Warum ich beim Thema Frauenhass mehr Angst vor Frauen als vor Männern habe

Wenn mich ein Mann kritisiert, herabsetzt oder gar versucht, bewusst kleinzuhalten, nehme ich das mittlerweile als Kompliment. Es ist der verlässliche Beweis dafür, dass ich Raum einnehme und die testosterongeladene Komfortzone meines Gegenübers bedrohe. Ein stumpfer Abwehrreflex, auf den mein mentales Immunsystem perfekt trainiert ist. Manchmal ist es anstrengend, aber es trifft nicht mehr so ins Herz. Der Hass einer Frau dagegen? Der lässt sich nicht so einfach weglächeln.

Es passiert am Kaffeevollautomaten im Büro, beim Vorbeigehen auf der Straße, im Bus oder abends beim Reinkommen an der Bar. Man spürt es, noch bevor man es sieht: diese plötzliche, eisige Veränderung der Luft. Und dann ist da dieser eine Blick einer anderen Frau, der nur wenige Sekunden dauert. Ein Blick, der sich irgendwo in der hässlichen Grauzone zwischen offener Angewidertheit, kalkulierter Hochnäsigkeit und dieser mitleidigen, vermeintlichen Überlegenheit bewegt. Ein hocheffizienter Röntgenscanner, der dich innerhalb eines Wimpernschlags komplett zerlegt. Er prüft die Passform der Hose, die Höhe der Absätze, die Haltung der Schultern, das Selbstbewusstsein. Und das Urteil steht fest, noch bevor du überhaupt ein Wort gesagt hast: Wer glaubt sie eigentlich, wer sie ist?

Ich wünschte, ich könnte schreiben, dass ich über diesen Dingen stehe. Dass meine feministische Sozialisierung mich nicht nur gegen das männliche, sondern auch gegen das Gift des weiblichen Hasses immun gemacht hat. Aber das wäre eine Lüge. Verpackt in ein schönes Seidenkleid von Ganni, Rouje oder Isabel Marant. Die Wahrheit ist, dass ich dieses Gefühl kenne. Sehr gut sogar. Zu gut. Nicht nur aus den Teenie- und Frauenkomödien der Nullerjahre, in denen für den Zickenkrieg stets ein fester Platz im Drehbuch reserviert war. Er ist ganz real. Auch in meinem Alltag. Nur, dass dieser Krieg im echten Leben kein unterhaltsames Popcorn-Kino ist. Er gleicht eher einer leisen, bitteren Tragödie, die man mit perfekt manikürten Fingern und starrem Lächeln austrägt. Während Männerhass oft die Subtilität eines Vorschlaghammers besitzt – laut, plump, leicht zu identifizieren –, operieren Frauen unter dem Radar. Wir beherrschen die Kunst, Gemeinheiten so fein zu dosieren, dass man den Stich erst auf dem Nachhauseweg bemerkt. Frauenhass kommt selten im Brüll-Modus daher. Er tarnt sich als „gut gemeinte Sorge“, als strategisches Übersehen im Meeting oder als jenes messerscharfe, süffisante: „Mutig, dass du dich das traust.“ Er steckt in dem kurzen, geteilten Blick zwischen zwei Kolleginnen über deinen Kopf hinweg, der dir signalisiert, dass du gerade die falsche Meinung oder das falsche Kleid trägst. Manchmal auch beides. Er zeigt sich in diesem kollektiven, lautlosen Einverständnis, mit dem Erfolge ignoriert werden. Sei es durch das demonstrative Schweigen in der Kaffeeküche oder das gezielte Ignorieren in den sozialen Netzwerken. Und er kriecht hervor, wenn eine vermeintliche Freundin eine tief sitzende Unsicherheit von dir vor Dritten als charmante Party-Anekdote verkauft: „Erzähl doch mal, wie panisch du deswegen gestern wieder warst, das war so typisch für dich!“ Serviert mit einem Lächeln, das dir das Recht nimmt, verletzt zu sein. Was ich persönlich besonders schlimm daran finde, ist, dass jede Frau mindestens eine Geschichte dieser Art parat hat. Und nein, das sind keine „Ich habe meine Tage und bin deshalb etwas zickiger als sonst“-Momente. Es sind Sätze, Worte, Blicke und Taten, die dich genau dort treffen sollen, wo du am verletzlichsten bist. Abgeschossen von der Seite, wo wir Schutz vermutet haben. Da, wo wir untereinander bedingungslose Solidarität erwarten. Und ich frage mich: Was haben wir aneinander getan, dass wir uns so hassen und das Leben so schwer machen müssen? Ist der Hass, der uns immer noch oft genug von Männern entgegenschlägt, nicht schon genug?

Wir wurden in einer Welt groß, in der uns subtil beigebracht wurde, dass der Platz für Frauen an den Tischen der Macht begrenzt ist. Wenn es in einem Raum voll von Männern nur einen einzigen Stuhl für eine Frau gibt, dann wird die andere Frau im Raum automatisch zur existenziellen Bedrohung. Sie ist dann nicht mehr die potenzielle Schwester oder Verbündete, sondern die Konkurrentin, die dir deinen mühsam erkämpften Platz streitig machen will. Übrigens auch ohne Männer im Raum. Und außerhalb des Büros. Das Absurde an dieser Dynamik ist die historische Ironie: Während wir uns gegenseitig die Kronen vom Kopf schlagen, sitzt das Patriarchat mit einer Tüte Popcorn in der ersten Reihe und amüsiert sich prächtig. Besser könnte es für die alte Männerwelt gar nicht laufen. Wir reden von Emanzipation, schwächen uns aber lieber gegenseitig, statt das eigentliche Problem an den Haaren zu packen. Ja, auch an den eigenen. In der Soziologie gibt es dafür einen so treffenden wie bitteren Begriff: internalisierte Misogynie. Wir haben gelernt, den Blick der Männer zu übernehmen und ihn gegen uns selbst zu richten. Ein System, das so perfekt funktioniert, weil wir Frauen uns gegenseitig nach genau den Regeln kontrollieren, die uns eigentlich kleinhalten. Indem wir die ambitionierte Kollegin als „karrieregeil“ abstempeln, die Mutter in Teilzeit als „unambitioniert“ und die Single-Freundin als „unreif“, führen wir das Urteil dieser veralteten Männerwelt einfach nahtlos untereinander fort. Ich erinnere mich an Momente in meiner Karriere, in denen die härtesten Ellbogenstöße nicht etwa von den wenigen, älteren Männern in den Redaktionen kamen. Auch ich war darüber ziemlich überrascht. Wurde mir doch immer eingetrichtert, dass Männer der Feind sind. Woher der Hass stattdessen kam? Von den Frauen, mit denen ich die Magazine machte. Magazine wohlgemerkt, die von Frauen für Frauen geschrieben wurden und eigentlich genau das Gegenteil im Sinn haben: pures Empowerment. Diese Frauen hatten sich durch ein System gebissen, das von ihnen verlangt hatte, alles Weiche, alles vermeintlich Weibliche wie eine Rüstung abzulegen. Und jetzt ertrugen sie es kaum, dass eine jüngere Generation in wehenden Kleidern und mit knallrotem Lippenstift vorbeizog und sich genau denselben Raum nahm – ganz ohne sich dafür zu entschuldigen. Doch wer dieses Gift allein in älteren Generationen verortet, macht es sich zu leicht. Frauenhass braucht keine grauen Haare. Er ist von Anfang an da. Er ist der unsichtbare Begleiter, der uns von der Sandkiste im Kindergarten über die Pubertät und die Uni-Seminare bis hin zum ersten und letzten Job begleitet. Vielleicht, weil der Erfolg, die Freiheit oder das Selbstbewusstsein der anderen Frau uns oft einfach zu schmerzhaft an das erinnert, was wir selbst (noch) nicht erreicht haben oder uns schlicht nicht zu nehmen wagen. Wir hassen an anderen Frauen nämlich oft genau das, was wir uns selbst verbieten. Die Frau, die im Meeting laut ihre Meinung sagt, wird in unseren Gedanken schnell zur belehrenden Ziege. Die Frau, die ihre Sexualität offen und angstfrei lebt, degradieren wir zur billigen Selbstdarstellerin. Und während die Mutter, die nach drei Monaten wieder Vollzeit arbeitet, als Rabenmutter abgestempelt wird, gilt diejenige, die drei Jahre zu Hause bleibt, plötzlich als unemanzipiertes und arbeitsfaules Heimchen am Herd. Hass ist immer die bequemere Option, weil er uns die harte Arbeit der Selbstreflexion erspart. Aber er löst keine Probleme. Weder unsere eigenen noch die, mit denen sich Frauen in dieser Gesellschaft immer noch herumschlagen müssen. Er verstärkt sie nur.

Aber wie verlernt man einen Blick, der in jeder anderen Frau zuerst eine Bedrohung wittert? Sicherlich nicht durch krampfhafte, falsche Harmonie. Wenn uns das nächste Mal der Erfolg, das Aussehen oder das pure Selbstbewusstsein einer anderen Frau triggert, hilft vielleicht ein kurzes Innehalten. Die Frage lautet selten: „Was bildet die sich eigentlich ein?“ Sie lautet fast immer: „Welcher ungelebte Teil von mir fühlt sich durch ihre Freiheit gerade so bedroht?“ Neid ist schließlich auch nur eine schlecht verpackte Form der Orientierung. Wir müssen uns nicht alle lieben. Himmel, nein! Frauen dürfen sich genauso unsympathisch, anstrengend oder inkompetent finden wie Männer. Wir brauchen kein rosa Bussi-Bussi-Dauerkuscheln. Aber wir brauchen ein neues, professionelles Minimum an Menschlichkeit: Solidarischen Respekt. Was ich mir wünsche? Frauen, die einander den Rücken stärken, ohne die Rocklänge der anderen zu bewerten. Frauen, die nicht tuscheln, wenn die Kollegin kinderlos Karriere macht. Oder die Nase rümpfen, wenn eine andere Mutter Vollzeit daheim bei ihrem Kind bleibt. Gleiches gilt für Frauen, die nur bei meiner Niederlage jubeln, aber bei meinem Triumph schweigen. Die eleganteste Form des Widerstands gegen die alten Muster ist es, den Spieß umzudrehen. Eine erfolgreiche Frau nimmt uns keinen Platz weg. Sie beweist uns nur, dass er da ist. Für jede von uns.