Erinnern wir uns mal kurz an die frühen 2000er zurück. Wir haben unsere Augenbrauen gezupft, bis davon nur noch schmale Striche übrig waren. Damals haben wir diesen radikalen Kahlschlag für das höchste ästhetische Ideal gehalten. Wie im Jahr 2016, als unsere Augenbrauen plötzlich überdimensionale Ausmaße angenommen haben. Ein kleiner Realitätsverlust, wenn man so will. Doch während Haare nachwachsen können, steuern wir gerade auf einen Trend zu, der weitaus tiefere Spuren hinterlässt: Wir sind zurück im Magerwahn. Aber diesmal kommt er nicht im dreckigen Grunge-Look der 90er und nicht als rebellischer „Heroin Chic“ mit verschmiertem Kajal daher. Der Hunger von heute zeigt sich ästhetisch kuratiert. Er gibt sich vernünftig, diszipliniert und verkauft uns den körperlichen Verfall als ultimative Form von Selfcare und Wellness.
Kaum ein Star flutet die sozialen Medien gerade so sehr wie Demi Moore: „Mit 63 so fit wie nie“, „Die schönsten Arme Hollywoods“, „Demi Moores Schönheitsgeheimnis entschlüsselt.“ Und zwischen all den Lobeshymnen frage ich mich: Haben wir den Verstand verloren? Haben wir wirklich nichts aus der Vergangenheit gelernt? Was dort als „definiert“, ja von einigen sogar als gesund gefeiert wird, ist die Anatomie eines Körpers, der gerade an seine letzten Reserven geht. Wenn jede Sehne, jeder Knochen und jedes Gefäß so prominent hervorsticht, dann ist das kein Resultat von drei Einheiten Pilates pro Woche, einer bewussten Ernährung oder Detox-Smoothies. Das? ist Magersucht.
Nicht nur Demi Moore, auch Stars wie Kelly und Sharon Osbourne oder Ariana Grande sind kaum noch wiederzuerkennen. Der Körper wird wahlweise mit harten Medikamenten runtergehungert oder im Gym bis aufs Äußerste getrieben. Was uns da auf den Bildschirmen entgegenschlägt, hat jedoch nichts mit Vitalität zu tun, auch wenn sie uns gerne so verkauft wird. Es ist das Bild von einem Menschen, der sich im Rekordtempo zerstört. Während die Pfunde wegschmelzen, tun die millionenschwere Wellness-Industrie und leider auch jede Menge Influencer:innen jedoch so, als bräuchte es für diesen Look bloß genug Disziplin, einen Ernährungsplan und das richtige Workout. Die Wahrheit ist: Um so auszusehen, braucht es mehr als diese Mittelchen. Es braucht Kontrolle, die jede Sekunde des Tages frisst. Wer so aussieht, hat nicht einfach nur Disziplin, sondern einen Kontrollzwang, der den Hunger zum einzigen Lebensinhalt macht.
Während die Hollywood-Elite die Standards setzt, wird der Wahnsinn auf unseren Bildschirmen demokratisiert. Ich sehe die ach so gesunden „What I eat in a day“-Vlogs, in denen junge Frauen stolz zeigen, wie sie ihren Körper mit zwei Matcha Lattes, einem Joghurt und einer Handvoll Blaubeeren durch den Tag peitschen. Auch mir spült der Algorithmus diese Videos regelmäßig in den Feed. Ich erkenne die Codes. Ich erkenne die Filter und die künstliche Leichtigkeit. Ich kann diese Bilder einordnen, weil ich die Mechanismen dahinter am eigenen Leib erfahren habe. Ich sehe keine Inspiration, erst recht keinen Healthy Lifestyle. Was ich sehe, ist die gut ausgeleuchtete Inszenierung eines Magerwahns. Was für mich ein Trigger ist, den ich mühsam wegschiebe, ist für unzählige Mädchen und Frauen die Blaupause für ein erfüllteres Leben. Sie können nicht differenzieren. Sie sehen keine Krankheit, sie sehen ein vermeintliches Ideal. Den Erfolg. Und wer am wenigsten Raum einnimmt, der kann ja nur gewinnen. Oder?
Ich schreibe das nicht als distanzierte Beobachterin, die den moralischen Zeigefinger hebt. Ich schreibe das aus eigener Erfahrung. Oder besser gesagt: als Überlebende. Meine Essstörung begleitet mich seit nunmehr 20 Jahren – mal mehr, mal weniger ausgeprägt, aber immer präsent. Ich kenne die gesamte Skala:
- Ich habe 83 Kilo gewogen
- Ich habe 70 Kilo gewogen
- Ich habe 60 Kilo gewogen
- Ich habe 55 Kilo gewogen
- Ich habe 49 Kilo gewogen
Und ich habe in meinen Spitzenzeiten 47 Kilo gewogen. Und jetzt kommt die bittere Wahrheit, die kein SkinnyTok-Video und kein PR-Foto oder Interview von Demi Moore verrät: In jeder Version meines Körpers fand ich mich nicht schön genug. Und: immer noch zu dick. Ich weiß, wie es ist, wenn man nachts vor bohrendem Hunger nicht in den Schlaf kommt. Wenn die Raumluft nach Aceton riecht und wenn du selbst bei 28 Grad in der prallen Sonne zitterst und frierst, weil dein Körper keinerlei Fettreserven mehr hat. Wenn die Wahrnehmung erst einmal gestört ist, gibt es keine Zielgerade mehr. Wer 49 Kilo wiegt und sich zu dick fühlt, wird auch bei 45 Kilo keinen Frieden mit sich und seinem Körper schließen. Es ist eine mathematische Unmöglichkeit und eine psychische Sackgasse. Schönheit ist in diesem Zustand kein Ziel, sie ist eine selbst geschaffene Fata Morgana, die mit jedem verlorenen Kilo weiter in die Ferne rückt. Auch ich musste auf knallharte Weise lernen, dass das, was ich in den Wettbewerben rund um GNTM, den Modemagazinen und Werbeplakaten serviert bekam, mein Leben nicht besser machen würde, sondern schlimmer. Ich dachte, wenn ich nur diszipliniert genug bin, werde ich endlich frei sein. Mich schön und begehrenswert fühlen. In Wahrheit habe ich mein Leben gegen ein Gedankengefängnis eingetauscht, das jeden Funken Lebendigkeit in mir erstickt hat. Was wir heute auf Social Media als Selfcare, Disziplin und einen gesunden Lifestyle verkauft bekommen, ist genau dieselbe Falle – nur mit besserem Licht und schöneren Filtern. Wenn wir Demi Moore für ihre Arme feiern oder die Ozempic-Transformationen als Inspiration verkaufen, spielen wir eine ernsthafte Krankheit herunter. Schlimmer noch: Wir romantisieren etwas, das Leben zerstört und im schlimmsten Fall beendet. Glaub mir, du willst nicht wissen, wie es sich anfühlt, wenn du nach einer Scheibe Brot anfängst zu heulen oder Verabredungen zum Dinner absagst, weil die Essstörung wieder so richtig kickt. Du willst das einfach nicht. All das ist ein paar Kilo weniger auf der Waage nicht wert. Weil es nichts an deinem Wert ändert. Auch, wenn du das glaubst.
Wir befinden uns an einem gefährlichen Punkt. Wir wiederholen gerade den Fehler, den wir damals mit den Augenbrauen gemacht haben. Nur, dass es diesmal nicht um verdammte Haare im Gesicht geht. Wir riskieren unsere Organe, unsere Knochendichte und am Ende unser Leben. Was wir da zurzeit auf dem roten Teppich zu sehen bekommen, ist kein Triumph und erst recht keine erstrebenswerte Disziplin. Es ist der lautlose Hilfeschrei eines Menschen, der sich Stück für Stück wegoptimiert. Bis nichts mehr von ihm übrig ist. Und es ist höchste Zeit, dass wir diesen Trend als das bezeichnen, was er wirklich ist: gefährlicher Wahnsinn, der Menschenleben kostet.