• Warum wir alle weniger Delulu-Labubu und mehr Bellucci sein sollten

    Moment mal, war das da letzte Nacht wirklich eine echte Frau, die da über den roten Teppich gegangen ist? Die Rede ist von Monica Bellucci bei den BAFTA Awards 2026. Keine glattgebügelte Haut, kein runtergehungerter Körper, keine gesichtslose Idealisierung aus der Schönheitsklinik, sondern eine Frau, die zur Abwechslung mal ganz sie selbst ist.

    Monica Bellucci in London zu sehen, war mehr als ein gewöhnlicher Red-Carpet-Auftritt. Normalerweise werden diese Events ja von der Zurschaustellung von flachen Idealen und retuschierter Perfektion dominiert. Dieser Auftritt war anders. In einer Welt, die Frauen auf glatte Oberflächen reduziert, in der Kurven und Linien zu Fehlern erklärt werden, war Bellucci ein Statement – und eine Ode ans Frausein: Schönheit darf gelebt werden. Sie darf sich zeigen. Sie darf erzählen, wer wir sind. Mit allem, was das Leben und das Alter eben so mit sich bringen.

    Wahre Schönheit entsteht aus Authentizität

    Was Monica Bellucci mit ihrem Auftritt deutlich gemacht hat? Dass wahre Eleganz aus Authentizität entsteht. Kurven, Falten, Augenringe, all das sind keine Makel, sondern Zeichen eines gelebten Lebens und Ausdruck von Weiblichkeit – vor allem aber: Menschlichkeit. Denn echte Schönheit entsteht nicht durch Verstecken, Korrigieren oder den Versuch, die Spuren des Lebens um jeden Preis wegretuschieren zu müssen. Sie entsteht durch Selbstliebe und durch Mut zur eigenen Geschichte. Es sind die sichtbaren Spuren von Erinnerungen, von Freude, Schmerz und Überwindung, die in Belluccis Gesicht geschrieben stehen. Vom Lachen und Weinen, vom Jubeln und Toben.

    Monica Bellucci hat auf dem Red Carpet übrigens ein schwarzes Kleid im Meerjungfrauenstil von Stella McCartney und eine millionenschwere Halskette von Cartier getragen. Warum ich das nur im Nebensatz erwähne? Weil es nicht der Rede wert ist. Denn die 61-Jährige trug in dieser Nacht etwas viel Wertvolleres, das mit materiellem Wert nicht aufzuwiegen ist. Und auch nicht in der Preisliste von Schönheits­praxen zur Auswahl steht: Selbstbewusstsein, das aus Annahme entsteht. Annahme dessen, wer man wirklich ist, wie man aussieht und welchen Wert man dem eigenen Körper beimisst. Es ist die Art von Schönheit, die auch wir uns in Zeiten unrealistischer Schönheitsideale und KI wieder tiefer ins Bewusstsein zurückholen sollten. Eine Schönheit, die weiblich, sinnlich, stark und authentisch ist. Schönheit, die nicht einzig und allein Skalpellen, Fillern und Liftings zu verdanken ist, sondern dem Leben.

    Wir müssen aufhören, jede Falte oder Kurve zu bekämpfen

    Wenn wir alle ein bisschen mehr „Bellucci“ sein könnten, würden wir weniger Zeit damit verschwenden, uns zu verstecken, und mehr damit, uns selbst und das Leben zu feiern. Wir müssten nicht jede Falte bekämpfen oder jede Kurve verstecken. Wir könnten uns endlich erlauben, sichtbar zu sein: sichtbar lebendig, sichtbar weiblich und sichtbar schön in unserer Echtheit. Nicht das Kleid, nicht der Schmuck, nicht der Glamour und auch nicht die Aura des Unnahbaren machten Monica Bellucci an diesem Abend zum Vorbild. Sie war ein Vorbild, weil sie echt war. Und genau das ist der wahre Luxus der Weiblichkeit. Worauf warten wir noch?

  • Was wir vom Pariser Croissant lernen können – und warum Apfelkuchen das wahre Glück ist

    Paris konsumiert nicht nur, die Stadt zelebriert. Und zwar jeden einzelnen Bissen. Croissants, Macarons, Éclairs… All diese kleinen Köstlichkeiten sind an Genuss und Handwerkskunst nicht nur schwer zu überbieten, sie strahlen auch einen gewissen Stolz aus. Und ich finde: Von dem könnten wir uns hierzulande ruhig mal etwas mehr auf den Teller laden.

    In Paris ist der Morgen ein kleines Ritual aus Teig, Butter und Knusprigkeit. Mehr? Braucht es nicht, um den Endorphinspiegel aus dem Tiefschlaf zu holen. Ich durfte es selbst schon am eigenen Leib erfahren. Der erste Bissen in ein Croissant im Café de Flore? Wirklich immer eine Offenbarung, die mir hierzulande oft fehlt. In Paris ist es selbstverständlich, dass heimisches Gebäck mehr ist als etwas, das man einfach nur in eine Papiertüte stopft und dann irgendwo zwischen Büro, Bahn und Küchentresen in sich hineinschlingt. Ein Croissant wird gefeiert, ein Macaron bewundert, ein Éclair zelebriert. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Selbstverständlichkeit. Es geht um Handwerk, um Haltung, um Stolz auf das, was man schafft. Warum schaffen wir das eigentlich nicht auch?

    In Deutschland wird alles in Sahne, Gelatine, Zuckerguss oder Fondant ertränkt

    In Deutschland wirken Backwaren (abgesehen von Brot und Brötchen, darin sind wir einfach unübertroffen!) oft wie unscheinbare Begleiter des Alltags: solide, verlässlich, aber selten spektakulär. Wir widmen uns voller Leidenschaft der Neuinterpretation von Kanelbullar, Brownies, Muffins oder Bananebrot, aber selten dem, was uns wirklich ausmacht. Warum verlieben wir uns in französische Croissants und schwedische Zimtschnecken, nicht aber in unsere eigenen Backtraditionen? Ich weiß es: Ein trockener Rührkuchen, der selten mehr als ein Lückenfüller ist, ein schlichter Hefezopf, der geschmacklich eher an Pappe erinnert, ein Obstkuchen mit glibbriger Geleehaube. Und dann wäre da noch dieses Phänomen, ständig alles in Sahne, Gelatine, Zuckerguss, Puderzucker oder Fondant ertränken zu müssen. Sexy und nach Gaumenfreude klingt das nun wirklich nicht gerade. Oder wann haben Sie zuletzt ein richtig, ich meine ein richtig, richtig gutes Stück Apfelkuchen gegessen? Eben. Auch ich müsste jetzt sehr lange überlegen. Irgendwie traurig, oder? Dabei erzählen doch gerade diese Klassiker die besten Geschichten. Der Duft eines frisch gebackenen Apfelkuchens, der noch warm aus dem Ofen kommt, Streusel, die beim Schneiden des Zwetschgenkuchens leicht knistern, ein Hefezopf, der beim Reinbeißen weich und fluffig ist wie eine Wolke. Wie das schon klingt! Diese Klassiker sind nicht einfach nur Gebäck, sie sind Handwerk, Geschmack und Erinnerung zugleich. Und genau diese kleinen Geschichten verdienen es, wieder gesehen und erlebt zu werden.

    Das große Genuss-Abenteuer muss nicht in Paris oder New York beginnen

    Wer sagt, dass all das nicht so aufregend sein kann wie ein Croissant von Angelina in der Rue de Rivoli oder Macarons von Ladurée? Wer sagt, dass ein klassischer Käsekuchen, Maulwurfkuchen oder Bienenstich nicht auf moderne Art überraschen könnte? Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber mir läuft schon beim Schreiben das Wasser im Mund zusammen. Das große Genuss-Abenteuer muss nicht in Paris oder New York beginnen. Manchmal liegt es direkt vor uns – auf dem heimischen Teller. Fernab von Tarte Tatin und Cronut. Was es dafür braucht? Eine Prise Mut im Teig. Dann werden Käsekuchen & Co. wieder zu dem, was sie eigentlich sein sollten: kleine kulinarische Liebeserklärungen an die Heimat.

  • Von der Küche auf den Runway: Warum Omas Schürze plötzlich das stärkste Statement der Saison ist

    Ich erinnere mich noch ganz genau an die Schürze meiner Oma. Sie war orange-rot geblümt und duftete nach Sprühstärke. Jeden Sonntag um Punkt 8 Uhr wurde die Prilblumen-Schürze aus der Kommode im Schlafzimmer geholt und angelegt. In dem Teil war meine ohnehin schon toughe Oma gleich noch tougher. Als hätte sie gerade ihr Superman-Cape umgelegt. Und in gewisser Weise war es das auch. Während Männer von der großen Welt träumen durften, kümmerten sich Frauen zu Omas Zeiten noch hauptsächlich darum, dass der Laden lief. Seitdem hat sich viel verändert. Schürzen und Kittel sind Vergessenheit geraten. Oder besser gesagt: Wir wollten sie ganz schnell vergessen. Um nicht auf etwas reduziert zu werden, das uns als Frau im Kern jahrzehntelang ausgemacht hat: Hausfrau zu sein. Ausgerechnet jetzt entdecken Designer:innen dieses vermeintlich verstaubte Kleidungsstück wieder. Zufall, Provokation oder Nostalgie?

    Die Rückkehr der Schürze ist kein Symbol für Rückschritt

    In dieser Saison stach ein Kleidungsstück bei den Schauen von Paris bis New York besonders hervor: die Schürze. Miu Miu, Louis Vuitton, Ashley Williams, Moschino – sie alle ließen ihre Models in Interpretationen jenes Kleidungsstücks über die Runways schreiten, das Mamas und Omas einst ganz selbstverständlich im Alltag trugen. Bei Cecilie Bahnsen erinnerte die Schürze an ein hauchzartes Sommerkleid, der Entwurf von Ashley Williams schwebte irgendwo zwischen Krankenschwester und Sonntagskluft für den Großputz. Und bei Miu Miu traf die Schürze auf derbe Lederschuhe, Baumwollhose und Outdoorjacke. Doch Provokation? Jein. Zurück an den Herd wollen uns die Designer:innen darin ganz sicher nicht schicken. Vielmehr geht es darum, etwas sichtbar zu machen: die vielen Stunden, in denen Frauen (noch immer) unbezahlte Care-Arbeit leisten. Auch heute noch. Die Rückkehr der Schürze ist kein Symbol für Rückschritt, sondern für Erinnerung. An die unsichtbare Arbeit, die unsere Welt zusammenhält. An Omas Hände, die Teig kneteten, während sie nebenbei das Leben ihrer Familie in Balance hielten. An Mütter, die zwischen Bügelbrett und Büro pendelten, ohne dass jemand nachzählte, wie viele Stunden sie opferten. An Träume, die sorgsam zusammengefaltet in der Küchenschublade lagen – für später, irgendwann.

    Die Schürze ist heute Erinnerung, Hommage und Mode zugleich

    Heute tragen wir die Schürze nicht mehr aus Pflicht, sondern aus Haltung. Sie ist Erinnerung, Hommage und Mode zugleich – und ein Statement. Wenn wir sie mit Blusen, Hosen oder sogar Cocktailkleidern kombinieren, zitieren wir nicht nur einen Trend, sondern eine Geschichte. Die Geschichte von Frauen, die funktioniert haben, bevor man ihre Arbeit überhaupt Arbeit nannte. Unsere Großmütter banden sich die Schürze um, weil es selbstverständlich war. Weil niemand fragte, wer sonst den Teig kneten, Hemden bügeln oder Kinder trösten sollte. Auch viele unserer Mütter trugen sie noch. Und gleichzeitig schon die erste Aktentasche. Sie standen zwischen zwei Welten und versuchten, beiden gerecht zu werden. Oft leise. Oft über ihre Grenzen hinaus. Heute können wir uns nehmen, was uns einst auf eine Rolle festlegte – und es neu definieren. Als Zeichen der Selbstbestimmung, Rebellion oder was immer wir damit sagen wollen. Denn ob wir die Schürze heute aus dem Schrank holen oder nicht, das entscheiden wir selbst. Und niemand sonst. Oma wäre stolz!

  • Ist GNTM noch relevant – oder nur Routine? Was ich mir nach 21 Staffeln wirklich gewünscht hätte

    Vogue-Zeitschriften in Paris

    Ich habe die ersten sieben Staffeln von Germany’s Next Topmodel damals als Jugendliche mit fast derselben Begeisterung geschaut, mit der mein Mann heute den Hamburger SV verfolgt. Es war mein Wochenhighlight, auf das ich mit Freundinnen immer so richtig hingefiebert habe. Dramatische Shootings, ehrfürchtige Blicke auf den Catwalk, tränenreiche Entscheidungen – und natürlich Heidi Klum mit ihrem ikonischen „Ich habe heute leider kein Foto für dich“.

    Damals war GNTM neu, laut, glamourös – und irgendwie elektrisierend. Junge Frauen kämpften um einen Traum, der größer schien als alles andere: Model werden, gesehen werden, es schaffen. Mit Beginn der achten Staffel fühlte sich die Show für mich aber plötzlich nicht mehr richtig an. Und nach 21 Staffeln stellt sich mir mittlerweile die Frage: Wie lange trägt sich so ein Konzept, das im Kern doch eigentlich immer gleich bleibt? Fotoshooting, Laufsteg, Kritik, Entscheidung. Tränen, Umstylings, Zickenkrieg. Wieder und wieder. Vielleicht bin ich schlicht aus dem Format herausgewachsen. Vielleicht ist es aber auch einfach wie mit alten Lieblingsliedern: Man kennt jede Note, jede Dramaturgie, jede Pointe. Und bleibt doch dran. Aus Gewohnheit. Aber auch Gewohnheit verliert irgendwann ihren Zauber.

    Mehr vom Gleichen – nur anders verpackt

    Über die Jahre wurde das Format hier und da ein wenig angepasst – das typische „Mit der Zeit gehen“ eben. Es gab neue Juror:innen, neue Drehorte, neue Challenges. Auch Body Positivity rückte nach harter Kritik an Heidi & Co. stärker in den Fokus. Mittlerweile sind sogar Männer Teil der Show. Ob es das braucht? Gute Frage. Natürlich ist Diversität wichtig. Natürlich ist es richtig, verschiedene Körper, Biografien und Identitäten sichtbar zu machen. Manchmal wirkt all das auf mich aber eher wie ein vorsichtiges Nachjustieren an der Oberfläche und nicht wie ein mutiger inhaltlicher Neuanfang. Auch jetzt, mit Beginn der 21. Staffel, vermisse ich Authentizität und Gelassenheit. Vor allem aber einen Blick auf Schönheit, der nicht permanent um Jugend kreist – selbst wenn er vorgibt, es nicht zu tun. In dieser Staffel sind beispielsweise Jill, Bianca und Ursula mit dabei: 45, 47 und 54 Jahre alt. Das ist toll, hat aber auch einen Beigeschmack, den ich einfach nicht loswerde. Auf mich wirkt das zwischen all den jungen Teilnehmer:innen eher wie der Versuch, etwas in die Show einzubauen, weil gerade alle darüber reden. Und nicht, weil man selbst der Überzeugung ist, dass es eine ernsthafte Veränderung braucht.

    Der Subtext bleibt derselbe: Jugend ist der Maßstab

    Das eigentliche Narrativ kreist also auch weiterhin um ein sehr enges Schönheitsideal. Selbst wenn Vielfalt inzwischen sichtbar ist, bleibt der Subtext derselbe: Jugend ist der Maßstab, Jugend ist der Ausgangspunkt, Jugend ist das Versprechen. Schönheit wird zwar breiter gedacht als noch vor 15 Jahren, aber selten wirklich losgelöst vom Alter. Da hilft es meiner Meinung nach auch nicht, wenn zwei tolle 45+-Frauen mit dabei sind. Wie wäre es stattdessen mit einer klaren, eigenständigen Idee, die wirklich mit der Zeit geht – ein „Germany’s Next Topmodel“ für Frauen jenseits der 20er? Für Frauen mit Lebenserfahrung. Mit Falten, Geschichten, Brüchen, Erfolgen. Nicht als Special. Nicht als Gimmick. Sondern als ernst gemeintes Format. Frauen über 40, 50 und 60+, die nicht trotz ihres Alters modeln, sondern gerade deswegen. Weil Ausstrahlung nicht an ein Geburtsjahr gebunden ist. Weil Eleganz wächst und Präsenz oft erst mit der Zeit entsteht. Das wäre mehr als Diversität. Das wäre ein Perspektivwechsel. Eine eigenständige Bühne für Frauen, die mitten im Leben stehen oder gerade noch einmal neu anfangen. Und wenn man ehrlich ist, ist die Gastgeberin selbst das beste Beispiel: Heidi Klum (ob man sie nun mag oder nicht) hat sich über Jahrzehnte immer wieder neu erfunden – als Model, Unternehmerin, Produzentin und sogar Musikerin. Sie ist nicht stehen geblieben. Warum also sollte es ihr Format tun?

    Mit 40, 50 oder 60 ist nicht weniger, sondern oft mehr möglich

    Ein solches Format könnte mehr sein als Unterhaltung. Es könnte ein Gegengewicht zu einer Welt sein, die Frauen jenseits der 40 subtil – und manchmal sehr laut – signalisiert: Jetzt wirst du unsichtbar. Jetzt geht es bergab. Jetzt ist dein Zenit überschritten. Wie kraftvoll wäre es, Woche für Woche das Gegenteil zu sehen? Frauen mit 40, 50, 60 und darüber hinaus, die Neues wagen. Die sich zeigen, statt sich zu verstecken. Die ihre Präsenz nicht aus jugendlicher Unsicherheit ziehen, sondern aus Erfahrung. Die nicht mehr um jeden Preis gefallen wollen, sondern wissen, wer sie sind. Und über sich hinauswachsen. Es würde Frauen stärken und zeigen: Auch wenn dir da draußen permanent Jugend als einzig gültige Währung verkauft wird, dein Wert ist nicht an ein Geburtsdatum gebunden. Mit 40, 50 oder 60+ ist nicht „weniger“, sondern oft sogar mehr möglich. Mehr Klarheit, mehr Mut, mehr Selbstbestimmung.

    Vielleicht wäre genau das der mutigste Schritt nach 21 Staffeln Germany’s Next Topmodel gewesen: nicht noch diverser im Detail zu werden, sondern radikal im Blickwinkel. Schönheit nicht länger als etwas zu inszenieren, das am Anfang des Lebens stattfindet, sondern als etwas, das wächst. Denn das wäre die eigentliche Revolution: Wenn eine der erfolgreichsten Shows des Landes sagen würde: „Dein nächstes Kapitel beginnt nicht mit 18, 19 oder 25, sondern wann immer du dich traust.“

  • Ghislaine Maxwell als Gesicht eines Skandals, in dem Männer nur Fußnoten sind

    Epstein Files

    Seit vier Jahren sitzt Ghislaine Maxwell im Gefängnis. In dieser Zeit hätte man erwarten können, dass Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden. Die Realität sieht anders aus. Bis auf die kontrollierte Freigabe der Epstein Files ist nichts passiert. Ein Tropfen Wahrheit in einem Ozean aus Verschleierung, den niemand so richtig ergründen will – oder besser gesagt: ergründen kann. Denn die Männer, die den Apparat von Macht, Geld und Missbrauch gesteuert haben, bleiben unangetastet. Wie kann das sein?

    Während Maxwell ihre 20-jährige Haftstrafe verbüßt, genießen Männer wie Donald Trump, Ahmed bin Sulayem, Bill Gates, Les Wexner und Bill Clinton weiterhin Schutz und Privilegien. Sie spielen Golf, halten Vorträge, setzen sich für Bildung ein und inszenieren sich in den Medien als wunderbare Familienväter, ernstzunehmende Politiker und kluge Unternehmer. Was dieser Fall deutlich macht: Das Rechtssystem hat auf ganzer Linie versagt. Nicht, weil es Maxwell bestraft, sondern weil es das Geflecht aus Macht und Missbrauch nicht zu durchbrechen vermag. Es bestraft die „ach so schwache“ Frau und deckt den „klugen“, „großen“ und „starken“ Mann. Strukturen, in denen nicht nur Macht und Geld, sondern scheinbar auch das Geschlecht darüber entscheidet, ob man bestraft wird. Versteht mich nicht falsch. Ich möchte Ghislaine Maxwell nicht in Schutz nehmen. Sie trägt die Schuld genauso wie alle anderen Beteiligten. Aber was ist mit diesen Beteiligten, deren Namen wir kennen?

    Die Epstein Files sind ein Paradebeispiel dafür, wie leicht es Männer im Gegensatz zu Frauen noch immer in unserer Gesellschaft haben. Die Mails, Dokumente und Unterlagen offenbaren nicht nur Machtmissbrauch und sexuellen Missbrauch. Sie zeigen auch, wie Frauen systematisch geschwächt und an den Pranger gestellt werden. Was ist zum Beispiel mit all den Opfern dieses Skandals? Mit Frauen wie Virginia Roberts Giuffre, die anfangs niemand ernst genommen hat? Deren unermüdlicher Kampf nicht selten als „inszeniert“ oder „aufmerksamkeitsheischend“ dargestellt wurde? Und dann wäre da natürlich noch Ghislaine Maxwell selbst. Die sichtbare Schuldige. Ein Zahnrad in diesem System aus Lügen, Täuschungen und Vertuschungen. Allein? War sie ganz sicher nicht. Da wären ja auch noch Jeffrey Epstein, Donald Trump & Co. Während Maxwell also im Gefängnis sitzt, verschwinden die großen Architekten des Missbrauchs einfach hinter Netzwerken aus Geld, Einfluss und Protektion. So, als wäre nie etwas gewesen.

    Frauen zahlen den Preis für ein System, das auf männlicher Macht basiert

    Das Muster ist nicht neu. Dieses Muster zieht sich durch nahezu alle Lebensbereiche. Die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft ist leider immer noch ziemlich ambivalent: Sie wird als Fundament anerkannt – ist notwendig und oft unbezahlbar –, wird aber gleichzeitig immer wieder benachteiligt, gedemütigt und für unfähig erklärt. Care-Arbeit, die oft körperlich, emotional und sozial extrem belastend ist, wird nicht fair entlohnt. Auf dem Arbeitsmarkt verdienen Frauen im Durchschnitt weniger, werden seltener befördert und häufiger in prekären Positionen beschäftigt. Stichwort: sexuelle Belästigung. Ihre Arbeit wird kleingeredet, ihre Fehler werden bestraft, ihre Leistung wird unsichtbar gemacht. Auch die Geschichte von Maxwell spiegelt dies wider: Eine hochkriminielle Frau wird für ihre Rolle angeklagt und verurteilt. Das ist richtig und wichtig. Aber – und das ist der entscheidende Punkt: niemand sonst. Kein. Einziger. Mann. Frauen zahlen den Preis für ein System, das auf männlicher Macht basiert. Oder, um es kurz zu machen: Als Fußabtreter und Sündenbock sind wir gerade gut genug. Vor allem aus männlicher Sicht. Oder, Mister Trump?

    Hier geht es nicht um eine einzelne Frau. Nicht um eine einzelne Täterin. Nicht um ein einzelnes Urteil. Es geht um ein System, das gelernt hat, Verantwortung nach unten durchzureichen – niemals nach oben. Ein System, das Frauen sichtbar macht, wenn es um Schuld geht und unsichtbar, wenn es um Macht geht. Während ich die letzten Zeilen meines Textes tippe, sitzt Ghislaine Maxwell bereits seit über 1460 Tagen im Gefängnis. Eintausendvierhundertsechzig Tage, die symbolisch für eine scheinbare Gerechtigkeit stehen. Eine Gerechtigkeit, die eine Frau verurteilt. Während die Justiz Trump, Clinton und all die anderen Verantwortlichen folgenlos laufen lässt. Eine Gerechtigkeit, die ein Gesicht präsentiert, damit wir glauben, das Problem sei gelöst. Doch Machtstrukturen lösen sich nicht in Luft auf, nur weil man ein einzelnes Zahnrad entfernt.

    Wer darf ungeschoren davonkommen – und warum?

    Es geht nicht darum, Maxwell zu entlasten. Es geht darum, zu fragen, warum diese Frau scheinbar allein trägt, was viele ermöglicht haben. Es geht darum, warum Männer mit enormem Einfluss weiterhin ungestört ihr Leben fortsetzen können. Wer darf ungeschoren davonkommen – und warum? Wenn Gerechtigkeit selektiv ist, ist sie keine Gerechtigkeit. Wenn Aufklärung an Hierarchien scheitert, ist sie keine Aufklärung. Und wenn Macht darüber entscheidet, wer fällt und wer bleibt, dann leben wir nicht in einem Rechtsstaat, sondern in einem Schutzraum für Privilegierte.

  • Als Frau sollst du erwachsen sein, aber bitte nicht so aussehen

    Foto: Chester Dale Collection/National Gallery of Art

    Mit 19 wollte ich diesen Job unbedingt. American Apparel war das Versprechen von Coolness, Unangepasstheit und Indie-Ästhetik. Wer es dorthin schaffte, gehörte dazu. Ich erinnere mich an hautenge Bodys, Kniestrümpfe, Faltenröcke – an Silhouetten, die irgendwo zwischen Lolita-Fantasie und Schuluniform pendelten. Je knapper, desto besser. Die Verkaufszahlen sollten schließlich durch die Decke gehen. Das taten sie. Aber zu welchem Preis? Was in den Jahren darauf folgen sollte, war eine Entfremdung von dem, was eigentlich nicht der Rede wert sein sollte, aber immer wieder zum Thema gemacht wird: eine Frau zu sein.

    Mit 19 hinterfragt man nicht viel. Jetzt, mit 34 sieht man genauer hin. Und was ich heute sehe, ist kein Zufall, sondern ein System, das schon viel zu lange dieselbe Botschaft sendet: Weiblichkeit soll möglichst jung, rein und makellos aussehen. Warum gilt Körperbehaarung als „ekelig“? Warum ist ein schmaler, hüftloser Körper – wie man ihn eher bei sehr jungen Mädchen findet – bis heute ein Ideal auf Laufstegen und in Kampagnen? Warum sind Stupsnasen, Schmollmünder, große Augen und hohe Stimmen „süß“, während markante Gesichter schnell als „streng“ oder „schwierig“ gelten? Gleiches gilt auch für unsere Oberschenkel, Arme, Beine, Gesäße, Brüste und Fortpflanzungsorgane. Sie werden streng beobachtet. Und was nicht ins Ideal passt, wird ausgegrenzt. Was wir bei diesem oft unterbewussten Vergleich vergessen: Jede Körperfalte, jede Delle, jedes Polster, jede Narbe, jede Spur von Menschlichkeit, entfernt uns nicht nur mehr von diesem Ideal, dem wir schon als junge Mädchen verzweifelt versuchen hinterherzurennen, all das entfernt uns auch von Frausein. Weiblichkeit scheint nur dann gültig, wenn sie glatt, haarlos und möglichst unschuldig bleibt.

    Die „Forever Young“-Ästhetik wird uns schon früh eingeimpft

    Diese Fragen und Sichtweisen wirken überzogen, werden einige sagen. Bis man sie ernsthaft stellt. Viele unserer Schönheitsideale haben auffallend viel mit Unreife zu tun. Bereits 1955 hat Vladimir Nabokov mit Lolita eine literarische Figur geschaffen, die die Obsession mit jugendlicher Weiblichkeit schonungslos offenlegt hat. Der haarlose Körper. Die schmale Silhouette. Die faltenfreie Haut. Attribute, die weniger mit erwachsener Weiblichkeit als mit Vorpubertät assoziiert werden. Warum werden genau diese Merkmale 71 Jahre später immer noch so hartnäckig als Ideal gefeiert? Und das, obwohl wir doch eigentlich schon viel weiter sind? Wir sprechen heute über Gleichberechtigung, über Machtstrukturen. Wir haben #MeToo erlebt. Wir diskutieren toxische Männlichkeit in Talkshows und Seminarräumen. Frauen führen Unternehmen, Regierungen, Bewegungen. Sie verdienen eigenes Geld, entscheiden über ihre Sexualität, fordern Raum ein. Über all das bestimmen wir mittlerweile selbst. Was die Form unserer Nasen, Oberschenkel, Augen und Zähne angeht, lassen wir uns aber immer noch hineinreden. Von Männern.

    Ich will niemandem vorschreiben, ob er sich rasiert, die Nase richten lässt oder süße Kleider und Röcke trägt. Das ist auch gar nicht der Punkt. Es geht nicht um individuelle Entscheidungen, sondern um kollektive Prägung. Um die Frage, warum wir ein „Ideal“ reproduzieren, das Frauen systematisch jünger, kleiner, leiser und kindlicher erscheinen lässt, als sie sind. Um Bilder, die sich wiederholen, bis wir sie für natürlich halten. Und an diesem Punkt sind wir – schon viel zu lange. Die Mode- und Werbeindustrie hat uns diese „Forever Young“-Ästhetik eingeimpft. Marken wie Abercrombie & Fitch, gegründet von David T. Abercrombie und Ezra Fitch, inszenierten jugendliche Körper als Lifestyle, der Milliardär Leslie Wexner hat ein Imperium rund um normierte, hypersexualisierte Weiblichkeit erschaffen. Und Dov Charney, Gründer von American Apparel, setzte auf eine sexualisierte Indie-Ästhetik, in der junge Frauen in knappen Schuluniformen auf Betten posierten – mit einer kalkulierten Mischung aus unschuldig, verfügbar und ziemlich sexy.

    Frauen unterliegen einem ästhetischen Verfallsdatum

    Spätestens mit der Veröffentlichung der Epstein Files wurde deutlich, wie eng Macht, Geld und die Sexualisierung von Frauen auf der ganzen Welt miteinander verflochten sind. Dieses Verbrechen ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines Milieus, in dem Jugendlichkeit nicht nur ästhetisiert, sondern systematisch begehrt und ausgebeutet wurde. Die Frage ist daher nicht nur, warum erwachsene, alte (!) Männer junge Mädchen begehren, die gerade erst an der Schwelle zum Frausein sind oder noch weit entfernt davon. Die beunruhigendere Frage ist, warum Jugendlichkeit immer noch zur höchsten Form weiblicher Attraktivität erklärt wird. Würden wir sowas auch mit Männern machen? Sie als verbraucht abstempeln und nicht mehr begehrenswert, sobald sie ein gewisses Alter erreicht haben? Vermutlich nicht. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, wie in den Medien jemals über die Optik von Männern wie Brad Pitt, George Clooney oder Mads Mikkelsen hergezogen wurde. Im Gegensatz zu uns dürfen Männer in Würde altern. Falten und schlaffe Haut werden als charismatisch verbucht und gefeiert. Bei uns machen Krähenfüße, Stirnfalten und Nasenfalten deutlich, dass unser ästhetisches Verfallsdatum längst überschritten ist.

    Wer jetzt glaubt, das alles sei nur ein Randphänomen, sollte mal einen Blick auf die meistgeklickten Kategorien großer Pornoseiten werfen. Laut Statistiken großer Pornoseiten wie Pornhub zählt „Teen“ weltweit und auch in Deutschland zu den Top-Suchkategorien. Jugendlichkeit ist dort kein Nebenschauplatz, sondern Verkaufsargument. Wenn Millionen Klicks immer wieder dieselbe Fantasie bedienen, bleibt das nicht ohne kulturelle Wirkung. Bilder wandern von Plattformen in Musikvideos, in Modekampagnen, in Instagram-Filter. Das Begehren bleibt nicht im Privaten – es strukturiert den Blick. Und plötzlich schaust du dich nicht mehr einfach nur im Spiegel an, um dich zu schminken oder dir die Zähne zu putzen. Du bist auf der Suche nach Fehlern, die eigentlich keine sind.

    Die Popkultur trägt übrigens ebenfalls ihren Teil dazu bei. In Filmen dürfen männliche Hauptdarsteller selbstverständlich altern. Ihre Attraktivität scheint mit jedem Lebensjahr sogar zu wachsen. Ihre weiblichen Gegenparts hingegen bleiben auffallend konstant jung. Wie konsequent diese Logik greift, zeigt ein Blick auf konkrete Besetzungen: Maggie Gyllenhaal berichtete 2015 öffentlich, dass ihr mit 37 Jahren gesagt wurde, sie sei „zu alt“, um die Liebespartnerin eines 55-jährigen Mannes zu spielen. Zu alt – mit 37! Während männliche Schauspieler jenseits der 50 regelmäßig mit Frauen besetzt werden, die ihre Töchter sein könnten, verschiebt sich für Frauen die Grenze erschreckend früh: Angelina Jolie spielte im Film Alexander (2004) die Mutter von Schauspielerkollege Colin Farrell. Der Altersunterschied zwischen den beiden Schauspielern beträgt wohlgemerkt nicht mal ein Jahr.

    Frauen sind Frauen – keine Mädchen

    Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich mich damals mit 19 bei American Apparel gefühlt habe: begehrenswert, gesehen, irgendwie besonders. Lob gab es, wenn ich besonders schmal, süß und sexy wirkte. Rasieren, Wachsen und Zupfen waren selbstverständlich. Nicht zu vergessen die vielen Diäten. Als wäre mein natürlicher Körper eine Rohfassung, die erst optimiert werden musste. Nicht nur, um erfolgreich zu sein, sondern auch, um geliebt zu werden. Auch als ich längst nicht mehr für AA arbeitete, vertraute ich auf dieses Erfolgsrezept. Damals hielt ich das für Selbstbestimmung. Heute sehe ich, wie sehr meine Entscheidungen in Bilder eingebettet waren, die lange vor mir existierten und die mir beigebracht haben, nicht anzuecken, süß zu sein möglichst problemlos und jung. Was wäre, wenn es keine Schönheitsideale gäbe?

    Würden wir unsere Beine dann auch mal unbehaart lassen?
    Würden wir Falten als gelebtes Leben lesen statt als Makel?
    Würden wir Hüften feiern, weil sie erwachsen sind?

    Vielleicht würden wir lauter sein.
    Vielleicht würden wir Raum einnehmen.
    Vielleicht würden wir aufhören, uns selbst zu verniedlichen.

    Schon früh greifen wir deshalb zu Rasierern, Enthaarungsstreifen und Cremes, um unsere Weiblichkeit auf etwas herunterzutrimmen, das nichts mehr mit Weiblichkeit, sondern mit kleinen Kindern zu tun hat. Unser Körper wird nicht nur von uns selbst geformt. Er wird von Erwartungen geformt, von Werbebudgets, von Algorithmen, von Pornokategorien, von Männern mit zu viel Macht und von jahrzehntelang eingeübtem männlichem Wunschdenken. Die Verniedlichung der Frau ist dabei kein Zufall, sie ist systematisch. Eine Frau, die klein wirkt, wirkt weniger bedrohlich. Eine Frau, die jung wirkt, gilt als formbarer. Eine Frau, die lächelt, stellt keine Gefahr dar. Mein Blick in den Spiegel hat sich mittlerweile verändert. Nicht nur, weil ich mich in all den Jahren verändert habe. Ich kann mit den Folgen des Body Brainwashings jetzt einfach besser umgehen als damals mit 19. Wenn ich eine neue Falte entdecke, ein graues Haar oder einen Besenreiser wo vorher keiner war, dann ist das für mich kein Weltuntergang mehr, kein Zeichen von Versagen. Es ist ein gutes Zeichen: Ich habe mich befreit. Befreit von dem Gedanken, meinen Selbstwert von einem Schönheitsideal abhängig machen zu müssen, das keines ist. Mädchen sind Mädchen. Keine Frauen. Und umgekehrt. Alles andere ist nicht nur unrealistisch, es ist schlichtweg falsch.

    Für wen genau mache ich das gerade?

    Es geht nicht darum, Weiblichkeit abzuschaffen. Es geht darum, sie aus der Infantilisierung zu befreien. Eine erwachsene Frau ist kein Schulmädchen, keine Fantasie und kein Marktsegment. Mit 19 war ich Teil des Systems. Ich habe geglaubt, was ich gesehen habe. Mit 34 schreibe ich darüber. Nicht als moralische Abrechnung, sondern als Versuch, die Bilder zu entlarven, die wir so lange für selbstverständlich hielten. Denn im endlosen Kampf ums Schönsein ist uns in all den Jahren eines verloren gegangen: wir selbst. Auch haben wir vergessen, wie wahre, natürliche und altersgerechte Schönheit aussieht. Wir können in jedem Alter toll aussehen. Ob mit 25, 35, 45 oder 85. Vielleicht beginnt Veränderung nicht auf Laufstegen, in Magazinen oder Werbekampagnen. Vielleicht beginnt sie in diesem kurzen Moment vor dem Spiegel, in dem wir uns fragen: Für wen genau mache ich das gerade? Für mich – oder für ein Ideal, das erstaunlich wenig mit mir als Frau zu tun hat? Und wenn die Antwort zum ersten Mal wirklich „für mich“ lautet, dann ist das der Anfang von etwas Wunderbarem. Dann haben wir uns ein Stück unserer Weiblichkeit zurückerkämpft.

  • Ist das noch Brontë – oder schon Provokation?

    Man kann über Klassiker vieles sagen. Zum Beispiel, dass sie unantastbar sind. Das jede Neuverfilmung nur ein wiederholter Abklatsch vom Original ist – peinlich und unnötig. Ein Versuch, der zum Scheitern verurteilt ist. Und dann kommt Kostümdesignerin Jacqueline Durran um die Ecke. Wer denkt, Mode sei in dieser Neuverfilmung von Emerald Fennell nur schmückendes Beiwerk, erlebt hier Provokation, die kleidet, erzählt und überrascht.

    Bereits in den ersten Bildsequenzen wird klar, dass der Film von Regisseurin Emerald Fennell kein brav rekonstruierter Kostümfilm ist. Die Kleider, die Durran für Cathy Earnshaw entwarf, entziehen sich einer eindeutigen Zeitzuordnung und spielen stattdessen mit Epochen und Stilen – von viktorianischen Silhouetten über 1950er‑Referenzen bis hin zu avantgardistisch anmutenden Statement‑Looks, die eher etwas auf dem Runway als im Moor verloren haben. Bei einem Look war der Aufschrei besonders groß: Margot Robbie trägt in dieser zentralen Szene ein glänzendes rotes Kleid, das mehr nach Pariser Runway als nach Yorkshire-Tristesse aussieht. Empörung, Memes, kulturpessimistisches Raunen: Was hat das noch mit Brontë und überhaupt mit der damaligen Zeit zu tun, in der dieser Roman spielt? Das berühmt‑berüchtigte „Latexkleid“ ist jedoch kein Fetisch‑Gimmick. Vielmehr ist es ein bewusst gewählter Stilbruch mit tiefer Message: Er macht Unruhe und Leidenschaft sichtbar und bringt die erzählerische Struktur des Films so auch ohne große Worte zum Sprechen.

    Warum sollte eine Geschichte über radikale Gefühle nicht auch radikal aussehen?

    Denn was hier auf dem Spiel steht, ist weniger die Frage nach historischer Korrektheit (Spoiler: Auch 1847 war nicht alles sepiafarben), sondern die nach Interpretation. Fennell inszeniert keine literarische Vitrine, sondern eine Versuchsanordnung: Was passiert, wenn man eine Geschichte über toxische Liebe, Klassenhass und emotionale Selbstzerstörung nicht in staubige Authentizität verpackt, sondern in bewusst gesetzte Künstlichkeit? Das Latexkleid von Durran – oder genauer: die glänzende, fast aggressive Oberfläche – ist kein modischer Ausrutscher. Es ist ein Kommentar. Cathy ist hier keine Moorfrau mit Wind im Haar, sondern eine Frau mit Ego, Begehren und Eigensinn. Dass sie dabei aussieht, als könne sie im nächsten Moment eine Fashion Week crashen, passt erstaunlich gut. Natürlich kann man das alles für kalkulierte, völlig überzogene Provokation halten. Aber seien wir ehrlich: Jede Generation bekommt die „Sturmhöhe“, die sie verdient. Die 30er-Jahre wollten Pathos, die 90er wollten düsteren Realismus – und wir? Wir leben im Zeitalter der Selbstinszenierung. Warum sollte eine Geschichte über radikale Gefühle nicht auch radikal aussehen?

    Durran behandelt den Klassiker nicht wie ein museales Heiligtum

    Das wirklich Faszinierende an Durrans Arbeit liegt meiner Meinung nach nicht in einem einzelnen Kleid, sondern in der Sprache, die sie daraus macht. Sie nähert sich Brontës Welt nicht als historische Kuratorin, sondern als Erzählerin. Jedes Outfit erzählt eine Geschichte: Leidenschaft, Eigensinn, unerfüllte Sehnsüchte werden sichtbar, noch bevor ein Dialog fällt. Durran spielt mit Stoff, Farbe und Form wie ein Komponist mit Tönen – viktorianische Silhouetten treffen auf moderne Schnitte, satte Rottöne auf nüchterne Grautöne, klassische Drapierungen auf avantgardistische Akzente. Dass dabei Farbe, Schnitt und Material bewusst mit Pop-Sensibilität spielen, ist kein Stilmittel um des Effekts willen, sondern eine Übersetzung: Brontës Emotionen werden greifbar, modern, unmittelbar. Durran behandelt den Klassiker nicht wie ein museales Heiligtum, sondern wie lebendige Literatur – eine, die glänzen, übertreiben, irritieren und selbstbewusst auftreten darf.

    Am Ende sind es nicht nur Story und Schauspiel, die hängen bleiben, sondern auch die Kostüme als erzählerisches Ereignis. Durran ist es gelungen, historischen Stoff zu entstauben, ohne ihm seine narrative Wucht zu nehmen. Und wenn Cathy in einer kreischenden Robe in Rot über die Leinwand schreitet, dann ist das mehr als ein Modegag – es ist ein Ausdruck von Leidenschaft, Eigenwillen und Emotionen, die den Klassiker neu erlebbar macht. Ich bin mir ziemlich sicher, Emily Brontë hätte diese Interpretation von ihrem Roman gefallen. Schließlich waren Rebellion und Provokation keine Fremdworte für sie.

  • Wenn KI schreibt – was bleibt dann noch von mir?

    Es gibt diesen Moment, in dem der eigene Job nicht mehr nach Berufung klingt, sondern nach einem schlechten Timing. Als hätte man sich für den falschen Zug entschieden. Ein Moment, den man erst erkennt, wenn der Zug längst abgefahren ist.

    Ich ertappe mich immer öfter dabei wie ich mir die Frage stelle, ob ich einen Fehler gemacht habe. Nicht einen kleinen, korrigierbaren. Sondern einen, der die Welt auseinanderreißt – und mich gleich mit. Einen, der sich nicht mit Weiterbildungen, Buzzwords oder Optimismus wegmoderieren lässt. Ich merke, wie sich Scham in diese Gedanken mischt. Als dürfte man diese Angst nicht haben. Als müsse man „mitgehen“, „sich neu erfinden„. Aber manchmal fühlt sich Anpassung nicht nach Aufbruch an, sondern nach Selbstverleugnung. Nach einem leisen Abschied von dem, was man einmal ernst genommen hat. Und im Moment fühlt sich das längst nicht mehr wie meine Berufung, sondern wie eine Bestrafung an – während man mir freundlich erklärt, ich solle das als Chance begreifen. Aber wenn KI schreibt, was bleibt dann noch von mir?

    Wenn das reicht – wozu dann ich?

    Künstliche Intelligenz schreibt Texte. Schnell, effizient, ohne Zweifel. Sie wird nicht müde, sie zweifelt nicht an sich, sie fragt sich nicht nachts um halb drei, ob ein Absatz zu viel ist oder ein Gedanke zu dünn. Und je besser sie wird, desto kleiner fühle ich mich. Austauschbar. Überflüssig. Als hätte ich jahrelang an etwas gearbeitet, das plötzlich seinen Wert verloren hat. Journalismus war noch nie frei von Sorgen. Meine Generation kennt die Unsicherheiten, die der Beruf mit sich bringt. Ungerechte Bezahlung, fehlende Meinungsfreiheit, Kündigungen, Kürzungen und Personalmangel. Wir konnten uns glücklich schätzen, wenn es Wasser, Kaffee und Hafermilch umsonst gab, einen Obstkorb im Pausenraum und einen Zuschuss zum Jobticket. Wir haben uns an all das gewöhnt, aber nie davon beeindrucken lassen. Irgendwie geht es ja trotzdem weiter. Mit der KI im Nacken hat das Sorgenpaket aber noch mal eine größere, bedrohlichere Form angenommen. Eine, die nicht einfach wegignoriert werden kann.

    Was mich wütend macht, ist nicht nur die Technologie. Es ist das Schweigen darum, was das mit Menschen macht. Mit denen, die Schreiben nicht als Skill gelernt haben, sondern als Haltung. Als Verantwortung. Als etwas, das Zeit braucht, Reibung, Zweifel. Stattdessen höre ich Sätze wie: „Am Ende zählt doch nur das Ergebnis.“ Aber nein. Genau das war nie der Punkt. Wer schreibt, der steckt sein ganzes Herzblut dort rein. In jedes Wort, in jeden Satz, in jedes Zeichen und in jede Pointe. Geschichten leben vom Erlebten. Von mir als Person. Denn das ist es doch, was Leser:innen wollen: Echte Texte, von echten Menschen. Keinen KI-Ghostwriting-Müll aus der Prompt-Fabrik. Texte schreiben ist viel mehr als eine Aneinanderreihung von Worten, die den richtigen Ton treffen. Dass jemand hinsieht, abwägt, sich irrt, korrigiert. Dass jemand spürt, wo es weh tut, wo es kompliziert wird. Dass jemand Verantwortung übernimmt für Worte, statt sie nur zu optimieren. Das ist Journalismus. Jetzt soll all das plötzlich egal sein? Oder schlimmer: simuliert werden? Ich sitze vor Texten, die „funktionieren“, und denke: Wenn das reicht – wozu dann ich? Wozu meine Zweifel, meine Gedanken, mein Anspruch? Wozu all die Jahre, in denen ich geglaubt habe, Journalismus sei mehr als Contentproduktion?

    Vielleicht hätte ich auf Mama, Papa und Oma hören sollen

    Vielleicht war ich einfach zu naiv. Vielleicht habe ich den falschen Weg gewählt, weil ich an etwas geglaubt habe, das nie stabil genug war, um in einer Welt der Automatisierung zu bestehen. Und jetzt zahle ich die Quittung dafür, wie viele andere auch: Hättest du etwas Solideres machen sollen? Etwas, das sich nicht so leicht ersetzen lässt? Dann wäre ich jetzt bestimmt glücklicher… Vielleicht hätte ich auf Mama, Papa und Oma hören sollen. Krankenschwester, Anwältin, Büroangestellte oder Verkäuferin werden sollen. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Eigentlich bin ich mir trotz all dieser Zweifel ziemlich sicher, dass dieser Weg der richtige war. Damals, mit 12, als ich mir von meinem Taschengeld die erste Vogue gekauft habe. Ich wollte schreiben. schon immer. Unbedingt. Und immer noch. Ich habe meinen Traum zum Beruf gemacht: Abitur, Studium (abgebrochen), vom Hörsaal direkt in die Redaktion. Schreiben, schreiben, schreiben. Einen Großteil davon soll nun die KI übernehmen. Ich sträube mich. Mit jeder Pore meines Körpers. Meine Kopf und meine Finger wollen nicht. Denn das, was hier passiert, fühlt sich nicht (mehr) richtig an.

    Wie geht man damit um, wenn der eigene Beruf nicht nur verschwindet, sondern (viel schlimmer noch) entwertet wird? Wenn das, was einen einmal definiert hat, plötzlich als ineffizient, zu langsam, zu emotional gilt? Das betrifft übrigens nicht nur mich. Auch Fotograf:innen, Illustrator:innen, Video-Producer:innen. Sogar Content Creator:innen sind davon nicht ausgenommen. Lassen sich mithilfe der KI doch längst Avatare erstellen, die kaum noch von einem realen Menschen zu unterscheiden sind. Perfekt zugeschnitten auf die Audience. Auf das, was zieht. Optisch und in inhaltlich.

    Es verschwindet ein Raum für Kritik, Meinung und Persönlichkeit

    Ich will mich nicht neu erfinden müssen, nur um relevant zu bleiben. Ich will nicht so tun, als wäre ich begeistert davon, dass Maschinen das übernehmen, was für mich Sinn war. Und ich bin müde von der Erwartung, diese Entwicklung bitte klug, neugierig, angst- und (vor allem) wutfrei zu begleiten. Vielleicht ist das hier keine Analyse, sondern ein Trotztext. Ein Versuch, mir selbst zu beweisen, dass ich noch da bin. Dass ich noch schreiben kann. Dass das Schreiben immer noch etwas mit mir macht – auch wenn es sich anfühlt, als würde die Welt gerade entscheiden, dass sie mich nicht mehr braucht. Und vielleicht ist genau das das Ehrlichste, was ich gerade kann: zu sagen, dass ich mich falsch fühle. Nicht falsch im Denken. Sondern falsch platziert. In einem Beruf, der sich einmal wie der richtige angefühlt hat – und jetzt wie ein Raum, in dem ich langsam leiser werde. In dem keine Tastatur mehr klappert, sondern nur noch das Surren des Laptops die gespenstische Stille erfüllt.

    Journalismus war für immer auch ein Stück weit Identität. Haltung. Der Versuch, die Welt ein klein wenig verständlicher zu machen – für andere und für mich selbst. Denn was weiß eine KI schon davon, wie es ist, Verantwortung für Worte zu tragen, wenn sie nur mit vorgegebenem und sortiertem Wissen gefüttert wird? Wenn dieser Versuch nun automatisierbar erscheint, bleibt nicht einfach eine Lücke zurück. Es verschwindet ein Raum, in dem Kritik, Meinung und auch Persönlichkeit entstehen konnten.

    In 20 Jahren ist die Welt eine andere. Diesen Satz hätten wir vielleicht noch 2011 gesagt. Heute sieht es anders aus. Da kann die Welt schon innerhalb eines Jahres eine völlig andere sein. Was sie für uns Journalisten bringen wird? Das weiß ich nicht. In 20, 30 oder 40 Jahren? Wer weiß das schon. Ich hoffe jedoch, dass unsere Worte auch dann noch Bestand haben und wir sie nicht verloren haben. Dass wir uns noch an all die vielen Schriftsteller:innen, Autor:innen und Journalist:innen erinnern werden, die die Welt mit ihren Worten geprägt haben. Und nicht an die Worte von ChatGPT.


  • Wer mit 56 wie 26 aussieht, schuldet uns Ehrlichkeit

    Ich scrolle durch Videos einer Frau, die deutlich älter ist als ich und doch aussieht, als hätte sie den Körper und das Gesicht einer sehr viel Jüngeren. Glatte Haut. Definierte Arme. Disziplin bis in die letzte Pore. Eine halbe Million Menschen schauen ihr dabei zu. Die Erklärung folgt zuverlässig: viel Schlaf, viel Wasser, Sport, bewusste Ernährung. Keine großen Geheimnisse. Eigentlich ganz einfach. Wirklich?

    Die Frau, von der hier die Rede ist, gehört zu einer neuen Sorte von „Vorbildern“ auf Instagram. Ich setze das Wort „Vorbild“ an dieser Stelle bewusst in Anführungszeichen, weil ein Vorbild für mich mehr mitbringen sollte als einen clicky Insta-Hook. Diese Frauen schmücken sich mit Schlagwörtern wie „authentisch“, „ehrlich“ und „ganz natürlich“. Sie schlafen viel, trinken Wasser, schwören auf natürliches Botox, essen clean und sehen dadurch mit Mitte 50 angeblich aus wie Mitte 20. Wenn das stimmen würde, was diese Frauen uns verkaufen wollen, müssten Schlaf und Bananenschalen gegen Falten inzwischen ein erfolgreicheres Anti-Aging-Mittel sein als jede Schönheitsklinik zwischen Hamburg und München. Tja. Ehrlichkeit verkauft sich eben einfach nicht so gut wie eine gut inszenierte Lüge.

    Altern als Frage der Haltung

    Über eine riesige Followerschaft hinweg wird die Idee verkauft, Altern sei im Grunde eine Frage von Disziplin. Wer es richtig macht, bleibt glatt, straff, faltenfrei. Wer es nicht schafft – na ja, offenbar selbst schuld. Das Problem daran ist nicht, dass eine Frau mit 56 gut aussehen und attraktiv bleiben will. Das Problem ist die Erzählung dahinter. Dieses hartnäckige Märchen vom „Alles ganz natürlich“. Ein Satz, der mich schwer an die frühen 2000er erinnert. Als Models uns noch erzählen wollten, dass sie ihren Body und ihren Teint dem Trinken von Wasser und ihren Genen zu verdanken haben.

    Es ist eine der erfolgreichsten Erzählungen unserer Gegenwart: Altern sei keine biologische Tatsache mehr, sondern eine Frage der Haltung. Wer ausreichend schläft, sich diszipliniert ernährt und regelmäßig Sport treibt, könne dem Lauf der Zeit nicht nur trotzen, sondern ihn gewissermaßen umkehren. In den sozialen Netzwerken wird diese Idee millionenfach verbreitet. Besonders wirksam ist sie dort, wo sie von Frauen jenseits der fünfzig verkörpert wird, die aussehen, als hätten sie die Zeit nicht nur angehalten, sondern übersprungen. Die Botschaft lautet: Seht her, es ist möglich, ich bin der lebende Beweis! Das ist natürlich völliger Blödsinn. Und das wissen diese neuen „Vorbilder“ ganz genau.

    Ich sehe so aus, weil ich es mir leisten kann“ verkauft sich einfach schlechter

    Was bei diesem ganzen Jugendwahn konsequent ausgeblendet wird? Geld. Viel Geld. Und das, was man sich mit Geld eben so alles kaufen kann, um so auszusehen: Treatments, Eingriffe, Arztbesuche, Personal Trainer, kosmetische Dauerbetreuung, Produkte. Dinge, über die nicht gesprochen wird, weil sie nicht ins Narrativ passen. Denn „Ich sehe so aus, weil ich es mir leisten kann“ verkauft sich einfach schlechter als „Dieses Make-up lässt mich rückwärts altern“, „Natural Botox“ oder „Meinen straffen Teint habe ich Bananenschalen zu verdanken“. Spoiler: Nein. Diese Dinge machen das ganz sicher nicht. Sonst wären die Dermatolog:innen und Schönheitschirurg:innen in Deutschland ganz schön arm, oder?

    Und dann wäre da noch das Thema Essen, bei dem ich fast einen Schreikrampf bekomme. Wenn Hüttenkäse mit Proteinpulver und ein paar Möhrchen als „Meal“ inszeniert wird, dann ist das kein gesunder Lifestyle, sondern eine sehr dünne – im wahrsten Sinne – Vorstellung davon. Vor allem für (junge) Frauen, die zusehen und denken: Ah, so sieht Kontrolle aus. So sieht Erfolg aus. So sieht Disziplin aus. Wenn ich das tue, dann kann auch so aussehen. Nein, auch das stimmt nicht. Es sieht nach krampfhaftem Verzicht aus. Nach Druck. Nach einem Körperbild, das mit „Balance“ ungefähr so viel zu tun hat wie Insta-Filter mit der Wirklichkeit. Uns wird genau das aber als normal verkauft. Und glaub mir: Das ist es nicht. Wenn du mit über 50 mehr auf deinen Körperfettanteil achtest als auf deine wahre Gesundheit und damit dann auch noch in den sozialen Medien prahlst, dass dein sichtlich untergewichtiger Körper quasi keine Fettpölsterchen an Bauch, Beinen & Co. hat, dann hast du ein wirklich ernsthaftes Problem. Und das lässt sich bestimmt nicht in irgendeiner fancy Praxis weglasern oder wegspritzen. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Ich weiß, wie eine Essstörung aussieht. Ich habe bereits seit meiner Jugend damit zu kämpfen.

    Gefährlich wird es dort, wo Realität geleugnet wird

    Was mir persönlich noch größere Sorgen bereitet ist dieser ständige Vergleich. 50‑plus wird an 26 gemessen – ein Maßstab, der weder biologisch noch logisch Sinn ergibt. Keine 65-Jährige sieht aus wie 26. Keine 65-Jährige wird je eine 26-Jährige sein. Nicht Optisch, nicht körperlich nicht mental und nicht psychisch. Egal, was sie dafür tut. Du siehst vielleicht etwas besser aus als der Durchschnitt. Herzlichen Glückwunsch. Die Realität lässt sich trotzdem nicht austricksen. Biologie ist kein Mindset. Altern ist kein persönliches Versagen. Und wer unbegrenzte Mittel in Optimierung steckt, sollte vielleicht nicht so tun, als hätte er gerade das Geheimnis des Lebens oder der Jugend entschlüsselt. Und genau dieser Vergleich, der permanent zwischen 56‑sein und 26‑aussehen‑wollen angesetzt wird, ist nicht inspirierend, er ist hochgradig toxisch. Es spielt keine Rolle, wie elegant man es „Balance“ oder „Bewusstsein“ nennt: Am Ende entsteht die Illusion, dass Alter nur eine Frage von Willenskraft sei. Dieses Narrativ reduziert ein ganzes Leben auf ein Schönheitsideal, das weniger mit Erfahrung, Kraft oder Persönlichkeit zu tun hat und mehr mit einem katalogisierten Körperstandard, bei dem junge Körper als universeller Maßstab gelten. Und alles, was davon abweicht, automatisch falsch, unzureichend oder zu alt und damit nicht begehrenswert erscheinen lässt. Age beautiful sieht für mich jedenfalls anders aus.

    Was in dieser Debatte oft unterschlagen wird, ist der ökonomische Aspekt. Jugend ist heute kein Zufall mehr, sondern ein Markt. Wer über entsprechende Ressourcen verfügt, kann sie verlängern, glätten, modellieren. Das ist kein Geheimnis und auch kein Skandal. Skandalös wird es erst dort, wo diese Realität geleugnet wird. Oder, um es einmal auf den Punkt zu bringen: Wenn ich mir OPs, Laser, Skinbooster, Shots, Trainer und tägliche Treatments leisten könnte – ja, Überraschung! – würde man mir mein Alter vermutlich auch weniger ansehen. Kris Jenner weiß, wovon ich spreche. Hast du dich schon mal gefragt, warum diese Frau mit 70 (!) aussieht, wie sie aussieht? Nun, Cremes, Seren, LSF und Wasser werden dafür wohl kaum gesorgt haben, sondern vielmehr erfahrene Hände, Tools und Treatments. Von innen und von außen.

    56 ist nicht 26!

    Neidisch bin ich übrigens nicht, auch wenn das sicherlich einige beim Lesen dieses Textes behaupten werden. Es ist die moralische Überhöhung, die mich stört. Dieses unterschwellige: Ich bin so, weil ich alles richtig mache. Und du bist nicht so, weil du es eben nicht genug willst. Doch. Oder um es mit den Worten der meisten Menschen zu sagen: Es fehlt mir nicht an Willenskraft, nicht an Wissen und ganz sicher nicht an Disziplin. Es fehlt mir an finanziellen Mitteln, um mir all das leisten zu können, was du dir – und deinen 500.000 Follower:innen – als vollkommen natürlich verkaufst. Wer sich Optimierung in diesem Ausmaß leisten kann, sollte vielleicht weniger über Haltung sprechen und mehr über Voraussetzungen. Denn Moral lässt sich leicht predigen, wenn man sie sich kaufen kann. Was diese „Vorbild“-Frauen letztlich antreibt, kann ich nicht genau beantworten. Geht es um Anerkennung, um die permanente Bestätigung eines Publikums, das den eigenen Wert in Likes und Kommentaren misst? Um das Überspielen einer tief sitzenden Unsicherheit, die selbst mit perfekter Haut nicht verschwindet? Oder ist es schlicht die Aussicht auf Ruhm, Geld und Einfluss – auf ein Geschäftsmodell, das eine hollywoodreife Illusion verkauft? Vielleicht ist es von allem ein bisschen. Sicher ist nur: 56 ist nicht 26. Wer diesen Unterschied ständig weginszeniert, verkauft keine Inspiration, sondern eine Lüge – und nennt sie Disziplin.

    Altern ist kein persönliches Versagen

    Nicht nur die „Vorbilder“ selbst, auch Brands tragen übrigens eine große Verantwortung. Indem sie Menschen mit Millionen von Follower:innen eine Bühne geben, verkaufen sie nicht nur Produkte, sie verkaufen vor allem Bilder von scheinbarer Jugendlichkeit und makelloser Schönheit, die für die meisten unerreichbar sind. Nicht nur aus finanzieller, sonder vor allem aus realer Sicht. Die Konsequenz? Selbstzweifel, Essstörungen, ein verzerrtes Körperbild. Systematisch gefüttert von Algorithmen, die Perfektion und vermeintlich ewige Jugend belohnen, nicht aber Realität. Likes und Reichweite bestätigen einen Mythos, der suggeriert, jugendlich auszusehen und Erfolg zu haben sei allein eine Frage von Disziplin. Oder der richtigen Produkte. Während die finanziellen, körperlichen und technischen Voraussetzungen, die diese „Perfektion“ überhaupt erst möglich machen, verschwiegen werden.

    Ich wünsche mir weniger Erklärungen darüber, wie man jung bleibt. Und mehr Ehrlichkeit darüber, was es kostet – und zwar körperlich, mental und finanziell. Mehr Transparenz über den Preis, den Optimierung fordert und über die Illusion, sie sei für alle gleichermaßen erreichbar. Vor allem aber wünsche ich mir mehr Gelassenheit. Die Erkenntnis, dass Altern kein persönliches Versagen ist und Jugend kein moralischer Verdienst. Falten sind kein Charaktermangel und ein weicher oder fülligerer Körper ist kein Zeichen von Schwäche. Meine persönliche Produktempfehlung an diese sogenannten ü50 „Vorbild“-Frauen? Ehrlichkeit. Die wäre bei diesem ganzen Age-Brainwashing-Zirkus definitiv das wirksamste Produkt von allen. Dumm nur, dass es dafür weder einen Affiliate-Link noch einen 15 %-Rabattcode gibt.

  • Die Epstein Files als Beleg für käufliche Straflosigkeit

    In den vergangenen Monaten habe ich nichts so intensiv verfolgt wie die Epstein Files. Kein Buch, keine Serie, keinen neuen Film. Währenddessen ist mir vor allem eines klar geworden: Unser System ist krank. Sehr krank. Und, dass ich dringend mal etwas loswerden muss.

    Die Veröffentlichung der Epstein Files hat eine vertraute Reaktion ausgelöst: Aufmerksamkeit, Diskussion, Empörung. Und dann das, was in der digitalen Öffentlichkeit fast immer folgt: Müdigkeit. Die nächste Nachricht wartet bereits. Dabei wäre Wut angebracht. Nicht Neugier, nicht sensationsgetriebene Aufmerksamkeit, nicht das fast spielerische Durchforsten tausender Seiten nach bekannten Namen. Sondern Wut. Richtige Wut. Damit meine ich übrigens nicht die klassische Form von Wut. Ich meine Wut, die etwas in Bewegung setzt. Und zwar nicht nur den Finger auf dem Screen unseres Smartphones, um das nächste #epsteinfiles-Reel, den nächsten Post oder die nächste Story abzusetzen.

    Jeffrey Epstein war nicht allein

    Was die Epstein Files sichtbar machen? Es handelt sich nicht um einen singulären Skandal und erst recht nicht um das isolierte Verbrechen eines einzelnen Mannes. Es ist ein Muster. Systemische sexuelle Gewalt in ihrer schlimmsten Form. Ermöglicht und geschützt durch Geld, Macht und institutionelles Schweigen. Über Jahre. Über Jahrzehnte. Wie lange genau? Das möchte ich ehrlicherweise gar nicht so genau wissen. Und Sie bestimmt auch nicht. Es würde ohnehin nichts ändern. Es würde die Krankheit und Perfidität unseres Systems nur noch deutlicher machen.

    Was mich persönlich besonders ohnmächtig macht: Jeffrey Epstein war nicht allein. Und er handelte nicht im luftleeren Raum. Er hatte Zugang und Schutz. Vor allem aber hatte er Netzwerke. Und selbst nach seinem Tod lebt dieses dunkle System weiter. Ein System, dessen Spielchen wir noch nicht einmal ansatzweise durchschaut und verstanden haben: in geschwärzten Akten, in juristischen Verzögerungen, in der auffälligen Abwesenheit echter Konsequenzen. Ghislaine Maxwell verbüßt seit 2022 eine 20-jährige Freiheitsstrafe. Eine Frau. Das soll ihren Anteil am Epstein-Skandal selbstverständlich nicht relativieren. Aber was ist mit all den Männern, die immer noch frei und ohne Konsequenzen da draußen herumlaufen? Donald Trump, Bill Gates, George Bush, Bill Clinton? Dass ausgerechnet diese Abwesenheit von Konsequenzen inzwischen kaum noch überrascht, ist vielleicht der beunruhigendste Punkt.

    Die Epstein Files zeigen, wie optional Konsequenzen geworden sind

    Wer die Epstein Files liest, stößt nicht auf eine unerklärliche Ausnahme, sondern auf eine bekannte Logik der Macht. Wohlhabende, einflussreiche Männer nutzen ihre Ressourcen, ihre Kontakte und ihre gesellschaftliche Stellung, um Gewalt auszuüben – und um vor ihr geschützt zu werden. Nicht trotz des Systems, sondern durch es. Die Konsequenzen für dieses perfide Handeln? Liegen eigentlich auf der Hand. Eigentlich. In der öffentlichen Debatte richtet sich der Blick dennoch häufig in die falsche Richtung. Es wird gefragt, wie Epstein so lange „davonkommen“ konnte. Warum so viele Männer, die mit ihm in Verbindung standen, weiterhin Positionen innehaben, die ihnen eigentlich längst hätten entzogen werden müssen. Die Antwort ist unangenehm einfach: weil sie es konnten. Und: weil sie es immer noch können. Weil wir in einem System leben, das Verantwortung verschiebbar macht und Schuld verwaltet, statt sie zu ahnden. Was mir in den Monaten der Veröffentlichung ebenfalls aufgefallen ist: Statt der Männer sind es häufig Frauen wie Virginia Roberts Giuffre, die öffentlich gedemütigt, kritisiert und geghostet werden: „Warum behauptet sie das?“ – „Was bildet sie sich ein?“ – „Was denkt sie, wer sie ist?“ – „Als ob jemand mit so viel Geld sich mit so einer Frau abgeben würde.“ Ich möchte und kann mir gar nicht ausmalen, wie sich Virginia Roberts Giuffre und die vielen anderen Epstein-Opfer gefühlt haben müssen.

    Aber wie funktioniert dieses System eigentlich? Das werden wir vermutlich nie erfahren. Wer den Kopf jedoch für einen Moment vom Smartphone wegbewegt, wird feststellen: Es braucht dafür gar nicht viel, außer vielleicht Menschenverstand und etwas Logik. Es arbeitet leise, nicht hörbar. Es versteckt Opfer hinter juristischen Formulierungen und Geheimhaltungsvereinbarungen. Es verwandelt Gewalt in „Kontroversen“ und strukturelles Versagen in bedauerliche Einzelfälle. Oder, um es kurz zu machen und auf den Punkt zu bringen: Eine Hand wäscht die andere. Wenn ich untergehe, gehst auch du unter. Und es verlässt sich darauf, dass öffentliche Aufmerksamkeit kurzlebig ist – dass Empörung verpufft, bevor sie gefährlich wird. Heute Epstein Files, morgen ein neuer Skandal: Putin, China, Dritter Weltkrieg, Iran – oder eine neue Pandemie. Vielleicht erklärt das auch die seltsame Gefühlslage, die viele beim Lesen der Epstein Files beschreiben. Keine echte Überraschung, eher eine resignierte Bestätigung. Man liest, nickt, denkt: So funktioniert Macht. Systemische Gewalt schockt nicht, sie wird erwartet.

    Haben wir verlernt, wütend zu sein?

    Die Welt ist nicht wütend genug. Warum? Weil sie gelernt hat, Information mit Handlung zu verwechseln. Wer liest, glaubt, informiert zu sein. Wer teilt, glaubt, Stellung bezogen zu haben. Doch Wissen allein erzeugt keine Verantwortung. Und Transparenz ohne Konsequenzen ist kein Fortschritt, sondern eine Beruhigungsstrategie. Was fehlt, ist nicht Material. Es fehlt die Bereitschaft, aus Erkenntnis Forderungen abzuleiten. Nicht nur nach Aufklärung, sondern nach struktureller Veränderung. Nach echter Rechenschaft. Nach einem System, in dem Reichtum, Einfluss und Bekanntheit nicht darüber entscheiden, ob Konsequenzen greifen – oder optional werden.

    Die Epstein Files dokumentieren nicht nur vergangene Verbrechen. Sie dokumentieren eine Gegenwart, in der diese Verbrechen sichtbar, benannt und dennoch folgenlos bleiben. Und sie stellen eine unbequeme Frage: Was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn selbst das Wissen um systemische Gewalt keine Wut mehr erzeugt – und ab welchem Punkt macht uns genau diese Gleichgültigkeit selbst mitschuldig?