Was denken Sie, Frau Merkel?

Manchmal frage ich mich, was Sie gerade denken. Ich stelle mir vor, wie Sie heute an Ihrem Küchentisch sitzen, in Ihrem Wochenendhaus in der Uckermark, ganz in Ruhe einen Kaffee trinken, vielleicht die Füße hochlegen oder durch die weite Landschaft wandern. Sie blicken auf ein Land, dem Sie 16 Jahre lang ein Gesicht gegeben haben. Es ist ein Land, das man heute kaum noch wiedererkennt – geführt von einem selbstsüchtigen Millionär, dem jedes Talent zur Selbstreflexion und echtem politischen Gespür fehlt.

Es muss sich seltsam anfühlen. Zuzusehen, wie vieles von dem, was einmal war, eine völlig neue, deutlich härtere Form angenommen hat. Wie wir in einer Realität aufwachen, in der Bürgerinnen und Bürger zwar noch existieren, aber irgendwie kaum noch Relevanz haben. Wir wirken eher wie Statisten, die man nur dann auf die Bühne bittet, wenn die nächste Rechnung beglichen werden muss oder etwas ausgebadet werden muss, das da „da oben“ verzapft wurde. Wir sind gut genug, um den Wohlstand der Politiker:innen zu finanzieren. Unsere Existenzsorgen? Werden dagegen nur noch als bloßes Hintergrundrauschen wahrgenommen. Ob die Politik der Verschlimmbesserung oder dieses fast schon therapeutische Einlullen des Landes. Hinzu kommt eine absurde Wunschliste an Forderungen, der wir ohne Widerrede nachzukommen haben: Steigende Preise wegstecken, die kaputte Infrastruktur im Alltag ausbaden, im Dauerfeuer der Krisen die Nerven behalten und trotz Dauererschöpfung das Land weiter am Laufen halten. Das? Ist übrigens nur ein kleiner Ausschnitt. Das Bitterste daran: Während uns der Gürtel bis zum Ersticken enger geschnallt wird, philosophiert man in den klimatisierten Regierungsbüros vermutlich schon, wie man seinen eigenen Vorteil sichern kann. Und während der Wohlstand der Bürger:innen weiter schwindet, ist die einzige Antwort darauf ein hochmütiges: „Könnt’ ihr bitte noch ein wenig mehr arbeiten?“ Statt Politik wird nur noch im Eilverfahren gejammert, von oben herab und am Volk vorbeiregiert – und am Ende alles mit zynischem Achselzucken quittiert. Das Band zwischen den Regierenden und den Regierten? Ist nicht einfach nur überdehnt. Es ist: gerissen. Die Empathie, die Sie immer ausgestrahlt haben, wurde durch Arroganz, Hochmut und Selbstüberschätzung ersetzt. Und während die politische „Elite“ sich in der eigenen Blase selbst feiert, wächst die nackte Wut über eine Politik, die sich immer mehr vom echten Leben entkoppelt. Was macht das mit einer Demokratie? Und was macht es mit Ihnen, Frau Merkel, wenn Sie diesem schleichenden Verlust der politischen Seele von Ihrem heimischen Fernseher aus zusehen müssen?

Ich weiß, es war bei Weitem nicht alles gut in diesen sechzehn Jahren. Und vieles davon, was Sie entschieden haben, müssen wir heute noch aufarbeiten und beackern. Und doch ging von Ihnen immer eine Menschlichkeit aus, die ich dieser Tage vermisse. Während unser aktueller Bundeskanzler oft in einem seltsamen Jammern versinkt, haben Sie nie Schwäche gezeigt. Sie waren nie eine, die über die Last Ihres Amtes geklagt hat. Sie trugen sie einfach. Mit derselben Selbstverständlichkeit, wie Sie Ihre bunten Anzüge im Bundestag trugen. Mit jener unaufgeregten, fast stoischen Ruhe, die uns allen das Gefühl gab: Am Ende wird es schon irgendwie gehen. Ganz egal, was kommt. Und soll ich Ihnen mal etwas sagen? Sie waren mehr Mann als all diese Männer zusammen. Und dabei irgendwie immer auch eine von uns. Ohne Allüren und ohne diesen anstrengenden, maskulinen Drang zur Selbstdarstellung. Ich durfte Sie selbst einmal in Berlin-Mitte treffen. Im Supermarkt. Da standen Sie. Ganz banal, zwischen der Fleischtheke und den Konserven. Kein Tross aus Kameras, keine Szene, kein künstliches Aufspielen. Ich stand da gerade am Zeitschriftenregal zwischen Hochglanzblättchen und Süßkram und konnte mich nicht zwischen salzigen Heringen und Lakritzschnecken entscheiden. In diesem Augenblick waren Sie nicht die mächtigste Frau der Welt. Sie waren die Nachbarin, die Ihre Einkäufe selbst erledigte und mit derselben hanseatisch-nüchternen Ernsthaftigkeit die Haltbarkeit von Dosen prüfte, mit der Sie später Weltgipfel moderierten. Diese Bodenhaftung war unser unsichtbarer Anker. Wir haben Sie ja nicht einfach so „Mutti“ und „Mama-Merkel“ genannt. Begriffe, die übrigens nie abwertend gemeint waren. Sie beschrieben im Kern genau das, was Sie für die Menschen waren: Eine Frau an der Spitze, die menschliche Wärme und Nähe ausstrahlte und uns dadurch Halt gab.

Der Kontrast zu Friedrich Merz? Könnte kaum schärfer sein. Während er die Welt distanziert aus dem Cockpit seines Privatjets betrachtet und uns die Wirklichkeit mit der Attitüde des ewigen Besserwissers erklärt, sind Sie auf Augenhöhe mit dem ganz normalen Alltag im Land geblieben. Einer wie Merz braucht das Rampenlicht und die Demonstration von Stärke, um zu glänzen. Und vielleicht auch, um sich wichtig und stark zu fühlen. Ihnen genügte eine nüchterne Pragmatik.Und Ihre Ruhe, vor der selbst Ihre schärfsten Kritiker irgendwann kapitulieren mussten. Und Sie hatten diese eine, fast magische Fähigkeit, die unserem „Bundeskanzler“ nicht in die BlackRock-Wiege gelegt wurde: Sie vermittelten ein warmes Gefühl von gesellschaftlichem Zusammenhalt. Es war die tiefe Gewissheit, dass da jemand ist, der nicht die Nerven verliert und der sich nicht zu schade ist, selbst die Butter zu kaufen. Der die Bürger:innen und Bürger in diesem Lande nicht von oben herab behandelt, beleidigt und dann jammernd zusammenbricht. Sie haben uns zum Ende hin vielleicht zu sehr beruhigt, ja. Und in manchen Momenten auch zu viel Hoffnung gemacht („Wir schaffen das!“). Aber in einer Zeit, in der das Land emotional und politisch immer weiter auseinanderzudriften droht, vermisse ich Ihre stille Fähigkeit, den emotionalen Druck aus den Krisen zu nehmen, bevor sie die Gesellschaft zerreißen.

Ob ich mir Sie als Kanzlerin zurückwünsche? Nein. Aber ich wünsche mir jemanden, der dieses Land nach der bleiernen Zeit unter Scholz und dem aktuellen Merz-Schmerz wieder mit Empathie, Stärke und Weitsicht führt. Vielleicht ist es nach diesen testosterongeladenen Jahren wieder Zeit für eine Kanzlerin. Wir Frauen beweisen ja ohnehin tagtäglich (und nicht nur als Mütter!), dass wir in puncto Krisenmanagement, Empathie und Kommunikation nicht immer, aber oft genug, die besseren Antworten haben.