Es gibt diese Sätze, die sich anfühlen wie ein Reflex. Kaum stehen schwere Vorwürfe gegen einen bekannten Mann im Raum, sind sie da: „Das kann ich mir gar nicht vorstellen“, „Der war doch immer so lustig“ oder „Der ist doch so nett.“ Und noch bevor irgendetwas geklärt ist, hat sich die Debatte längst verschoben: Weg von dem, was im Raum steht, hin zu der beruhigenden Erzählung, dass es schon nicht so schlimm gewesen sein kann.
Worüber wir hier sprechen, ist kein Missverständnis, keine schräge Pointe, kein missglückter Witz und erst recht keine Suche nach Aufmerksamkeit, weil man als Promi mal wieder ordentlich die Werbetrommel rühren muss. Die Vorwürfe von Collien Fernandes wiegen schwer. Über Jahre hinweg war sie Opfer von Identitätsmissbrauch, digitaler sexualisierter Gewalt und auch körperlichen Übergriffen. Sie selbst spricht von „virtueller Vergewaltigung“. Und was macht die Öffentlichkeit? Sie wägt ab, ob das zum Image passt.
Das öffentliche Bild wird zur Schutzschicht
Christian Ulmen ist nicht irgendwer. Er ist der ironische Typ, der Unangepasste, der Grenzgänger des Humors. Ein Kumpeltyp, mit dem man abends in der Bar ein kühles Bierchen trinkt und über das Leben philosophiert, würden die meisten sagen. Einer, bei dem Überschreitung immer schon Teil der Inszenierung war. Wer ihn kennt, kennt auch seine Rollen – und verwechselt sie offenbar nur zu gern mit der Realität. Das Problem ist nicht neu. Es zeigt sich immer dann, wenn prominente Männer beschuldigt werden: Das öffentliche Bild wird zur Schutzschicht und legt sich wie ein Weichzeichner über die Vorwürfe.
Man kennt das aus anderen Fällen. Gil Ofarim wurde von vielen lange verteidigt, weil die Geschichte „zu gut“ klang. Bei Donald Trump wiederum scheint selbst die Nähe zu den Jeffrey Epstein-Enthüllungen für manche kein Grund zu sein, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen. Es ist dieselbe Logik: Was nicht ins Bild passt, wird passend gemacht. „Das kann ich mir nicht vorstellen“ – doch, genau das ist der Punkt. Dieser Satz ist kein Argument. Er ist ein Bekenntnis zur eigenen Bequemlichkeit. Denn natürlich kann man sich vieles nicht vorstellen. Vor allem, wenn es das eigene Weltbild erschüttert. Dass ein Mensch gleichzeitig charismatisch und übergriffig sein kann. Dass Humor und Gewalt sich nicht ausschließen. Dass Täter keine Karikaturen sind, sondern oft gerade diejenigen, die gelernt haben, sich gut zu verkaufen.
Prominenz als moralischer Rabatt
Was bei all dem auffällt: Für Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens scheinen andere Regeln zu gelten. Oder zumindest weichere. Da wird relativiert, gezweifelt, eingeordnet. Da werden Anekdoten hervorgeholt („Ich habe ihn ganz anders erlebt“), als könnten sie strukturelle Gewalt entkräften. Da wird die Frage nach der Schuld zur Geschmacksfrage umgedeutet. Es ist ein moralischer Rabatt, den man normalen Menschen nicht gewähren würde. Mir wird jetzt schon schlecht, wenn ich daran denke, dass in ein paar Wochen niemand mehr über diesen Fall sprechen wird. Dass Christian Ulmen möglicherweise sogar wieder eine Plattform bekommt. Ich wette, RTL reibt sich schon die Hände. Ich kann die Gespräche von Ulmens Agenten und Anwälten förmlich in meinem Kopf hören: „Noch ein paar Wochen durchhalten, dann ist Gras über die Sache gewachsen.“ Nein. Es wird diesmal kein Gras über die Sache wachsen. Hier wurde verbrannte Erde hinterlassen. Ein neuer Film mit Ulmen? Canceln! Eine neue Serie mit Ulmen? Canceln! Bühnenhumor? Sorry, aber das Lachen ist mir vergangen. CANCELN!
Empathie darf nicht selektiv sein
Jedes „Der ist doch so nett“ verschiebt den Fokus – weg von den Vorwürfen, hin zur Verteidigung des Täters. Jede Relativierung macht es schwerer, über das zu sprechen, worum es eigentlich geht: massive Gewalt. Es gibt einen einfachen Grund, warum diese Reflexe so gefährlich sind: Sie schützen nicht die Wahrheit, sondern das Bild. Und Bilder sind zäh. Sie halten sich länger als Fakten, länger als Aussagen, länger als Zweifel. Gerade im digitalen Raum, wo Sympathie oft mehr zählt als Einordnung. Aber wenn wir ernsthaft darüber sprechen wollen, wie mit Vorwürfen von Gewalt umzugehen ist – egal ob digital, psychisch oder körperlich –, dann müssen wir genau hier ansetzen. Nicht beim Image. Nicht bei der Persona. Nicht beim „Ich kenne den doch aus dem Fernsehen“, sondern bei der Haltung. Dass Vorwürfe ernst genommen werden, unabhängig davon, wie witzig, charmant oder gutaussehend jemand ist. Dass Zweifel erlaubt sind, aber nicht als Ausrede dienen.
Und dass Empathie nicht selektiv sein darf.
Denn am Ende ist „er war doch so lustig“ kein Argument. Es ist nur ein Schutzmechanismus. Und der schützt fast immer die Falschen.