Früher bin ich auf den Isemarkt gegangen, ohne groß darüber nachzudenken. Er gehörte einfach dazu, wie die Schwäne zur Alster eben. Oder der Dom zum Heiligengeistfeld. Mit meinem großen Weidenkorb bin ich jeden Dienstag und Freitag unter der Hoheluftbrücke entlang, während oben die Hochbahn über die Schienen bretterte. Man traf Nachbarn, hielt einen kurzen Schnack über das Wetter und kannte die Gesichter hinter den Ständen. Der Isemarkt war kein Event – er war Alltag in seiner unaufgeregtesten und schönsten Form. Etwas, für das man sich nicht schick gemacht hätte. Wie oft bin ich schon in Sportklamotten, Kiezklamotten oder in irgendwas zwischen Alltagskleidung und Pyjama dort entlanggegangen. Aus dieser Mischung aus Routine und Nachbarschaft wuchs eine Vertrautheit, die man nicht digitalisieren kann. Es war das Wissen, dass man hier auch an schlechten Tagen willkommen ist, solange man seinen Korb dabei hat. Ein Lebensgefühl, das ohne Filter auskam, weil die Echtheit der Begegnung wichtiger war als die Ästhetik des Hintergrunds. Heute gehe ich dort nicht mehr hin. Nicht, weil der Markt verschwunden ist, wie es so viele Wochenmärkte in Hamburg mittlerweile tun. Im Gegenteil: Der Isemarkt ist heute größer und voller als je zuvor. Und er hat sich verändert. Sehr. Nicht zum Guten. Aus einem Ort der Nachbarschaft ist eine Kulisse geworden. Der Einkauf ist nur noch der Vorwand für eine Inszenierung, die mit Hamburg, wie es mal war und ist, nichts mehr zu tun hat.
Diese Kulisse hat inzwischen ein Publikum gefunden, das nicht mehr wegen der Lebensmittel, der guten Gespräche oder des echten Austauschs vorbeikommt. Man sieht es an den Handys, die überall gezückt werden. Da bleibt niemand mehr stehen, weil er sich nicht zwischen Comté und Bergkäse entscheiden kann. Oder weil der Antipasti-Stand seine neueste Kreation zum Kosten verteilt. Die Leute blockieren den Weg, weil das Licht gerade so schön auf Pfingstrosen am Blumenstand fällt und unbedingt ein Foto davon gemacht werden muss. Oder am Stand mit den viralen Isemarkt-Cardigans aus 100 % Plastikwolle ein Reel gedreht wird: „Rennt zum Isemarkt…“ Ein paar Meter weiter werden Selfies mit Matcha, Baguette und Blumenbouquets produziert. Und ich stehe mittendrin, den leeren Weidenkorb in der Hand, und fühle mich wie ein Fremdkörper in meinem eigenen Kiez. Als hätte jemand mein Wohnzimmer gemietet, um darin einen Werbespot zu drehen.
Wann genau der Isemarkt seinen Charme verloren hat, kann ich gar nicht genau sagen. Es kam schleichend. Touristen tummelten sich schon immer dort. Sie fügten sich aber in unseren Alltag ein, ohne zu stören. Hier und da wurde mal ein Foto geknipst, im Vergleich zu heute liegen jedoch Welten dazwischen. Der Hype um den Isemarkt ist vor allem Social Media zu verdanken – auch wenn ich das eigentlich gar nicht so sagen möchte. Klar, den Händler:innen gönne ich jeden Cent Umsatz, und natürlich brauchen sie die Sichtbarkeit, um gegen die Supermärkte zu bestehen. Aber die Wahrheit ist: Der Markt geht an seinem eigenen Erfolg kaputt.
Was früher ein lokaler Geheimtipp war, ist jetzt ein Häkchen auf einer digitalen Bucket-Liste. Es geht nicht mehr um die Qualität der Butter oder den frischen Koriander. Es geht darum, Teil eines Trends zu sein. Wenn ein Ort „instagrammable“ wird, ändert sich die DNA. Die Leute kommen nicht mehr, um Teil des Marktes zu sein, sondern um ihn als Content-Lieferanten zu nutzen. Viele Stände sind zwar geblieben, aber sie wirken oft nur noch wie Requisiten. Zwischen regionalem Gemüse und frisch gebackenem Brot tauchen immer mehr Händler:innen auf, die den Isemarkt zu einem Jahrmarkt der Eitelkeit machen. Währenddessen verschwindet etwas, das man nicht fotografieren kann: ein Lebensgefühl. Früher war ich Teil des Ganzen, heute fühle ich mich fremd. Die Gespräche sind leiser geworden, fast schon gehetzt. Alle wirken genervt, zu Recht. Für mich als Hamburgerin ist das ein echter Verlust. Es nimmt mir ein Stück von der Stadt, wie ich sie kennengelernt habe: Ein Hamburg, das nicht ständig zeigen musste, wie toll es ist. Das sich nicht erklären, nicht inszenieren und nicht optimieren wollte. Der Isemarkt war genau deshalb gut, weil er so wunderbar unspektakulär war.
Heute wirkt er oft wie ein Ziel für Leute, die ein Bild von dem suchen, was sie für das „echte Hamburg-Leben“ halten. Eigentlich aber nur eine perfekt ausgeleuchtete Version davon finden, die rein gar nichts mit der Realität zu tun hat. Wenn alle ihr Foto gemacht haben und wieder weg sind, was bleibt dann eigentlich übrig? Ein schöner Feed, vielleicht. Aber ganz sicher nicht das Gefühl, das diesen Ort einmal ausgemacht hat.
Ich kaufe jetzt woanders ein. Im Mini-Supermarkt auf Pauli und bei meinem kleinen Gemüsehändler um die Ecke. Da ist es vielleicht nicht so schick, aber es ist ehrlich. Niemand zückt das Handy, wenn ich zwischen den Regalen nach den Oliven suche, und kein Mensch käme auf die Idee, ein Selfie vor der Tiefkühltruhe zu machen. Es ist die herrlich befreiende Abwesenheit von Inszenierung. Hier darf ich wieder die Statistin in meinem kleinen Leben sein, anstatt im Weg einer fremden Story zu stehen. Ohne Filter, ohne „Rennt da hin“-Hype und vor allem: ohne Plastik-Cardigans und überteuerten Matcha.
Vielleicht ist das die Ironie der digitalen Zeit: Wir suchen online so verbissen nach „authentischen Orten“, dass wir sie genau dadurch zerstören. Wir fotografieren das echte Leben so lange, bis es sich vor der Kamera in Luft auflöst. Ich vermisse den alten Isemarkt. Aber solange er eine Bühne für andere ist, bleibe ich im Publikum der Seitenstraßen. Da, wo Hamburg nicht so tut als ob, sondern einfach nur ist. Ganz unaufgeregt. Ganz ich.