Ich möchte Männern nicht erklären, warum ich nachts meinen Schlüssel zwischen die Finger klemme.
Warum ich meinen Standort teile.
Warum ich so tue, als würde ich telefonieren.
Warum mein Herz dabei manchmal wie verrückt pocht – so, als wäre ich gerade auf der Flucht vor dem Weltuntergang.
Ich möchte Männern nicht erklären, warum ein „Na, Süße?“ kein harmloser Spruch ist. Warum es nicht charmant ist, nicht lockerzulassen. Warum eine Abweisung nichts damit zu tun hat, dass man sich für absolut obergeil hält. Nur um danach als schei*** Schl*** bezeichnet zu werden, die ja sowieso niemand an seiner Seite haben möchte.
Ich möchte Männern nicht erklären, warum ein Drink kein Vertrag ist. Warum ein netter Blick noch lange keine Einladung für alles und mehr ist. Warum ein Date kein Anspruch ist.
Warum ein „Ich lade dich ein“ keine Gegenleistung verlangt. Schon gar nicht körperlicher Art.
Ich möchte Männern nicht erklären, warum Deepfakes Gewalt sind. Warum es kein „Spaß“ ist, das Gesicht einer Frau auf einen fremden Körper zu montieren. Warum es kein Kavaliersdelikt ist, jemanden digital auszuziehen – eben weil es ja „nur“ digital ist. Ich möchte Männern nicht erklären, dass es keine Rolle spielt, ob das Bild nicht echt ist.
Wenn die Angst echt ist.
Wenn die Scham echt ist.
Wenn die Ohnmacht echt ist.
Ich möchte Männern nicht erklären, warum „Du bist anders als die anderen“ kein Lob ist. Warum „Ich meine das nicht so“ nichts ungeschehen macht. Warum „War doch nur ein Witz“ kein Freifahrtschein ist. Und warum „Hab dich nicht so“ eine Herabwürdigung ist.
Ich möchte Männern nicht erklären, dass Verantwortung nicht erst dann beginnt, wenn etwas kaputt ist. Warum man eingreift, bevor Worte oder Taten Spuren hinterlassen, die man nicht mehr rückgängig machen kann. Warum Verantwortung nicht damit getan ist, hin und wieder den Müll runterzubringen.
Ich möchte Männern nicht erklären, warum ich im Büro nicht lächle, wenn ich unterbrochen werde. Warum ich nicht dankbar bin, wenn meine Idee erst zählt, nachdem ein Mann sie wiederholt hat. Warum ich kein Interesse an der Firmenfeier habe, wenn ich in Sachen Gehalt, Entscheidungen und Respekt immer noch als Mensch zweiter Klasse behandelt werde.
Ich möchte Männern nicht erklären, warum Hausarbeit Arbeit ist. Warum man sehen kann, dass der Wäschekorb voll ist.
Warum Termine nicht von allein im Kalender stehen.
Warum „Sag mir einfach, was ich tun soll“ keine Entlastung ist. Ich möchte Männern nicht erklären, warum ihre Ehefrauen keine Ersatzmütter, Putzfrauen, Gedächtnisstützen und Krankenpflegerinnen sind.
Ich möchte Männern nicht erklären, warum Elternsein keine Rolle ist, in die man nach Lust und Laune schlüpft. Warum sich das Elternsein nicht nur aufs Muttersein beschränkt. Warum Väter keine Babysitter sind und Verantwortung kein Gefallen ist.
Ich möchte Männern nicht erklären, warum ein Rock, ein sichtbarer BH oder eine semitransparente Bluse keine Einladungen sind. Warum Alkohol keine Entschuldigung ist.
Warum Schweigen kein Ja ist. Warum Erstarren kein Einverständnis ist.
Ich möchte Männern nicht erklären, warum Gewalt nicht erst bei blauen Flecken beginnt. Warum Kontrolle keine Liebe ist.
Warum Morddrohungen und Eifersucht keine Beweise für echte Gefühle oder Leidenschaft sind.
Ich möchte Männern nicht erklären, warum sie ihre Freunde korrigieren sollten. Warum Wegsehen alles nur noch schlimmer macht. Warum Lachen Zustimmung ist. Warum genau dort Verantwortung beginnt, wo es unbequem wird.
Und warum „Ich wollte nichts sagen“ am Ende genau das Problem ist.
Ich möchte Männern nicht erklären, warum Gleichberechtigung nichts ist, das man „gewährt“. Warum Respekt keine besondere Leistung ist. Warum Anstand kein Extra ist. Warum das alles kein Bonus ist, sondern das absolute Minimum.
Ich möchte das alles nicht mehr erklären. Nicht, weil es kompliziert wäre, sondern weil es das nie war. Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Zumutung dieses Textes: Dieser Text erzählt nichts Neues. Nur das, was längst bekannt ist. Das, was wir schon unzählige Male gesagt haben. Was längst verstanden sein könnte. Wenn man es denn verstehen wollte.