
Es ist ein Eingeständnis, das irgendwo zwischen der zweiten Flasche Wein, Jobfrust und einer viel zu käsigen Pizza vom Lieferdienst an einem Freitagabend fällt: A. wird wahrscheinlich niemals Mutter werden. Wenn meine Freundin A. heute über ihre Zukunft spricht, dann fehlt darin ein entscheidendes Puzzleteil, das dort jahrelang ganz selbstverständlich für sie lag: die Gründung einer Familie. Das Paradoxe daran? Es liegt nicht an einem fehlenden Partner. Es ist das bittere Eingeständnis, dass der Wunsch nach einem Kind, den unsere Eltern sich noch irgendwo zwischen Autoversicherung, Hauskredit und Sommerurlaub erfüllen konnten, wohl nur ein Wunsch bleiben wird.
„Immer weniger Babys!“, „Größtes Defizit der Nachkriegszeit“, „Deutschland gehen die Kinder aus“, „Sterben wir aus? Geburtenzahlen in Deutschland sinken weiter.“ Es sind Schlagzeilen, die sich dieser Tage wie ein persönlicher Vorwurf lesen. Man fühlt sich als Frau mit Kinderwunsch fast schon instinktiv angegriffen. Als wäre es unser kollektiver Unwille, der die Nation in die Baby-Krise gestürzt hat. Die Wahrheit? Sieht anders aus. Nur wird sie ungern erzählt. Sie würde auf Probleme aufmerksam machen, die abseits des Uterus liegen. Während Politiker:innen also immer noch über die Gründe für die leeren Kreißsäle rätseln, findet A. sie jeden Monat in ihrem Onlinebanking: Es ist die Bilanz eines Landes, das Kinder für Frauen zum unkalkulierbaren Luxusgut erklärt hat.
Allein im vergangenen Jahr sind in Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkrieges so wenige Babys geboren worden wie noch nie. Das geht aus einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes hervor. In dieser Statistik ist A. ein Minuszeichen. Oder um es mit Merz‘ Empathie zu sagen, wenn er und A. in einer Talkshow aufeinandertreffen würden: Der Grund für die Krise, in der wir stecken. Ich wette, er würde auch die Worte „Reißen Sie sich mal zusammen. Mehr Arbeiten und mehr Sex, das kann doch nicht so schwer sein“ in den Mund nehmen. Doch am Küchentisch meiner Freundin geht es nicht um Demografie, um Unwillen oder die vergangene Lust am Sex, sondern um die Frage, wie man eine Familie plant, für die der Platz und die Mittel fehlen. Diese Kinderlosigkeit ist kein Resultat mangelnder mütterlicher Instinkte. Und erst recht keine Lifestyle-Entscheidung. Es ist das Ergebnis einer Politik, in der Frauen immer nur dann bevorzugt werden, wenn sie als Mittel zum Zweck dienen. So wie jetzt. Mal wieder. Ich kann die Baby-Kampagnen auf den Straßen schon jetzt vor mir sehen. Süße Paare und noch süßere Babys mit Kulleraugen in perfekt ausgeleuchteten Wohnungen, die uns in Wallungen bringen sollen. Das Problem: Während das merzsche PR-Team die perfekte Familie in einem Fotostudio zusammenbaut hat, dieses Bild wenig bis gar nichts mit der Realität dort draußen zu tun.
Warum Frauen keine Baby mehr bekommen? Es ist das Ergebnis jahrelanger, jahrzehntelanger Versäumnisse, durch die in unserem Alltag schlicht kein Platz mehr für ein weiteres Leben vorgesehen ist. Nicht einmal so richtig für uns selbst. Wohnraum ist unbezahlbar. Egal, wohin man mittlerweile blickt. Heute ist man schon froh, wenn man eine 2-Zimmer-Wohnung für unter 1.500 Euro warm findet. Und zwar in einem Zustand, der nicht erst nach monatelanger Kernsanierung schreit. Ein Kinderzimmer? Ist schon lange kein Standard mehr. Es ist ein finanzielles Privileg für diejenigen, die geerbt haben oder Spitzengehälter verdienen.
Und dann ist da dieser reflexhafte Rat, man solle eben „weiter rausziehen“. Es ist eine Standardantwort und ein Stück weit auch Ausrede. Denn mal ehrlich: Wie weit denn noch? Bis man zwei Stunden am Tag in überfüllten Regionalbahnen verbringt, nur um sich das Recht auf ein zusätzliches Zimmer zu erkaufen, das die größe einer Abstellkammer hat? Es ist ein zynischer Tauschhandel: Man flüchtet aus der Enge der Stadt, um dem Kind ein eigenes Zimmer zu ermöglichen, nur um dann festzustellen, dass man selbst in diesem Zimmer kaum noch stattfindet. Am Ende kauft man sich mit zwei Stunden Lebenszeit pro Tag den Platz für ein Kind, dem man beim Aufwachsen nur noch zwischen Gleisstörung und Schienenersatzverkehr via FaceTime und WhatsApp beim Großwerden zusehen kann. Jetzt werden bestimmt einige sagen: „Dann muss man halt mal die Zähne zusammenbeißen, wir haben früher auch auf engstem Raum gelebt.“ Doch man kann die Realität von 2026 nicht mit den 60ern vergleichen. Auf knapp zwei Zimmern – und das ist die bittere Realität von so vielen – lässt sich ein Leben mit Kind nicht einfach unterbringen. Schon gar nicht vor dem Hintergrund horrender Mietpreise. Man kann das Homeoffice nicht in den Kleiderschrank quetschen, während im selben Raum das Baby schlafen soll oder der Partner gerade den neuen Kleiderschrank zusammenbaut. Man kann die fehlende Privatsphäre nicht mit Yoga, Baldrian oder Entspannungsübungen wegatmen, wenn das Wohnzimmer gleichzeitig Essbereich, Spielplatz und Schlafzimmer ist. Es geht nicht nur um Quadratmeter, es geht um die Würde eines Alltags, der nicht schon vor dem ersten Kaffee am logistischen Kollaps scheitert. Und das sage ich als Frau, die keine eigenen Kinder möchte. Falls im Bundestag jemand mit der Behauptung um die Ecke kommen sollte: „Davon habe man ja nichts gewusst.“ Ja, ne. Ist klar.
Und während die Miete den ersten großen Brocken schluckt, wartet an der Kasse schon die nächste Ohrfeige: Die Inflation, die den Wocheneinkauf zur mentalen Belastungsprobe macht. Wenn man heute im Supermarkt überlegen muss, ob das Bio-Obst noch drin ist, wie soll man dann die Sicherheit für zwanzig Jahre Kindheit garantieren? Und dann wären da auch noch Kosten für Wasser, Strom, Gas und vielleicht auch noch ein Auto, wenn man es sich denn noch leisten kann. Versicherungen und Altersvorsorge noch nicht eingerechnet. Und über all dem schwebt natürlich auch noch die ständige, unterschwellige Angst um den Job. Die Sicherheit von damals, dieses unerschütterliche Vertrauen in den sozialen Aufstieg durch Bildung, gibt es schlicht nicht mehr. Wer heute studiert hat, beantragt morgen vielleicht schon Bürgergeld. Und selbst wenn man einen Job findet, heißt das noch lange nicht, dass dieser auch nur ansatzweise so bezahlt ist, dass man damit sich oder gar eine Familie durchbringen könnte. Wie soll man unter diesen Bedingungen „Ja“ zu einem Kind sagen, wenn man kaum weiß, ob das Fundament einen selbst im nächsten Jahr noch trägt?
Es sind aber nicht nur die Mieten, gestiegene Lebenshaltungskosten oder die Situation auf dem Arbeitsmarkt, die Frauen wie A. den Wunsch nach einem Kind verwehren. Wenn es um die staatliche Unterstützung geht, befinden wir uns tatsächlich noch in den Anfängen der frühen 2000er. Das Elterngeld wurde seit seiner Einführung im Jahr 2007 nicht mehr erhöht. Die Welt? Ist seither eine andere. Auf Familienministerin Karin Prien scheint diese Tatsache jedoch nicht zuzutreffen. Das Familienministerium muss 500 Millionen Euro einsparen – und ausgerechnet beim Elterngeld soll dafür nun gekürzt werden. Nur noch mal zur Erinnerung: Wir sprechen hier von einer Geburtenrate, die auf den niedrigsten Stand seit 1946 gesunken ist. Wenn es nicht so traurig wäre, müsste man dem Familienministerium für diesen Schritt eigentlich einen Oscar in der Kategorie „Beste Sabotage der eigenen Zukunft“ überreichen. Die Verantwortung auf die Frauen in dieser Gesellschaft abzuwälzen, ist aber bekanntlich so viel einfacher. Schließlich lenkt sie wunderbar von der eigenen Unfähigkeit ab.
Und selbst wenn das Geld irgendwie reichen würde, woher nimmt man dann die Zeit? In einer Arbeitswelt, die den Vollzeitjob weiterhin als unerbittlichen Standard voraussetzt, um überhaupt irgendwie den Alltag zu stemmen, wird die Vereinbarkeit zur Zerreißprobe. Vor allem für Alleinerziehende ohne familiäre Unterstützung. Die Kinderbetreuung ist so unzuverlässig geworden, dass sie eher einem Krisenmanagement gleicht als einer staatlichen Infrastruktur. Wer keinen Platz bekommt, verliert nicht selten den Anschluss. Die Care-Arbeit bleibt dabei, wie eh und je, unsichtbar und unbezahlt an den Frauen hängen. Und dann wäre da ja noch das Thema Partnerschaft. Für A. ist die Vorstellung, finanziell vom Partner abhängig zu sein, weil das System keine echte Wahl lässt, kein romantisches Ideal. Es ist ein Sicherheitsrisiko. In einem Land, in dem mehr als jede dritte Ehe geschieden wird und das Rentenniveau für Frauen ein schlechter Scherz ist, wird das Mutterglück somit zur potenziellen Altersarmut. Während in Berlin weiter pathetische Sonntagsreden über das „Überleben der Gesellschaft“ und den demografischen Wandel gehalten werden, reißt man ohne Rücksicht im Hinterzimmer die letzte verbliebene Brücke für junge Eltern ein. Für Frauen wie A. ist das kein bloßer Haushaltsstreit in fernen Ministerien. Es ist die finale, schriftliche Bestätigung dafür, dass ihr Wunsch nach einem Kind in der Prioritätenliste des Staates eigentlich ganz weit unten steht. Irgendwo im Kleingedruckten, hinter den Subventionspaketen für die Industrie und dem tausendsten Versprechen eines Bürokratieabbaus, der am Ende doch nur die Verwaltung des Mangels perfektioniert.
Die Politik ruft nach mehr Geburten, als ginge es um die Bestellung von Ersatzteilen für den Industriestandort Deutschland. Doch sie übersieht dabei, dass man von niemandem erwarten kann, eine lebenslange Verantwortung auf einem Fundament aufzubauen, das bereits einsturzgefährdet ist. Und das ist unsere Politik in jeder Hinsicht. Auch kann man nicht von einer Generation verlangen, das „größte Defizit der Nachkriegszeit“ zu füllen, wenn man ihr gleichzeitig den Boden unter den Füßen wegzieht. Es ist ein bitteres, aber sehr deutliches Signal: Wir brauchen eure Kinder als Steuerzahler, aber wir sind nicht bereit, den Preis dafür zu zahlen. Wer das Elterngeld einfriert, Kitas marode spart und Wohnraum den Spekulanten überlässt, darf sich jedoch nicht wundern, wenn die Kinderzimmer leer bleiben. Wenn wir heute über sinkende Geburtenraten diskutieren, sollten wir zudem aufhören, so zu tun, als wäre das ein rätselhaftes Phänomen, das man mit ein paar niedlichen PR-Kampagnen weglächeln kann. Es ist keine kollektive Lustlosigkeit. Es ist die logische Antwort auf eine Politik, die Kinder zum Luxusgut und Elternschaft zum finanziellen Selbstmord gemacht hat.
Am Ende dieses Abends bleibt bei A. keine Wut, sondern eine erstaunliche Klarheit. Sie entscheidet sich nicht gegen ein Kind. Sie entscheidet sich dagegen, sehenden Auges in eine Falle zu tappen, die dieses System für sie aufgestellt hat. Wir sterben nicht aus, weil wir den Glauben an die Liebe verloren haben. Wir sterben aus, weil wir es uns schlicht nicht mehr leisten können, auf eine Zukunft zu setzen, die uns der Staat als Versprechen verkauft hat. Die sinkenden Geburtenzahlen sind keine Krise, sie sind der einzige ehrliche Kommentar zu einer Politik, die das Leben unbezahlbar gemacht hat.