Wer bist du eigentlich? Ich meine, wirklich? Schaue ich mich so auf den Straßen um, beschleicht mich das Gefühl, dass viele darauf keine Antwort haben. Sicher ist nur: Du bist nicht Carolyn Bessette-Kennedy oder Kate Moss, auch wenn du Lederjacke und Skinny Jeans trägst. Du bist nicht Bella Hadid, die mit ihrer Y2K-Ästhetik heute ganze Pinterest-Boards füllt. Und du bist auch nicht Sofia Richie Grainge, die mit ihrem minimalistischen Look zur Projektionsfläche für „Quiet Luxury“ wurde. Und weißt du was? Das ist vollkommen in Ordnung.
Stilvorbilder gab es schon immer. Was hätte ich in den frühen 2000ern für den Kleiderschrank von Chloë Sevigny, Alexa Chung oder die Garderobe von Übermodel Erin Wasson gegeben! Der Unterschied zu heute? Damals war Stil noch etwas sehr Persönliches und Individuelles. Mode war eine Spielwiese, auf der man sich frei bewegen und ausprobieren konnte. Vor allem aber man selbst sein durfte. Du hast dir zwar Inspiration geholt, aus Zeitschriften, von Blogs, den Straßen und Konzerten, die du besucht hast, bist zwischen Converse Chucks und Fake-Fur-Jacke aber immer noch du selbst geblieben. Heute sieht das ein wenig anders aus. Es ist ein merkwürdiges Paradox unserer Zeit: Noch nie war es so einfach, einen Stil zu kopieren. Und noch nie schien es so schwierig zu sein, einen eigenen zu entwickeln. Nehmen wir das Beispiel Carolyn Bessette-Kennedy, weil es so aktuell ist. Wer heute wissen möchte, wie man sich „wie Carolyn Bessette-Kennedy kleidet“, findet Listen, ja ganze Einkaufsführer und Moodboards dazu im Internet. Für den richtigen schwarzen Rollkragen und die richtige Jeans – am besten eine, die so wirkt, als gehöre sie eigentlich dem John F. Kennedy Jr. Boyfriend-Verschnitt. Sogar für den Haarreif gibt es Video-Hauls auf Instagram und TikTok. Was dieses Beispiel deutlich macht? Mode ist zu einem Baukasten verkommen. Man wählt ein paar ästhetische Referenzen, fügt sie zusammen und hofft, dass daraus sowas wie Persönlichkeit entsteht.
Wo bleibt da noch die wahre Persönlichkeit?
Das Ding ist: Nur weil du wie ein perfekt kuratiertes Pinterest-Board herumläufst, heißt das noch lange nicht, dass du auch wirklich Persönlichkeit hast. Der Stil von Carolyn Bessette-Kennedy war/ist zum Beispiel nicht deshalb so überzeugend, weil ein bestimmter Rollkragenpullover besonders genial war oder ihre Sonnenbrille zur Cool-Girl-Ästhetik beigetragen hat. Gleiches gilt für die schlichten Blusen, Stiefeletten oder Handtaschen ohne Logos. Auch umweht ihren Stil kein Geheimnis, obwohl gerne anderes behauptet wird, wenn von Menschen mit einem Kleiderschrank zum Niederknien die Rede ist. Ihr Stil war einfach Teil ihrer DNA. Er war und ist auch heute noch so überzeugend, weil er zu ihr gehörte. Zu ihrem Leben in New York und zu ihrer Persönlichkeit. Das trifft übrigens auch auf Menschen wie Matilda Djerf, Jeanne Damas, Gabbriette oder Sienna Miller zu, deren Stil (ob mit oder ohne Stylist:innen an ihrer Seite) auf der ganzen Welt kopiert wird. Was wir dabei gerne vergessen: Stil funktioniert nicht isoliert. Stil lebt von der Erkundung des eigenen Ichs, von Brüchen, Überraschungen, ja auch Fehlern. Stil ist keine Einkaufsliste, mit der man durch den nächsten Zara, Arket oder Massimo Dutti schlendert. Und doch wird genau daraus heute häufig eine gemacht. Und ich frage mich: Wo bleibt da noch die wahre Persönlichkeit?
Dieses Phänomen lässt sich längst nicht mehr nur in der Mode beobachten. Man erkennt es im Alltag, in diesen kleinen kulturellen Veränderungen, die plötzlich überall gleichzeitig und an jeder Ecke aufploppen. Von Hamburg bis München laufen gerade alle mit demselben karamellfarbenen Cockapoo mit Instagram-kompatibler Niedlichkeit durch die Straßen. Matcha wird getrunken, als wäre er Weihwasser und über den Winter hat sich so ziemlich jede:r eine nerdy Sauerteigmentalität zugelegt, die mit einer viel zu großen Geek-Brille untermalt wird. Morgens geht es aber vorher noch schnell zum Pilates, idealerweise „Reformer Pilates“, weil auch das gerade zum ästhetischen Gesamtpaket gehört. Natürlich im rosa Ensemble von Lululemon oder Alo Yoga. Daran ist grundsätzlich übrigens nichts falsch. Matcha ist (in Maßen) gesund, Pilates tut dem Körper und der Psyche gut und einem Cockapoo zu widerstehen, ist quasi unmöglich. Aber in der Summe entsteht ein merkwürdiger Effekt, den ich nicht ignorieren kann: All das wirkt so, als hätten sich Lebensstile plötzlich auf wenige, visuell besonders gut funktionierende Vorlagen reduziert. Und jetzt kommt die wirklich spannende Frage: Weil man wirklich dafür steht oder der allgemeine Konsens vorgibt, dass man mit diesem gesellschaftsfähigen Gesamtpaket einfach immer richtig liegt und keinerlei Angriffsfläche bietet?
Natürlich kann man argumentieren, dass daran viele Faktoren beteiligt sind. Die globale Modeindustrie produziert schneller und günstiger als je zuvor. Plattformen wie Instagram oder TikTok verbreiten diese Trends in einer Geschwindigkeit, die früher undenkbar gewesen wäre. Algorithmen verstärken das, was bereits funktioniert und sorgen so dafür, dass wir immer wieder dieselben Bilder sehen. Und unser Unterbewusstsein? Denkt, genau das sei die Norm. Aber das erklärt natürlich nur die Oberfläche. Und würde ich jetzt ausholen, könnte ich genauso gut eine Doktorarbeit darüber schreiben. Die tiefere Frage lautet also vielleicht: Warum sind wir überhaupt so scharf darauf, uns nach irgendeiner Vorlage zu richten, statt einfach wir selbst zu sein?
Wenn Individualität zur Kopie wird
Mode war zu meiner Zeit ein echtes Experimentierfeld. Menschen probierten Dinge aus, machten Fehler, widersprachen sich selbst und anderen. Kleidung war ein Gespräch mit der Welt. Manchmal laut, manchmal leise und alles dazwischen, aber immer persönlich. Heute wirkt Mode oft eher wie ein Katalog, aus dem man sich seine „Persönlichkeit“ aussucht. Eine Ästhetik, die man auswählt, so wie man sich einen Filter auf Instagram aussucht. Man entscheidet sich für „Clean Girl“,„Poetcore“ oder „Old Money“. Und plötzlich kleidet man sich nicht mehr, um etwas über sich selbst auszudrücken, sondern um in eine visuelle Schublade zu passen oder einem Pinterest-Träumchen hinterherzurennen. Was diese übertriebene Nachahmung macht, die jede Woche aufs Neue zu wechseln scheint? Sie führt zu einer kulturellen Stagnation. Mode ist eine Kunstform, und Kunst lebt von der Selbstdarstellung. Wenn wir anfangen, Mode (und auch den Rest unseres Lebens) nur noch als eine Checkliste von Trend-Teilen zu begreifen, berauben wir sie ihrer Seele. Und ein Stück weit auch unserer eigenen. Sicherlich spielen globale Lieferketten, die Dominanz von Fast-Fashion und Social Media eine Rolle bei der Vereinheitlichung unseres Aussehens. Aber die tiefere Ursache liegt meiner Meinung nach darin, dass wir ein Stück weit die Verbindung und das Vertrauen in uns selbst verloren haben. Wer aus der Reihe tanzt, macht sich unweigerlich auch ein bisschen angreifbar. Und dem wollen sich heute nur noch die wenigsten Menschen aussetzen. Warum? Weil die Angst vor Ablehnung größer ist als der Mut, der vermeintliche Norm den Mittelfinger zu zeigen. Wir richten uns lieber nach anderen, statt es uns selbst recht zu machen. Was dann passiert, beschreibe ich gerne als den „Weiße Socken zur schwarzen Leggings“-Moment: Individualität wird zur Kopie, die sich für ein Original hält. Ein Look, der sich anfühlt wie Persönlichkeit, dabei aber nichts weiter ist als das sauber kuratierte Echo eines Algorithmus. Wenn Individualität durch Copy-Paste-Styling ersetzt wird, sieht am Ende jeder gleich aus. In einer Welt, in der wir uns nur noch über die Ästhetik anderer definieren, bleibt die eigene Kreativität somit immer mehr auf der Strecke. Wahrer Stil erfordert jedoch Mut – den Mut, aus der Reihe zu tanzen und Kleidung als Ausdruck des eigenen, echten Ichs zu nutzen.
Ist es falsch, sich inspirieren zu lassen? Nein, keineswegs. Wir haben nur verlernt, mit dieser Inspiration etwas Eigenes anzufangen. Wir bleiben stehen bei der Kopie, weil sie sicher ist, funktioniert und keinen Widerspruch provoziert. Doch genau aus dieser Komfortzone müssen wir wieder raus. Denn Mode ist – bei aller Oberflächlichkeit, die ihr gerne zugeschrieben wird – immer noch eine Kunstform. Und Kunst lebt von Individualität. Von Reibung, von Widerspruch, von Eigenwilligkeit. Wahrer Stil entsteht nicht im perfekten Nachstellen, sondern dort, wo der Vergleich aufhört. Dort, wo wir anfangen, wir selbst zu sein. Das gilt übrigens auch für alle anderen Lebensbereiche, nicht nur für die Mode. Denn Persönlichkeit ist nichts, was man sich zusammenklickt und shoppt. Es ist das, was übrig bleibt, wenn man damit aufhört, jemand anderes sein zu wollen.