Renn nicht zu dm, Douglas & Co: Warum du nicht die 15. Gesichtscreme im Badezimmer brauchst, um dich schön zu fühlen

Es beginnt mit einem harmlosen Versprechen auf TikTok oder Instagram. Eine Frau mit fast unverschämt perfekter Haut erklärt in einem dreißigsekündigen Reel, dass das Geheimnis für ihren makellosen Teint in einer Flasche mit durchsichtigem Serum liegt. Oder Gesichtsöl. Jedenfalls in irgendetwas, das man noch nicht besitzt. Und dann plötzlich unbedingt braucht. Erst recht, wenn Sätze wie „Renn‘ zu dm“, „Renn‘ zu Douglas“ oder Botox aus der Tube im Spiel sind. Ein Klick und wenige Tage später steht das neue Fläschchen auch schon im Badezimmerschrank. Es gesellt sich zu den drei verschiedenen Cleansern für glasartige Haut, dem chemischen Peeling, das man nur dienstags benutzt, der Retinol-Creme für die Nacht, der Hyaluronsäure für den Morgen und dem Sonnenschutz für jeden Tag. Und noch ein paar anderen Produkten, deren Existenz man bei all den anderen Anschaffungen aber fast schon wieder vergessen hat. Was dir auf der Verpackung und auch im Reel niemand erklärt? So oder so ähnlich wird es auch mit dem neuen Wunderprodukt laufen, in das du gerade all deine Hoffnung steckst. Und wieder wirst du dich fragen, was du falsch machst. Warum deine Haut nicht so porenlos, glatt, weich, frisch, strahlend und jugendlich aussieht wie die der Frau im Video. Und wieder wirst du dich schlecht fühlen. Und komisch. Vielleicht auch ein wenig alt. Vielleicht sogar sehr alt. Dabei bist du gar nicht komisch, alt oder unfähig, die Produkte richtig zu benutzen. Du hast ganz einfach verlernt, wie echte Haut aussieht und dass du all das eigentlich gar nicht brauchst.

Mit 15 habe ich geglaubt, Haut ist porenfrei, faltenfrei, haarlos und makellos. Also ohne jegliches Anzeichen von echtem Leben, wenn man so will. Wenn ich die Frauen in den Hochglanzmagazinen oder Werbeblöcken sah und mich mit ihnen verglich, konnte ich nicht verstehen, warum ich trotz meiner mühsamen Routine nicht auch so aussehen konnte wie sie. Ich schrubbte, ich cremte, ich zupfte, ich rasierte, ich tat alles, um dieser Realität auch nur ansatzweise näherzukommen. Was ich damals noch nicht begriff: Das alles hatte nichts mit dem echten Leben zu tun. Genauso wenig wie die Versprechen, die uns heute über Instagram und TikTok gemacht werden. Der ultimative Realitätscheck sollte für mich aber erst Jahre später folgen. Bei meinem ersten Job als Praktikantin für ein großes Frauenmagazin im Jahr 2013. Ich assistierte gerade bei einem Shooting für eine Modestrecke und stellte halb schockiert, erleichtert und fast ein wenig enttäuscht fest: Diese Frauen sehen tatsächlich aus wie ich. Ich war also doch nicht so falsch, wie ich immer dachte. Wie es mir Werbung, Fashion Shows und Anzeigen in Zeitschriften vermittelten. Es sollte aber noch mal ganze zehn Jahre dauern, bis mein Selbstwert nicht mehr von meinem Rasierer, meiner Gesichtscreme oder meinem Peelinghandschuh abhängen sollte, sondern einzig und allein von mir selbst. Mit Ende 20 bekam ich eine Stelle als Beauty-Journalistin angeboten. Und hatte fortan die Tools und Produkte namhafter und begehrter Brands auf meinem Schreibtisch liegen. Über die Jahre habe ich mich durch so ziemlich alles durchgetestet, was es gibt. Von Augenpads über Seren bis hin zu LED-Masken und Mikrostromgeräten, die das Gesicht mit elektrischen Impulsen zum Zucken bringen, war wirklich alles dabei. Ob ich bessere Haut hatte? Ob ich jünger, frischer oder porenfreier aussah? Nein. Irgendwann musste ich ernüchtert feststellen, dass all das keinen nennenswerten Unterschied machte, obwohl auch mir auf Social Media etwas anderes erzählt wurde. Egal, wie sehr ich mich an die Gebrauchsanweisung hielt oder mir die Werbeversprechen gebetsmühlenartig aufsagte. Was ich in diesem Moment begriff, war: Ich folgte einem Ideal, dessen Ursprünge in Marketingabteilungen lagen – entworfen zwischen grauem Teppichboden und Neonlicht, um dort irgendwie den Zustand von Realität zu simulieren. Und uns das Gefühl zu geben, wir seien ungenügend.

Aber wie fühlt man sich wieder normal in einer Welt, die das wahre Ich zu etwas erklärt hat, das nicht normal ist? Dazu zählen Poren und Falten übrigens genauso wie der Pickel auf dem Kinn. Dinge, die man uns so lange als Makel eingeredet hat, bis wir selbst daran geglaubt haben. Man fängt zum Beispiel damit an, das Badezimmer wieder als das zu sehen, was es ist: Ein Ort zum Wohlfühlen und kein chemisches Labor, in dem man gegen die Zeit oder gegen die von einer Milliarden-Industrie erzeugten „Fehler“ ancremt, die ohne uns gar nicht existieren würde. Indem sie uns einredet, das natürliche Gesicht und der dazugehörige Körper seien unfertige Projekte, die ständige Wartung und immer neue Produkte benötigten, schafft sie ein unendliches Bedürfnis und einen Markt, der von unseren Unsicherheiten, Ängsten und vermeintlichen Makeln lebt. Ein Markt, der uns zwar Schönheit verkaufen will und es mit einigen Ausnahmen auch tut, größtenteils aber vor allem am Profit interessiert ist. Gleiches gilt auch für viele Influencer:innen, die versuchen, uns immer noch etwas anderes einzureden. Warum sollten sie es auch anders machen? Dann gäbe es ja keinen Anlass mehr, auch nur irgendetwas davon zu konsumieren. Wenn man so will, wären wir ohne diesen ganzen Schönheitsdruck quasi wunschlos glücklich.

Was ich gelernt habe? Das Gefühl, schön zu sein, wird sich nicht einstellen, wenn man vor einer Sammlung von 15 Fläschchen, Tiegeln und Tuben steht und im fahlen Badezimmerlicht darüber nachgrübelt, ob man nicht doch die 150-Euro-Creme hätte kaufen sollen, um alles in den Griff zu bekommen, was es nicht in den Griff zu bekommen gibt. Was wir wirklich müssen, statt wieder ein neues Produkt zu kaufen, das ein absoluter Gamechanger sein soll? Wir müssen anfangen zu verstehen, dass wir Gesicht und Körper in ein permanentes Krisengebiet verwandelt haben. Und dass unsere Haut ein atmendes, lebendiges Organ ist, das uns schützt – und keine sterile Benutzeroberfläche, die übrigens auch nie so aussehen wird. Egal, wie oft wir den Porensauger ansetzen, uns mit chemischen Peelings den letzten Funken Anstand wegätzen oder Make-up verwenden, das jegliche Form von Tiefe und Persönlichkeit aus unserem Gesicht radiert. Das Gefühl, schön zu sein, entsteht in dem Moment, in dem wir uns für uns entscheiden, statt nur für das, was wir im Spiegel abliefern sollen. Und wenn wir das nächste Mal zu der neuen Creme oder dem Serum greifen, von dem zurzeit alle reden, sollten wir kurz innehalten und uns Folgendes fragen: Mache ich das wirklich für mich oder weil es mir von außen gesagt wurde? Und was erhoffe ich mir davon? Möchte ich meiner Haut und mir etwas Gutes tun? Oder versuche ich gerade wieder nur, mich zu sabotieren, weil ich meinen Selbstwert von absurden Schönheitsidealen abhängig mache? Sich schön zu fühlen, ist am Ende des Tages eine Frage der inneren Unabhängigkeit, nicht der akribischen Schichtung von Produkten. Vielleicht sollten wir aufhören, unser Gesicht und unseren Körper wie einen Bug zu behandeln, der ständig behoben werden muss. Und anfangen, die Realität endlich wieder als das zu sehen, was sie wirklich ist: lebendig und herrlich unperfekt – mit all ihren Schattierungen, Falten und Linien.