Warum ich meine wahre Herkunft über Jahrzehnte hinweg versteckt habe

Ich glaube, nach außen hin wirke ich wie die ideale Projektionsfläche einer privilegierten, weißen Frau. Was viele nicht wissen? Dass ich meine wahre Herkunft über Jahrzehnte hinweg versteckt habe, um so etwas wie Zugehörigkeit in unserer Gesellschaft zu erfahren. Mein Leben bestand lange Zeit aus einer subtilen, aber konstanten Form der Selbstverleugnung. Meine Eltern sind damals für die Arbeit und für ein besseres Leben nach Deutschland gekommen. Auch ich gehörte zu diesem Plan dazu. Für mich? Sollte es jedoch nicht ganz so gut laufen wie für sie. Mein ausländischer Nachname würde mich in den nächsten Jahren unentwegt daran erinnern. Für meine Eltern war dieser Anker und Herkunft. Ein Stück Identität in der Fremde. Ich wünschte, ich hätte genau das auch sagen können. Doch noch bevor ich den Mund öffnen oder laufen konnte, wurde ich in eine Schublade gesteckt, in die ich gar nicht wollte.

Ich bin in dem Glauben aufgewachsen, meine Herkunft wie einen Makel behandeln zu müssen. Wie einen roten, leuchtenden Pickel auf der Nase, den man unter einer dicken Schicht Concealer zu verstecken versucht. Es fing schon damit an, als ich in der 1. Klasse mit Vor- und Nachnamen aufgerufen wurde. Für Schmidt, Schneider oder Fischer interessiert sich niemand. Es ist normal. Deutsch eben. Anders verhält es sich, wenn du einen Nachnamen hast, der schon klingt, als ob er keine Manieren hat, Stress macht und im Plattenbau aufgewachsen ist. Für mich stand also schon ziemlich früh fest: Ich musste so deutsch werden wie nur möglich. Doch mein Name blieb mein Verräter.

Während meiner Schulzeit fühlte ich mich die meiste Zeit so, als hätte ich irgendwo an meinem Körper ein unsichtbares Warnschild kleben, das nur für Außenstehende sichtbar war. Dieses Gefühl wurde vor allem dann spürbar, wenn ich versuchte, die Schwelle von der Schule in die Kinderzimmer meiner Freund:innen zu übertreten. Wenn ich dort zu Besuch war oder auf einem Kindergeburtstag eingeladen wurde, bemerkte ich die Blicke der Mütter sofort. Manchmal hatte ich das Gefühl, sie umklammerten ihre Handtaschen etwas fester in meiner Anwesenheit und versteckten die Wertsachen dort, wo meine polnische Spürnase sie schon nicht erschnüffeln würde. Nicht zu vergessen dieser leicht prüfende Blick voller Misstrauen, Abneigung und Überlegenheit, der länger auf mir verweilte als auf dem Rest der Gruppe. Es war, als warteten sie nur darauf, dass ich meinem „Ruf“ gerecht werde. In ihren Augen las ich den unausgesprochenen Gedanken sofort: „Für eine Polackin hat sie erstaunlich gute Manieren.“ Es sind aber nicht nur die Schüler:innen und ihre Mütter, die mir in Erinnerung geblieben sind. Ich erinnere mich auch an diese eine, ganz bestimmte Situation: Wenn ich meinen Namen buchstabieren musste, stieg mir die Hitze ins Gesicht. Es war eine tiefe, körperliche Scham, die ich einfach nicht ablegen konnte. Es war nicht nur die Wiederholung der Laute. Es war die Art, wie mein Name in der Luft stehen blieb. Als hätte ich etwas gesagt, das hier eigentlich nicht hingehörte. Wenn ich ihn buchstabierte, war ich gezwungen, das, was ich sonst so mühsam zu verstecken versuchte, laut auszusprechen. In der weiterführenden Schule hatte ich kurz die Hoffnung, es würde besser werden. Die Menschen waren jetzt zwar andere, die Vorurteile blieben jedoch die gleichen: „Schwarzarbeiterin“, „Autoknackerin“, „Polacken-Gesindel“, „Plattenbaukind“. Es ist erstaunlich, wie viele Synonyme man für etwas findet, das eigentlich nur eine geografische Herkunft bezeichnet. Wie man aus ein paar Konsonanten ein Narrativ von Kriminalität und Hass konstruiert, das nichts über mich, aber alles über die Weltanschauung der anderen verrät. In meinen Ohren klangen diese Worte trotzdem wie Urteile. Und Wahrheiten. Als Kind verstehst du nicht, warum Menschen so hasserfüllt reagieren. Man versteht nur eines: Mit mir stimmt etwas nicht. Wenn die Welt dir ständig spiegelt, dass dein Name mit Diebstahl oder Minderwertigkeit assoziiert wird, dann fängst du irgendwann an, dich selbst zu korrigieren. Es passiert ganz automatisch.

Auch als ich die Schule längst hinter mir gelassen hatte, versteckte ich mich. Ich habe meinen Namen verschluckt, ihn in bürokratischen Momenten leise gemurmelt oder mit einer Erklärung vorweggenommen, nur um den komischen Blicken zuvorzukommen. Beim Dating änderte sich dann mit einem Schlag alles. Mein Polackinnen-Dasein war kein Makel mehr. Plötzlich wollte man sich mit mir schmücken. Das Osteuropäische wurde als Accessoire begriffen, mit dem man das Liebesleben ein wenig aufpimpen und sich vor anderen Männern profilieren konnte. Ich genoss die Aufmerksamkeit zunächst. Mein neuer Status gefiel mir. Wenn ich die Herkunft, für die ich mich als Kind geschämt hatte, nun als Kompliment verpackt bekam, fühlte sich das für einen Moment an wie ein Triumph über meine eigene Geschichte. Ich dachte, ich hätte den Spieß umgedreht. Ein Trugschluss. Denn wer mich aufgrund meiner Herkunft begehrte, sah mich genauso wenig als gleichwertiges Individuum wie diejenigen, die mich als Kind für denselben Namen beschimpft hatten. Es war derselbe Mechanismus: Ob Klauerin oder heiße Osteuropäerin – ich blieb in beiden Fällen eine Konstruktion. Und eine Rolle, die andere für mich geschrieben hatten.

In meinen späten Zwanzigern wurde ich müde. Müde davon, meine Herkunft in jedem Moment des Alltags zu zensieren, zu verleugnen oder zu kaschieren. Ich begann also, den Namen nicht mehr zu murmeln, sondern auszusprechen. Deutlich. Laut. Ohne die obligatorische Rechtfertigung hinterher. Ich begriff, dass der Rassismus, dem ich begegnet war – egal ob in der Form des Misstrauens oder der Fetischisierung –, niemals mein Problem war. Er war immer das der anderen. Auch die Scham gehörte nie mir. Sie wurde mir aufgedrängt. In der Hoffnung, dass ich daran zerbreche und mich so klein mache, dass ich ihr Weltbild nicht mehr störe. Das Verrückte daran ist nicht mehr, wie andere mich sehen. Das Verrückte ist, wie lange ich geglaubt habe, dass ich mich in dieser engen, konstruierten Welt geben müsste, um dazuzugehören. Als ich meinen Mann kennengelernt habe, war ich im ersten Moment fast ein wenig irritiert. Ihn interessierte meine Herkunft nicht. Jedenfalls nicht so, wie es die anderen zu interessieren schien. Ich war einfach Isabell für ihn. Und es wurde ruhig in mir. Als wir heirateten und ich seinen Namen annahm, einfach so, weil ich wollte, passierte etwas, das ich so nicht erwartet hatte: Die Welt hörte einfach auf, Fragen zu stellen. Niemand hielt mehr inne, wenn ich mich vorstellte. Niemand fragte, woher der Name kam oder warum ich nicht aussah wie eine typische Osteuropäerin. Auch der prüfende Blick, der mich fast mein ganzes Leben lang verfolgt hatte, blieb aus. Weil mein Name nicht mehr den Anlass dazu bot. Es war ernüchternd zu sehen, wie wenig es brauchte, um diese Veränderung im Denken und Handeln gewisser Menschen zu bewirken. Eine Unterschrift, einen neuen Stempel im Ausweis – und das Bild, das andere von mir hatten, kippte über Nacht. Ich war für sie nun keine ‚Diebin‘ mehr, sondern eine stinknormale Frau mit deutschem Nachnamen. Als ich das erste Mal mit diesem neuen Namen unterschrieb, fühlte ich eine große Leere, die ich nicht sofort einordnen konnte. Mein alter Name, so belastet er war, war auch der Name meiner Eltern, meiner Geschichte. Ich war nun offiziell nicht mehr die „Andere“. Innerlich fühlte ich mich aber trotzdem wie ein Baum ohne Wurzeln. Und während ich jetzt wie eine Schmidt oder Schneider behandelt werde, frage ich mich: Wann hören wir endlich damit auf, den Wert eines Menschen von seiner Herkunft abhängig zu machen?