Sind wir wirklich machtlos – oder fehlt uns nur der Mut zur Konsequenz?

Früher bedeutete Protest: auf die Straße gehen, Gesicht zeigen, sichtbar sein. Heute scrollen wir, teilen Screenshots, empören uns kurz im Kollektiv und ein paar Stunden später ist alles schon wieder vergessen. Da ist Wut, aber auch viel Ohnmacht. Und die Frage: Sind wir wirklich so machtlos, wie wir glauben?

Was wir aktuell auf dieser Welt erleben, ist viel. Zu viel. Auch für mich. Eigentlich bin ich ein sehr positiver Mensch, der wirklich selten den Mut verliert. Aber: Die Weltlage raubt mir meine Energie. Und sie nimmt mir ein Stück weit auch die Hoffnung. Epstein Files, Merz-Misere, Welthunger, Inflation, Iran-Krieg, Trampeltier-Trump, Care-Arbeit, steigende Mieten, niedrige Löhne. All das führt einem tagtäglich knallhart vor Augen, wie viele Baustellen wir eigentlich noch zu beackern haben. Und während Politiker:innen diese scheinbar nicht in den Griff bekommen (wollen), können wir nur tatenlos zusehen. So scheint es jedenfalls. Ein Trugschluss.

Unsere Entscheidungen sind stärker als jedes Protestplakat

Wir gehen nicht mehr demonstrieren. Das ist Fakt. Oder zu wenig. Auch das ist Fakt. Nicht, weil uns die Welt gleichgültig ist, sondern weil wir den Mut verloren haben. Wir spüren die Wut, die Ungerechtigkeit, das Unrecht – und trotzdem bleiben wir lieber daheim. Die Ohnmacht sitzt so tief, dass schon bei dem Gedanken, etwas ändern zu können, bei vielen eine leise Müdigkeit einsetzt. Daran könnte man sich jetzt zum 100. Mal hochziehen und das 100. Reel und den 200. dazu Post teilen. Oder man legt das Smartphone aus der Hand und handelt. Denn eigentlich sind wir gar nicht so machtlos, wie wir denken. Unsere Stimme hat sich in den letzten Jahren nur ein wenig gewandelt.

Machtdemonstration geht heute über die klassische Demonstration und bloßen Wahlkampf hinaus. Was viele vergessen: Mit jeder Suche, jedem Like und jedem Videoklick nähren wir ein System, das ohne unsere Beteiligung nicht existieren würde. Doch nicht nur unsere Klicks zählen. Auch unsere Kaufentscheidungen tun es. Alles, was wir kaufen, spricht. Die Produkte, die wir im Supermarkt in den Warenkorb legen, die Kleidung, die wir wählen, die Technik, die wir nutzen, die Apps auf unserem Smartphone – alles ist ein verstecktes politisches Signal. Wir unterstützen damit Unternehmen, die Macht haben, Debatten zu formen, Märkte zu dominieren und Menschen zu beeinflussen. Mit jedem Kauf, jeder Anmeldung und jedem Like bestätigen wir nicht nur Algorithmen, wir bestätigen Machtstrukturen. Das Merkwürdige daran: Die Unternehmen und Persönlichkeiten, die wir mit all unseren Entscheidungen unterstützen, nutzen ihre Macht oft ohne Rechenschaftspflicht, ohne demokratische Kontrolle und ohne Konsequenzen für ihr Fehlverhalten. Sollten wir das tolerieren? Ich glaube nicht. Alles, was wir auswählen, signalisiert: Hier unterstütze ich, dort entziehe ich meine Stimme. Jede Kaufentscheidung ist ein kleiner, aber sehr wirkungsvoller politischer Akt.

Was passiert, wenn wir fehlen?

Stell dir vor, Millionen Menschen würden ihre Abos kündigen – und gleichzeitig ihre Konsumgewohnheiten überdenken: kein Prime-Abo, keine achtlosen Onlinekäufe mehr, die das Konto eines geld- und machtsüchtigen Amerikaners mit schlechter Haarstruktur füttern. Kein Streaming, das KI-Musik fördert und Projekte finanziert, die menschenverachtend sind. Wie läuft es eigentlich mit den Rüstungsinvestitionen, Herr Ek? Und dann wären da auch noch Lieblinge wie H&M und Zara, die erschwingliche Mode zu menschenunwürdigen Bedingungen anbieten. Börsenkurse würden fallen, Algorithmen ins Leere laufen und die alten weißen Männer vermutlich ziemlich blöd aus der Wäsche schauen, wenn sie sich plötzlich nicht mehr die 10. oder 20. Immobilie kaufen können. Abwesenheit ist ein Signal, Weglassen ist Macht. In einer Welt, in der Daten und Geld die neuen Währungen sind, ist bewusster Verzicht die lauteste Form der Kritik.

Unsere Stimme ist größer, als wir denken

Ich wünsche mir, dass wir unsere Entscheidungen wieder bewusster treffen. So, wie wir im Supermarkt lieber das Bio-Hähnchen statt die Qualzucht wählen. So, wie wir Freunde wählen, die uns bereichern, statt uns auszusaugen. Oder dem Obstkorb-Job die kalte Schulter zeigen und stattdessen etwas suchen, das uns wirklich weiterbringt. So, wie wir diese Entscheidungen im Kleinen treffen, sollten wir sie auch im Großen treffen – bei den Plattformen, Marken und Unternehmen, denen wir jeden Tag unsere Klicks, Daten und unser Geld schenken. Welche Plattformen unterstützen wir? Wessen Narrative bestätigen wir? Wessen Regeln akzeptieren wir nur, weil wir es gewohnt sind? Anfangs mag das genaue Hinsehen ganz schön anstrengend sein. Doch es lohnt sich. Denn unsere Stimme ist größer, als wir denken. Macht zeigt sich nicht nur darin, was wir tun. Sie zeigt sich auch darin, was wir plötzlich nicht mehr tun.