? Doch das entbindet politische Führung nicht von ihrer Verantwortung, strukturelle Bedingungen zu verändern, Machtverhältnisse sichtbar zu machen und echte Parität durchzusetzen. Und zwar nicht nur im Nebensatz von Sonntagsreden, sondern in parlamentarischen Entscheidungen, Haushaltsentscheidungen, Rechtsreformen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

Jetzt wird es ziemlich ungemütlich, oder? Ich bin aber noch lange nicht fertig. Es ist höchste Zeit, dass Politik Frauen nicht als Problem sieht. Wir wollen als gleichwertige Stimme, als gestaltende Kraft, als selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft wahrgenommen werden. Frauen sind keine Zielgruppe für rhetorische Inszenierungen am 8. März. Wir sind die Hälfte dieser Gesellschaft. Unsere Rechte und Chancen sind kein politisches Entgegenkommen, das nach Belieben gewährt oder verweigert werden kann.

Wie wäre es mit weniger Applaus und mehr Taten?

Es wäre ein starkes, mutiges und notwendiges Signal, wenn Sie an diesem Weltfrauentag keine Selbstbeweihräucherung halten, sondern konkrete, selbstkritische Maßnahmen vorlegen: Echte Gleichstellung, eine gesetzliche Entlastung bei Care-Arbeit, Investitionen in Schutzinfrastrukturen, finanzielle Absicherung von Selbstbestimmung und körperlicher Autonomie. Brauchen Sie noch mehr Ideen? Wir helfen Ihnen gerne. Denn darin sind wir Frauen ja so gut. Und da wären wir wieder beim Thema Care-Arbeit.

Eine moderne Demokratie misst sich nicht daran, wie belastbar Frauen sind. Sie misst sich daran, wie gerecht sie Verantwortung verteilt. Frauen sind keine unbezahlte Ressource. Keine Kompensationsinstanz für politische Versäumnisse. Keine moralische Reserve.

Wir sind Bürgerinnen. Steuerzahlerinnen. Wählerinnen. Entscheidungsträgerinnen. Vor allem aber sind wir: Menschen.

Und wir wollen keinen Applaus mehr dafür, dass wir ein kaputtes System am Laufen halten, indem wir Versäumnisse der Politik ausgleichen.

Wir wollen ökonomische Unabhängigkeit.
Wir wollen politische Repräsentation.
Wir wollen Schutz vor Gewalt.
Wir wollen Selbstbestimmung über unsere Körper.
Und ja, wir wollen Zeit für uns selbst, ohne das Gefühl, uns diese Zeit erst verdienen zu müssen.

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Frauen leistungsfähig genug sind. Die Frage lautet, ob es Ihre Politik ist.