Können wir echte Wohnungen bitte wieder salonfähig machen?

Foto: Stillleben mit Senftopf von Henri Fantin-Latour /Collection of Mr. and Mrs. Paul Mellon

Ist hier jemand zu Hause? Diese Frage stelle ich mir momentan ständig. Denn irgendwo zwischen Weiß, Beige und perfekter Symmetrie verschwindet immer öfter etwas, das früher selbstverständlich war: das Gefühl, zu Hause zu sein.

Ich schaue mir eine Homestory auf YouTube an. Das Sofa sieht aus, als hätte noch nie jemand darauf gesessen. Auf dem Couchtisch liegt ein Bildband, halb aufgefächert, daneben eine Kerze, die zwar angezündet werden könnte, es aber vermutlich nie wird. Der Teppich, auf dem sich all das abspielt, ist ein flauschiges Stück Papier. Irgendwie ganz schick. Gleichzeitig denke ich: Wo ist hier das Leben? Früher waren Wohnungen Bühnen des Alltags. Heute wirken sie wie die Dauerleihgabe aus einem Showroom. Selbst der Katalog von IKEA hat inzwischen mehr Mut zu Persönlichkeit als viele echte Wohnzimmer, Schlafzimmer, Esszimmer oder Küchen. Wie konnte das passieren?

Die Wohnung als charakterlose Bühne

Wann haben wir eigentlich beschlossen, dass unser Zuhause vor allem eines sein soll: vorzeigbar? Der Esstisch ist keine Ablagefläche mehr für Post, Schlüssel und Einkaufszettel. Er ist ein kuratierter Altar, auf dem maximal noch Kerzen in unterschiedlichen Höhen und eine Vase mit perfekt arrangierten Blumen Platz finden. Ein Stillleben, das möglichst niemand berühren soll. Kein Teller mit Brotkrümeln, kein Glas vom Vorabend, keine halb angeschnittene Zitrone im Obstkorb. Nichts davon stört das Pinterest-Bild. Der Raum erzählt viel über minimalistisches Stilgefühl, aber nichts über den Menschen selbst. Wonach ich mich aktuell wieder sehne? Nach dem Sessel im Schlafzimmer, der als inoffizieller Kleiderschrank dient, nach dem Wäscheständer als Dauergast, nach dem Küchentisch, auf dem sich der Alltag stapeln darf. Und damit ist nicht nur der Haustürschlüssel gemeint. Auch die Speisekarte vom Chinesen aus der Nachbarschaft oder der Wochenprospekt vom Rewe haben ihre Daseinsberechtigung. Ebenso wie das Regal im Wohnzimmer, das keinem Farbkonzept folgt, sondern lauter kleine Geschichten aus unserem Leben erzählt. Die Eintrittskarte vom letzten Konzert der Arctic Monkeys tummelt sich dort, leicht geknickt, weil sie erst noch in der Jackentasche vergessen wurde. Die ulkige Keramikfigur vom Flohmarkt, die eigentlich niemand brauchte, aber trotzdem geblieben ist. Das gerahmte Bild von der Nichte, dessen Farben sich langsam verabschieden. Genau dort, zwischen Flohmarktfund und Reweprospekt, beginnt so etwas wie Zuhause.

Ob die sterile Ästhetik ein Zeichen von Geschmack ist? Schwer zu sagen, wenn die Individualität vor der Tür warten muss. Eher noch scheint sie Ausdruck eines sehr zeitgemäßen Anspruchs zu sein: alles richtig aussehen zu lassen. Wir leben in einer Zeit, in der es für alles eine perfekte Vorlage zu geben scheint. Für Morgenroutinen, Gesichter, Körper, Beziehungen, Sport. Und eben auch für Wohnungen. Man weiß inzwischen ziemlich genau, wie ein „guter“ Raum aussieht. Ruhige Farben sind ein Muss, klare Linien auch. So eine „perfekte“ Wohnung vermittelt Sicherheit. Man passt damit ins große Ganze. Aber sie zeigt selten den wahren Menschen.

Wohnst du noch oder performst du schon?

Für mich fühlt sich all das nur noch so an, als würden wir nicht mehr wohnen, sondern nur noch inszenieren. Wir zeigen nur, dass wir dort wohnen könnten. Das Leben auf einer Bühne, wenn man so will. Wie soll so eine Wohnung zum Wohlfühlen einladen, wenn sie frei von Brüchen und Persönlichkeit ist? Genau dort beginnt doch Charakter. In dem Stuhl vom Flohmarkt, der eigentlich „nicht passt“, in dem Bücherregal, das überquillt, weil man sich nicht zwischen Ästhetik und Neugier entscheiden wollte. In dem Flur, in dem Schuhe stehen, weil Menschen kommen und gehen. Oder ist dieses Herausgeputzte vielleicht Ausdruck von etwas ganz anderem? Vielleicht ist es der Versuch, die Welt draußen in Schach zu halten, indem wir drinnen alles ordnen – jedes Kissen, jede Kerze, jedes Staubkorn. Wir kontrollieren jeden Quadratzentimeter, während das Leben selbst immer unberechenbarer wird. Aber je glatter die Räume, desto fremder fühlen wir uns darin. So geht es mir jedenfalls. Denn Kontrolle ersetzt nicht das, was ein Zuhause wirklich ausmacht: Lebensgeschichte.

Das Zuhause ist zum Leben da

Ich möchte wieder Wohnungen betreten, die lebendig sind. Ich möchte sehen, dass zwischen Küche, Wohnzimmer und Schlafzimmer etwas passiert. Dass diskutiert, gearbeitet, gegessen und geweint, einfach gelebt wird. Dass der Esstisch benutzt wird und nicht nur hingestellt wurde, um den Eindruck zu erwecken. Und ja: Wenn es sein muss, dürfen es sich gerne auch wieder ein paar Wollmäuse in den Ecken bequem machen. Hauptsache, es kommt wieder Leben in die Bude.

Ich möchte jetzt keine Unordnung glorifizieren. Und nein, Beige, Weiß & Co. möchte ich natürlich auch nicht kollektiv verbannen. Es geht um etwas anderes: Menschlichkeit. Ein Zuhause ist kein Katalog. Es ist eine Momentaufnahme unseres Lebens. Mit all seinen Kuriositäten, Ecken und Kanten, die es menschlich machen. Während ich das schreibe, stapeln sich bei mir übrigens die Pakete im Flur, meine Kaffeetasse ist voller Lippenstift, der Frühstücksteller steht noch herum und meine Katze hat es sich auf der zerfledderten Zeitung auf dem Boden gemütlich gemacht. Mein Zuhause ist zum Leben da.

Damit wieder etwas mehr Leben in die eigenen vier Wände kommt, braucht es übrigens kein Makeover. Nur eine kleine, aber bewusste Entscheidung: Heute räume ich nicht alles weg. Heute darf man sehen, dass ich hier lebe. Und vielleicht fühlt sich genau das wieder ein wenig mehr nach Zuhause an.