
Es könnte alles so einfach sein: Die Sonne scheint, die Luft riecht nach Grillkohle und Sonnencreme. Doch statt genau das zu genießen, setzt jedes Jahr zur gleichen Zeit dieser kollektive Körper-Stress ein. Mit jedem Zentimeter Stoff, den wir ablegen, wächst das Gefühl, sich für die eigene Existenz im Tageslicht rechtfertigen zu müssen. Plötzlich mutiert der anstehende Sommer von einer Jahreszeit voller Leichtigkeit zu einer unbarmherzigen Bestandsaufnahme. Als wäre unser Körper keine reine Privatsache, sondern ein abgabebereites Projekt, das man pünktlich zur Sommersaison vorlegen müsste. Sommerbody. Wie das schon klingt. Wie ein furchtbar anstrengender Zweitjob, für den man nach dem ganzen Abrackern und Verzichten nicht mal bezahlt wird. Da bekommt Care-Arbeit plötzlich eine ganz neue Bedeutung. Und auf die? Hab‘ ich so gar keinen Bock mehr.
Soll ich ganz ehrlich sein? Mein Nervenkostüm ist bei +25 Grad ohnehin schon im Energiesparmodus. Ich habe schlichtweg keine Kapazitäten mehr frei, um im Stehen unauffällig den Bauch einzuziehen, während ich gleichzeitig versuche, nicht krampfhaft an meinem verschwitzten T-Shirt festzukleben oder mir mit meiner Sonnencreme nicht die Augen wegzuätzen. Als wäre das nicht schon Herausforderung genug, packen wir uns trotzdem freiwillig noch die Last einer imaginären Perfektion obendrauf. Wir schwitzen, wir fluchen über die stehende Luft in der Bahn, wir verteidigen unser Eis gegen die Tierwelt. Statt uns einfach nur nach Abkühlung zu sehnen, sezieren wir im Spiegel unsere Silhouette. Als gäbe es am Ende des Sommers ein Zeugnis für die beste Performance im Park oder Schwimmbad. Was wir bei all diesen Gedanken an das eigene Körperbild vergessen? Jedes Gramm Energie, das wir in den perfekten „Sommerbody“ stecken, fehlt uns am Ende, um diesen verdammt kurzen Sommer überhaupt zu genießen. Wenn er denn überhaupt kommt. Und nicht wieder nur für ein paar Tage. Die Hamburger wissen, wovon ich spreche. Der Sommer ist dazu da, um gelebt zu werden. Nicht, um einen imaginären Wettkampf zu bestehen, den sowieso niemand gewinnen kann. Schönheit lässt sich nicht auf bestimmte Merkmale festlegen, auch wenn uns Social Media & Co. das gerne suggerieren. Schönheit lebt vom Sein an sich. Von Individualität und von Authentizität. Aber diese Worte finden in der Industrie keinen Platz. Wie auch? Sonst würden sich die ganzen Produkte, darunter Haarentfernungstools, Selbstbräuner, Make-up, ja, auch Nahrungsergänzungsmittel, Proteinpulver & Co., nicht mehr verkaufen. Wir würden einfach existieren. Ohne zu wissen, ob wir dem Standard entsprechen oder nicht. Es wäre vollkommen egal. Die Industrie generiert Jahr für Jahr unvorstellbare Umsätze mit einer einzigen, künstlich erzeugten Ressource: unserer Angst vor der eigenen Unperfektheit. Können wir uns das vielleicht mal bewusst machen, statt die schiefe Narbe auf unserem Knie weiter zu diskriminieren?
Wer den Sommer nur noch als Endgegner versteht, bei dem jede kurze Hose zum modischen Wagnis mutiert, verliert nicht nur den Spaß an ihm, er verliert auch: Lebenszeit – zugunsten von Akteuren, die uns erst das Problem verkaufen („Huch, bist du etwa noch nicht straff genug für diese Jahreszeit?“) und direkt danach die passende Lösung anbieten. Was passiert, wenn wir uns dem hingeben? Wir betreten den Gehweg nicht mehr einfach nur, um von A nach B zu kommen oder von der Wiese im Schwimmbad zum Sprungturm zu gelangen. Wir fühlen uns wie auf einem Laufsteg. Als wäre das Tragen eines T-Shirts ohne Ärmel eine persönliche Mutprobe, für die man sich vorher die Absolution einer imaginären Körper-Bewertungs-Jury abholen müsste. Und schlimmer noch: Nicht selten lassen wir uns das Gefühl von Freiheit nehmen, noch bevor wir überhaupt einen Schritt vor die Tür gesetzt haben. Der Bikini, den wir uns voller Vorfreude auf die Freibadsaison gekauft haben? Oh nee, besser nicht. Darin sehen die Brüste so unförmig aus. Oder der schwingende Rock aus der Vintage-Boutique? Besser nicht, darin sehen die Waden so dick aus. Oder was ist mit dem Top, das du genau in der Farbe so lange gesucht hast? Bloß nicht … Die Oberarme rücken zwei Millimeter vom „Ideal“ ab. Das bleibt besser im Schrank. Glaub mir, ich bin bei +25 Grad so mit meinem Operlippenschweiß beschäftigt, ich habe gar keinen Kopf, um mir über irgendwas und irgendwen Gedanken zu machen. Ich möchte meinen Kopf dann nur möglichst schnell gegen eine TK-Packung Erbsen lehnen. Und den anderen da draußen geht es da nicht anders. Jeder von uns ist so sehr mit dem eigenen Alltag (und vielleicht auch mit der eigenen Paranoia) beschäftigt, dass überhaupt niemand die Zeit hat, die vermeintlichen Makel der anderen zu katalogisieren. Davon mal abgesehen: Warum sollte man auch auf so eine Idee kommen? Während wir also krampfhaft versuchen, den Bauch einzuziehen, die Arme vorteilhaft zu positionieren und bloß im richtigen Winkel im Park zu sitzen, verpassen wir genau das, worum es eigentlich geht: das verdammt gute Gefühl von warmer Luft auf nackter Haut.
Gesellschaftlich betrachtet ist das alles übrigens ein herrlicher Widerspruch, den wir da von Mai bis September leben. Wir fordern im Alltag Diversität, sprechen über Body Positivity und feiern die Individualität. Doch sobald das Thermometer nach oben geht, scheinen wir genau das zu vergessen. Warum? Wir müssen aufhören, den Sommer als eine Belohnung zu betrachten, die man sich durch Disziplin verdienen muss. Die warme Jahreszeit ist kein Schaufenster und kein Catwalk. Sie findet statt. Völlig unabhängig davon, ob deine Oberschenkel im Gehen aneinanderreiben oder nicht. Ob da Cellulite ist oder ein Bauch, der einfach weich ist und Platz einnimmt. Na und? Es braucht keinen optimierten Körper, um kurze Kleidung zu tragen. Und genau da liegt für mich der Schlüssel zu einer ganz neuen Perspektive: Wenn ich mich im Sommer dabei erwische, wie ich mich unwohl fühle und mich am liebsten verstecken will, hilft mir der Blick auf die Menschen um mich herum. Ich sehe die Dehnungsstreifen bei der Frau auf der Parkbank, die Schweißflecken beim Mann in der Bahn, die blasse Haut im Sonnenlicht. Und mein erster Gedanke dazu, ist? Pure Erleichterung. Ich empfinde eine tiefe Empathie für diese ungebügelte, echte Version von uns allen. Weil ich mich wiedererkenne. Mit meinen Narben, meinen Hitzepickeln und meinen von Sonnencreme verklebten Haaren. Und weil ich mich nicht mehr für das schämen muss, was auf Social Media immer noch viel zu selten gezeigt wird: die Realität.
Lassen wir uns die sonnigen und warmen Tage bitte nicht länger von einer Industrie, scheinheiligen Influencer:innen oder sonst wem madig machen, die davon leben, dass wir uns ungenügend fühlen. Geh raus. Iss das Eis. Zieh die kurze Hose an. Und wenn jemand guckt? Lass sie gucken. Vielleicht bewundert die Person gerade auch einfach nur dein Outfit und deinen Mut, dich so zu zeigen, wie du bist. Weil sie selbst noch nicht so weit ist. Dein Wert lässt sich nicht an der Passform einer kurzen Hose ablesen. Das gilt nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer. Er bemisst sich nicht nach Zentimetern, Straffheit oder irgendeinem optischen Soll-Zustand. Es ist auch völlig egal, wie viel Haut du zeigst oder wie weich sie ist. Worauf es diesen Sommer wirklich ankommt? Momente zu schaffen, in denen wir völlig vergessen haben, wie wir gerade aussehen. Weil wir viel zu sehr damit beschäftigt waren, glücklich zu sein.