John Galliano entwirft für Zara. Das ist kein Brückenschlag, keine Demokratisierung, nicht einmal ein kluger Schachzug – es ist der Moment, in dem die Mode endgültig zugibt, dass ihr Handwerk nur noch Kulisse ist.
Wenn ich an John Galliano denke, denke ich an Handwerkskunst in seiner reinsten und schönsten Form. Niemand (außer vielleicht Alexander McQueen) verstand es besser, Mode in tragbare Kunst zu übersetzen. Etwas, das Zeit, Geduld und Kreativität ausstrahlte. Von der Schuhspitze bis zum Reißverschluss. Seine Silhouetten waren keine Produkte, sie waren Erzählungen – oft überladen, manchmal größenwahnsinnig, aber stets durchdrungen von einer Idee von Handwerk, das mehr war als bloße Technik. Es war Haltung. Und genau diese Haltung wird nun in die Beschleunigungsmaschine eines globalen Fast-Fashion-Riesen eingespeist.
Zara ist Mode-Gegenwart in ihrer wohl brutalsten Form: sofort verfügbar, sofort verständlich, sofort ersetzbar. Hier wird nicht entworfen, hier wird reagiert. Trends sind keine Inspiration, sondern Rohstoff. Rohstoff für eine Brand, die jährlich etwa 39,9 Milliarden Euro Umsatz mit Wegwerfkleidung macht. Das System lebt davon, dass nichts bleibt. Außer der nächsten Kollektion, die schon auf dem Weg ist, während die aktuelle noch in den Umkleiden hängt. Was also passiert, wenn ein Designer wie Galliano auf eine Brand wie Zara trifft? Die naheliegende Antwort wäre: Demokratisierung. Große Ideen für viele, nicht nur für wenige. Doch dieses Argument wirkt inzwischen seltsam hohl. Was hier demokratisiert wird, ist nicht das Handwerk, sondern seine Oberfläche. Die Stickerei wird zum Print, die Konstruktion zur Illusion, die Geschichte zum Wegwerfprodukt. Es ist eine Art ästhetischer Extrakt, der am Ende übrig bleibt. Verdünnt, reproduzierbar, kompatibel mit Lieferketten. H&M verfolgt dieses Konzept mit seinen Designerkollektionen bereits seit 2004. Mit unglaublich gutem Erfolg. Ich kann mich noch daran erinnern, wie sich die Frauen und Männer die Kollektion von Isabel Marant im Store aus den Händen gerissen haben. Verwunderlich? Nein. Designermode weckt auch heute noch Begehrlichkeit wie kaum etwas anderes. So oder so ähnlich wie bei Isabel Marant, Balmain oder Mugler wird es vermutlich auch mit der Kollektion von John Galliano laufen. Galliano liefert die Aura, Zara die Infrastruktur. Zusammen entsteht ein Produkt, das aussieht, als hätte es Bedeutung, ohne sich die Mühe zu machen, tatsächlich eine zu entwickeln. Welchen Beitrag die sogenannten Zara-Archive in dieser Kooperation leisten sollen, ist mir übrigens noch ein absolutes Rätsel.
Man könnte das zynisch nennen. Oder konsequent. Denn vielleicht ist diese Kollaboration weniger ein Bruch als eine logische Fortsetzung. Auch wenn ich das natürlich ungern zugeben möchte. Die Luxusmode selbst hat in den letzten Jahren viel dafür getan, ihre eigene Grundlage zu untergraben. Wenn Haute Couture zur Content-Maschine wird, wenn Runways für TikTok choreografiert werden, wenn Kollektionen im Monatsrhythmus erscheinen und zum Teil aus immer billigeren Materialien bestehen – wie groß ist dann noch der Unterschied zur Fast Fashion?
Vielleicht ist Gallianos Schritt gar kein Abstieg, sondern ein Eingeständnis: dass das System, das ihn einst hervorgebracht hat, längst ein anderes geworden ist. Und doch bleibt ein Unbehagen. Mit jeder Zusammenarbeit, die die Grenzen zwischen Fast Fashion und Handwerkskunst weiter verwischt, verschiebt sich etwas. Die Idee von Mode als Handwerk, als etwas, das Zeit, Können und Hingabe erfordert, wird weiter ausgehöhlt. Nicht abrupt, sondern in kleinen, gut designten Schritten. Der Tod der Handwerkskunst kommt nicht als Katastrophe. Er kommt als Kollektion. Und er verkauft sich gut. Und das ist doch, was am Ende wirklich zählt, oder Herr Maceiras? Sie als ZARA-CEO werden es bestimmt am besten wissen.