Eigentlich ist unsere Haltung zum Älterwerden ein einziger, wunderbarer Widerspruch. Wir wollen das Drehbuch unseres Lebens bis zum finalen Akt auskosten: Mit weit über 70 in scharf geschnittenen Hosenanzügen ohne Gehstock durch unsere Nachbarschaft flanieren und über das Tanzparkett wirbeln, ohne dass uns hinterher die Knochen wehtun. Um es auf den Punkt zu bringen: Wir wollen möglichst alt werden. Aber? Bitte bloß nicht so aussehen.
Das hohe Alter ist das erklärte Endziel, das sichtbare Altern dagegen immer noch die persönliche Niederlage, die es mit allen Mitteln zu verhindern gilt. Der Begriff dafür hält sich bereits seit vielen Jahrzehnten erstaunlich hartnäckig in unseren Köpfen: Anti-Aging. Höchste Zeit, ihn endgültig dorthin zu verbannen, wo er hingehört. Ins Archiv, gleich neben die anderen überflüssigen Optimierungsversprechen, für die das Leben schlicht zu kurz ist. Und wenn wir schon beim Entrümpeln unseres Vokabulars sind, sollten wir uns auch gleich von diesem neuen Lieblingsbegriff trennen, der gerade so adrett im weißen Laborkittel daherkommt: Longevity.
Nun könnte man meinen, das kollektive Bewusstsein hätte einen Schritt nach vorn gemacht. Longevity – Langlebigkeit. Wie das schon klingt. Smart, nach Silicon Valley und ein bisschen übermenschlich. Der Begriff verkauft uns die Erzählung, es gehe jetzt um Gesundheit, um Zellverjüngung von innen und das große, ganzheitliche Wohlbefinden, um bis ins hohe Alter fit zu bleiben. Dabei ist Longevity im Kern auch nur Anti-Aging, trägt aber einen weitaus netteren Namen. Warum der Hype gerade so groß ist? Die Industrie hat längst verstanden, dass wir immun gegen „Faltenkiller“ geworden sind und nicht mehr länger gegen erfundene Defizite ancremen oder uns als alt und verbraucht abstempeln lassen wollen. Also wird die Sehnsucht nach Jugend jetzt eben als Hightech-Vorsorge verpackt – und zwar in jeder erdenklichen Form: Als zellregenerierende Hautpflege, maßgeschneiderte Injektionen, tägliche Pillen-Cocktails oder gleich als ganzheitliche Lebensphilosophie, für die man gut und gerne mehrere 1000 Euro hinlegen kann. Doch egal, wie gut Begriffe wie Biohacking oder Epigenetik in unseren Ohren auch klingen mögen. Das Ziel bleibt dasselbe: Die Zeichen der Zeit quasi auf Werkseinstellungen zurückzusetzen. Denn obwohl der Trend so herrlich nach aufgeklärtem Gesundheitsbewusstsein, Selfcare und Vorsorge klingt, kaschiert er am Ende doch nur die tiefe Angst vor dem Verfall. Wir optimieren uns unermüdlich, schlucken Kapseln, legen uns unter Infrarotlampen, tracken unseren Schlaf, unsere Atmung und unser Stresslevel. Wie hingebungsvolle Vollzeit-Optimierer:innen eines Körpers, der einfach nicht normal alt werden darf. Wir können uns das alles natürlich wunderbar schönreden. Beim Dinner enthusiastisch den Freunden davon erzählen, wie viel Lebensqualität wir plötzlich gewonnen haben, seitdem wir uns NAD+ Injektionen spritzen und den Tag mit fünfunddreißig exakt dosierten Pillen beginnen und beenden. Unter dem Deckmantel von „Longevity“ setzen wir uns im Grunde aber wieder nur einem neuen Optimierungswahn aus. Und dieses krampfhafte Ringen darum, alles richtig und vor allem gesund zu machen, kostet uns am Ende vermutlich genau die Jahre, die wir mühsam dazukaufen wollen. Und nicht nur das. Es raubt uns auch die Leichtigkeit, die das Leben überhaupt erst lebenswert macht. Wer sich abends im Restaurant lieber über die Länge seiner Telomere den Kopf zerbricht, statt einfach den Wein zu genießen und laut zu lachen, verliert genau jene Lebendigkeit, die wir mit all den Pillen, Infusionen und Co. so verzweifelt zu konservieren versuchen.
Natürlich hat Longevity auch seine positiven Seiten. Es ist absolut richtig und wichtig, bis ins hohe Alter fit und gesund bleiben zu wollen. Und es ist großartig, dass wir heute die Möglichkeiten haben, mit den richtigen Übungen, Supplements und Routinen unseren Körper dabei zu unterstützen. Können wir bei alledem aber ein ebenso gesundes Mindset bitte nicht vergessen und einfach in Ruhe und ganz ohne Stress alt werden? Und zwar ohne dieses permanente, zermürbende Gefühl, ständig gegen irgendwas ankämpfen zu müssen und dabei unweigerlich in ein weiteres Körperextrem abzudriften? Sei es nun die Zornesfalte auf der Stirn oder das biologische Alter auf dem Papier. Die Longevity-Bewegung hat längst eine Stufe der Hysterie erreicht, auf der es um vieles geht – nur irgendwie nicht mehr um Gesundheit. Besonders deutlich sieht man es am Beispiel des Unternehmers Bryan Johnson. Ich möchte hier kein Bashing betreiben, aber: Dieser Mann ist 48 und sieht (trotz seiner glatten Haut, dem definierten Körper und den möglicherweise perfekten Blutwerten) aus wie das lebende Monument seiner eigenen Vergänglichkeitsphobie. Die Seele des Alterns – die Reife, die Gelassenheit, das Akzeptieren der Zeit und ihrer natürlichen Zeichen – ist einer klinischen Perfektion zum Opfer gefallen. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber mich befremdet das eher, als dass es mich fasziniert oder inspiriert. Ich würde mir viel lieber das Altersgeheimnis einer faltigen Nonna in einem Dorf irgendwo in Italien anhören, als so einem unnatürlichen wie extremen Beispiel zu folgen. Denn mit würdevollem und echtem Altern hat das in etwa so viel zu tun wie Astronautennahrung mit einer frisch gekochten Pasta al Pomodoro. Um gut und gesund zu altern, kommt es nicht nur auf die richtigen Supplements, Chirurgen, saubere Laborwerte und die akribisch gezählten Stunden Tiefschlaf an. Es braucht ein Fundament aus echter Gelassenheit, aus tiefer Zufriedenheit und sozialen Bindungen, die uns tragen. Was bringt uns die biologische und optische Jugend, wenn wir vor lauter Kontrollzwang vergessen, unbeschwert, vor allem aber lebendig zu sein?
Der radikalste Akt der Selbstfürsorge ist heute vielleicht nicht das nächste Longevity-Protokoll, sondern das schlichte Eingeständnis: Dieser Körper darf auch mal müde werden. Er darf sich verändern. Und er darf alt werden, ohne dass wir uns dafür entschuldigen oder überall und jederzeit eingreifen müssen. Was wir bei diesem ganzen neurotischen Wahn völlig vergessen? Alt zu werden, ist kein Makel. Es ist ein Privileg. In einer Welt, in der Gesundheit ein fragiles Gut und das Leben oft erschreckend kurz ist, ist jede Falte um die Augen kein Versagen der Skincare-Routine oder der körperlichen Selbstfürsorge. Sie ist der sichtbare Beweis dafür, dass wir noch hier sind. Dass wir gelacht, geweint, die Sonne im Gesicht gespürt und schlaflose Nächte überstanden haben. Gleiches gilt für den Körper: Er ist kein fehlerhaftes Software-Update, das ununterbrochen kalibriert werden muss. Dass er vielleicht nicht mehr ganz so gelenkig ist, zeugt nicht von mangelnder Disziplin, es zeugt von seiner Loyalität. Er hat uns schließlich durch jede durchtanzte Nacht, jeden Sprint und jeden emotionalen Crash getragen. Dass der Atem hin und wieder etwas schwerer geht, ist kein Beweis für mangelnde Kondition oder einen überzeugten Sportmuffel. Es ist das Lebenszeichen eines Herzens, das uns schon durch unzählige emotionale Stürme, Liebeskummer und Triumphe geboxt hat. Statt den eigenen Körper aus Angst vor dem Verfall in ein steriles Dauerprojekt zu verwandeln, sollten wir ihn viel öfter feiern. Dafür, dass er diesen ganzen Irrsinn des Alltags überhaupt so mitmacht.
Vielleicht sollten wir den Laborwerten und unseren Telomeren einfach mal wieder etwas weniger Beachtung schenken – und stattdessen dem echten, nicht immer so optimierten Leben. Denn am Ende des Tages ist die schönste Form der Langlebigkeit doch die, bei der wir vor lauter Leben ganz vergessen haben, die Supplements zu zählen. Meine 99-jährige Großmutter weiß vermutlich nicht mal, was Supplements sind, aber sie hat mir kürzlich den wohl besten Longevity-Hack überhaupt verraten: „Einfach öfter mal das Smartphone weglegen, Kindchen.“ Recht hat sie.