• Lauren Sánchez in Paris: Warum dieser Auftritt mehr über Geld als über Stil erzählt

    Prominenz und Couture treffen in Paris regelmäßig aufeinander. Doch nicht jeder Auftritt wird dadurch automatisch zu einem Statement, an das man sich gerne erinnert. Lauren Sánchez’ Dior-Kostüm ist so ein Beispiel: ein hübsches Zitat ohne eigene Stimme – sichtbar und perfekt fotografiert, aber bemerkenswert unbedeutend in seiner Aussage.

    Was John Galliano wohl durch den Kopf ging, als er Lauren Sánchez in einem von ihm entworfenen Vintage-Minikleid aus dem Jahr 1995 erblickte? Das wird vermutlich für immer ein Geheimnis bleiben. Fakt ist: Wenn man von der Trägerin einmal absieht, hat der Look eigentlich alles, was man sich von einem großen Auftritt während der Pariser Modewoche verspricht: Geschichte, Handwerk, das Besondere eben. Wir reden hier schließlich von Dior – und von Galliano. Schade nur, wenn die Theorie aufregender klingt als die Realität.

    „Dior“ oder „Archiv“ genügen, um Bedeutung, Zugehörigkeit und Stil vorzutäuschen, könnte man meinen. In gewissen Kreisen mag dieser Gedanke auch aufgehen. Aber eben nicht in Paris. Und nein, auch dann nicht, wenn man den 4. reichsten Mann der Welt geheiratet hat. Und genau das ist das Problem. Trotz geschichtsträchtiger Vergangenheit, Schneiderkunst und großer Namen wirkte der Look bei Lauren Sánchez eher wie ein Amazon-Haul. Nicht Ausdruck von Stil, sondern ein Signal: Zugehörigkeit zur richtigen Sphäre, Nähe zur richtigen Marke, Präsenz am richtigen Ort. Kleidung zur Bestätigung von Status, nicht zur Formulierung eines eigenen Gedankens. Frei nach dem Motto: Ich habe, also bin ich. Mehr aber auch nicht.

    Lauren Sánchez ist nicht die Erste, die diesem Prinzip folgt. Kim Kardashian im Marilyn-Monroe-Kleid bei der Met Gala ist ein Paradebeispiel: Ikonisches Kleid, enorme Aufmerksamkeit, aber ein Auftritt, der mehr über Zugang als über Stilbewusstsein erzählt. Geschichte wurde nicht interpretiert, sondern getragen. Das Kleid fungierte vielmehr als Reliquie, nicht aber als Ausdruck individueller Haltung.

    Stil ist kein Besitzstand, kein Objekt, das man erwerben kann. So wie einen Bentley, eine Luxusvilla oder eine Yacht mit Pool und Hubschrauberlandeplatz. Geld verschafft zwar Nähe, Sichtbarkeit und Zugang, aber keine echte Intimität. Stil entsteht aus Instinkt, aus Kontext, aus dem Mut, Entscheidungen zu treffen. Nicht, weil man Milliarden auf dem Konto hat.

    So wird der Auftritt von Lauren Sánchez zu einem stillen Lehrstück über zeitgenössische Promi-Mode: sichtbar, privilegiert, aber ohne innere, eigene Haltung. Ein Look, der alles hat – außer Stil(gefühl). Ein Look der zeigt, dass selbst Couture bedeutungslos wird, wenn sie nur getragen und nicht verstanden wird.

    Am Ende bleibt kein Skandal, kein Fauxpas, kein modisches Desaster. Nur etwas vielleicht noch Unangenehmeres: Belanglosigkeit. Und das ist – gerade in Paris – die härteste Kritik von allen.

  • Warum Carrie Bradshaw eigentlich immer das Problem war

    Es gab eine Zeit, da wollte ich unbedingt so sein wie Carrie Bradshaw. Oder zumindest so leben wie sie: schreiben, rauchen, lieben, scheitern – und dabei aussehen, als wäre alles Teil eines größeren ästhetischen Plans. Carrie war mehr als eine Serienfigur, sie war ein Lebensgefühl. Sehe ich mir die Serie heute an, bleibt von der einstigen Verehrung nur noch Irritation übrig. Carrie Bradshaw funktioniert für mich nicht mehr. Sie verkörpert für mich etwas, das ich heute, mit 34 Jahren, sehr viel genauer benennen kann: emotionale Toxizität, verpackt in Tüll, Manolos und Wortwitz.

    Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Carrie eine Frau, die sich permanent selbst sabotiert und das als romantisches Schicksal verkauft. Ihre größte Liebe? Ein Mann, der sie ghostet, zurückholt, kleinmacht, wieder verschwindet und am Ende doch als große Seelenverbindung verklärt wird. Mr. Big ist kein tragischer Held, er ist ein Lehrbuchbeispiel für vermeidbaren Stress. Und Carrie? Bleibt. Immer wieder. Weil „es sich richtig anfühlt“. Spoiler: Das tat es nie.

    Glamour? Wohl eher ein Warnsignal

    Was früher wie große Liebe aussah, wirkt heute wie emotionale Abhängigkeit. Carrie analysiert ihr Innenleben unentwegt, aber nie mit dem Ziel, etwas zu verändern – stattdessen wird das Drama ästhetisiert und immer weiter aufgebauscht. Hübsch verpackt in einer Kolumne. Was diesen Punkt angeht, frage ich mich übrigens bis heute: Wie konnte sie damit überhaupt ihren Lifestyle, die vielen Dior-Stücke und Manolos finanzieren? Die Manolos. Ach, diese Manolos… Einen besseren Schuh konnte man sich für Carrie kaum ausdenken, finde ich. Irgendwie stehen sie doch sinnbildlich für ihre Lebensführung: teuer, instabil, schmerzhaft.

    Was Carrie besonders toxisch macht, ist jedoch etwas Subtileres: Sie romantisiert Dysfunktion. Sie verkauft Chaos als Tiefe, Unsicherheit als Leidenschaft, emotionale Unerreichbarkeit als Mysterium. Das ist gefährlich, weil es Generationen von Zuschauerinnen (inklusive mir) beigebracht hat, dass Liebe weh tun müsse, um echt zu sein. Dass Ruhe langweilig sei. Dass man sich selbst verlieren müsse, um etwas zu fühlen. Heute weiß ich: Girl – run, before it’s too late. 2026 leben wir (zum Glück!) in einer Zeit, in der wir Begriffe haben für das, was Carrie tut: Gaslighting (auch sich selbst gegenüber), People Pleasing, Bindungsangst, Co-Abhängigkeit. Heute weiß ich: Wenn man sich nach jedem Date weinend bei seinen Freundinnen auskotzt, ist das kein Glamour, sondern ein Warnsignal.

    Was mit Anfang 20 noch cool wirkt, lässt mich heute nur noch den Kopf schütteln

    Das heißt nicht, dass Carrie „schlecht geschrieben“ ist. Im Gegenteil: Ich mag ihren Witz, und modisch inspiriert sie mich bis heute. Aber: Carrie Bradshaw ist längst kein Vorbild mehr, sondern Teil eines Narrativs, das schlecht gealtert ist. Ein Zeitdokument aus einer Ära, in der weibliches Leiden noch als sexy galt, solange es gut angezogen war. Vielleicht liegt die größte Entzauberung darin, dass Carrie nie wirklich erwachsen wird. Was mit Anfang 20 noch cool wirkt, lässt mich heute nur noch den Kopf schütteln. Über die Staffeln hinweg bleibt ihr Umgang mit Beziehungen nahezu unverändert. Sie analysiert, kommentiert, deutet – doch sie entscheidet selten. Carrie lebt von Variation, nicht von Veränderung. So entsteht kein Bogen, sondern ein langweiliger Kreislauf. Was sich ändert, ist der Schuh – nicht aber die Richtung.

    Dankbar bin ich Carrie trotzdem. Für ihren Witz, ihre Loyalität gegenüber ihren Freundinnen und ihren modischen Mut. Letzteren hätte ich mir aus heutiger Sicht auch abseits ihrer Garderobe gewünscht – nicht nur in Form von Cowboyhut zum Bandeautop oder Herrenhemd zu High Heels. 2026 wünsche ich mir andere Heldinnen. Solche, die nicht bleiben, nur weil sie hoffen. Die Liebe nicht mit Selbstverlust verwechseln und Fehler nicht nur bei anderen, sondern auch bei sich selbst suchen. Die lernen, dass Stärke nicht darin liegt, zu verharren, sondern darin, die eigenen Schritte zu wählen und ihnen zu folgen. Ob man auf diesem Weg nun Manolos trägt oder eben nicht.

  • Nicht alle Frauen sind geborene Mütter

    „Irgendwann werde ich Kinder haben“, sagte meine Jugendfreundin J. mit 14 mal zu mir. Da saßen wir gerade auf der Schaukel auf unserem Lieblingsspielplatz, teilten uns eine gemischte Tüte von Kiosk und lauschten der neuen Bravo Hits 2003. Ich war überrascht über ihren Satz. Ich hatte bis dato nur Pferde und Bücher im Kopf, dachte mir aber: Das wird sich schon irgendwann ändern. Mamas sind Frauen und Frauen sind Mamas. Das war damals einfach so. Tat es aber nicht. Auch nicht mit 31. Auch nicht jetzt, während ich diesen Text tippe.

    Ich habe einen Job, einen Mann, zwei Katzen und lebe auf einem wunderschönen Resthof. Ich habe alles, was ich jemals wollte. Wenn ich den Stimmen um mich herum lausche, scheint das aber nicht genug zu sein. Etwas fehlt. Etwas ganz Entscheidendes.

    Bin ich normal? Und wenn nicht: Wann würde ich normal werden?

    „Wo bleibt das Kind?“, „Du hast aber einen gesunden Appetit. Isst du jetzt für Zwei?“ oder „Und, seid ihr schon schwanger?“ waren nur ein paar der Sätze, die mir im Gedächtnis geblieben sind – und die ich am liebsten ganz schnell wieder vergessen hätte. Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen und selbst Fremde schienen sich mehr für meinen Uterus zu interessieren, als ich selbst. Aus dem Fragen-Knäuel meiner Mitmenschen spann’ ich mir mit Anfang 20 eine ganz eigene Frage, die mich bis in meine frühen Dreißiger verfolgen sollte: Bin ich normal? Und wenn nicht: Wann würde ich normal werden? Eine gute Bekannte und Mutter eines kleinen Sohnes meinte mal zu mir, „Du spürst, wenn du ein Kind willst.“ Ich versuchte, in mich hineinzuhorchen. Es blieb stumm. Stumm in meinem Uterus, stumm in meinem Kopf und stumm in meinem Herzen.

    Die Stummheit machte mir Angst. War etwas kaputt in mir? Meine Suche nach Gleichgesinnten blieb vergeblich. Überall um mich herum schossen die Babys wie Frühlings-Krokusse aus dem Boden. Vielleicht musste ich einfach mehr auf diesem Boden umherwandern, um mich mit dem Babyfieber zu infizieren? Ich nahm Babys auf den Arm, ließ mich ansabbern, verkleidete mich von Kopf bis Fuß und las ein Kinderbuch nach dem anderen vor. Die Stummheit wurde zu einer Art Taubheit, die ich mir nicht erklären konnte. Bis mir Sheila Heti die Augen öffnete.

    (K)eine Laune der Natur

    An einem Januarmorgen im Jahr 2018 ging ich wie jeden Monat meinen Stapel mit druckfrischen Rezensionsexemplaren durch, um geeignetes Material für eine geplante Buchvorstellung zu finden. Als ich „Mutterschaft“ von Sheti im Stapel entdeckte, pausierte ich kurz. Da war es wieder. Dieses Wort, zu dem ich nicht fähig war. Mutter. Mutterschaft. Ich legte das Buch ganz nach unten in den Stapel. Nur um es am Abend wieder hervorzuholen und darin zu lesen. Meine anfängliche Skepsis wurde ziemlich schnell von einer „Ja, ja, ja!!“-Walze plattgemacht. Ich fühlte mich zum ersten Mal verstanden, gesehen, gehört und normal. Normaler als normal. Denn: Was für andere selbstverständlich ist, muss für uns noch lange nicht die Norm sein. Oder Teil des eigenen Lebens werden.

    Ein Kind könnte mich gar nicht aushalten – und umgekehrt

    Nach dem Lesen schien die verschollene Stimme in mir so stark wie nie zuvor. Ich wusste plötzlich, wer und was ich nicht war: Mutter. Ich liebe es, morgens ewig lange im Bett herumzublödeln, mir einen Kaffee zu kochen und in guten Magazinen und Büchern zu stöbern. Ich muss die Gewissheit haben, dass ich jederzeit spontan meine Sachen packen kann, um mit meinem Mann auf unsere Lieblingsinsel Ibiza zu fliegen. Ich bin unausstehlich, wenn ich vom Leben in den Schwitzkasten genommen werde und müsste mit meiner dramatischen Persönlichkeit eigentlich längst einen Oscar gewonnen haben. Fakt ist: Ein Kind könnte mich gar nicht aushalten – und umgekehrt. Das zu akzeptieren, war wie eine Erlösung für mich. Danke Sheila.

    Muttersein betrachte ich heute anders. Entspannter. Eine gute Mutter ist für mich nicht nur eine Frau, die sich dazu entschließt, die Welt mit einem Kind zu bereichern. Eine gute Mutter ist auch eine Frau, die sich bewusst gegen ein Kind entscheidet. Ganz egal, wie die Menschen um einen herum das finden.

    Dieser Artikel erschien zuerst auf fuersie.de

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