Das Glück des unperfekten Sommers

Es gibt eine Seite am Sommer, über die niemand spricht. Weil sie nicht in die Postkartenidylle passt, die von dieser Jahreszeit ausgeht. Sommer bedeutet schließlich: draußen sein, Sonne tanken, dazugehören. Als gäbe es fürs kollektive Glück eine Anwesenheitspflicht. Dabei liegt die wahre Freiheit dieser Monate oft genau im Gegenteil: in der Erlaubnis, all das nicht zu müssen, wenn man nicht will.

Kaum klettert das Thermometer über die 25-Grad-Marke, fühlt sich jeder Sonnenstrahl plötzlich an wie eine persönliche Einladung, die man auf gar keinen Fall ausschlagen darf. Also sitzt man sonntags mit einem völlig überhitzten Kopf auf einer Decke im Park, wedelt halbherzig die Wespen vom Nudelsalat und versucht verzweifelt, diesen Moment irgendwie romantisch zu finden. Während einem die Niagarafälle über den Rücken und die Stirn rauschen. Weil doch schließlich Sommer ist. Und weil das doch der beste Sommer überhaupt werden soll. Drinnen bleiben? Keine Option. Wer bei strahlendem Sonnenschein die Vorhänge schließt, um im leicht abgedunkelten Wohnzimmer ein Buch zu lesen, begeht ein Verbrechen. Und plötzlich sitzt man nicht mehr alleine, sondern zusammen mit dem schlechten Gewissen auf der Couch. Auch ich kenne diese Momente. Und soll ich dir mal etwas sagen? Du bist nicht komisch, unsozial oder weißt den Sommer einfach nicht zu schätzen. Mit dir ist alles in Ordnung. Du hast einfach nur wieder ein Bild vom Sommer im Kopf, das nicht unbedingt der Realität entspricht. Auf Instagram zum Beispiel ist diese Jahreszeit oft ein endloser, weichgezeichneter Nachmittag. Er riecht nach Sonnencreme mit Kokosnote, schmeckt nach eiskaltem Aperol Spritz und ist in luftige Leinenkleider gehüllt. Ein Sommer ohne Makel, ohne Schweißränder, ohne schlechte Laune und ohne Bürotage. Die ungeschminkte Wahrheit ist: Der Sommer ist schön, manchmal aber auch ziemlich anstrengend. So ein Sommer kann stickig, laut und absolut reizüberflutend sein. Er ist das grelle Licht, das mittags so scharf in den Augen brennt, dass man automatisch die Stirn in Falten legt. Er ist die stehende Luft in den Straßen, die sich anfühlt, als hätte jemand die Backofentür offen gelassen. Und er ist die vor Sonnencreme und Schweiß klebende Haut. Ein Gefühl, über das manchmal nicht mal der schönste Sonnenuntergang und der kühlste Cocktail hinweghelfen können. Aber warum rennen wir diesem perfekten Sommer eigentlich trotzdem hinterher, obwohl dieses allgegenwärtige Bild von ihm vielleicht so rein gar nicht in unser Bild von einem perfekten Sommer passt? Es ist die Angst, etwas zu verpassen und die beste Zeit des Jahres ungenutzt verstreichen zu lassen – selbst wenn uns das erzwungene Genießen eigentlich nur noch mehr unter Druck setzt und stresst.

Statt einem vermeintlichen Sommerideal nachzujagen, das uns schon beim bloßen Gedanken daran den Schweiß auf die Stirn treibt, sollten wir uns lieber diese Frage stellen: Was macht den Sommer für mich zu einem perfekten Sommer? Auch ein vermeintlich unperfekter Sommer kann ein verdammt guter Sommer sein. Dafür müssen wir uns von der kollektiven Romantisierung dieser Jahreszeit loslösen und endlich anfangen, uns auf die Suche nach dem zu machen, was uns glücklich macht. Du sitzt nicht gerne bei über 25 Grad auf einer Picknickdecke in der prallen Sonne? Brauchst du auch nicht. Das Freibad ist dir zu laut, zu voll und zu stressig? Auch das ist in Ordnung. Es ist dein Sommer. Es gibt kein Drehbuch, das dir vorschreibt, wie die perfekte Sommer-Kulisse auszusehen hat. Dein Sommer muss niemanden beeindrucken, außer dich selbst. Er darf auf deinem Balkon stattfinden, der erst abends kühl wird und auf dem die vertrocknete Minze vom Vorjahr steht. Oder auf dem Bett, während der Ventilator auf Stufe zwei sein beruhigendes, monotones Lied summt. Und ja, du darfst das aufblasbare Planschbecken dem Freibad vorziehen, wenn dir das lieber ist. Es gibt kein geheimes Regelwerk, das die Zeit von Juni bis September für ungültig erklärt, wenn man sie nicht komplett verschwitzt im Freien verbracht hat. Darüber hinaus ist es ein absurder Trugschluss, dass das Leben immer nur dort stattfinden muss, wo wir eine Sonnenbrille tragen. Wenn der perfekte Sommertag daraus besteht, barfuß auf den kühlen Küchenfliesen zu stehen und die absolute Stille der flirrenden Mittagshitze von drinnen zu beobachten, dann ist das kein verpasster Sommer. Es ist die Befreiung von der großen Erwartungshaltung. Es ist zum Beispiel das unverschämte Glück, Eiscreme direkt aus der Packung zu löffeln, während die Schlange vor der Eisdiele drei Stockwerke unter dir ächzt, schwitzt und stöhnt. Du musst den Sommer übrigens auch nicht jeden Tag zum Sommer deines Lebens machen. Es reicht völlig, wenn er einfach nur stattfindet. Ganz unaufgeregt, ohne Gruppenzwang, ohne To-do-Liste und vor allem ohne das Gefühl, irgendwem da draußen beweisen zu müssen, wie viel Spaß man gerade hat. Der Sommer ist keine Pflichtveranstaltung, bei der am Ende der Saison die Bräunungsstreifen, der Frischluftgehalt im Blut und der Endorphinspiegel kontrolliert werden. Der wohl schönste Plot Twist des Sommers? Ihn so zu leben, dass du wieder die Hauptrolle spielst. Ohne einem imaginären Drehbuch zu folgen.